Hochschule Hannover bietet Medien- und Internetabhängigen umfangreiche Behandlung

Hochschule Hannover bietet Medien- und Internetabhängigen umfangreiche Behandlung

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) hat ihr Behandlungsangebot für Medien-, Computer- und Internetsüchtige erweitert. In der Abhängigenambulanz (ABAM) der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie steht den Betroffenen jetzt ein sechsköpfiges Team aus Ärzten, Psychologen, Pflegekräften und Sozialarbeitern zur Verfügung. Das Behandlungsangebot umfasst eine ausführliche Beratung, Diagnostik und bei Bedarf die Therapie in der Abhängigenambulanz.

Den meisten der Betroffenen wird angeboten, an einer Studie teilzunehmen, wovon sie durch eine noch genauere Diagnose profitieren können.Die Abhängigenambulanz ist im Gegensatz zu reinen Beratungsstellen eine psychiatrische Einrichtung. „Bei unserer Forschung berücksichtigen wir sowohl soziale als auch biologische Faktoren der Medienabhängigkeit“, teilt Professor Dr. Thomas Hillemacher, der stellvertretende Direktor der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie und Leiter des Bereichs für Suchtmedizin, mit.

Medien, Computer und Internet haben sich im Lauf der Jahre einen wichtigen Platz im beruflichen und privaten Alltag der meisten Menschengebahnt. Die Menschen sind den Medien dabei bezüglich der Dauer und auch der Intensität der Nutzung ganz verschieden ausgeliefert. Zwar haben die meisten Menschen einen eher unproblematischen Umgang mit den modernen Medien unproblematisch ist, doch kann es auch zu negativen Auswirkungen kommen. Dazu zählen etwa der Verlust anderer Interessen, sozialer Rückzug oder Depressionen. Das kann bis zur Abhängigkeit führen. Forscher der Universitäten Lübeck und Greifswald publizierten schon 2011 eine Studie (PINTA) zur Häufigkeit von Internetabhängigkeit. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen sind 2,4 Prozent der Begfragten als abhängig einzustufen. Das betrifft die Frauen und Männern ohne merklichem Unterschied. Die Nutzung fällt jedoch unterschiedlich aus. So nutzen internetabhängige Mädchen und Frauen vermehrt soziale Netzwerke im Internet und kaum Onlinespiele. Die abhängigen Jungen und Männer bedienen sich ebenfalls der sozialen Netzwerke, benutzen aber deutlich häufiger als Mädchen und Frauen die Onlinespiele.

„Wenn das Spielen ganz wesentlich den Alltag des Betroffenen beeinflusst und negative Folgen für ihn hat, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass eine Abhängigkeit vorliegt“, erklärt Professor Hillemacher. Unruhe und Reizbarkeit können sich einstellen bei „Entzug“, also Nicht-Spielen, aber auch bei erfolglosen Versuchen, die Teilnahme an Spielen zu kontrollieren Das sind weitere Warnsignale. Dabei besteht bei einer exzessiven Nutzung noch lange keine Abhängigkeit. Dies stellt erst einmal nur eine vorläufige Phase dar, aus der sie auch ohne professionelle Hilfe wieder herauskommen können „In Beratungsgesprächen können wir klären, ob bei dem jeweiligen Medienverhalten von Sucht gesprochen werden kann oder nicht“, sagt Professor Hillemacher. „Manchmal stecken auch andere psychische Erkrankungen, beispielsweise eine Depression, dahinter.“ Wenn die Diagnose nun eine psychiatrische Behandlung erfordert, dann wird den Betroffenen eine Psychotherapie angeboten. Derzeit verlüft eine solche als Einzelgespräche, doch sind für die Zukunft auch Gruppenangebote geplant.

