Hildesheimer Krankenhaus vernachlässigt offenbar Patienten

Krankenhaus vernachlässigt offenbar Patienten

Hallo Niedersachsen - 13.04.2014 19:30 Uhr - Autor/in: Wübben/ Chlebosch

Es ist die Sprache von überlastetem Personal, vernachlässigten Patienten und schmutzigen Räumlichkeiten - Patienten und Mitarbeiter des Ameos Klinikums Hildesheim erheben schwere Vorwürfe gegen den privaten Krankenhausbetreiber.

Das Ameos Klinikum ist ein Fachkrankenhaus für Psychiatrie und Psychotherapie. Wer hier landet, der steckt in existenziellen Lebenskrisen und leidet etwa an Depressionen oder Angstzuständen. Oft werden auch suizidgefährdete Menschen eingewiesen. 2007 übernahm die Schweizer Ameos-Konzerngruppe, die ihren Sitz in Zürich hat, das ehemalige Landeskrankenhaus. Seitdem fanden viele Veränderungen statt, wie die Mitarbeiter des Klinikums in einem Interview mit dem Fernsehmagazin Hallo Niedersachsen berichten. Sie treten dabei anonymisiert auf - aus Angst, ihren Job zu verlieren.

Die Mitarbeiter erzählen von der totalen Überlastung des Pflegepersonals, von teils chaotischen Zuständen auf den Stationen, von Angst und Unsicherheit: "Das ist gefährliche Pflege. Das heißt, man kommt manchmal in Situationen, wo Medikamente verteilt werden müssen, wo man alleine auf Station ist, keinen Patienten kennt und hofft, dass man auch dem richtigen Patienten das richtige Medikament gibt." Die Arbeitssituation sei unhaltbar. "Es geht uns schlecht. Ich kenne keinen Kollegen, der noch ein gutes Gefühl bei der Arbeit hat", meint eine Mitarbeiterin. "Wir sind mit so vielen Routine-Arbeiten beschäftigt, die wir noch zu der Arbeit mit den Patienten tätigen müssen, (...) dass Patienten untergehen."

"Es ist nicht unüblich, dass sich Patienten Putzmittel, Putzutensilien geben lassen, um das eigene Badezimmer oder das Zimmer sauber zu machen. Oder mal Gemeinschaftsräume sauber zu machen, weil sie sagen: So benutze ich das Bad nicht!"

Allesin der Klinik sei heruntergekommen, nicht renoviert, schmutzig. "Es ist kein angenehmes Milieu. Kein Milieu, in dem man sich wohlfühlen kann."

Hallo Niedersachsen versuchte, mit der Geschäftsführung des Ameos-Klinikums über die Zustände vor Ort ins Gespräch zu kommen. Der konzern verweigerte jedoch ein Kamera-Interview.

25 Prozent der Pflege-Belegschaft sind inzwischen bei Ameos Leiharbeiter, kritisiert auch Michael Frank, ein ver.di-Gewerkschaftssekretär: "Die Leiharbeitnehmerinnen und Leiharbeitnehmer sind auch die Pflegekräfte, die am schnellsten wieder weg sind. Da ist eine sehr hohe Fluktuation da und es muss ständig neu eingearbeitet werden. Das ist natürlich eine enorme Belastung für die Stammbelegschaft." Der häufige Mitarbeiterwechsel auf den Stationen, Personalausfälle und Überforderung gehen zu Lasten der Patienten.

Das Land hat die Aufsicht über die Psychiatrischen Krankenhäuser in Niedersachsen. Regelmäßig besucht auch eine vom Psychiatrieausschuss des Landes Niedersachsen eingesetzte Besuchskommission die Einrichtung regelmäßig. Das Land Niedersachsen hat jedoch keinen detaillierten Einblick in den Personalschlüssel der privaten Kliniken, weil die Betreiber gesetzlich nicht dazu verpflichtet sind, diesen dem Land offenzulegen. Allerdings können die Qualitätsberichte mit Personaldaten des Ameos Klinikums Hildesheim im Internet öffentlich abgerufen werden. Der jüngste ist aus dem Jahr 2012. Schon da zeichnet sich ab, dass sich die Zahl ausgebildeter Krankenpfleger in Hildesheim verringert hat. 2010 weist der Bericht noch insgesamt 238,5 volle Krankenpflegerstellen aus. Im Jahr 2012 hingegen sind es nur noch 218 - also 20,5 weniger. Dagegen hat die Klinik erheblich aufgestockt bei den in nur wenigen Wochen angelernten Pflegehelfern. 2010 waren es noch 1,5 Vollzeitkräfte und 2012 schon 23,6. Norbert Mayer-Amberg ist der Vorsitzende des niedersächsischen Psychiatrieausschusses. Er sieht solche Entwicklungen kritisch: "Wenn ich jetzt gezwungen bin, eine Station mit Pflegekräften zu führen, die wenig qualifiziert sind, schaffe ich dann irgendwie ein Klima, das für alle schwierig ist. Ich schaffe vielleicht eben auch ein Klima, in dem, das wird uns immer wieder erzählt, leider ein ruppiger Umgangston herrscht. Ich schaffe auch ein Klima, in dem auch die Mitarbeiter selbst gefährdet oder bedroht sind, sich unsicher fühlen."

