Stationäre Behandlung immer wichtiger

Gießen: Stationäre Behandlung immer wichtiger

SYMPOSIUM Vorträge und Fachdiskussionen um das Thema Suchtbehandlungen in der Vitos Klinik Gießen

GIESSEN - Momentan befinden sich so viele Menschen in einer Suchtbehandlung wie nie zuvor. Die psychiatrischen Kliniken und Praxen sind oftmals überlaufen. Die Suchtkrankheiten haben sich längst auch zu einem volkswirtschaftlichen Faktor entwickelt. Auf dem Symposium „Suchtbehandlung“ an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen präsentierten Experten neueste Forschungen auf diesem Gebiet.

Die Region Gießen zählte in der Vergangenheit jährlich 5000 Menschen, die wegen einer Suchterkrankung in medizinischer Behandlung waren. Die Facheinrichtungen in Gießen und Marburg haben jedoch lediglich 300 Betten für akute und besonders drastische Fälle zur Verfügung. „Bei dreißig bis vierzig Prozent aller Fälle stellen wir die Diagnose Sucht“, bekräftigt Prof. Matthias J. Müller, der ärztliche Direktor des Vitos Klinikums Gießen-Marburg. Zu dem Symposium hat er vier Fachkollegen als Referenten rund um das Themenfeld Suchterkrankungen eingeladen. Etwa 170 Psychotherapeuten, Psychologen und Psychiater aus ganz Deutschland trafen sich, um über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Suchttherapie zu reden.

„Die stationäre Behandlung wird immer wichtiger“, verlautbarte Müller schon in der Einleitung. Die Branche müsse zunehmend auch über prä- und poststationäre Behandlungsmöglichkeiten nachdenken. Zumeist stehe die Behandlung jedoch nicht allein. „Eine Sucht betrifft auch alle Angehörigen mit umfassenden medizinischen, psychologischen und sozialen Folgen.“ Selbst in der Volkswirtschaft werden Suchterkrankungen in den vergangenen Jahren zunehmend thematisiert.

Markus Boss, Oberarzt an der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen, erläuterte in seinem Vortrag die Klassifikation von Suchterkrankungen. Schon in den 1950er Jahren entstand eine feste Tabelle zur Einordnung psychischer Störungen im Zusammenhang mit Suchterkrankungen. Diese beinhaltet etwa den akuten Rausch, etwa infolge von Alkoholkonsum, oder die psychotische Störung, die regelmäßig nach jahrelangem Drogenmissbrauch entstehe. So enthält die Klassifikationstabellen alle Abstufungen der Krankheitsverläufe. „Die dient für die behandelnden Ärzte zur Einordnung und für die kassenärztliche Abrechnung“, erklärte Boss. Aktuell sei der Trend beobachtbar, die Suchterkrankungen weniger in Kategorien zu definieren als in Dimensionen. „Das macht auch Sinn, denn welcher Krankheitsverlauf lässt sich schon in einer fest gefügten Schablone beschreiben“, meint der Oberarzt. Boss spricht sich auch aus für eine begriffliche Neudefinition. Anstatt weiter den Begriff „Sucht“ zu verwenden, gebraucht die Forschung inzwischen den neutraleren Begriff „Substanzgebrauchsstörung“.

Der stellvertretende Klinikdirektor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Marburg, Dr. med. Hans Dlabal, berichtete über die neurobiologisch fundierte Suchtbehandlung. Der Marburger Arzt und Wissenschaftler erforscht die verschiedenen Abläufe im Gehirn von Suchterkrankten. So ist inzwischen erwiesen, dass bei Suchtpatienten verschiedene Bindungsstellen im Gehirn blockiert seien. Schon ab 0,05 Promille, einem sehr geringen Anteil von Alkohol im Blut, seien die Folgen im menschlichen Gehirn deutlich zu sehen. Aus einer Arbeit mit Patienten in der Klinik weiß er: „Es ist erstaunlich, dass sich das Gehirn vieler Suchtkranker mit der Zeit an die Beeinträchtigung durch verschiedene Drogen gewöhnt.“

Prof. Falk Kiefer, der stellvertretendr Ärztliche Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, referierte über die vorbeugende Behandlung von rückfallgefährdeten Patienten. In der Fachwelt sei derzeit eine heiße Debatte um die Verabreichung von verschiedenen Medikamenten zur Trinkmengenreduktion im Gange. PD Dr. med. Esther Sobanski, Leiterin der Forschungsgruppe ADHS im Erwachsenenalter, ebenfalls am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim, richtete den Fokus auf die ADHS-Erkrankungen. Die Begleiterkrankungen brächten hier vielfach Schwierigkeiten in der Behandlung mit sich.

Zum Ende der Veranstaltung diskutierten Referenten und Zuhörer noch ausgiebig über die Anwendung der theoretischen Forschungserkenntnisse in der Behandlungspraxis.

Mehr dazu

Kommende Termine

Benutzeranmeldung