Voraussetzungen für ein gedeihliches Miteinander

Er verschafft deinen Grenzen Frieden - Von Voraussetzungen für ein gedeihliches Miteinander

Eine Verheißung

In einem chinesischen Märchen, das eigentlich eine Verheißung und einen Traum vom Frieden illustrier, stehtt:

„Als der Krieg zwischen den beiden benachbarten Völkern unvermeidlich war, schickten die feindlichen Feldherrn Späher aus, um zu erkunden, wo man am leichtesten in das Nachbarland einfallen könnte. Und die Kundschafter kehrten zurück und berichteten ungefähr mit den gleichen Worten ihren Vorgesetzten, es gäbe nur eine Stelle an der Grenze, um in das andere Land einzubrechen. Dort aber, sagten sie, wohnt ein braver, kleiner Bauer in einem kleinen Haus mit seiner anmutigen Frau. Sie haben einander lieb, und es heißt, sie seien die glücklichsten Menschen auf der Welt. Sie haben ein Kind. Wenn wir nun über das kleine Grundstück in Feindesland einmarschieren, dann würden wir das Glück zerstören. Also kann es keinen Krieg geben. Das sahen die Feldherren denn auch wohl oder übel ein, und der Krieg unterblieb, wie jeder Mensch begreifen wird."

An der Grenze lebt also ein glückliches und frommes Paar mit seinem Kind und aus diesem Grunde darf die Grenze nicht verletzt werden: Das wiederum stellt ein schönes Bild dar für den Frieden, den Gott unseren Grenzen verheißt. Das kommt uns zu unrealistisch vor. Die Tyrannen dieser Welt und die Wirtschaftsriesen werden sich nämlich kaum um das Glück eines Bauern und seiner Frau scheren. Da zählen die eigenen Interessen und diese gehen vor. Trotzdem haben die Mächtigen sehr wohl ein Gespür dafür, dass man Glück nicht einfach zerstören darf. Es leben an jeder Grenze dieser Welt Menschen, die sich nichts anderes wünschen als friedlich miteinander zu leben - als zufrieden und glücklich zu werden. Dazu kommt, dass jede Grenzverletzung das Glück von Menschen zerstört. Lassen sich nun die Mächtigen dieser Welt vom Glück der kleinen Leute berühren, dann wird Gottes Verheißung auch wahr: Er verschafft unseren Grenzen Frieden.

Die Bibel ist voller wunderbarer Bilder von diesem Frieden, den Gott den Grenzen der Menschen nicht nur verheißt, sondern auch schenkt. Denken wir nur an den Psalm 147: „Jerusalem, preise den Herrn, lobsinge, Zion, deinem Gott! Denn er hat die Riegel deiner Tore festgemacht, die Kinder in deiner Mitte gesegnet; er verschafft deinen Grenzen Frieden und sättigt dich mit bestem Weizen." (Ps 147,12-14) Wir sehen das Bild einer friedlichen Stadt mit sicheren Toren, die das Eindringen der Feinde verhindern. Innerhalb der Grenzen dieser Stadt haben die dort lebenden Menschen das Gefühl, gesegnet und geschützt zu sein. Diese Menschen haben Anteil an der Fülle des Lebens, welches Gott ihnen schenkt. Zudem dürfen sie dankbar den Weizen genießen, mit dem Gott sie sättigt.

Politische und religiöse Grenzziehung

Die Verse aus Psalm 147 lassen sich sowohl politisch als auch psychologisch interpretieren. Politisch ausgelegt zeigen die Zeilen, wie wichtig es ist, dass die Völker ihre eigenen Grenzen und die Grenzen der Nachbarvölker anerkennen. Kriege sind stets Grenzverletzungen, da ein Volk seine Grenzen auf Kosten anderer Völker ausweiten möchte. Das führt zum Kampf. Sind die anderen Völker dann stärker geworden sind, dann werden sie wiederum zurückschlagen und ihre Grenzen weit in das eigene Gebiet hinein ausdehnen.
Frieden benötigt klare Grenzen und die gegenseitige Anerkennung dieser Grenzen. Nicht umsonst waren den Menschen der Antike Grenzen heilig.

