Hagen wird psychisch immer kränker

Hagen wird psychisch immer kränker

Hagen wird psychisch immer kränker 20 Prozent der Hagener Bevölkerung erkranken im Laufe ihres Lebens an einer Depression.

Hagen-Boele. Auf 12,5 Prozent der Krankschreibungen in Hagen steht eine psychiatrische Diagnose. Tendenz: steigend. Faktoren wie Arbeitslosigkeit und die Haushaltslage spielen auch eine Rolle. Ein Gespräch mit einer Betroffenen und dem Leiter der psychiatrischen Klinik.

Ihre Hände ringen miteinander. Die eine will die andere beruhigen. Petra D. (Name geändert) blickt in den dunklen Himmel über Boele. „Ich will das nie wieder erleben müssen“, sagt sie. Wovon sie spricht, ist so lähmend, so zermarternd, so mächtig und so dunkel, dass es die Endfünfzigerin, die gerade noch mitten im Leben gestanden hatte, wie ein Blatt vom Gehweg des Lebens pustete. Der Himmel über Boele ist dunkel. In Petra D. ist es wieder hell.
Hier, im Norden der Stadt, gibt es Antworten darauf, warum auf 12,5 Prozent der Krankschreibungen in Hagen eine psychiatrische Diagnose steht. Der Stift rast über den Notizblock. Er notiert auffallend viele Gegensätze wie „sich in sich selbst hassen“, „grundlose Angst“ oder „Unruhe in Ruhephasen“.

Nur 28 Prozent erhalten angemessene Therapie
Jeder fünfte Mensch erkrankt im Laufe seines Lebens an einer Depression. Derzeit leiden rund 9 Millionen Deutsche an einer behandlungsbedürftigen Depression, mindestens 15 Prozent von ihnen sind schwer krank.
Laut „Faktencheck Gesundheit“ der Bertelsmann-Stiftung wurden 2011 rd. 28 Prozent der Patienten in Hagen ausreichend behandelt. Der Rest erhalte keine angemessene Therapie (Kombination Psychotherapie/Einnahme von Antidepressiva).

So fühlte sich die Ingenieurin, für die es viele Jahre zuvor gar nicht genug Aufgaben auf einmal zu geben schien. Von 100 auf null. Statt Tatendrang kroch ihr die Angst in der Sekunde in die Glieder, in der sie morgens die Augen aufschlug. Petra D. war depressiv geworden. Für Wochen. Für Monate. Ihre Seele wurde zum Tal der Schatten.
Raumwechsel. Eine Tür weiter in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Boele sitzt ihr Leiter Dr. Nikolaus Grünherz. 22 Jahre in Boele erlauben es ihm, die Entwicklung seiner Disziplin in Hagen genau zu skizzieren.

Es gebe keinen kausalen Zusammenhang zwischen der höheren Inanspruchnahme seiner Klinik und dem psychischen Gesundheitszustand der Hagener Bürger. Und dennoch kann er sagen, dass Hagen in gewisser Weise kränker wird, dass die Psyche vieler Volmestädter kränker wird.

1800 Patienten werden jährlich in der Klinik für Psychiatrie des St. Johannes-Hospitals behandelt.Foto: Kleinrensing

Wäre das hier ein Fernsehbeitrag, würde die Kamera gleich ständig zwischen dem Raum mit Petra D. und dem Raum mit Dr. Grünherz hin- und herfahren. Sie würde das, was der Psychiater medizinisch einordnet mit der gelebten Erkrankung vergleichen – und umgekehrt. Denn Petras Schicksal ist in vielerlei Hinsicht das, was 20 Prozent der Hagener Bevölkerung einmal im Leben widerfährt. Wenn vielleicht auch nicht in Form einer schweren Depression , so doch in Form einer anderen psychischen Erkrankung. Depressivität ist aber das häufigste aller Symptome.
Drei hauptsächliche Ursachen
Das Verhältnis dabei ist zwei zu eins. Doppelt so viele Frauen wie Männer erkranken an Depressionen. „Im Grunde“, sagt Dr. Grünherz, „gibt es drei hauptsächliche Ursachen.“ Erstens: Eine genetische Disposition, also eine mögliche Veranlagung dazu, psychisch zu erkranken. Im Fall von Petra D. ist das durchaus erkennbar. In zwei Familiengenerationen vor ihr haben Männer versucht, sich aus eben jenem Grund das Leben zu nehmen.
Zweitens: die psychosoziale Entwicklung. Arbeitslosigkeit , körperliche Erkrankung oder die geringe Qualität einer Partnerschaft können eine Episode der Depression auslösen. Und drittens: ein Lebensereignis. „Häufig handelt es sich dabei um den Verlust einer geliebten oder wichtigen Person“, sagt Dr. Grünherz. Lägen zwei der drei genannten Kategorien vor, könne mit großer Sicherheit von einer Depression ausgegangen werden.

Hinter 12,5 Prozent der Hagener Krankmeldungen verbirgt sich eine psychiatrische Diagnose. Tendenz: steigend. In gewisser Weise kann man sagen, dass die Stadt psychisch kränker wird. Ein großer Faktor dabei, so sieht es Psychiater Grünherz, ist sicherlich auch die Arbeitslosenquote. Rund 23.500 Menschen waren zu Jahresbeginn in Hagen ohne Arbeit. Unsicherheiten, Risikodenken, Unwägbarkeiten, Zukunftsangst, all das kann zum Beginn einer depressiven Episode führen.
Der Standort Boele brummt und wächst. 1800 Patienten werden jährlich stationär hier behandelt. Und es werden mehr. Wer mobil ist, den Alltag daheim alleine gut meistern kann und wer nicht selbstmordgefährdet ist, wird in der Tagesklinik behandelt. Die Entwicklung hier ist ein Abbild der gesellschaftlichen Entwicklung in Hagen.

Die Stadt werde ganz langsam immer ein Stückchen ärmer, sagt Grünherz. Wobei der soziale Status einer Person nichts darüber aussagt, ob er eine psychische Erkrankung bekommen kann oder nicht. Auch Hochschulprofessoren nehmen in Boele zum Beispiel auf dem Therapiestuhl Platz.
„Es gibt einen großen Unterschied“, sagt Grünherz und möchte dabei die Angst nehmen, gleich jede Niedergeschlagenheit als Depression zu interpretieren, „den Unterschied zwischen Depression und deprimiert sein.“ Dieser Satz gibt dem Thema Hoffnung. Wir haben alle mal das Recht, uns ausgelaugt zu fühlen. Kraftlos. Ohne Antrieb. „Das muss nicht sofort heißen, dass man krank wird.“

Wer an einer psychischen Krankheit leidet, fehlt im Durchschnitt 30 Tage an seiner Arbeitsstelle. Noch gravierender ist die Zeit, die ein Betroffener noch weiter arbeitet, obwohl er bereits an einer psychischen Erkrankung leidet. Die Fehlerquote im Vorfeld einer Depression beispielsweise ist sechs Mal höher als normal. Die häufigsten psychischen Erkrankungen: Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen.

Petra D. blickt in den Himmel über Boele. Sie ist über den Berg. Zum zweiten Mal in ihrem Leben.

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