Der 31-jährige Marvin ist einer der Patienten der Abhängigenambulanz. Der Student hatte Videospiele schon im Grundschulalter kennengelernt. Ein Freund von ihm besaß eine Spielkonsole. „Immer, wenn ich ihn besucht habe, haben wir daran gespielt“, erinnert sich Marvin. Bald danach erhielt er dann seine eigene Spielkonsole; mit 12 oder 13 Jahren folgte dann der erste PC. „Von da an habe ich nur noch PC-Spiele gespielt.“ Jahrelang hielt er sich dann im Durchschnitt täglich drei Stunden lang am Rechner auf. Teilweise gab es auch einige spielfreie Tage. Mit 19 Jahren hat es ihm dann ein Computer-Rollenspiel (RPG, computer role-playing game), besonders angetan. „Es war ein Spiel ohne Ende, ich fing jedes Mal dort an, wo ich beim letzten Mal aufgehört hatte. Und je häufiger man es spielte, desto erfolgreicher war man“, erzählt Marvin. Zwei, drei Jahre lang dominierte das Spiel nun sein Leben und seinen Tagesablauf. Er spielte meistens von morgens bis abends. Im Anschluss bestimmte ein Echtzeit-Strategiespiel (RTS, real-time strategy) lange Zeit sein Leben. Solche Spiele basieren auf einzelnen Runden. „Obwohl eine Partie meist nur zwischen 40 und 60 Minuten dauerte, wollte ich es immer wieder spielen. Es war für mich eine aufregende Herausforderung“, erklärt Marvin. Die Freunde, die Familie, die Hobbys und das Studium waren mittlerweile völlig in den Hintergrund gerückt. „Es war zwar alles noch vorhanden, doch ich hatte es sehr vernachlässigt.“

Mitte 20 fiel es ihm dann wie Schiuppen von den Augen: „Ich musste erkennen, dass es in meinem Leben seit Jahren überhaupt keine Entwicklung gegeben hatte, ich war beispielsweise mit meinem Studium nicht weiter gekommen und hatte auch wenig Erfahrungen mit Frauen. Das löste Frustration und Angst in mir aus. So wollte ich nicht weiter machen“, entschied sich Marvin. 2009 begab er sich zur Abhängigenambulanz der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie. Die begonnene Behandlung brach er jedoch wieder ab. In den darauffolgenden Jahren wechselten sich bei Marvin spielintensive mit spielfreien Zeiten ab. Darunter war er sogar zwei Jahre am Stück abstinent. Anfang 2013 hatte er eine stark depressiven Phase und er nahm wieder Kontakt zur Abhängigenambulanz auf. Seitdem trifft er sich zu regelmäßigen Gesprächen mit Wolfgang Schurtzmann, dem Sozialarbeiter in der Ambulanz. „Das gibt mir Halt und eine Perspektive für die Zukunft. Ich habe jetzt weniger Angst. Herr Schurtzmann hat einige Steine ins Rollen gebracht“, erklärt Marvin, der 2014 noch nicht gespielt hat.

Die meisten Menschen, die exzessiv Medien konsumieren und deshalb die Abhängigenambulanz aufsuchen, befinden sich in einem Ambivalenzkonflikt: So erleben sie auf der einen Seite bewusst die negativen Auswirkungen ihres Verhaltens, vermögen sie es jedoch auf der anderen Seite nicht, sich dennoch von ihrem „Lieblingsspielzeug“ zu lösen. „Die Therapie ist so aufgebaut, dass im ersten Schritt ‚kleine Lösungen’ angestrebt werden, das heißt die Betroffenen lernen, zu gewissen Zeiten nicht zu spielen und sich alternativ mit anderen Dingen zu beschäftigen. Im zweiten Schritt geht es dann darum, die spielfreien Zeiten zu vergrößern und sich mehr mit realen Dingen auseinanderzusetzen“, erläutert Wolfgang Schurtzmann. Die Behandlung der Medienabhängikeit bietet ähnlich wie bei anderen Abhängigkeitserkrankungen gute Genesungschancen. „Allerdings sollten die Patienten die Behandlung unbedingt über einen längeren Zeitraum absolvieren“, erklärt Dr. Gregor Szycik, der psychologische Psychotherapeut in der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie. „Wichtig dabei ist die ganzheitliche Betrachtung des Patienten mit spezieller Berücksichtigung möglicher Komorbiditäten und Entwicklungsdefizite der Patienten.“

Das Behandlungsangebot der Abhängigenambulanz richtet sich an Erwachsene ab 18 Jahren. „Die Betroffenen brauchen lediglich eine Überweisung vom Hausarzt, eine Anmeldung ist nicht erforderlich“, sagt Professor Hillemacher. Wer an einer Behandlung interessiert ist, der kann sich immer montags, mittwochs und freitags zwischen 9 und 10 Uhr in der Ambulanz vorstellen. Die Ambulanz befindet sich in der MHH-Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie im Gebäude K9, Carl-Neuberg-Straße 1, 30625 Hannover. Auch ein telefonischer Kontakt ist möglich unter der Nummer (0511) 532-9190.

Quelle: Medizinische Hochschule Hannover
Mehr dazu

Kommende Termine

Benutzeranmeldung