Kranksein ist nicht mehr normal

Kranksein ist nicht mehr normal

Zu viele Medikamente sind auch nicht gut
Von Michael Böhm

Heute krankt ein Kind am ADHS-Syndrom, wenn es in der Schule unaufmerksam ist und nicht still sitzen kann. Früher nannte man es einen Zappelphilipp. Heute krankt ein Mensch an einer Depression, wenn ihm der Tod eines Angehörigen nahe geht. Früher gestand man ihm ein Trauerjahr zu. Heute kranken Schauspieler an sozialer Phobie, wenn sie ihren Auftritt im Theater fürchten. Früher nannte man es "Lampenfieber".

Seit 1952 das "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders", das Handbuch psychischer Krankheiten der "American Psychiatric Association", erstmals erschienen ist, hat sich dessen Umfang verfünffacht und die Zahl der Diagnosen verdreifacht. 1000 Seiten geben in der Ausgabe von 2013 Auskunft über 300 Geisteskrankheiten.

Über die Akribie der Autoren, immer neue mentale Leiden zu entdecken, mögen sich Pharmahersteller ebenso freuen wie Wissenschaftler, mögen Ärzte ebenso dankbar sein wie Patienten. Doch ist es zweifelhaft, dass medizinischer oder pharmazeutischer Fortschritt darin bestehen soll, jedem Zappelphilipp Ritalin oder jedem Trauernden Antidepressiva zu verschreiben. Das könnte Folgen nach sich ziehen, die unabsehbar sind.

Überhaupt: Jede Auffälligkeit, jede negative Empfindung als Krankheit zu deuten, die gar mit Arzneimitteln zu kurieren sei, heißt, sie als ungesund, ja als nicht normal anzusehen - so unterscheidet man nicht mehr, ob das scheinbar Unnormale dem Wesen eines Menschen entspricht.

Heute suchen wir endlos und rastlos nach Gesundheit

Denn der normale Mensch ist ein theoretisches Konstrukt. Es entstand im späten 18. Jahrhundert, als die Industrie begann, die Arbeitswelt zu normieren: Maschinen, Produkte, Zeiten und schließlich den Menschen, der sich keine individuellen Auffälligkeiten mehr leisten sollte, die den Produktionsprozess stören. Seither begannen arbeitende Menschen immer mehr Medikamente zu nehmen, um tagtäglich zu funktionieren.

Die Philosophen der Aufklärung wirkten an diesem Menschenbild mit. Man könne sich gesund fühlen, nie aber wissen, dass man gesund sei, schrieb Immanuel Kant. Er verneinte damit die alte Vorstellung, wonach Gesundheit "die Wahrheit des Körpers" bedeutete, so dass seine Organe schweigen, wenn der Mensch sie genießt.

Und heute sind wir so weit, dass nicht mehr der einzelne Mensch, sondern eine objektive Instanz entscheiden will, was Gesundheit - also "Normalität" - darstellt, so dass unbedingt zu "heilen" ist, was nach ihrer Definition als nicht gesund anzusehen ist.

So suchen wir heute endlos und rastlos nach Gesundheit, getrieben vom Ehrgeiz, mit Pillen gegen jede Abweichung vom "Normalen" vorzugehen, angeblich auch um Kosten zu vermeiden. Doch wahrscheinlich sind wir dabei im Begriff, genau diese zu erhöhen.

Ist der Gesunde ein wandelnder Irrtum der Organe?

Heute, in unserer offenen, individualisierten Gesellschaft wäre der Komponist Franz Schubert ein "Borderliner", der Schriftsteller George Orwell ein Autist mit "Asperger-Syndrom". Beide hätten Antidepressiva zu schlucken, doch wohl keine Muße mehr, um "Die unvollendete Sinfonie" oder die "Farm der Tiere" zu schreiben. Genauso müssten wir auf die "Suche nach der verlorenen Zeit" verzichten, denn der Hypochonder Marcel Proust würde sich mit Tropfen gegen Verdauungs- und Schlafstörungen medikamentieren. Er würde seine tatsächlichen oder eingebildeten Leiden nicht mehr durch Schreiben zu heilen suchen.

Gutgemeint, aber fatal klingt da, die Definition der Weltgesundheitsorganisation, Gesundheit meine "einen vollständigen Zustand von körperlichem, geistigem und sozialem Wohlbefinden", nicht nur "das Freisein von Krankheit oder Gebrechen". Gemessen daran wäre der Normalmensch dreimal täglich krank und - der Gesunde ein wandelnder Irrtum der Organe.

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