Die Abschaffung des Lehrers

Die Abschaffung des Lehrers

Mario Vargas Llosa schreibt über den Einfluss von Michel Foucault auf die Bildungspolitik:

In Europa wie auch in einem großen Teil der übrigen Welt gibt es seit Foucault in der Politik und in der Kultur so gut wie keine Persönlichkeiten mehr, denen dieser zugleich moralische und intellektuelle Status einer »klassischen Autorität« zukommt und für die im Volk einmal die Lehrer oder Lehrmeister standen, die sich mit Bezeichnungen wie magister, maestro, maitre, auszeichneten, die einen recht guten Klang hatten, weil sie sich mit Wissen und Idealismus verbanden. Am Schlimmsten traf es dabei in der Kultur die Bildung. Der Lehrer, der aller Glaubwürdigkeit und Autorität beraubt worden ist, ist aus der progressiven Sicht heraus eigentlich nur noch ein Vertreter der repressiven Macht. Er mutierte also zum Feind, dem man zur Erlangung der Freiheit und der menschlichen Würde Widerstand leisten, den man fertigmachen muss. Er hat also nicht nur das Vertrauen und die Achtung verloren, ohne die er seine Funktion als Erzieher – als Vermittler von Wissen wie von Werten – gegenüber den Schülern unmöglich ausüben kann; er hat gleichzeitig den Respekt ihrer Eltern und jener revolutionären Philosophen, die Foucault zufolge von Überwachen und Strafen im Lehrer eines dieser finsteren Instrumente sahen, deren sich – genau wie die Gefängniswärter und die Psychiater in den Heilanstalten – das Establishment bedient, um dem kritischen Geist und der gesunden Aufsässigkeit von Kindern und Jugendlichen die Zügel anzulegen. (P. 896ff).

In seiner als paranoid eingestuften Anprangerung der Tricks, deren sich ihm zufolge die Macht bedient, um die öffentliche Meinung ihren Diktaten zu unterwerfen, leugnete Foucault bis zum Schluss die Wirklichkeit von Aids – der Krankheit, an der er starb. Er sah in der Diagnose ein weiteres Täuschungsmanöver des Establishments und seiner wissenschaftlichen Kollaborateure, um die Bürger einzuschüchtern und sie sexuell zu unterdrücken. Der intelligenteste Denker seiner Generation hatte also bei aller Ernsthaftigkeit, mit der er seine Forschungen auf den unterschiedlichsten Gebieten betrieb – Geschichte, Psychiatrie, Kunst, Soziologie, Erotik und natürlich Philosophie -, schon immer einen Hang zu Ikonoklasmus1 und Provokation, was zuweilen zu einer bloßen Attitüde geriet. Damit stand Foucault keineswegs allein da, er machte sich einen Generationsauftrag zu eigen, der die Kultur seiner Zeit tief prägen sollte: die Neigung zu Sophismus2 und Geblende. (P. 930ff)

Beitrag erschien auch auf: www.theoblog.de
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  • 1. die Zerstörung heiliger Bilder oder Denkmäler der eigenen Religion (Bildersturm), insbesondere im Christentum; im weiteren Sinne die Bilderfeindlichkeit oder Bilderfurcht (Ikonophobie) einer Kultur, Religion oder Institution.
  • 2. ein Scheinbeweis, ein mit Absicht herbeigeführter Fehlschluss.

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