Mittel gegen Erschöpfung und Ausbrennen

Ihre Grenze bedachte sie nicht - Von Mitteln gegen Erschöpfung und Ausbrennen

Risiken der Selbstüberschätzung

Eine unrealistische Selbstüberschätzung ist stets riskant. Der Wille zur Macht kann einen erblinden lassen; das macht ihn besonders gefährlich. Im Buch der Klagelieder beklagt ein frommer Israelit seinen Schmerz über den Untergang der Stadt Jerusalems im Jahre 586 vor Christus. Die ganze Stadt hat derart schwer gesündigt, dass sich alle Welt vor den Bewohnern ekelte. Ein Grund ihres Fehlverhaltens war: „Ihre Grenze bedachte sie nicht. Entsetzlich ist sie gesunken, keinen hat sie als Tröster." (Klg 1,9) Wegen der Nichtbeachtung der eigenen Grenze ist sie in den Staub gesunken. Israel hatte die eigene Kraft gänzlich überschätzt. Mit fremden Mächten hat es taktiert in der Meinung, dadurch seine Macht zu erhalten. Die Könige waren blind für die weltpolitischen Zusammenhänge. Sie ignorierten die eigene Bedeutungslosigkeit und Begrenztheit. Das führte dann zum Untergang der Stadt und zur babylonischen Gefangenschaft. Israel ist dabei nicht nur fürchterlich gesunken, sondern hat auch den Tröster verloren. Die Menschen um sie herum haben das Gefühl, die Stadt sei selbst an ihrem Untergang schuld.

Der historische Bezug der Stadt Jerusalem gilt auch für uns heute noch. Der Bezug gilt sowohl für Gesellschaften, als auch für den einzelnen Menschen. Wer die eigene Grenze nicht beachtet, der übernimmt sich auch. Solche Leute bauen sich einen Turm, zu dem sie nicht die Mittel haben. Schon Jesus hat uns davor gewarnt, das Lebenshaus größer zu beginnen, als es der eigenen Psyche entspricht: „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen." (Lk 14,28-30) Wer also seine eigene Begrenztheit nicht anerkennt, der erntet automatisch Spott und Schadenfreude, sobald die Menschen seine Selbstüberschätzung wahrnehmen. Es gilt dann Bemerkungen hinzunehmen wie: „Der hat schon immer seine Nase zu hoch getragen. Der glaubt immer, alles besser zu wissen." Die Menschen, welche sich ein zu hohes Bild von sich selbst machen, beginnen, sich ein Lebenshaus zu errichten, für das die Mittel ihrer Intelligenz, ihrer Willenskraft und ihrer psychischen Möglichkeiten nicht ausreichen. Das kommt öfter vor als man denkt. Wenn etwa jemand auf der Karriereleiter höher steigt, als es seiner Fähigkeit entspricht. Er sich wird wohl nicht eingestehen, dass er mit der Aufgabe gänzlich überfordert ist, sondern sich nach außen hin selbstbewusst zeigen.
Solch ein Mensch verbraucht seine Energie, um die Fassade eines selbstsicheren Menschen aufrechtzuerhalten. Doch kauert hinter dieser Fassade ein kleines, ängstliches Ich. Dieses kleine Ich möchte sich nicht blamieren und hält dann an der Fassade fest. Das Kartenhaus bricht jedoch irgendwann zusammen. Der nach außen hin so selbstsicher Wirkende erfährt dann kein Mitleid, sondern erntet nur noch Spott. Wie das Klagelied schon feststellt: „Er findet keinen Tröster."

Realistische Selbsteinschätzung

Zu einem gelingenden Leben gehört auch, sich in seiner Begrenztheit zu erkennen, anzunehmen und zu lieben. Es ist nun mal eine Tatsache, dass unser geistiges und seelisches Potential beschränkt sind. Zwar kann und soll ich versuchen, diese Grenzen zu erweitern, doch geht das nicht beliebig. Der Körper hat Grenzen. Es existieren körperliche oder seelische Grenzwerte, die, wie Erni sagt, „bei Missachtung zur Selbstzerstörung fuhren"1. Überfordere ich mich ständig, dann werde ich irgendwann eine Grenze überschreiten, die direkt in die Krankheit mündet.

Einer der Gründe dafür, sich selbst zu überfordern, ist das ständige Sich-Vergleichen mit anderen. Man verliert jedes Gespür für seine Grenzen, weil ich von mir fordere, genauso viel zu arbeiten wie der Nachbar oder genauso viel Geld zu verdienen wie ein Bekannter. Die Menschen, die auf diese Weise und aufgrund einer solchen Motivation über ihren Verhältnissen leben, die schaden sich selbst nachhaltig. Seele und Leib werden rebellieren und das Individuum auf diese Weise dazu zwingen, innezuhalten.

