Grenzen schaffen Beziehung

Grenzen schaffen Beziehung - Von der Angst vor Liebesverlust und von gelingender Liebe

Eine neue Qualität der Beziehung

Viele Menschen haben grosse Schwierigkeiten damit sich abzugrenzen weil sie schlichtwegs Angst davor haben sich damit unbeliebt zu machen; sie befürchten, eine Beziehung zu stören oder gar abzubrechen oder aber abgelehnt zu werden. Doch verhält es sich im Grunde genommen genau umgekehrt: Gerade die Bejahung der eigenen Grenzen erlaubt gesunde Beziehungen. Meistens versteht der andere das Nein und respektiert dieses auch. Dieses Nein erlaubt es zusätzlich, über die Situation des Fragers ehrlicher zu sprechen als wenn ein vorschnelles Ja gesprochen worden wäre. Das Nein steht ja nicht für eine Ablehnung des Gegenübers, sondern beinhaltet das Angebot, mit dem anderen in Beziehung zu treten auf eine Weise, die beiden Parteien gut tut.
Natürlich bin ich vielerorts beliebt, wenn ich überall gleich zusage. Dieses automatisierte Ja-Sagen versperrt jedoch in Wirklichkeit eine gesunde Beziehung. Denn erst dann, wenn ich mich klar abgrenze, dann können die anderen von mir lernen und Mut schöpfen, sich selbst klar abzugrenzen. Indem ich ihnen erlaube, ebenfalls Nein zu sagen, befreie ich sie von ihrem schlechten Gewissen. Sie erlangen also mehr Freiheit und gewähren mir dieselbe.
In der Bibel finden sich auch Beispiele dafür, wie Abgrenzung Beziehung schafft: Der auferstandene Jesus begegnet im Neuen Testament der Maria von Magdala (Joh 20, 1 - 18). Maria ist schon sehr früh aufgestanden und voller Sehnsucht zu seinem Grab gegangen. Sie sucht den, den ihre Seele liebt. Es geht ihr darum, Jesus nochmals zu sehen und ihn zu berühren - selbst wenn er ja schon verstorben ist. Sie findet das Grab leer vor. Wir lesen davon, dass sie dreimal davon spricht, dass man Jesus aus dem Grab entfernt hat und dass keiner weiss, wo man den toten Körper wohl abgelegt hat. Beim dritten Gespräch sagt sie zu dem vermeintlichen Gärtner „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen." (Joh 20,15) Sie ist der Meinung, sie könne den Leichnam für sich holen und in die Hand nehmen. In dieser Situation spricht nun Jesus Maria mit ihrem Namen an. „Maria! Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf hebräisch zu ihm: Rabbuni!" (Joh 20,16) Die kurze Unterhaltung beschreibt eine Eins-werdung. Wir sehen die Liebe zwischen ihr und Jesus aufblitzen. Und Maria möchte diese Liebe am liebsten festhalten. Sie umarmt Jesus. Dieser spricht jedoch: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen." (Joh 20,17) Wir lesen also, wie sich Jesus abgrenzt. Er lässt sich nicht festhalten, er blockiert ihr Klammern. Doch zerstört diese Abgrenzung nicht die Beziehung der beiden. Ganz im Gegenteil erlaubt die Abgrenzung nun eine Beziehung auf einer ganz anderen Ebene. Jedes Gegenüber hat etwas inne, das völlig unserem Zugriff entzogen ist. Dieses Innerste, das auch in uns ist, diesen "inneren Raum des Schweigens", der nur für uns selbst zugänglich ist, den dürfen wir getrost abgrenzen. Maria von Magdala fühlt sich von Jesus in Liebe angesprochen. Sie hatte eine Begegnung mit ihm. und durfte eine ganz neue Qualität von Beziehung erleben. Diese neue Ebene macht sie nun sowohl glücklich wie auch frei. Nun gelingt es ihr, Jesus loszulassen, weil das Wort der Liebe, das sie zu hören bekam, stärker wirkte als das Nein der Abgrenzung. Das Nein der Abgrenzung vertieft letzten Endes ihre Liebe.