Probleme ergaben sich besonders auf den geschlossenen Stationen. Dort werden meistens auch aggressive Patienten eingewiesen: "Wenn manche aggressive Patienten auf Station sind, da habe ich schon manchmal Angst, ob ich den nächsten Tag im Dienst überhaupt meine Kollegen noch unversehrt wiedertreffe", erzählen die Mitarbeiter. Viele Stationen sind auch nicht dazu in der Lage dazu, die Sicherheit der Patienten dauerhaft zu gewährleisten: "Die Patienten, die sich zurückziehen, werden überhaupt nicht mehr wahrgenommen. (...) Wenn jemand selbstmordgefährdet ist, sich zurückzieht, kann es schon passieren, dass man das wirklich nicht mitbekommt." Die Mitarbeiter beschweren sich nicht nur über den akuten Personalmangel, sondern auch über eine permanente Überbelegung mancher Stationen. So würden in Zwei-Bett-Zimmer oft zusätzliche dritte Betten gestellt - ohne Schrank, Nachttisch und Rufanlage. Die Mitarbeiter sind verzweifelt: "Wenn es da zu Notfällen kommt im Zimmer, dann hat man gar nicht die Möglichkeit, ans Bett ranzukommen, weil die Betten so verschoben sind, dass man gar nicht von beiden Seiten an den Patienten herankommt," erzählen sie. "Und es ist auch schon monatelang vorgekommen, dass auf den geschlossenen Stationen ein Gruppenraum als Patientenzimmer genutzt worden ist. Wo es keine Rufanlage gab, wo es auch zu Notfällen kam." Michael Frank von der Gewerkschaft ver.di kritisiert diese Zustände scharf: "Wenn ich unter diesen Bedingungen als psychisch Kranker behandelt werden müsste, dann kommt mir das kalte Grausen, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass unter diesen Bedingungen von überlastetem Personal eine Genesung überhaupt möglich ist."

Die Zustände auf den Toiletten sind alles andere als hygienisch. Das empfinden immer mehr Patienten so. Im Interview mit Hallo Niedersachsen berichtet Cottan Cossin, der im Ameos Klinikum Hildesheim stationär behandelt wurde: "Der Umgang mit den Patienten hat mir vielfach nicht gefallen. Also nicht: Wir begegnen Dir auf Augenhöhe, sondern autoritär, zum Teil von oben herab. Anfretzen und kritisieren - und das ist in einer Psychiatrie nicht angebracht." Er ist Architekt im Ruhestand und litt an einer manischen Depression. Wesentlicher Bestandteil seiner Gesamt-Therapie sollten Gespräche sein. Die Pfleger vom Ameos in Hildesheim nehmen sich nur selten die nötige Zeit. "Für die Patienten fehlen Ansprechpartner."

Yvonne Bernhardt wurde ebenfalls im Ameos Klinikum Hildesheim stationär behandet: "Die Menschlichkeit fehlt. Und gerade wir Vorgeschädigten brauchen Menschlichkeit." Die Diplom-Pädagogin leidet ebenfalls schon länger an einer manischen Depression. Mehrere Aufenthalte im Ameos Klinikum Hildesheim ließen sie über die Jahre beobachten, wie sich die Zustände dort veränderten: "Es wird zum Beispiel zu schnell fixiert. Wenn jemand Motz macht, dann wird er fixiert. Zack. Damit die ihre Ruhe haben. Die sind ja auch überlastet." Fixierungen gelten als das äußerste Mittel in der psychiatrischen Behandlung. Um aggressive Patienten davon abzuhalten, sich selbst oder gar andere zu verletzen, werden sie im Bett an Beinen, Armen und Bauch festgebunden.

Die Ameos-Mitarbeiter bestätigen gegenüber Hallo Niedersachsen, dass Patienten in letzter Zeit öfter fixiert werden: "Häufiger kommt es zu Fixierungen, (...) weil die Zeit nicht mehr da ist, ruhig mit den Patienten zu sprechen, deeskalierend zu arbeiten." Sie berichten auch, dass die Patienten manchmal länger in der Fixierung bleiben müssten als nötig, weil nicht genug Personal im Dienst sei, um die Sicherheit von Patient und Kollegen ohne das Festbinden zu gewährleisten. Das Personal schämt sich für den Umgang mit Patienten im Ameos Klinikum: "Es ist schon so, dass ich Schlafstörungen habe", erzählt eine Mitarbeiterin, "dass mir irgendwie alle nur leidtun, die Patienten. Das tut mir so leid, zu wissen, die werden bei uns im Krankenhaus behandelt, und es geht denen nicht gut. Und es könnte Ihnen so viel besser gehen. Das macht so hilflos."

Die Mitarbeiter kritisieren auch die desolaten Räumlichkeiten und die hygienischen Verhältnisse auf den Stationen: "Es ist nicht unüblich, dass sich Patienten Putzmittel, Putzutensilien geben lassen, um das eigene Badezimmer oder das Zimmer sauber zu machen. Oder mal Gemeinschaftsräume sauber zu machen, weil sie sagen: So benutze ich das Bad nicht!" Die Klinik sei völlig heruntergekommen, nicht renoviert, schmutzig. "Es ist kein angenehmes Milieu. Kein Milieu, in dem man sich wohlfühlen kann. Und das merken die Patienten. Und für die ist es ganz wichtig. Gerade für psychisch Kranke ist Milieutherapie ganz wichtig. Und da kann man überhaupt nicht mehr von sprechen", erzählen die Mitarbeiter.

Hallo Niedersachsen versuchte, mit der Geschäftsführung des Ameos Klinikums über die Zustände vor Ort sprechen. Der Konzern verweigerte sich jedoch einem Kamera-Interview. Selbst schriftliche Anfragen blieben unbeantwortet. Die Redaktion bekam lediglich ein Statement, in dem es heißt: "Die beschriebenen Vorwürfe entbehren jeder Grundlage". Und: "Das Ameos Klinikum Hildesheim betreibt seit mehreren Jahren ein umfangreiches Qualitätsmanagementsystem." Die Ameos Gruppe wollte sich derzeit nicht zu weiteren Fragen in mehrfachen Anfragen äußern.

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