Rosa Elefanten und Stimmen aus dem Jenseits?

Rosa Elefanten und Stimmen aus dem Jenseits?
Je früher man eine schizophrene Erkrankung erkennt, desto besser ist sie heilbar.

Schizophrene Erkrankungen bedeuten für die Betroffenen – trotz der inzwischen deutlich verbesserten Behandlungsmöglichkeiten – eine ganz erhebliche Einschränkung und Belastung in ihrem alltäglichen Leben, sagte Oberarzt Thomas Pauli am Kurs vom Montag im Schweizerischen Wil.

Thomas Pauli ist Oberarzt in der Akkutpsychiatrie der Psychiatrischen Klinik Wil und sprach über die Früherfassung der Psychose.

Menschen mit einer Schizophrenie haben weder eine gespaltene Persönlichkeit, noch sind sie gewalttätig oder gefährlich. Zudem kann die Krankheit geheilt werden, wenn man sie frühzeitig erkennt. Zu diesem Fazit kam Thomas Pauli, Oberarzt in der Akkutpsychiatrie der Psychiatrischen Klinik Wil am Montagabend vor rund 50 Interessierten. Mit einem geschichtlichen Abriss erklärte Pauli, dass bereits Emil Kraepelin im Jahr 1899 erkannt hatte, dass eine Psychose meist mit Anzeichen einer leichten oder schweren Depression beginnt. Später habe Eugen Bleuler den Begriff Schizophrenie mit den vier Grundsymptomen Assoziationslockerung, Affektstörung, Autismus und Ambivalenz geprägt. Dazu gehören auch Wahrnehmungsstörungen, inhaltliche Denkstörungen und katatone Störungen, bei welchen die Menschen in einer Stellung stunden-, wenn nicht tagelang verharren. Die Erkenntnisse von Bleuler gelten heute noch, erklärte Pauli. So schrieb Bleuler bereits 1911, dass es mit einer guten Anamnese gelinge, bereits vor Ausbruch der Krankheit, Änderungen im gewohnten Wesen zu finden.

Die Wahrscheinlichkeit zu erkranken ist klein
Die später Erkrankten werden empfindsamer und zurückgezogener, geben persönliche Beziehungen und Interessen auf, beschäftigen sich mit abstrakten Wissenschaften, die ihnen früher fernlagen und entwickeln verschrobene hypochondrische Ideen. Zudem versagen sie mehr und mehr in ihrer Arbeit und familiären Aufgaben, schrieb Bleuler Anfangs des vergangenen Jahrhunderts. Heute spreche man von Positiv- und Negativ-Symptomen, sagte Pauli. Die Positiv-Symptome seien Erlebnis-, Verhaltens- und Ausdrucksweisen, die unter normalen Umständen im Leben nicht auftreten. Negativ-Symptome seine Merkmale der Beeinträchtigung oder Minderung normaler Fähigkeiten oder Leistungen. Die Häufigkeit der Neuerkrankungen sei mit 15 Fällen auf 100 000 Einwohner verschwindend klein. Die Wahrscheinlichkeit, einmal im Leben an Schizophrenie zu erkranken liege unter einem Prozent. Speziell sei das frühe Ersterkrankungsalter das bei Frauen zwischen 15 und 25 Jahren und bei Männern zwischen 15 und 30 Jahren liegt. Die Erkrankung habe oft einen chronischen Verlauf und gelte deshalb als eine stark kostenverursachende Krankheit und könne mit Volksleiden wie Schlaganfall oder Diabetes mellitus verglichen werden.

Kiffen kann Schizophrenie negativ beeinflussen
Psychosoziale- und biologische Faktoren können die Krankheit verursachen. Drogenkonsum, speziell das Kiffen von Cannabis mit hohem THC-Anteil, sowie Kokain, LSD und andere können den Krankheitsverlauf sehr negativ beeinflussen. Wichtig sei auch zu wissen, dass es beim Drogenkonsum keine Abhängigkeit brauche, um das Leiden zu erhöhen. Menschen mit einer akuten Psychose können in einem Drittel aller Fälle geheilt oder zumindest mit einer grossen Verbesserung rechnen. Der Rest müsse Einbussen in verschiedenen Bereichen oder gar schwere, bleibende Beeinträchtigungen in Kauf nehmen. Das Vorstadium zu einer möglichen Erkrankung dauert sehr oft ungefähr fünf Jahre und könne bereits im Kindes- und Schulalter beginnen. Die Suizidrate sei mit 10 Prozent hoch.

Ethisches Dilemma
In der Phase vor dem Krankheitsausbruch seien diese Menschen unruhig, haben eine depressive Stimmung und kämpfen mit Angst. Zusätzlich können Gereiztheit, Anspannung und Nervosität dazu kommen. Das Denken und Wahrnehmen sei gestört, die Menschen seien ratlos, abwesend und haben Mühe sich zu konzentrieren. Sie klagen auch über Energieverlust, spüren ein Nachlassen der Leistungsfähigkeit und können nicht schlafen. Sehr oft haben sie Mühe beim Auffassen eines Textes, seien blockiert und können nicht mehr abstrakt denken. Mit verschiedenen Tests können Fachleute herausfinden, wie weit die Krankheit bereits fortgeschritten sei. Hingegen sei die klinische Beurteilbarkeit noch nicht ausgereift, so Pauli. Bei der Therapie stehe immer die ambulante Versorgung vor der stationären Unterbringung in einer Klinik. Viele Betroffene stehen vor dem Dilemma: Sollen sie abwarten und mit einer verzögerten Behandlung riskieren, dass sich der Verlauf ihrer Krankheit verschlechtert oder sich dem möglichen sozialen Ausgrenzungsprozess, dem Stigma aussetzen? Thomas Pauli rät, sich frühzeitig abzuklären. Im Erfolgsfall könne ein präventiver Behandlungsansatz helfen, die öffentliche Wahrnehmung von Psychosen positiv in Richtung auf Berechenbarkeit und Behandelbarkeit zu verändern und somit dauerhaft zur Reduktion von Diskriminierung und Stigmatisierung beizutragen.

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