Patientin klagt gegen psychiatrische Klinik 114 Tage in der Isolierzelle

Patientin klagt gegen psychiatrische Klinik 114 Tage in der Isolierzelle

Freiwillig lässt sich eine junge Frau für zwei, drei Wochen im Max-Planck-Institut unterbringen. Letztlich verbringt sie 114 Tage in einer Isolierzelle und erträgt 17 Elektro-Behandlungen. Ob sie das freiwillig über sich ergehen ließ, wie die Klinik behauptet, muss nun das Landgericht München I klären.

Begriffe wie "Gummizelle" oder "Elektroschock" wurden Mitte des 19. Jahrhunderts, als es noch Irrenanstalten gab, geprägt. Auch heutzutage kommen solche Behandlungsformen noch vor. Lediglich die Bezeichnungen haben sich geändert: Im Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie spricht man beispielsweise vom Isolierzimmer und der Elektrokonvulsions- oder Elektrokrampftherapie, kurz EKT. Am Mittwoch, den 02. April 2014, befasste sich das Landgericht München I mit der Klage einer Patientin gegen diese Klinik befassen. Sie ist dort 114 Tage beziehungsweise Nächte in einer solchen Isolierzelle festgehalten worden und musste insgesamt 17 Elektro-Behandlungen ertragen. Aufgabe des Gerichts ist es nun, zu klären, ob die Patientin das stets so freiwillig über sich ergehen ließ, wie das beklagte Institut es behauptet.

Die klagende Münchnerin ist eine blitzgescheite junge Frau. Sie war schon 2004 in einem oberbayerischen Krankenhaus für psychosomatische Krankheiten wegen ihrer schweren Depressionen und Essstörungen behandelt worden war. 2005 schrieb sie gerade an ihrer Doktorarbeit, als das Leiden einen weiteren Klinikaufenthalt notwendig machte. Nun sei aber in dem Krankenhaus damals nicht sofort ein Bett frei gewesen. Aus diesem Grunde habe man sie wegen akuter Selbstgefährdung "für zwei bis drei Wochen zur Überbrückung" im Max-Planck-Institut (MPI) untergebracht. "Daraus wurden zwei Jahre", sagte sie am Mittwoch.

Die Patientin wirft nun dem Klinikum und den behandelnden Ärzten vor, sie durch monatelange zu hohe Dosen des Psychopharmakons Diazepam medikamentenabhängig gemacht und obendrein durch die Isolier- und Strombehandlungen ihr seelisches Leiden weiter verstärkt zu haben. Nur mit einem Flügelhemdchen bekleidet hätte sie bis zu 72 Stunden am Stück in dem Isolierzimmer bleiben müssen - stets beobachtet durch zwei Kameras, auch dann, wenn sie behelfsmäßig ihre Notdurft in ein Plastikgefäß entrichtete. Das Essen habe sie dann in dem Raum einnehmen müssen, der nur aus der Matratze und gepolsterten Wänden bestanden habe.

Die Patientin kam in Begleitung von einer Therapeutin und ihrem Rechtsanwalt Thomas Hessel. Sie räumte in der Verhandlung aber auch ein, dass sie zeitweilig freiwillig in diese Zelle gegangen sei. "Zum Schluss habe ich mich sogar manchmal außerstande gesehen, außerhalb der Zelle zu leben", sagte sie. "Ich wurde abhängig gemacht von meinen Ängsten."

Der EKT-Behandlung habe sie nur anfänglich zugestimmt. Sie habe sich nach etwa sechs Behandlungen besser gefühlt, danach sei es dann aber wieder schlimmer geworden. Wenigstens die letzten fünf von insgesamt 17 dieser Behandlungen seien dann gegen ihren Willen erfolgt. Die Einträge in die Krankenakte mit dem Vermerk "freiwillig" bezeichnete sie als "oft falsch".
Laut dem Chefarzt der Klinik sei "EKT ist immer ultima ratio". Die Behandlung, bei der mit Hilfe weniger Sekunden andauernder Stromimpulse unter Kurznarkose ein epileptischer Anfall ausgelöst wird, sei stets im Schwabinger Krankenhaus angewendet worden. Gegen ihren Willen könne man Patienten auf diese Weise nicht therapieren.

Der Chefarzt weist auch darauf hin, dass das Isolierzimmer "dem Schutz des Patienten vor sich selbst" diene Er deutete an, die Münchnerin habe wiederholt Abschiedsbriefe formuliert und konkrete Suizid-Szenarien entworfen. Ein früherer Oberarzt bestätigte zudem, wie auch weitere Zeugen, alles sei "stets einvernehmlich" abgelaufen. Entgegen ihren Behauptungen habe man sie nie auch mal ins Isolierzimmer gezogen, sondern stets "begleitet". Er schließt aus, dass es gegen ihren Willen geschehen sei. Sie habe manchmal sogar selbst reingewollt und dann nicht mehr raus.
Laut Aussage des Arztes dienten Schläge der Patientin mit dem Kopf gegen das Wandpolster "dem Abbau von Spannungen". Die Fortsetzung der Stromtherapie sei geschehen "um ihr die erneute Verbesserung nicht vorzuenthalten". Das EKT sei stets mit ihrem Einverständnis zum Einsatz gekommen. Auch ein vom Gericht beauftragter Sachverständiger hat bestätigt, dass die gesamte Behandlung aus medizinischer Sicht nicht fehlerhaft gewesen sei - falls die Patientin nun wirklich ihr Einverständnis gegeben habe. Der Einzelrichter der 9. Zivilkammer will sein Urteil am 21. Mai verkünden.

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