Gefahren in der Liebe

Solche Erfahrungen sind nichts ungewöhnliches: Freundespaare und Ehepaare berichten oftmals davon, dass ihnen zu viel Nähe geschadet hat. Sie bemerken, dass sie immer wieder auch die Distanz benötigen. Erst nach dem Abgrenzen voneinander,dem Sich-loslassen, erfüllt sie wieder mit neuer Lust, aufeinander zuzugehen. Leben Paare zu nahe zusammen, dann nehmen in der Regel auch die Aggressionen zu. Die einen denken nun, sie würden sich nicht genug verstehen. Sie sind erfüllt mit dem inneren Anspruch, sie müssten immer voller Liebe sein, wenn sie zusammen sind. Sie erkennen dabei nicht, dass die Aggression ein Aufruf dazu ist, sich den eigenen Raum zu reservieren. Zu sehr sind sie gefangen in ihrem Ideal von einer immer präsenten Liebe. In der Liebe lauert neben der zu grossen Nähe eine andere Gefahr: Das Benutzen des anderen für mich selbst. Der Psychotherapeut Hans Jellouschek spricht dabei von „Ich-Erweiterung". Dabei sehe ich das Gegenüber nicht mehr in seinem Eigendasein, als den ganz anderen. Ganz im Gegenteil nehme ich den anderen als den wahr, der mir hilft, zu mir selbst zu finden. Es geht mir nur darum, den anderen als Erweiterung meines eigenen Ichs zu benutzen. Jellouschek sieht genau in dieser Haltung einen wichtigen Grund dafür, warum viele Ehen scheitern. Die Partner wollen den anderen in sich hineinnehmen. Sie ignorieren, dass im anderen ein Raum ist, zu dem sie keinen Zutritt haben. Die Begegnung zwischen Jesus und Maria von Magdala lebt es uns vor: Im anderen gibt es ein Geheimnis, das ihn und mich übersteigt. Und die Beziehung kann nur dann gelingen, wenn ich dieses Geheimnis auch achte.
Benutze ich den anderen zu meiner eigenen Selbstverwirklichung, dann werde ich auch ständig enttäuscht sein. Hans Jellouschek setzt gegen diese Tendenz, den Partner für sich zu
gebrauchen, etwas anderes: die Fähigkeit zur Hingabe. Der moderne Mensch hat in der Regel grosse Angst davor, sich hinzugeben. Viele verwechseln die Hingabe mit Selbstaufgabe. Doch ist die Hingabe als Überschreiten meiner Grenze Voraussetzung dafür, wirklich in Beziehung zum anderen zu komme, um mit ihm dann eins zu werden.

Jellouschek weiß noch einen zweiten Weg für gelingende Beziehungen. Das Paar muss letzten Endes eine ausgeglichene Balance zwischen Ich und Wir, zwischen Autonomie und Bindung und zwischen Geben und Nehmen entwickeln. Möchten wir etwa alles allein machen, dann grenzen wir uns vom anderen derart stark ab, dass kein Wir-Raum entstehen kann, ohne den eine Partnerschaft nicht leben kann.
Eine Beziehung lebt auch davon, dass Geben und Nehmen ausgeglichen sind. Falls einer allein der Gebende ist, dann fühlt er sich irgendwann ausgenutzt. Auch der Nehmende leidet - er wird immer passiver und einfallsloser. Erst dann, wenn beide geben und nehmen, entsteht ein Miteinander, das nicht einengt, sondern befruchtet.
Peter Schellenbaumfn>Peter Schellenbaum, Das Nein in der liebe. Abgrenzung und Hingabe in der erotischen Beziehung, München 1986. spricht vom „Nein in der Liebe", von der „Aggression zwischen Liebenden". Gesunde Beziehungen bedürfen auch der Aggression als abgrenzende und gleichzeitig zupackende Kraft, um lebendig zu bleiben. Erst dann, wenn ich meine
Grenzen auf eine gute Weise verteidige, dann weiss der andere, woran er ist. Erst dann wird er meine Grenzen auch wirklich respektieren und fühlt er sich auch in seinen eigenen Grenzen ernst genommen. Wenn die zwei Partner sich in diesem Sinne klar definieren, können sie gut miteinander umgehen, dann können sie einander besuchen. Dazu werden sie in der Liebe ihre Grenzen oft aufheben, um endlich miteinander zu verschmelzen. Nach der Verschmelzung setzen sie die Grenzen jedoch wieder, um miteinander kommunizieren zu können.

Vom Mut der Klarheit

Henri Nouwen1 berichtet in dem Buch „Ich hörte auf die Stille" von einem mehrmonatigen Aufenthalt im Trappistenkloster Gennessee. Er erzählt von seinen Gesprächen mit dem Abt des Klosters. Nouwen sucht in seinen Gesprächen eine Lösung dafür, sich besser abgrenzen zu können, wenn er wieder daheim ist und der gewohnten Arbeit nachgeht. Der Abt gibt ihm den Rat, klare Zeiten für sich festzulegen, die nur ihm und Gott gehören. Diese klaren Zeiten würden auch Klarheit in die Beziehungen zu seinen Freunden bringen. Denn wenn er sich dazu entschliesst, feste Zeiten für seine Meditation einzuhalten, dann würden ihn seine Freunde in seinem Tun unterstützen: „Ich würde bald entdecken, dass alle, die sich von diesem Lebensstil angesprochen fühlten, an ihm teilhaben wollten. Mit anderen Worten: ein klarer, offenkundiger und genau umrissener Lebensstil würde mir die Möglichkeit geben, bessere Beziehungen zu den Menschen anzuknüpfen, und er würde mir ein Kriterium an die Hand geben, um beurteilen zu können, mit wem ich ein mehr und mit wem ich ein weniger intensives Vertrauensverhältnis eingehen sollte."