Die Psychologie bezeichnet dieses Phänomen als psychisches Dekompensieren2: Der betroffene Mensch hat seine emotionale und psychische Grenze nicht bedacht und die anderen zu nahe an sich herankommen lassen. Oder aber er hat die äußere Belastung nicht wahrgenommen und schlichtwegs ignoriert. Er hat sich überfordert, indem er immer weiter gearbeitet hat, ohne auf seine psychische Grenze zu achten. So hat er nach und nach die Fähigkeit verloren, sich in seiner Begrenztheit überhaupt noch wahrzunehmen. So ist er baff davon erstaunt, dass der Körper auf einmal so heftig reagiert, und weigert sich, die Signale des Körpers ernst zu nehmen. Mit einem Male kann er nicht mehr schlafen. Und er ist nicht mehr dazu in der Lage, abzuschalten. Er gewinnt den Eindruck, die ganze Welt stehe still oder gehe bald unter. Er vermag es nicht mehr, die eigene Psyche zu steuern. Maßlosigkeit macht krank. Ein gesunder Realismus hinsichtlich der eigenen Möglichkeiten kann solche Krankheiten verhindern.

Das Burnout-Syndrom: Zwei Gegenmittel

Heute spricht alle Welt vom sogenannten „Burnout-Syndrom". Wir finden es besonders häufig bei Menschen, die in sozialen Berufen tätig sind: bei Lehrern, Seelsorgern, Ärzten bzw. im Pflegeberuf Tätigen oder bei Psychologen. Nur wer brennt, der kann auch ausbrennen. Sozial tätige Menschen haben verfolgen oft hohe Ideale - sie möchten ganz für andere da sein. Dieses Ideal macht sie nicht selten blind für die eigenen Bedürfnisse. Sie geben ständig, empfangen jedoch kaum etwas. Anfangs bereitet es ihnen einen großen Spaß, sich für andere hinzugeben. Wird ihr Einsatz aber nicht entsprechend honoriert oder gar ausgenutzt, dann erfolgt eine Reaktion von Bitterkeit, Zynismus und Ironie. Weil sie auf sich zu wenig geachtet haben, werden sie auf einmal innerlich hart, nicht nur sich selbst gegenüber, sondern auch zu denen, denen sie eigentlich helfen möchten. Der anfängliche Idealismus ist verflogen und es bleibt ihnen ein Scherbenhaufen der Enttäuschung und das Gefühl, ausgenutzt worden zu sein.

Gegen ein solches „Ausbrennen" ist ein Kraut gewachsen - es gibt zwei Gegenmittel:

Das erste Mittel hat zu tun mit den äußeren Faktoren. So muss ich mein Maß erkennen, innerhalb dessen ich anderen geben kann. Es gilt, die Signale des Körpers wahrzunehmen, wenn es mir zuviel wird und ich mich im buchstäblichen Sinn „verausgabe": Dazu benötige ich die Fähigkeit,mich abzugrenzen. Dazu muss ich lernen, mir freie Zeiten zu reservieren, die ich für mich als heilig erachte. Zudem bedarf es der Beschränkung der Arbeit. Dazu muss ich wissen, wie viel ich mir zumuten kann und darf. Natürlich darf ich auch ab und an meine Grenze überschreiten - denn ich erkenne meine Grenze erst dann, wenn ich über sie hinausgegangen bin. Doch ist es angesagt, nicht lange Zeit über meine Verhältnisse zu leben und die eigene Grenze ständig zu verletzen.

Das zweite Mittel bezieht sich wiederum auf die innere Einstellung. Wer anderen deshalb gibt, weil er selbst nach Zuwendung lechzt, der ist schnell verausgabt. Immer dann, wenn uns Erschöpfung plagt, dann ist das ein Zeichen dafür, dass wir nicht aus der inneren Kraft heraus leben, sondern aus trüben Quellen schöpfen. So sprudelt in jedem von uns eine Quelle des Heiligen Geistes, die uns erfrischt und immer mit neuer Energie versorgt. Doch schöpfen wir nur allzu oft etwa aus der Quelle des Perfektionismus oder des Ehrgeizes, aus der Quelle der eigenen Bedürftigkeit oder aus der Quelle kranker Lebensmuster.
Gebe ich nun laufend, um endlich gesehen zu werden, dann verliere ich allmählich das Gespür für meine Grenze. Und weil ich meine Grenze ignoriere, verausgabe ich mich nur. Eine Frau erzählt etwa, dass sie das ganze Haus geputzt und schön geschmückt hat. Ihr Anspruch war es, dass ihr Partner endlich einmal wahrnehmen sollte dass sie einen guten Geschmack habe, und wie gut sie für ihn und die Familie besorgt ist. Der Mann kehrte von der Arbeit zurück und nahm nichts wahr. Die Frau war natürlich maßlos enttäuscht.. Schließlich hatte sie sich doch vor allem für ihn verausgabt, um endlich gesehen zu werden und Anerkennung zu finden. Lassen wir einmal die Unachtsamkeit des Ehemannes beiseite - auch für diese Frau gilt: Sie gab, um Zuwendung zu erhalten und verlor das Gespür für sich selbst und für die eigene Grenze. Sobald ich mit mir nicht mehr in Berührung bin, dann habe ich auch kein Augenmaß für meine Grenzen mehr.

