Demut vor der menschlichen Psyche

Demut vor der menschlichen Psyche

Steffen Laus Berufsalltag kreist um menschliche Abgründe. Er ist Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie in Rheinau, in der psychisch kranke Straftäter therapiert werden.

Sein Privatleben ist so normal, wie es das eines Kulturliebhabers und zweifachen, 48-jährigen Vaters nur sein kann. Steffen Lau geht ins Theater oder Kino, holt die Tochter vom Rudern ab oder begleitet seinen Sohn zu einem Eishockeymatch der Piccolos. Sein Berufsalltag jedoch dreht sich um das Gegenteil von Normalität, es geht um menschliche Abgründe. Denn Lau ist Chefarzt der Klinik für Forensische Psychiatrie in Rheinau, in der psychisch kranke Straftäter therapiert werden.

Der auffälligste und bekannteste Trakt der Klinik ist gewiß die Sicherheitsstation - ein beiges Gebäude ohne Fenstern am Dorfeingang, dessen Hof von Stacheldraht und Gitternetzen abgegrenzt wird. Jeder Straftäter, der nach Rhein­au eingewiesen wird, lebt zunächst einmal in dem komplett überwachten Sicherheitstrakt. Jeden der Patienten suchen Chefarzt Lau oder seine Stellvertreterin innerhalb der ersten 24 Stunden zu einem Erstgespräch auf.

Zumeist sind das schwierige und recht heikle Momente, weil die meisten der Patienten unter Schizophrenie oder ähnlichen Störungen leiden und in der akuten Phase sind. Dennoch verspüre er bei solchen Treffen keine Angst, sagt Lau. Schließlich sei er niemals alleine im Raum; zudem sei es seine Aufgabe als Chefarzt, dem Patienten zu erklären, was in Rheinau abläuft. Falls ihm auffällt, dass dem Ge­gen­über alles zuviel wird, dann bricht Lau ab. «Dann ist es besser, keine bohrenden Fragen mehr zu stellen.»

Abgesehen von diesen Erstgesprächen trifft Lau die Patienten kaum mehr direkt, abgesehen von zufälligen Begegnungen im Klinikpark mit solchen, die gerade Freigang haben. Denn es ist mehr seine Aufgabe, sich mit anderen In­sti­tu­tio­nen und Gerichten zu verständigen, Forschungsarbeiten zu betreuen und vor allem die Therapieverläufe zu «supervidieren», also zu begleiten und überwachen. Laus Alltag ist demzufolge eher von Sitzungen und Konferenzen geprägt, bei denen die Ärzte ihre Fälle besprechen, und wo er Tipps und Inputs gibt.

Er hat auch nicht vor, selber wieder mehr zu therapieren. Dies liegt daran, dass er etwas ungeduldig sei, fügt er erklärend an. Und das ist nicht gerade die beste Voraussetzung für Therapien, die sich in die Länge strecken und zäh sein können. «Dafür würde ich von mir selber behaupten, dass ich sehr gut Krankheiten erkennen und diagnostizieren kann.» Darauf komme es in seiner aktuellen Rolle auch an.

Es war für ihn erst einmal nicht absehbar, dass er einmal Chefarzt einer Klinik für forensische Psychiatrie werden würde. Im Medizinstudium in seiner Heimatstadt Hamburg und in London interessierten ihn ganz andere Disziplinen wie etwa die Biochemie. Dann weckten sein Interesse an der Psychiatrie vor allem seine Professoren für Neurologie und Neuropsychologie, die ihren Stoff besonders lebhaft vermitteln konnten. Also schlug er eine Laufbahn als Psychiater und Psychotherapeut ein, Stationen auf diesem Weg waren unter anderem die Klinik Altscherbitz im deutschen Bundesland Sachsen sowie die Berliner Charité. Und nun ist er seit 2011 Chefarzt in Rhein­au und wohnt mit seiner Familie am Rande der Stadt Zürich.

Was ihn umtreibt, das ist für Lau, Menschen zu helfen, die gleich ein doppeltes Problem haben und doppelt stigmatisiert sind: Sie haben ein Verbrechen begangen haben und sind gleichzeitig psychisch krank. Die Öffentlichkeit zweifelt ja immer wieder an, dass solchen Menschen wirklich zu helfen ist. So etwa nach spektakulären Tötungsdelikten wie jenen zwei, die sich letztes Jahr im Welschland zugetragene haben. Die kritischen Stimmen verweist Lau auf die nüchternen Statistiken. An den Zahlen sei abzulesen, dass die Behandlungen erfolgreich seien, und dass es dem Staat auf längere Sicht hin günstiger komme, die Täter zu therapieren als sie zeitlebens in Anstalten zu verwahren.

Auch Lau muss dabei Überraschungen einräumen. So erlebte er schon mehrfach, dass vermeintlich hoffnungslose Fällen, die über Jahre hinweg keine Fortschritte gemacht haben, sich plötzlich veränderten. «Von daher habe ich eine tiefe Demut ge­gen­über der Flexibilität der menschlichen Psyche entwickelt.» Aus diesen Erfahrungen heraus stellt er sich auch gegen Radikallösungen wie der Verwahrungsin­itia­ti­ve oder der Pädophilie-Initiative, über die im Mai abgestimmt wird. Ganz klar stelle sich die Frage, ob ein Straftäter mit pädophilen Neigungen je wieder mit Kindern arbeiten solle. Doch darüber sollte eine Einzelfallentscheidung getroffem werden. «Wo das Gesetz Individualität ausschliesst, wird es heikel.»

Zudem registriere er, dass die hohen Anforderungen an Vollzugslockerungen in den letzten Jahren noch gestiegen sind, meint Lau. Die zeitraubendsten Konferenzen drehten sich stets um die Frage, ob für diesen oder jenen Patienten «die Tür ein Spalt weit geöffnet werden soll». Da geht es etwa darum, einen Patienten aus dem Sicherheitstrakt in die Massnahmenstation zu verlegenoder darum, ob jemand aus dieser Station unbegleiteten Freigang auf dem Klinikgelände erhält.

Im Falle der internen Entscheidung, den Vollzug zu lockern oder eine Massnahme zu ändern, dann bedarf dieser Entscheid noch der Bestätigung seitens diverser Instanzen. Aus diesem Grunde dauerten die Verfahren manchmal «extrem lange», betont Lau. Da ist etwa der Fall eines Täters, von dem er stark vermute, dass er wegen einer falschen Diagnose jahrelang nicht adäquat behandelt worden sei. Laus Vorschlag, eine andere Behandlung anzuwenden, prüft nun eine externe Fachkommission. Seit anderthalb Jahren wartet der Mann jetzt auf deren Entscheidung darüber, wie es mit ihm weiter gehen soll. Lau will das nicht kritisieren. «Aber man sollte sich kein falsches Bild machen, wie so etwas abläuft.»

Klischees über sich als Psychiater begegnet Lau mit Gelassenheit und Amüsiertheit. Da die Öffentlichkeit regelmäßig Psychiatrie und Psychoanalyse gleichsetzen, wird er auch zumeist gefragt, ob seine Patienten bei ihm wirklich auf der Coach liegen. Teilweise fragen ihn die Menschen auch etwas nervös, ob Smalltalk mit ihm möglich sei, oder ob er seine Gesprächspartner immer analysiere. Dahinter vernutet Lau nun die Angst, Psychiater seien keine exakten Wissenschafter und könnten normale Menschen für krank erklären. Er antwortet darauf immer, dass er zum Glück nicht nur Psychiater sei, sondern sondern außerhalb der Klinik ein ganz normales Privatleben führe.

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