Studie zur Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) hat 2013 erstmalig die Bedeutung psychischer Erkrankungen für gesundheitsbedingte Frühverrentung (Erhalt einer Erwerbsminderungsrente) auf Grundlage der Daten der Deutschen Rentenversicherung (DRV) untersucht. Es handelt sich um die Anfang 2014 vorgestellte Studie zur Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit "Psychische Erkrankungen und gesundheitsbedingte Frühverrentung 2013"

2012 ist nahezu jede zweite Frühverrentung (42 Prozent) durch psychische Erkrankungen verursacht wurde. Depressionen waren dabei – auch im Vergleich zu allen körperlichen Krankheiten – die häufigste Diagnose. Die Hälfte der psychisch bedingten Frühverrentungen bei Frauen im Jahr 2012 war auf Depressionen zurückzuführen. Bei Männern spielten nach Depressionen auch Alkoholerkrankungen eine große Rolle.

Die psychischen Erkrankungen führen zudem dazu, dass Arbeitnehmer früher als bei körperlichen Erkrankungen in Rente gehen müssen. Im Durchschnitt lag das Eintrittsalter bei psychisch bedingten Frühverrentungen 2012 bei 49 Jahren und damit unter dem allgemeinen Durchschnitt von 50 Jahren bei Frauen und 52 Jahren bei Männern.

Die Ursache dafür, dass psychische Erkrankungen so häufig und so früh zu Verrentung wegen verminderter Erwerbsfähigkeit führen, liegt vor allem an der unzureichenden Versorgung psychisch erkrankter Menschen sowieden Zuständigkeits- und Schnittstellenproblemen im Sozialversicherungssystem. So erhält nur jeder dritte psychisch Kranke in Deutschland eine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung 1. Also bleiben die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen unbehandelt. Ebenso ist die Versorgung mit rehabilitativen Maßnahmen unzureichend. Die Hälfte der Rentner, die wegen einer psychischen Erkrankung vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheidet, erhielt in den fünf Jahren vor dem Rentenbescheid keine Rehabilitationsleistung 2.

Im deutschen Sozialversicherungssystem finanzieren unterschiedliche Kostenträgern die Krankenbehandlung und die Rehabilitation. Sozialrechtlich gesehen werden Akuttherapie, Wiedereingliederung sowie beruflicher und medizinischer Rehabilitation verschieden gehandhabt. Die sich ergebende Verantwortungsdiffusion zwischen den Sozialversicherungsträgern fördert wiederum die Tendenz, eigene Kosten auf die andere Sozialversicherungsträger zu verschieben. Damit erschwert sich eine schnelle, kontinuierliche und angemessene Versorgung psychisch Erkrankter in vielen Fällen unnötig; teilweise wird die Versorgung auch gänzlich verhindert.

Es besteht also dringender politischer Handlungsbedarf zur Verbesserung der Prävention, Behandlung und Rehabilitation von psychischen Erkrankungen. Im Koalitionsvertrag haben sich CDU, CSU und SPD bereits darauf verständigt. In Planung sind

  • Eine stärkere Berücksichtigung psychischer Gesundheit beim Arbeitsschutz und beim betrieblichen Gesundheitsmanagement
  • ,

  • die Verbesserung des Zugangs zur ambulanten psychotherapeutischen Versorgung durch eine Verkürzung der Wartezeiten
  • die Weiterentwicklung des Rehabilitationsbudgets der gesetzlichen Rentenversicherung
  • sowie eine Verbesserung der Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Sozialversicherungsträgern.

Laut BPtK ist eine möglichst kurzfristige Umsetzung dieser Vereinbarungen ist notwendig, um Menschen mit psychischen Erkrankungen so lange wie möglich eine gesellschaftliche und
berufliche Teilhabe zu ermöglichen. Vor der Verrentung muss eine angemessene Krankenbehandlung sichergestellt werden. Ebenso wichtig ist es, die Rehabilitationsmaßnahmen besser an den Bedarf psychisch kranker Menschen anzupassen und auf die individuelle Situation des Betroffenen abzustimmen. Das bedarf insbesondere der Stärkung der Autonomie und des Mitentscheidungsrechts der Patienten beziehungsweise Versicherten.

Auch 2012 schreitet die Entwicklung voran, dass Krankschreibungen immer häufiger in Verbindung mit psychischen Erkrankungen erfolgen. Etwa 14 Prozent aller betrieblichen Fehltage gingen 2012 auf psychische Erkrankungen zurück. Also hat sich seit 2000 der Anteil von betrieblichen Fehltagen, die durch psychische Erkrankungen bedingt sind, fast verdoppelt. Bei den Anteilen betrieblicher Fehlzeiten aufgrund körperlicher Erkrankungen ist dahingegen eine stete Minderung zu beobachten. 2012 waren psychische Erkrankungen die zweithäufigste Ursache für Arbeitsunfähigkeitstage. Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen dauern mit etwa 34 Tagen überdurchschnittlich lange. Im Vergleich dauern Muskel-Skelett-Erkrankungen durchschnittlich nur halb so lange und Atemwegserkrankungen sogar nur sechs Tage. Von 2001 bis 2012 dauert eine Krankschreibung aufgrund psychischer Ursachen fast ein Drittel länger. Im Jahr 2000 dauerte die durchschnittliche Arbeitsunfähigkeit aufgrund einer psychischen Erkrankung 26 Tage.

Die Bundestherapeutenkammer schlägt nun vor:

  • Psychischen Erkrankungen vorbeugen
  • Psychische Erkrankungen frühzeitig erkennen
  • Psychische Erkrankungen frühzeitig und angemessen behandeln
  • Kooperation im Sozialversicherungssystem stärken
  • Versicherte aufklären und beraten
  • Rehabilitationsmaßnahmen verbessern

Die Studie lesen

Der Koalitionsvertrag

  • 1. Wittchen & Jacobi, 2012; Gaebel, Kowitz, Fritze & Zielasek,2013
  • 2. Widera, 2012

Kommende Termine

Benutzeranmeldung