Den Israeliten waren nicht nur die politischen Grenzen wichtig; eine gewichtige Rolle spielte auch die religiöse Grenzziehung, die sie vor allem in der Fremde vollzogen. Die Juden waren zu Lebzeiten von Jesus in der ganzen Welt verstreut. Doch grenzten sie sich klar ab von den Gewohnheiten ihrer Mitmenschen. Der Israelit hielt die Gesetze ein, beachtete die Speisevorschriften und war beschnitten.
Die religiösen Grenzen verhalfen den Juden, die Gruppenzugehörigkeit zu stärken und die eigene Identität in der Fremde zu wahren. Heute laufen wir Gefahr, die religiöse Identität immer mehr aufzugeben. Man passt sich den gesellschaftlichen Verhältnissen an und traut sich nicht mehr, sich in gesunder Weise abzugrenzen. Abgrenzung steht dabei nicht für Abschottung. Das ist auch gut so - denn wer ein Getto erzeugt, der kann die Aggression gegen die Menschen in seiner Umgebung schüren. Wer wiederum die Grenzen auflöst, der verliert an Kraft und Klarheit. Er wird bald nicht mehr wissen, wer er eigentlich ist und aus welcher Wurzel er lebt.

Partnerschaft - Grenzen nach innen und außen

Was nun im politischen Bereich Geltung hat, das ist auch von Wichtigkeit für die persönlichen Beziehungen. In der Ehe, in der Gemeinschaft mit anderen und bei der Arbeit sind wir gehalten, unsere eigenen Grenzen zu beachten und die des anderen respektieren. Viele Ehen gehen daran zugrunde, dass einer dauernd die Grenzen des anderen überschreitet, alles vom anderen wissen will, ihn ständig kontrolliert und immer wieder in ihn eindringt. Gerade das Gelingen einer engen Beziehung hat zu tun mit einem guten Umgang mit den eigenen Grenzen und den Grenzen des anderen. In der Phase des Verliebtseins ist das besonders wichtig. Die Psychotherapeutin Margrit Erni weist auf die
Gefahr dabei hin: „Die Faszination der ersten Liebe will Grenzen nicht wahrhaben, sie hält Unmögliches für erreichbar, fordert, überfordert und zerbricht." 1 Der verliebte Mensch neigt dazu, alle Unterschiede überspringen zu können. Man bemerkt jedoch sehr schnell, dass man nicht nur den Partner oder die Partnerin geheiratet hat, sondern die ganze Familie und ihr soziales und kulturelles Umfeld. Auch der Altersunterschied ist zu beachten. Denn nach wenigen Jahren schon erfährt man schmerzlich, wie alt oder jung der Partner ist und wie weit man innerlich voneinander entfernt ist, gerade weil man die Unterschiede nicht wahrhaben wollte.

In der Ehe machen beide Partner die leidliche Erfahrung, dass sie schicksalsgegebene Grenzen in sich tragen. Denn jeder der beiden hat durch seine Erziehung etwas mitbekommen, was er nicht einfach so ablegen kann. Im Miteinander stellt sich dann heraus, dass die Reaktion auf das Verhalten des anderen von den eigenen Vater- und Muttererfahrungen bestimmt ist. Diese Wahrnehmung stellt einen schmerzlichen Erkenntnisprozess dar. Und nur derjenige, der sich auch dieser Prägungen bewusst wird, kann
sich mit ihnen aussöhnen und sie auf diese Weise langsam überschreiten. Jürg Willi hat sich als Therapeut intensiv mit dem Gelingen der Zweierbeziehung auseinandergesetzt; er meint, die Ehe gelinge nur, wenn die Ehepartner Grenzen nach innen und nach außen ziehen. Und zwar müssen sich die Eheleute nach außen erst einmal gegenüber ihren Ursprungsfamilien abgrenzen: „Der Partner erhält eindeutig Vorsprung vor Eltern und Geschwistern. Neurotisierte Familien hingegen versuchen oft mit verschiedenen Abwehrmanövern, den Sohn oder die Tochter weiter an sich zu binden, sie nicht freizugeben."2 Die neu gegründete Familie ist also gehalten, sich zunächst einen eigenen Schutzraum zu schaffen. Innerhalb dieses Raumes kann sie erst den Frieden erfahren, den die Bibel den Grenzen verheißen hat.

