Erst zählen, dann zahlen

Süddeutsche Zeitung vom 07.04.2014 / Ressort: Themen des Tages

Erst zählen, dann zahlen

Peter Schruth, 61, ist Professor für Sozialrecht an der Hochschule
Magdeburg und Kummer gewohnt. Er war Mitglied des Runden Tisches
Heimerziehung. Dort sollte ein Ausgleich gefunden werden für das
erlittene Leid Tausender Menschen, die als Kinder und Jugendliche in den
zum Teil mit grausamen Methoden geleiteten Kinderheimen der
Nachkriegszeit einsaßen. Schicksale, die Leben veränderten.

Schruth ist auch Ombudsmann für diese ehemaligen Heimkinder, ihr
Kummerkasten, ihr Fürsprecher bei den offiziellen Stellen in Berlin.
Zwei Fonds wurden gegründet, 120 Millionen Euro standen für die
Heimkinder im Westen zur Verfügung, bis zu 200 Millionen für die im
Osten. Geld, das zur Neige geht. Aber, sagt Schruth, "es geht für die
Opfer auch um Aussöhnung mit sich selbst. Nicht sie waren verkehrt,
sondern ihnen ist etwas widerfahren".

Das alles war ein langer Prozess, der nun von Neuem begonnen hat:
Gesucht wird nun ein Weg zur Aussöhnung mit dem dunklen Kapitel der
Kinderpsychiatrie der Nachkriegszeit. Schruth ist auch hier als
Ombudsmann vorgesehen.

Das Leid jener Kinder ist schon 2010 am Runden Tisch Heimkinder zur
Sprache gekommen, damals aber abgekoppelt worden. Eines nach dem
anderen, hieß es, und die Psychiatrieopfer stellten eine deutlich
kleinere Gruppe dar als die gequälten Heimkinder. Nun beschäftigt sich
die Politik wieder mit ihnen, "allerdings ist nach erster Euphorie die
Bremse angezogen worden", klagt Schruht. Die Frage der Kosten "liegt wie
Mehltau auf dem Prozess".

Dabei ist bei jenen Menschen, die als Kinder und Jugendliche in
Psychiatrien und Behindertenheimen landeten - oft nicht, weil sie krank
waren, sondern weil sie nur störten -, unbürokratische Hilfe nötig. Ihr
Leben hat Einschnitte erfahren, die zu Armut führten, zu
Traumatisierung, zum Verlust der Selbstbestimmung. Viele kennen ihre
Eltern und Verwandten nicht. Während die Heimkinder bereits im Verein
ehemaliger Heimkinder organisiert waren, als sie um ihre Rechte zu
kämpfen begannen, haben die Psychiatrieopfer eine solche Plattform
nicht. "Sie leben häufig noch heute in Einrichtungen oder haben
gesetzliche Vertreter, die ihre Angelegenheiten regeln", sagt Schruth.
Solche Menschen muss man eher suchen, als dass sie sich selbst melden.

Es gibt jedoch keine belastbare Zahlen darüber, wie viele Kinder in den
ost- und westdeutschen Psychiatrien in den Nachkriegsjahren
untergebracht waren, nicht einmal darüber, wie viele Plätze tatsächlich
zur Verfügung standen. Der WDR hat für seine Recherchen zum Film "Hölle
Kinderpsychiatrie - Gewalt und Missbrauch hinter Anstaltsmauern"
(WDR-Fernsehen, diesen Montag, 22 Uhr) 110 heutige Kliniken mit
psychiatrischen Abteilungen angeschrieben. Nur vier Einrichtungen
räumten ein, dass Gewalt vorgekommen ist, da-runter die Kliniken in
Schleswig und Marsberg (siehe nebenstehenden Text).

Umso ärgerlicher findet Peter Schruth, dass sich die Politik erst mal
aufs Sammeln von Daten zurückzieht. "Das ergibt überhaupt keinen Sinn",
sagt der Fachmann, denn zum einen seien viele Akten bereits vernichtet
worden - was nach 30 Jahren erlaubt ist -, zum anderen ließen sich
Fehlplatzierungen von damals gar nicht mehr als solche rekonstruieren.
Schruth selbst geht in einer sehr vorsichtigen Schätzung von mindestens
15 000 Betroffenen aus.

Bund und Länder haben einen anderen Weg eingeschlagen. Zwar ist das
Thema ohne Druck von außen wieder auf die Tagesordnung gekommen, weil
sich die damalige Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Arbeit und
Soziales (BMAS), Gitta Lampersbach, 2013 an die Verabredung des Runden
Tisches Heimkinder erinnerte, sich später auch um Psychiatrieopfer zu
kümmern. Daraufhin wurde eine Arbeitsgruppe der Länder unter Leitung des
BMAS gegründet, die im Januar zum ersten und bisher einzigen Mal tagte.
Nach deren Willen müssen die Psychiatrie-Kinder den Heimkindern zwar
gleichgestellt werden; zunächst aber sollen Kosten und Antragsvolumen
ermittelt werden, durch eine "qualitative Schätzung der Fallzahlen".

Peter Schruth ärgert das, es geht seiner Meinung nach darum, "die Kosten
zu deckeln". Dabei läuft die Zeit weg, die Hilfsbedürftigen werden immer
älter. Die Frist für die Länder, dem BMAS Daten zu liefern, wurde
bereits von Februar bis Mitte April verlängert. Unklar ist auch, wer
einen Fonds überhaupt füllen soll. Die Länder, obwohl in vielen Fällen
einst Träger oder Aufsicht der Anstalten, wollen, dass allein der Bund
für die bisher angenommenen mindestens zehn Millionen Euro geradesteht.
Für das BMAS ist die Finanzierung, so das Ministerium auf Anfrage der
SZ, "Gegenstand der Verhandlungen".

Neben Geld bleibt auch die moralische Aufarbeitung für die Betroffenen
wichtig. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), Träger der
Einrichtung in Marsberg, hat ein Forschungsprojekt mit 150 000 Euro
ausgestattet und eine Anlaufstelle eingerichtet, bei der sich bisher 56
Menschen gemeldet haben. Außerdem hat sich der heutige
Krankenhausdezernent Meinolf Noeker bei den Opfern entschuldigt. Auch
das Land Schleswig-Holstein, einst Träger der Psychiatrie in Schleswig,
sieht laut Staatssekretärin Anette Langner "in Respekt vor dem Leiden
der Menschen, die dieses Unrecht erlitten und erduldet haben" die
Notwendigkeit zu einer "gewissenhaften Aufarbeitung dieses Unrechts" -
allerdings erst "unter der Berücksichtigung länderübergreifender
Beschlüsse".

Peter Schruth, der Kummerkasten-Mann, wünscht sich, dass das Tempo
wieder anzieht. 15 bis 20 Millionen Euro sollten seiner Meinung nach
sofort zur Verfügung gestellt, vier bis fünf personell gut ausgestattete
Beratungsstellen über die Republik verteilt werden: "Meine Sorge ist,
dass wegen steigender Kostenangst weitere Verzögerungen eintreten." Aber
viele Opfer warten schon viel zu lang.

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