Das Gegenüber, das weiss, dass ich unerreichbar bin, weil ich meditiere, wird auch meine Grenze respektieren. Der andere wird mich mit einem guten Gewissen dann anrufen, wenn ich wirklich erreichbar bin. Grenzen schaffen Klarheit in der Beziehung und damit Freiheit.

Das, was Henri Nouwen von den Beziehungen zu seinen Freunden erzählt, gilt ebenfalls für das Miteinander in Familien. Oft haben die Leute Angst davor, das Weihnachtsfest zu begehen und den damit verbundenen emotionalen Ansprüchen zu genügen. Um dem feiertäglichen Zusammensein in der Familie aus dem Weg zu gehen, entfliehen sie dann in die Fremde. Der Grund für diesen Widerstand gegen Weihnachten in der Familie liegt in dem Anspruch, man müsse stets zusammen sein.
Demnach lastet auf diesen Tagen im Dezember: ein starker Druck. Man habe alles gemeinsam zu machen: gemeinsam essen, gemeinsam spielen, gemeinsam in den Gottesdienst gehen. Wenn man dann aber sehr lange „zusammenhockt", dann wachsen oft die Aggressionen. Auch in der Familie benötigen die Mitglieder Freiräume, um das Miteinander geniessen und auskosten zu können.
Entsteht nun ein Zuviel an Miteinander, dann tut das auf Dauer nicht gut. Die Mutter einer Studentin war etwa sauer darüber, dass die Tochter an den Weihnachtstagen einmal allein spazieren gehen wollte. Sie empfand diese Geste schon als Aufkündigung der Familiengemeinsamkeit. Blieb die Studentin jedoch bei der Familie blieb, dann hatten sie sich eigentlich gar nichts mehr zu sagen. Die Hauptsache war also, dass alle zusammen sind: Solche Verpflichtungen sind der Tod jeder echten Gemeinschaft.

„Halte mich nicht festI"

Die Liebe, die klammert, engt den anderen ein und erstickt allmählich die Liebe. Liebe bedarf einer Haltung, die bei Jesu klar formuliert finden: „Halte mich nicht fest!". Denn dann, wenn sich jemand festgehalten fühlt, wird er sich irgendwann gewaltsam loszureissen und zu befreien suchen. Oder aber er entzieht sich immer mehr der Liebe des anderen. Damit Liebe lebendig bleibt, braucht es beides, sowohl Nähe als auch Distanz. Neben dem Verschmelzen steht die Abgrenzung. Unddamit die Liebe auch atmen kann, bedarf sie unbedingt des Gefühls für die tiefste Unverfügbarkeit des anderen, die Anerkennung des Geheimnisses in seiner Person, Nur dann bleibt Liebe auch die Heimat und mutiert nicht zum Gefängnis.
Eine junge Frau fühlte sich etwa in ihrer Ehe wie eingekerkert. Möchte sie etwas ganz allein unternehmen, dann möchte ihr Mann genau wissen, was sie vorhat zu tun. Er wacht eifersüchtig darüber, dass sie ja nichts tut oder denkt, wozu er keinen Zugang hat. Er handelt ganz offensichtlich aus der Angst heraus, sie könne selbständig denken und Schritte tun, die sie in eine Freiheit führen, über die er dann keine Gewalt mehr hat und die sich seinem Machtbereich entziehen. Eine andere Frau erzählt, sie müsse ihrem Mann nach ihrer Einzeltherapie alles erzählen, was in der Stunde vorgefallen ist. Er hat wohl Angst davor, sie könnte etwas von ihm und über ihn erzählen. Der Mann vergönnt seiner Frau nicht einmal den Privatraum der Therapie.
Solche ein Gefängnisse halten erfahrungsgemäss nicht lange. Entweder wird die Partnerschaft zur Hölle auf Erden oder einer von beiden wird mit Gewalt ausbrechen oder sich der Ehe durch Krankheit entziehen. Um das zu vermeiden, hilft nur eines: Sie müssen ihr Beziehung neu gestalten, so dass Vertrauen und Freiheit Raum gewinnen.

  • 1. Henri J. M. Nouwen, Ich hörte auf die Stille, Freiburg 2004.

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