50'000 Franken für einen einzigen Häftling

50'000 Franken für einen einzigen Häftling

BERN/ZÜRICH - Ein in der Forensischen Psychiatrie in Rheinau ZH zur Therapie untergebrachter Straftäter kostet den Kanton Bern pro Monat über 50'000 Franken. Die Klinik rechtfertigt den horrenden Betrag mit umfangreichen Sicherheitsmassnahmen und Personaleinsatz.

Der teuerste Häftling im Kanton Bern kostet monatlich den Eidgenossen genau 58'249 Franken (47.811 €), wie der Polizei- und Militärdirektor Hans-Jürg Käser am 25. März 2014 in einer Fragestunde des Kantonsparlemants bekanntgab. Das sorgte erwartungsgemäß in der ganzen Schweiz für großes Aufsehen. Der untergebrachte Mann, zu dem keine Details bekannt wurden, befindet sich in der Sicherheitsabteilung der Klinik für Forensische Psychiatrie in Rheinau ZH.

Nun sieht sich die Klinik in der Zwangslage, den hohen finanziellen Aufwand den emotional aufgewiegelten Schwezern gegenüber zu rechfertigen.

«Die Ausrichtung der Sicherheitsabteilung auf besonders gefährliche und akut erkrankte Patientinnen und Patienten macht umfangreiche Sicherungsmassnahmen und auch einen hohen Personaleinsatz erforderlich», teilt die Klinik am 27. März 2014 online mit. Mit der Behandlung und Sicherung der ingesamt 27 Akutpatienten seien 60 Personen beschäftigt. Für diesen hohen Standard spreche aber, dass es seit der Inbetriebnahme des Sicherheitsbereiches im Jahr 2007 noch zu keiner Flucht und zu keinem Suizid gekommen sei.
Berechnungsgrundlage für den Tarif des Sicherheitsbereichs ist die Taxordnung der kantonalen Spitäler, die 1.879 Franken pro Pflegetag berechnet . Zum Vergleich kostet ein Behandlungsplatz in einer allgemeinpsychatrischen Akutklinik, die mit einem niedrigerem Sicherheits- und Personalschlüssel arbeitet, etwa 800 Franken.

Die Zürcher Klinik legt Wert darauf, dass eine relativ kleine Anzahl an Patienten ihr Angebot nutzt. So können normale Gefängnisse den Anteil ihrer Sicherheitskosten etwa auf über 100 Häftlinge umlegen. Diese Handhabung kommt für die Klinik, die sich auf besonders risikobehaftete Patienten spezialisiert hat, nicht in Frage. Medizinisch betrachtet geht es in der Klinik Rheinau um die Behandlung von schwerwiegenden Einzelfällen, für die keine anderen Alternativen zur Verfügung stünden. Es geht also nicht um Regelfälle, sondern um eine Patientengruppe mit besonderen Bedürfnissen.

Hans-Jürg Käser verortet wiederum die Problematik mit den steigenden Kosten im Strafvollzug bei den Gerichten. Die Richter setzen immer mehr auf stationäre Massnahmen anstatt von Verwahrungen, die ohne Therapie ablaufen. Damit handeln die Richter laut Thomas Noll, dem Direktor des Schweizerischen Ausbildungszentrums für Strafvollzugspersonal, analog zur aktuellen Rechtsauffassung. Schließlich gehe es darum, Täter so gut wie nur möglich zu resozialisieren.

Die Fachleute streiten noch bezüglich des neuen Trends zu mehr Therapien im Strafvollzug. So meinte der Strafrechtsprofessor Martin Klilias im Dezember beim «SonntagsBlick», dass Kriminalität innerhalb der Gesellschaft mehr und mehr als psychiatrisches Problem definiert wird. Er nannte das Phänomen «Therapiestaat» und kritisierte die «Überschätzung der Psychiatrie» im Strafvollzug.
Der Gerichstpsychiater Frank Urbaniok antwortet darauf, dass «heute nicht mehr Therapien angeordnet werden als vor 25 Jahren». Er sieht sehr wohl Chancen dafür, dass die angeordneten Behandlungen das Risiko eines Rückfalls senken könnten. (bau/SDA)
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Am 20. August 2007 wurde die grösste forensische Klinik Mitteleuropas in Rheinau im Kanton Zürich in Betrieb genommen. 23 Millionen Franken hat der Bau gekostet, der sowohl Klinik als auch Gefängnis unter einem Dach vereint. 2

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