TA Gesundheit 2014: Deutschland als Burnout-Republik und was man dagegen tun kann

TA Gesundheit 2014: Deutschland als Burnout-Republik und was man dagegen tun kann

Erfurt. Diese Woche startete eine neue Serie, die sich einreiht in das große Projekt der Thüringer Allgemeinen - TA-Gesundheit 2014. Im Audimax der Fachhochschule Erfurt drehte sich mit Dr. Stefan Dammers (Chefarzt der Psychiatrie am Katholischen Krankenhaus Erfurt) alles um das Thema "Burnout-Republik Deutschland".

Am Dienstag fand in der Fachhochschule Erfurt ein Forum der Thüringer Allgemeine mit Dr. Stefan Dammers (Chefarzt der Psychiatrie am Katholischen Krankenhaus Erfurt) zum Thema Burnout statt. Etwa 50 Gäste waren gekommen.

Der stellvertretende Chefredakteur der "Thüringer Allgemeine", Thomas Bärsch, begrüßte die recht zahlreich erschienenen Leser sowie Dr. med. Jörg Pertschy, Leitender Chefarzt des Katholischen Krankenhauses Erfurt, und Prof. Dr. med. Dirk Eßer, Ärztlicher Direktor des Helios Klinikums Erfurt, als Partner des Projekts.

Ein Video von der Veranstaltung und den anschließenden Livechat stehen hier im Netz

Dr. Stefan Dammers, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Katholischen Krankenhaus führte zunächst per Vortrag in das Thema ein, stand anschließend unseren Lesern Rede und Antwort.

Wie kann man dem Burnout vorbeugen, was hilft?
Man muss die Selbstwahrnehmung lernen, sich selbst kontrollieren. Man muss lernen, seine Fähigkeiten einzuschätzen. Dazu gehört auch, auf eine vernünftigen Lebensweise zu achten. Das heißt: Essen mit wirklicher Pause, nicht so nebenbei. Man sollte den Dingen die Zeit einräumen, die sie benötigen. Dazu zählt ebenso, moderat Sport zu treiben, selbst wenn man keine Zeit hat.

Wenn ich die Arbeit nicht allein schaffe?
Wichtig ist der Aufbau einer kollegialen Unterstützergruppe, mit der man sich austauschen und wo man die Arbeit aufteilen kann. In einer Stress-Situation sachorientiert arbeiten, auch mit Menschen, die man vielleicht nicht leiden kann.

Ich habe zu viele Aufträge auf einmal. Wie gehe ich da vor?
Roosevelt hat einmal folgende Einteilung gemacht: Eilige und wichtige Aufgaben sollte man sofort und selbst erledigen, wichtige und nicht eilige kann man auf dem Schreibtisch ruhen lassen. Eilige, aber nicht wichtige Dinge sollte man andere machen lassen; nicht eilige und nicht wichtige Sachen sollte man in den Papierkorb werfen.

Ist Burnout eine typisches Problem für Deutschland, das immer mehr zunimmt ?
Ich kann nicht 100-prozentig sagen, ob es auch in anderen europäischen Ländern üblich ist. Tendenziell würde ich sagen: Ja. Aber nicht in der Intensität, die wir in Deutschland haben.

Ist Burnout zu einer Modediagnose geworden?
Man nutzt den Begriff schnell, weil es einfacher ist. Wenn jemand ein psychisches Problem hat, wird es schnell in einen Sammeltopf geworfen, der Burnout heißt. Wenn jemand zu uns kommt, wollen wir natürlich genauer wissen, was er hat. Es kann ja auch eine Depression sein, das ist eine Krankheit.

Manchmal hat man den Eindruck, dass es auch eine Art Statussymbol ist. Nach dem Motto: Ich bin wichtig, ich leiste etwas, ich habe Burnout.
Das würde ja in Richtung Trendy- oder Mainstream-Erkrankung gehen. Das gibt es, ist aber eher die Ausnahme. Wenn wir eine Therapie machen, können wir lediglich mit dem Patienten reden, was er ändern sollte. Es kann aber auch sein, es liegt nicht an ihm, sondern die objektiven Bedingungen stimmen nicht. Dass sie einfach unerträglich sind. Wenn von zehn Patienten fünf den selben Namen nennen, ist die Ursache klar.

Gehen Sie dann zu dem Chef und reden mit ihm?
Manche Patienten bitten uns sogar, das zu tun. Aber das machen wir natürlich nicht. Zum einen haben wir Schweigepflicht, zum anderen sind wir nicht missionarisch tätig.

Was kann ich als Arbeitgeber tun?
Am besten, sich im Vorfeld Gedanken machen, wie man Burnout vermeiden kann. Wichtig ist, dass es klare Strukturen gibt. Dass es klar ist, was richtig und falsch ist und es nicht ständig wechselt. Dass man sicher sein kann, auch morgen noch dort zu arbeiten, wo man gerade ist. Wichtig sind klare Ansagen.

Sind mehr Männer oder Frauen betroffen?
Bei psychischen Erkrankungen werden zwei Drittel Frauen und ein Drittel Männer behandelt. Das heißt aber nicht, dass Frauen häufiger erkranken, sie sind eher bereit, sich der Sache zu stellen.

Nach dem Vortrag und der Fragerunde gab es die Chance zum Chatten mit dem Mediziner.

Thesen aus dem Vortrag von Chefarzt Dr. Stefan Dammers

Der Begriff Burnout stammt aus der Fahrtechnik. Wenn man beim Motorradstart zu viel Gas gibt, die Reifen quietschen und der Gummi qualmt.
Herbert Freudenberger wendete als Erster den Begriff auf Menschen an. Er bezog den Zustand zunächst auf die Repressalien der Nazis gegen seine jüdischen Familie. Der deutsch-amerikanische Psychologe und Psychoanalytiker publizierte 1974 den ersten wissenschaftlichen Artikel zum Burnout-Syndrom.
Dammers definiert den Begriff als "nicht gelungene Anpassungen an die beruflichen Herausforderungen" oder in anderen Bereichen.
Häufig von Burnout betroffen sind Berufsgruppen und Ehrenamtliche, die andere Menschen betreuen. In dieser Phase wenden sich die Helfer dann sogar gegen ihre Schutzbefohlenen, wie zum Beispiel der Lehrer gegen den Schüler.
Ob das Ausgebranntsein eine Krankheit ist oder nicht, wird viel diskutiert.
Es gibt unterschiedliche Ansichten dazu. Offiziell ist es nicht als Krankheit im Gesundheitssystem festgeschrieben.
Hintergrund sind hauptsächlich wirtschaftliche Interessen, vor allem seitens der Krankenkassen.
Burnout ist beim Menschen gut behandelbar.
Es gibt Eigenschaften, die das Ausgebranntsein fördern: ständig unter innerer Anspannung stehen, Introversion, übertriebene Gewissenhaftigkeit und ständiges kontrolliert Fühlen.

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