Ritzen: selbstverletzendes Verhalten bei Teenagern

Ritzen: selbstverletzendes Verhalten bei Teenagern

Die Kinder ritzen sich mit Rasierklingen, die Eltern sind ahnungslos: Jeder vierte bis fünfte Jugendliche, der sich selbst verletzt, wird nicht als gefährdet erkannt. Um Eltern wachzurütteln, haben Experten 2013 einen Online-Test entwickelt.

Und dann sprang die 15-jährige Hanna* auf und schrie: "Ihr seid doch alle bescheuert." Ihr Stuhl kippte, fiel nach hinten, und Oma, Mama, Tante und Onkel sahen sich schweigend an, während sie weiter an ihren Kuchenstücken kauten. So hat es angefangen, an einem Sonntagnachmittag im November 2007. Eine wütende Hanna, die nach der Scheidung ihrer Eltern nicht wusste, wohin mit ihren Ohnmachtsgefühlen, alleine in ihrem Zimmer, die Tür abgeschlossen. Eine wütende Hanna, die ihre spitzen Fingernägel in die Haut ihrer Unterarme bohrte und kratzte, bis Blut kam. Am nächsten Tag setzte sie mit einer Rasierklinge an. Eine wütende Hanna, die zehn Monate später die Ärmel ihres Pullovers hochkrempelte, und ihrer Mutter trotzig ihre Schnittwunden präsentierte. Eigentlich sollte es Hannas Geheimnis bleiben, doch Dorothea Lechner*, Hannas Mutter, hat immer wieder versucht ins Gespräch zu kommen, wurde aber immer wieder abgewimmelt, und irgendwann hat sie einfach gefragt: "Sag mal, Hanna, was ist denn das auf deinem Arm?"

Selbstverletzendes Verhalten (SVV) meint Handlungen, bei denen es zu einer bewussten Schädigung der Körperoberfläche kommt. Diese Handlungen sind sozial nicht akzeptiert und nicht suizidal intendiert. Die Selbstverletzung ist kein eigenständiges Krankheitsbild sondern tritt als Symptom einer psychischen Störung oder Erkrankung oder aber auch ohne begleitende komorbide psychiatrische Erkrankung auf. Die häufigste Form der Selbstverletzung ist das Zufügen von Schnittverletzungen mit scharfen oder spitzen Gegenständen wie Messern, Rasierklingen, Scherben oder Nadeln. Dieses so genannte „Ritzen“ oder „Schneiden“ findet vorwiegend an Armen und Beinen sowie im Bereich von Brust und Bauch statt. Verbrennung oder Verätzungen sind weitere Varianten selbstverletzenden Verhaltens. Jugendliche mit psychischen Störungen oder Problemen haben ein besonders hohes Risiko selbstverletzendes Verhalten zu entwickeln. Neben Erkrankungen - wie Depressionen, Ess- Zwangs- oder Angststörungen - können auch mangelndes Selbstwertgefühl, die Unfähigkeit, Gefühle auszudrücken und schwach ausgeprägte Selbstregulierungskräfte dazu führen. Oft kommt es im Rahmen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung zu Selbstverletzungen.
Historisch betrachtet hatten Selbstverletzungen mesitens einen religiösen Hintergrund. So peitschten sich so genannte „Flagellanten“ im mittelalterlichen Christentum, um Buße zu tun. Von ähnlichen Praktiken wurde aber auch schon in vorchristlichen Religionen berichtet. Seit den neunziger Jahren können wir in Europa und Amerika sowie in östlichen Ländern eine Häufung selbst verletzender Verhaltensweisen bei Jugendlichen beobachten. Auch ältere Menschen verletzen sich selbst. Körperliche Schädigungen im Rahmen von stereotypen Selbstverletzungen (etwa bei Autisten oder bei geistig behinderten Menschen) fallen nicht unter SVVt.
In Deutschland wurden bei Jugendlichen Lebenszeitprävalenzraten von 25% und Ein-Jahres-Prävalenzraten von 14% ermittelt. Etwa 4% der Jugendlichen zeigen wiederholt Selbstverletzendes Verhalten (repetitives SVV). Über erwachsenes selbstverletzendes Verhalten gibt es noch keine Erhebungen. Global betrachtet ergibt sich eine Prävalenz1 von SVV im Jugendalter von ca. 19% .
Das sogenannte "Ritzen" bleibt oft unerkannt. Jeder vierte bis fünfte Jugendliche, der sich selbst Schnittwunden oder andere Verletzungen zufügt, wird nicht als Ritzer erkannt. Ein Online-Test soll das ändern. Er will Eltern und Angehörige dafür sensibilisieren, Signale rechtzeitig zu erkennen, die möglicherweise auf selbstverletzendes Verhalten (SVV) hindeuten.

Der Online-Test zum Ritzverhalten wurde entworfen vom Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland (BKJPP). Der Test soll ein "Wachmacher für alle Eltern" sein. Es handelt sich jedoch nicht um einen Diagnosetest; man wolle ausschließlich ein Bewusstsein wecken. Die Eltern sind meistens ahnungslos oder schauen erst gar nicht mehr richtig hin, weil Beruf und Alltag sie zu sehr ablenken. So kommt es, dass viele betroffene Jugendliche ihre Erkrankung über Jahre hinweg sehr effizient vor ihrer Umwelt verbergen können. Dieses andauernde Versteckspiel ist folgenreich, weil SVV Suchtcharakter hat und auch zum Teil ein erhöhtes Suizidrisikonach sich zieht. Bei frühzeitiger Diagnose und Behandlung sind die Heilungsaussichten besser und ein chronisches Ritzen kann verhindert werden.