Ist die Familie dann endlich gut zusammengewachsen, dann wird sie das eigene Haus auch anderen gerne öffnen. Die Eltern müssen sich auch gegenüber den Kindern gut abgrenzen. So dürfen sie nicht jede Spannung den Kindern zeigen. Schädlich ist es, wenn der Vater oder die Mutter in Konflikten, die mit der Partnerschaft zu tun haben, die Grenze zum Kind überschreitet und das Kind für sich als Ratgeber oder Verbündeten benutzt, dem man alles über den schwierigen Ehepartner erzählt. Das Kind wird überfordert durch diese Grenzüberschreitung und es wird Wirkungen in ihm erzeugen.

Erni führt weiterhin aus, dass für eine Partnerschaft eine Grenzziehung nach innen ebenso wichtig ist. „Der symbiotischen Beziehung fehlt eine gesunde, innere Abgrenzung; man möchte ganz eins sein, sich an den anderen verlieren, in ihm aufgehen. Dieses romantische Ideal der Harmonie bedarf nach außen eines besonders starken Schutzwalls: Die eigene Idylle, die als einmalig erlebt wird, darf durch keine fremden Einflüsse gestört werden."3 Zuviel Nähe und ständiges Einssein verhindern dann, dass der einzelne ganz er selbst ist. Man kann nämlich nicht mit dem anderen eins sein, ohne dabei seine Identität zu verleugnen. Hans Jellouschek
spricht dabei vom Totalanspruch an den anderen4. Ist man verliebt, dann hat man gerne den Eindruck, man würde sich genügen; man bräuchte keine anderen Freunde und frönt der Illusion vom wunschlosen Glück.
Dieser Zustand erhält sich jedoch nicht lange. Die Ehe nimmt Schaden. Jellouschek geht davon aus, dass dieser Totalanspruch auf den Ehepartner dem Ausdünnen des zwischenmenschlichen Klimas geschuldet sei. Es kommt zur Reduktion im Beruf und in der Gesellschaft auf reine Sachbeziehungen, „die den Menschen hungrig und durstig nach Wärme und Geborgenheit zurücklassen. Das hat natürlich Folgen für das Zusammenleben des Paares. Das Bedürfnis nach echter Beziehung richtet sich auf den einen, einzigen Partner. Von ihm wird erwartet, dass er das Loch, das tagsüber entstanden ist, am Abend, wenn man sich wieder trifft, nun endlich auffüllt."

Vorraussetzungen guter Zusammenarbeit

Auf Arbeit gibt es häufig Schwierigkeiten, wenn Bereichsleiter ihre Grenzen überspringen und sich andauernd in die Bereiche anderer einmischen. Statt sich um die eigenen Probleme zu kümmern, wühlen sie in den Problemen der anderen. Ein guter Arbeitsprozess verlangt, dass die gegenseitigen Grenzen eingehalten werden. Redet mir laufend jemand in meinen Bereich hinein oder übernimmt dieser Jemand auch noch Aufgaben erledigt, die in mein Ressort fallen, dann ärgert es einen gewaltig. Sand kommt ins Getriebe. Klare Abgrenzungen sorgen dafür, dass alle gerne und gut arbeiten. Gelingende Zusammenarbeit setzt zudem eine gute Abstimmung voraus. Das hat wiederum zu tun mit der Öffnung der eigenen Grenzen gegenüber den anderen Bereichen in der Firma. Firmen, in denen jede Abteilung ein eigenes Imperium aufbaut, das sie den anderen gegenüber abschottet, ziehen aus Angst oder aus einem übertriebenen Machtbedürfnis heraus zu enge Grenzen. Eine richtige Zusammenarbeit ist mit solchen Menschen kaum möglich, da sie nur am eigenen Reich interessiert sind. Hier sind eine klare Grenzziehung und eine gute Durchlässigkeit der Grenzen gefragt. Darin liegt nämlich die Voraussetzung für ein friedliches und gedeihliches Zusammenarbeiten.

  • 1. Margrit Erni, Grenzen erfahren, Ölten 1978
  • 2. Jürg Willi, Therapie der Zweierbeziehung
  • 3. Margrit Erni, Grenzen erfahren, Ölten 1978
  • 4. Hans Jellouschek, Die Kunst als Paar zu leben, Stuttgart 1992

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