Wegsperren allein reicht nicht!

Forensische Psychiatrie ist auch Psychiatrie! Wohl keine Fachrichtung benötigt sozialpsychiatrisches Engagement mehr als dieses Spezialgebiet mit den sich oft widersprechenden Aufträgen „Besserung und Sicherung“. Mehr als alle anderen sind psychisch erkrankte Rechtsbrecher von Stigmatisierung, Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit betroffen. Immer häufiger verhängen Gerichte Maßregeln statt Haftstrafen; immer schwerer tun sich die Ärzte und Richter mit Lockerungen und gar Entlassungen. Die Maßregelvollzugsanstalten vergrößern sich laufend und vermehren sich zusehends. Sollte es wirklich wahr sein, dass die Forensik „die Psychiatrie der Zukunft“ (Kruse*) wird? Ist die Sozialpsychiatrie aktiv an der wachsenden Ausgrenzung beteiligt?

Bettenknappheit und eng limitierte Kostenzusagen seitens der Krankenkassen verkürzten die Verweildauern in den psychiatrischen Kliniken der Regelversorgung in hohem Maße. So kommt es, dass akut psychotische Menschen, die man vor zwanzig Jahren als unbedingt klinikbedürftig eingewiesen hätte, (mit oder ohne ambulante Betreuung) in der Gemeinde verbleiben. Die Kliniken entlassen Patienten viel zu früh; sie werden „anbehandelt“, weder geheilt noch ausreichend stabilisiert, ohne Vorbereitung des sozialen Umfelds, ohne Gewährleistung ambulanter Nachsorge. Überbelegung der Stationen bei gleichzeitigem Personalmangel steht in krassem Widerspruch zum Anspruch „Verhandeln statt behandeln“ . Esmangelt an Zeit und Energie, um gerade zu den problematischten (mehrfach diagnostizierten, süchtigen, delinquenten) Patienten tragfähige Beziehungen aufzubauen.

Und nur allzu oft ersetzen gerichtliche Unterbringungsbeschlüsse das Behandlungsbündnis. Die Freiheit ist ein hohes Gut - das betrifft auch und gerade die Freiheit des psychisch erkrankten Menschen. PsychKG und Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) setzen zwar die Hürden gegen Freiheitsbeschränkungen immer höher, doch wird regelmäßig die zeitweilige Unterbringung zu spät angeordnet, nämlich erst dann, wenn bereits gravierende Gefährdungen oder gar Rechtsverstöße eingetreten sind. Dort, wo nun die Prävention von Gewalt (ob auf der Grundlage therapeutischer Beziehung oder gerichtlich genehmigter Freiheitsbeschränkung) versagt, folgt in zunehmendem Maße die strafrechtliche Unterbringung in der Forensik.

So beobachten wir bei sinkender Verweildauer in der Allgemeinpsychiatrie deren Anstieg in der Forensik . Rechnet die Allgemeinpsychiatrie mit Belegungstagen, so rechnet die Forensik mit Unterbringungsjahren. Die Krankenkassen sind die wahren Gewinner, weil nicht sie für die Kosten aufkommen, sondern die Länder, also die Steuerzahler als Kostenträger eingesetzt werden.

Die Forderungen seitens der DGSP lauten:

  • Die Klinikträger haben die Einhaltung der PsychPV zu garantieren. Dies setzt wiederum eine angemessene Finanzierung der Behandlung durch die Krankenkassen voraus. Kliniken, in denen Patienten nach PsychKG oder § 1906 BGB zwangsweise untergebracht werden, unterliegen besonderer Überwachung durch die Landesregierung, die etwa Besuchskommissionen einsetzt. Diese Überwachung muss die Einhaltung der PsychPV im Auge haben.
  • Die verkürzte Verweildauer in der Allgemeinpsychiatrie darf nicht zu einer Verlagerung von Behandlungen in unzureichende ambulante Behandlungssituationen führen.
  • Jede Klinik für forensische Psychiatrie soll mit einer forensisch-psychiatrische Institutsambulanz ausgestattet werden. Deren Aufgabe darf sich dabei nicht auf die Nachsorge/Rückfallprophylaxe beschränken, sondern muss auch der Primärprävention/Mitbehandlung von Risikopatienten dienen. Eine enge Zusammenarbeit mit der Gemeindepsychiatrie ist dabei unumgänglich.

Die DGSP ist aktiv:

  • Die DGSP thematisiert forensische Psychiatrie, ebenso wie jede andere psychiatrische Versorgungsfrage, im gesundheits-, gesellschafts-und sozialpolitischen Kontext.
  • Für das sensible Thema „psychisch erkrankte Rechtsbrecher“ hilft die DGSP Politikern und Medien mit kompetenten Ansprechpartnern.
  • Das DGSP-Fortbildungsprogramm beinhaltet eine Weiterbildung für forensische Nachsorge in der Gemeinde sowie Kurzfortbildungen zu Gewalt, Aggressivität, Deeskalation usw.

TUWAS – mit der DGSP:
Alle psychisch erkrankten Menschen benötigen dringend fachkompetente Hilfen. Allem Populismus zum Trotz gilt das selbstredend auch für psychisch erkrankte Rechtsbrecher. Die DGSP ist ein Verband, der sich für Verbesserungen innerhalb der Forensik (qualifizierte Prognosegutachten usw.) ebenso stark macht wie für die Entwicklung der ambulanten und stationären Allgemeinpsychiatrie. Wegsperren allein reicht nicht!

* Gunther Kruse: Forensik – die Psychiatrie der Zukunft? In: Sozialpsychiatrische
Informationen 2/2005, S. 31.
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