Den meisten Betroffenen geht es gar nicht darum, unerkannt zu bleiben - Ritzen ist nämlich ein Hilferuf. Die Botschaft an das Umfeld laute: "Eigentlich fühle ich mich hundeelend. Merkt das denn keiner?" Oft eignen sich die Betroffenen zusätzlich merkwürdige Angewohnheiten an. So tragen sie im Sommer lange Pullover und ziehen die Ärmel bis zum Daumen vor, um ihre Wunden zu verdecken. Doch auch scheinbar harmloses Verhalten kann ein Hinweis sein, etwa das wiederholte Aufreißen von verheilenden Wunden oder wenn Kinder sich ständig wegen angeblicher Mückenstiche kratzen.

Wie sollten die Eltern reagieren, wenn sie einen Verdacht haben? Bedachtes Handeln ist angesagt. So sollten die Eltern im Moment des Entdeckens nicht gleich loslegen, sondern erst mal durchatmen und später möglichst ruhig und gelassen auf das Kind zugehen. Blockt der Jugendliche ab, dann sollte man nicht die Geduld verlieren und einen erneuten Anlauf machen oder das Gespräch über Lehrer und Freunde suchen. Der Gang zum Experten sollte natürlich nur in Absprache mit dem Kind geschehen.

Die letzten 30 Jahre hat selbstverletzendes Verhalten stark zugenommen. Betroffene greifen dabei zu scharfen oder spitzen Gegenständen wie Rasierklingen, Glasscherben, Sicherheitsnadeln oder Scheren. Andere verletzen sich mit Zigaretten oder Bügeleisen oder schlagen mit dem Kopf gegen die Wand. In seltenen Extremfällen kommt es sogar zu Knochenbrüchen.

Etwa 800.000 Menschen in Deutschland haben sich in ihrem Leben mehrmals selbst verletzt, darunter sind viele Jugendliche. Eine zuverlässige Statistik über die Häufigkeit von SW in Deutschland liegt jedoch noch nicht vor. Die europäische Studie "Child and Adolescent Self Harm in Europe (CASE)" schätzt, dass circa vier bis zehn Prozent der 15- bis 16-Jährigen betroffen sind. Befragt wurden über 30.000 Jugendliche in diesem Alter, unter anderem in England, Norwegen und den Niederlanden. Die Mädchen verletzen sich häufiger als die Jungen. Frauen richten nämlich, anders als Männer, Aggressionen eher gegen sich selbst. Auch gehört SVV oft zu Borderline- oder Essstörungen - Erkrankungen, unter denen hauptsächlich Frauen leiden.

Ritzattacken werden oft durch belastende Ereignisse ausgelöst, von denen sich die Jugendlichen überfordert fühlen. Zum Beispiel Unfälle, Operationen, chronische Krankheiten, Missbrauch, Konflikte in der Familie. Oder die Trennung der Eltern. Der Betroffene möchte mit dem Ritzen die Anspannung abbauen. Der Körper schüttet nämlich während einer Verletzung Glückshormone aus, Endorphine, die erst einmal zu einer Schmerzunterdrückung führen. Diese Endorphin-Ausschüttung kann das Bedürfnis nach Wiederholung nach sich ziehen, wenn insgesamt eine schlechte Grundstimmung vorherrscht. Wir wissen noch nicht, warum einige Jugendliche anfälliger sind als andere. SVV könnte womöglich auf Störungen der Impulskontrolle und auf einem Mangel des Hirnbotenstoffs Serotonin beruhen, der auch bei Depressionen eine Rolle spielt. Auch eine genetische Komponente für das Ritzen ist nicht ausgeschlossen.

Eine Therapie kann den Betroffenen helfen. Die Patienten lernen dabei, Spannung abzubauen, ohne sich selbst zu verletzen. Knapp 100 Methoden zum Spannungsabbau werden vorgestellt. Man kann anfangs ausweichen auf andere starke Reize, wie etwa Beißen in Chili, eiskaltes Duschen oder heftige Geruchsreize wie Ammoniak. Später sucht man gemeinsam nach sozial sinnvollen Spannungslösern, etwa Sport statt Chili.

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zum Online-Test für das Ritzerverhalten
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  • 1. Die Prävalenz (von lateinisch praevalere, ‚sehr stark sein‘) oder Krankheitshäufigkeit ist eine Kennzahl der Gesundheits- und Krankheitslehre (Epidemiologie) und sagt aus, wie viele Menschen einer bestimmten Gruppe (Population) definierter Größe an einer bestimmten Krankheit erkrankt sind. In der Regel kann die Prävalenz einer Krankheit bzw. Störung in einer Population nur geschätzt werden, da eine vollständige Testung der Population zu aufwendig oder nicht alle Individuen zugänglich wären. Wie auch die Inzidenz ist die Prävalenz damit eine relative und approximative Größe.

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