Innere Gelassenheit als Ziel

Nicht wenige Menschen missachten jahrelang ihre Grenze. Dann setzt sich irgendwann der Körper gegen den Raubbau zur Wehr und wird krank, oder die Seele lehnt sich gegen die stete Überforderung auf. In Folge kommt es zu psychischer Erkrankung mit Depressionen. Im Extremfall können sogar psychotische Schüben folgen. Oder aber der Betroffene Mensch wird aggressiv - anstatt sich für die anderen zu verausgaben, kämpft er nun gegen sie an. Die Seele eines solchen Menschen hört auf damit, sich noch um die anderen zu kümmern, dann wird er nur noch egoistisch und seine Gedanken und sein Tun kreisen um die eigenen Bedürfnisse. Gerade in solchen Situationen ist es wichtig, das richtige Maß für sich zu entdecken. Dieses Maß findet sich nur, wenn wir mit uns selbst in Berührung kommen.

Hilfreich dabei, mit sich selbst in Berührung zu kommen, sind das Gebet und die Meditation. In der Meditation geleitet mich der eigene Atem zur inneren Quelle, zur Quelle des Heiligen Geistes Schöpfe ich aus dieser Quelle, dann sprudelt das Leben aus mir heraus. Empfinde ich Lust an der Arbeit, dann werde ich auch nicht so leicht erschöpft. Zwar verspüre ich eventuell Müdigkeit, doch es ist eine gute Müdigkeit. Und ich habe auch das Gefühl, etwas geleistet zu haben.
Erschöpft und ausgebrannt zu sein das ist etwas ganz anderes: Ich verspüre in mir ein Gefühl von Leere und Unzufriedenheit. Diese Müdigkeit lähmt mich. Trotz der Erschöpfung vermag ich nicht zu schlafen.
Aus diesem Grunde ist es gar so wichtig, auf die Signale von Seele und Leib zu hören: Was empfinde ich gerade? Unzufriedenheit, Erschöpfung, Ausgebranntsein, Härte und Bitterkeit? Wenn mich solche Gefühle plagen, dann sind das eindeutige Symptome dafür, dass ich aus einer trüben Quelle schöpfe.

Um nun mein persönliches Maß und die mir angemessene Grenze ausfindig zu machen, bedarf es der Beachtung sowohl der inneren als auch der äußeren Aspekte. Es genügt beileibe nicht, sich an die äußeren Grenzen zu halten, wenn die innere Einstellung gegen mich selbst aufbegehrt. Schöpfe ich nun aus einer trüben Quelle, dann kann ich mir enge Grenzen setzen und finde dennoch nicht meinen inneren Frieden. Trotz allem fühle ich mich völlig erschöpft und gänzlich überfordert. In diesem Falle bedarf es der inneren Gelassenheit.
Der hl. Benedikt fordert vom Cellerar, dieser solle seine Arbeit mit Gleichmut — „aequo animo" — verrichten. Um dieses innere Gleichgewicht herzustellen, bedarf es der Beziehung zu meiner inneren Quelle. Strömt meine Arbeit aus dieser Quelle, dann verkenne ich auch nicht meine Grenzen.
Dabei bin ich natürlich nicht dazu gezwungen, meine Grenzen ängstlich festlegen. Das innere Gleichgewicht signalisiert mir, dass ich innerhalb meiner eigenen Grenzen wirke. Sobald jedoch andere Gefühle in mir hochkommen wie Härte, Unzufriedenheit oder das Gefühl, ausgenutzt zu werden, dann kann ich erkennen, dass ich nicht mehr im Einklang mit meinen inneren und äußeren Grenzen bin. Spätestens jetzt ist es an der Zeit, bewusst gegenzusteuern.

  • 1. Margrit Erni, Grenzen erfahren, Ölten 1978
  • 2. Als Dekompensation (von lat. decompensatio = ‚Unausgeglichenheit‘, ‚Entgleisung‘) bezeichnet man in der Medizin den Zustand eines Patienten, wenn dessen Körper die Fehlfunktion eines Organsystems nicht mehr ausgleichen, das heißt kompensieren kann, so dass die Symptome der Organstörung offen zu Tage treten. Der Dekompensation geht oft eine Phase der kompensierten Störung voraus, während der noch keine oder nur geringfügige Symptome bestehen.

    Umgangssprachlich und im Medizinerjargon wird Dekompensation gelegentlich auch in einem übertragenen Sinn gebraucht: „Jetzt ist er völlig dekompensiert“ kann dann auch bedeuten, dass eine Person für psychisch auffällig gehalten wird. (zitiert aus Wikipedia)

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