Ernährung: Wie Nährstoffe bei Depressionen helfen könnten

Spiegel: Ernährung: Wie Nährstoffe bei Depressionen helfen könnten

Depressionen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Nach epidemiologischen Studien erkranken etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung im Laufe des Lebens an einer Depression. Gemeint sind damit nicht leichte Verstimmungen, sondern psychische Probleme, die behandelt werden müssen. Geschieht dies nicht, können die Folgen dramatisch sein: Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit und werden für die Mehrzahl der rund zehntausend jährlichen Suizide verantwortlich gemacht.

Lindern Vitamine, Zink und Co. Depressionen? Forscher vermuten, dass die Ernährung bei der Erkrankung eine Rolle spielt - und suchen nach Therapieansätzen. Ärzte aber warnen davor, auf eine Heilung durch Nährstoffe zu hoffen.

Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, Energielosigkeit und Konzentrationsprobleme: Das sind nur einige Symptome der Depression, die im schlimmsten Fall das Leben unerträglich machen kann. Nach dem Bundesgesundheitssurvey leiden in Deutschland mehr als drei Millionen Menschen zwischen 18 und 65 Jahren daran. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass eine Depression bis zum Jahr 2020 weltweit die zweithäufigste Volkskrankheit sein wird.

Auslöser kann es viele geben: Überforderung, Stress, Trauer, physische Krankheiten, genetische Faktoren. Teilweise findet sich gar kein Grund. Sicher ist jedoch, dass jeder Depression eine Stoffwechselstörung im Gehirn zugrunde liegt. Auch häufen sich die Hinweise, dass ein Mangel an bestimmten Nährstoffen Depressionen begünstigen kann.

Botenstoffe für die Stimmung

Genau an diesem Punkt wollen Forscher jetzt ansetzen: Denn umgekehrt, so die Erwartung, könnte eine ausreichende Zufuhr an Nährstoffen die Heilung einer Depression unterstützen. Zu den Nährstoffen zählen Aminosäuren, Vitamine und Mineralstoffe. Aus diesen bildet der Körper sogenannte Neurotransmitter wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin - das sind die Botenstoffe, die für eine ausgeglichene Stimmung, Antrieb, Schlaf und Konzentration verantwortlich sind.

Um den Zusammenhang zwischen Ernährung und Depressionen zu untersuchen, startet gerade eine von der EU geförderte Studie mit tausend Probanden. "Ziel ist es, eine wirksame Ernährungsstrategie zur Vorbeugung von Depressionen zu finden", sagt Elisabeth Kohls, Projektkoordinatorin und Psychologin an der Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. Das auf fünf Jahre angelegte Projekt läuft in neun europäischen Ländern.

Die Wissenschaftler gehen der Frage nach, ob der Trend zu mehr industriell erzeugten Produkten und Fast Food Übergewicht fördert, gleichzeitig dem Körper aber weniger Nährstoffe zuführt - mit Folgen für die Psyche. Schon seit 1999 läuft eine Studie in Spanien mit mehr als 10.000 Probanden, die beweist, dass eine mediterrane Kost mit Omega-3-Fettsäuren das Depressionsrisiko um 30 Prozent senken kann.

"Einige Studien weisen darauf hin, dass es einen komplexen Zusammenhang zwischen Ernährung, Übergewicht und Depression gibt", sagt Kohls. "Allerdings ist bisher nicht belegt, welche Rolle das Ernährungsverhalten dabei genau spielt." In Leipzig soll unter anderem untersucht werden, welche Auswirkungen eine Ernährungsumstellung und die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln auf das Depressionsrisiko hat.

Zudem beeinträchtigt Stress die Nährstoffbilanz des Körpers. "Durch einen stressigen Lebensstil in Kombination mit unausgewogener Ernährung kann es zu einer Erhöhung von Stresshormonen wie Kortisol, Aldosterone und Adrenalin kommen, die bestimmte Mineralien vermehrt aus dem Körper ausschwemmen", sagt Harald Murck, Privatdozent an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Philipps-Universität Marburg. Somit kannb sowohl das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie für Depressionen steigen.

Umgekehrt weisen Beobachtungen darauf hin, dass eine erhöhte Gabe von Magnesium zu einer Besserung von Depressionssymptomen beitragen kann. placebokontrollierte klinische Studien dazu laufen bereits. Laut Murck könnten auch andere Supplemente die Wirksamkeit von Antidepressiva möglicherweise unterstützen. "Dazu gehören Folsäure, bestimmte Omega-3-Fettsäuren und Zink." Die Einnahme dieser Substanzen sollte jedoch stets unter der Aufsicht eines Arztes erfolgen.

Zweifelhafte Therapieansätze

Michael Spitzbart, niedergelassener Arzt in Bad Aibling bei München praktiziert bei Depressiven seit längerem eine konzentrierte Zufuhr von Nährstoffen anstelle von Antidepressiva. "Schätzungsweise 85 Prozent der Patienten fühlen eine positive Wirkung", stellt Spitzbart fest, der nach eigenen Angaben in den vergangenen 18 Jahren einige tausend Betroffene mit Nährstoffkonzentraten behandelt hat.

Den Status von insgesamt 34 Stoffwechsel-Parametern lässt er mit Bluttests überprüfen. "Patienten mit Depressionen haben besonders viele Defizite im Eiweißstoffwechsel", sagt der Arzt. "Gehirnaktive Aminosäuren, wie Tryptophan, Tyrosin und Phenylalanin werden mit der heutigen Ernährung weniger aufgenommen, aber im beruflichen Stress mehr verbraucht", so seine Vermutung.

Allerdings ist diese alternativmedizinische Methode der sogenannten orthomolekularen Therapie wissenschaftlich nicht belegt. Deshalb zahlt auch die gesetzliche Krankenversicherung nicht die Therapie. Depressionsforscher haben massive Zweifel an ihrer Wirkung. "Von Blutwerten auf die komplizierten Störungen des Stoffwechsels im Gehirn bei Depressionen zu schließen, ist bislang nicht möglich", sagt Ulrich Hegerl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig. "Vitaminmangel spielt nach unseren Erfahrungen keine wesentliche Rolle bei Depressionen."
Laut Hegerl sei es falsch zu glauben, dass diese schwere und oft lebensbedrohliche Krankheit allein mit Nährstoffen zu heilen sei. "Zur leitlinienkonformen Behandlung mit Antidepressiva und Psychotherapie gibt es derzeit keine Alternative."

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