Wenn der Psychiater zum Psychiater muss

Süddeutsche: Wenn der Psychiater zum Psychiater muss

In Aschaffenburg wollte ein deutschlandweit bekannter Gerichtsgutachter ein fremdes Kind in sein Auto zerren. Seitdem ist er krankgeschrieben. Die Justiz steht nun vor der Frage, ob die Strafprozesse, an denen er beteiligt war, wieder aufgerollt werden müssen.

Was sind psychiatrische Gutachten wert, die von einem Psychiater erstellt wurden, der nun selbst psychiatrisch begutachtet werden muss? Diese Frage stellt sich beim Fall aus Aschaffenburg, dort ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen versuchten Kindesentzugs gegen einen Psychiater, der in ganz Bayern zahlreiche Gutachten in großen Prozessen angefertigt hat. Der Arzt ist recht renommiert und nicht selten in den Medien präsent. Er soll im November 2013 versucht haben, ein ihm zuvor nicht bekanntes Kind an sich zu nehmen. Mehrere Augenzeugen waren zugegen, als die Großeltern des Kindes ihn von seinem Vorhaben abgehalten haben. Der Gutachter ist nun seit diesem Vorfall krankgeschrieben und muss sich nun selbst einem psychiatrischen Gutachter stellen.

Der Bamberger Anwalt Hubert Prinz, hat erst über einen Umweg von dem Fall erfahren und ist seitdem höchst alarmiert: Der Jurist hatte in einem Prozess um ein Kapitalverbrechen einen Mandanten vertreten, der von dem nun krankgeschriebenen Psychiater begutachtet wurde. Dem Angeklagte wurde damals eine hohe Haftstrafe vehängt. Der Psychiater wies ihm eine schwere psychische Beeinträchtigung nach, kam jedoch zum Gesamturteil, der Angeklagte sei voll schuldfähig. Die Stellungnahme des Gutachters dürfte wiederum maßgeblich zum Urteil beigetragen haben.

Priinz wird sich die Akten erneut vorknöpfen und mit höchster Wahrscheinlichkeit einen Wiederaufnahmeantrag stellen. Schließlich hatte der Gutachter damals "einen einwandfreien, über jeden Zweifel erhabenen Ruf" genossen, der nun doch recht angekraztz ist.

Wie kommt es nun, dass ein Anwalt erst über einen Umweg davon erfährt, dass ein maßgeblicher Gutachter in einem Kapitalprozess in Zweifel gezogen werden kann? Dies liegt wohl daran, dass der Fall zum jetzigen Zeitpunkt recht heikel ist.Schließlich ist noch unklar, ob gegen den Abteilungsleiter einer psychiatrischen Klinik Anklage erhoben wird. Darüber wird wohl der Gutachter zu entscheiden haben, den die Staatsanwaltschaft beauftragt hat. Eventuell kommt er ja zu dem Schluss, dass der Arzt möglicherweise psychisch erkrankt ist.

Der Psychiater wehrte sich gleich nach dem Vorfall in einem Ort bei Aschaffenburg mit der Einrede eines "Missverständnisses". Als er permanent versucht hat, das hm unbekannte Kind in einem Auto mitzunehmen, hatten die Großeltern des Kindes die Polizei zu Hilfe gerufen. Der Psychiater gab dann an, er habe das Kind "retten" wollen. Er befindet sich auf freiem Fuß, hat aber über seine Verteidigerin erklären lassen, er werde bis auf weiteres nicht mehr als Sachverständiger tätig werden. An seiner Klinik ist er seit Monaten krankgeschrieben. Die Kollegen sind bestürzt von der Angelegenheit.

Bayerns Justizbehörden geben sich verhalten. Lothar Schmitt, der Leitende Oberstaatsanwalt in Aschaffenburg erklärt, man warte ab, ob an der "persönlichen Eignung eines Sachverständigen Zweifel angemeldet werden". Der Justizminister hat die Akte auch schon vorliegen. Winfried Bausback (CSU), selbst aus Aschaffenburg, wurde schon frühzeitig im November unterrichtet. Ein Sprecher des Ministeriums gab bekannt, alle "ärztlichen Aufsichts- und Standesorganisationen" seien informiert. Zudem sind "sämtliche Generalstaatsanwaltschaften und Oberlandesgerichtsbezirke im Freistaat abgefragt" worden, um herauszufinden, in welchen Verfahren der Gutachter seit 2012 tätig gewesen ist. Die Anfrage ist noch nicht abgeschlossen.

Anwalt Prinz moniert, dass er offiziell nicht informiert worden ist über das Verhalten des Gutachters. Schließlich wäre diese Information für die Anwälte gewesen. Denn selbst wenn am Ende keine Anklage gegen den Arzt erhoben werden sollte, stelle sein dubioses Verhalten dennoch ein starkes Argument dar, um seine Expertise grundsätzlich anzuzweifeln. Insbesondere dann, wenn es in den Strafverfahren etwa um Kindesentzug oder Kindesmisshandlung ging.

Heikel ist die Angelegenheit auch deshalb, weil der Gutachter einen bekannter Vertreter seiner Zunft ist. Er hat über die Qualität psychiatrischer Expertise geforscht und ist in den Medien als Fachmann für Prognosegutachten aufgetreten. So arbeitete er etwa an eine Sonderform der Kindesmisshandlung, die bundesweit viel Aufmerksamkeit erregte und groß darüber berichtet wurde. So galt er in den Fachkreisen als eine unanfechtbare Koryphäe.

Nun stellt sich natürlich die Frage, ob es nicht eine Reihe von Wiederaufnahmeverfahren geben wird. Thomas Goes, der Vorsitzende des Anwaltvereins Aschaffenburg, hegt daran Zweifel. So sei in laufenden Verfahren das "offenbar normabweichende" Verhalten des Gutachters sicherlich ein Anlass, um neue Beweisanträge zu stellen. Doch sei es eher unwahrscheinlich, dass jetzt zahlreiche abgeschlossene Verfahren wieder aufgerollt werden müssen.

Falls es sich jedoch herausstellen sollte, dass der Gutachter schon lange Zeit grundsätzlich "in seiner Geschäftsfähigkeit beeinträchtigt" war, dann kämen Wiederaufnahmeverfahren sehr wohl in Betracht, fügt Werner Leitner an, der Vorsitzende des Arbeitsgemeinschaft Strafrecht im deutschen Anwaltsverein - insbesondere in einschlägigen Verfahren, die Straftaten an Kindern zum Inhalt hatten.

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