Fachlich empfohlene Behandlung bei Depressionen ist die Ausnahme

Depressionen: Fachlich empfohlene Behandlung die Ausnahme

Ergebnisse des „Faktenchecks Depression“ 2011 der Bertelsmann Stiftung

Nur zwölf Prozent der Patienten, die an einer schweren Depression erkrankt sind, erhalten die fachlich empfohlene Kombinationsbehandlung aus Psychotherapie und Medikamenten. Weitere 14 Prozent werden stationär behandelt, bei der in der Regel sowohl psychotherapeutisch als auch pharmakologisch behandelt werden dürfte. Immerhin 18 Prozent der Patienten mit einer schweren Depression bekommen jedoch weder eine Psychotherapie noch eine Pharmakotherapie. Die Hälfte der Betroffenen erhalten nur eine der empfohlenen Behandlungsformen. Zu diesen Ergebnissen kommt der „Faktencheck Depression“ der Bertelsmann Stiftung. Die „Nationalen Versorgungsleitlinie Unipolare Depression“ empfiehlt, schwer depressiv kranke Menschen mit einer Kombination aus Psychotherapie und einem Antidepressivum behandelt werden.

„Es wird zu wenig getan, um eine leitliniengerechte Versorgung von psychisch kranken Menschen in der Praxis zu ermöglichen“, kritisiert Prof. Dr. Rainer Richter, der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). „Ein Grund dafür, dass schwer depressive Menschen viel zu häufig rein medikamentös behandelt werden, ist jedoch, dass es viel zu wenige psychotherapeutische Behandlungsplätze gibt. In Deutschland müssen psychisch Kranke durchschnittlich mehr als drei Monaten auf einen ersten Termin bei einem Psychotherapeuten warten.“

Aus der Bertelsmann-Studie ergeben sich auch erhebliche regionale Unterschiede in der Behandlung schwer depressiv kranker Menschen. In einigen Kreisen werden nur knapp zehn Prozent der Patienten richtig versorgt, in anderen sind es etwa 40 Prozent. Speziell in ländlichen Regionen und in den neuen Bundesländern werden diese Patienten seltener leitliniengerecht behandelt. Doch auch in Kreisen, in denen deutlich mehr Psychotherapeuten und Psychiater zur Verfügung stehen, genießen weniger als die Hälfte der Patienten die fachlich empfohlene Behandlung.

Die Bertelsmann-Studie belegt auch, dass Patienten mit zunehmendem Alter immer häufiger einseitig mit Medikamenten oder gar nicht behandelt werden. Von den Betroffenen mit einem Alter über 60 Jahren mit schweren Depressionen wird nur jeder zehnte fachlich richtig therapiert. Im Vergleich dazu erhält etwa ein Drittel der 18- bis 50-Jährigen eine leitlinienorientierte Behandlung. Doch auch die leichten Depressionen werden im Alter zunehmend mit Antidepressiva behandelt. Diese Entwicklung zeigt sich bei Frauen im höheren Alter noch stärker ausgeprägt als bei Männern. Zudem erhalten ältere Patienten immer seltener eine Psychotherapie, obwohl die Wirksamkeit der Psychotherapie auch bei älteren Menschen gut belegt ist und obwohl wegen der pharmakologischen Behandlung körperlicher Erkrankungen im Alter bei der Gabe von Antidepressiva besondere Vorsicht geboten ist.

Die depressiven Störungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und gehen mit erheblichen Beeinträchtigungen einher. Die aktuelle Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) des Robert Koch-Instituts besagt, dass im Verlauf eines Jahres circa acht Prozent der erwachsenen Bevölkerung an einer Depression erkranken. Jeder fünfte Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens mindestens einmal an einer Depression. Die Depressionen sind inzwischen eine der häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Minderung der Erwerbsfähigkeit. Gerade bei schweren Depressionen besteht zusätzlich ein erhebliches Suizidrisiko.

Die komplette Studie und weitere Hintergrundinformationen können Hier abgerufen werden

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