Strategien der Abgrenzung

Strategien der Abgrenzung - Vom notwendigen Selbstschutz

„ Jesus nimmt frei"

Jesus hatte seine Jünger ausgesandt. Diese sollten die Menschen zur Umkehr bewegen, Dämonen austreiben und Kranke heilen. Als sie wieder zurückgekehrt sind, erzählen die Jünger voller Stolz, was ihnen alles gelungen ist Wir können uns denken, wie das alles aus ihnen heraussprudelte, und welche Aufregung vorherrschte, weil jeder von seine Erfahrungen berichten wollte. Jesus handelt nun folgerichtig und befiehlt seinen Jüngern: „Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus. Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein." (Mk 6,31 f)
Jesus wendet eine Strategie der Abgrenzung an. Er stellt fest, dass es ihm nicht möglich ist, jeden einzelnen Bittsteller abzuweisen. Es würde zu viel Energie rauben, jedem einzelnen nein zu sagen oder jedem separat zu erklären, dass man im Moment die Zeit für sich benötigt. Um mit ihnen allein zu sein, nimmt er mit seinen Jüngern einen Ortswechsel vor, um mit ihnen allein zu sein. Dort erst können sie ihm dann in aller Ruhe berichten, wie es ihnen ergangen ist. Zudem können sich ausruhen, um wieder zu Kräften zu kommen. Jesus sucht sich also einen äusseren Schutzraum, um sich von den Menschen abzugrenzen. Diesen benötigt er, um mit den Jüngern allein sein und sich mit ihnen austauschen zu können.
Selbst Jesus hat seine Bedürfnisse und ist nicht unbegrenzt belastbar. Ein Kinderbuch bringt diesen Sachverhalt humorvoll auf den Punkt: , Jesus nimmt frei" lautet der Titel. Darin wird erzählt, wie Jesus sich verausgabt hat und nun beschliesst, einfach für einige Zeit auszusteigen, um sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen. Er erwandert die Gegend und geniesst den Ausblick. Er schlägt Räder und erfreut sich an seiner Bewegung. Mit anderen Augen sieht er den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang. Plötzlich bekommt er aber ein schlechtes Gewissen, weil er denkt, er müsse doch für die Menschen da sein. Sie brauchen ihn doch schliesslich. Der himmlische Vater kommt nun auf den Plan und er zeigt Jesus auf, dass überall dort, wo er aus lauter Freude Räder geschlagen hat, neue Quellen entsprungen sind. Dort, wo er innegehalten hat, um die Sonne zu betrachten, waren Blumen aufgeblüht. Jesus bemerkt, dass seine freie Zeit nicht für umsonst war, sondern mehr Segen gebracht hat als sein angestrengtes Tun.

Konkrete Hilfen

Wer ärgert sich schon nicht jedes Mal darüber, wenn er sich zu etwas überreden hat lassen, was er eigentlich gar nicht wollte? Auch hier gilt es, Strategien zu entwickeln, um sich vor dem Ärger über sich selbst zu schützen und sich besser und entschiedener abzugrenzen.

Zuallererst sollte man am Telefon nie sofort eine Zusage erteilen, sondern sich zuerst eine Bedenkzeit erbitten, um auch die Zeit zu haben, seine Gefühle zu sortieren: Es gilt dann, die Fragen abzuklären:

  • Was spricht dafür?
  • Ist es sinnvoll, dorthin zu gehen?
  • Habe ich Lust dazu?
  • Wehrt sich alles in mir dagegen?
  • Fühle ich mich ausgenutzt?

Nun erst kann man auf sein Gefühl hören. Falls man dann Ablehnung und Widerstand in sich spürt, dann kann man tags darauf klar und entschieden absagen.

Eine weitere Strategie wäre, klare Tabuzeiten für sich zu reservieren. Wer früher selbst am Sonntagnachmittag noch Gespräche angenommen hat. Auch wenn es eigentlich keinen Grund gäbe, nein zu sagen, wenn jemand ein Gespräch haben wollte, würde man sich den Sonntagnachmittag und einen Abend in der Woche reservieren. Hat nun jemand eine Bitte, dann kann man ganz deutlich nein sagen - weil man zu diesen Zeiten nichts annimmt. Das ist die Zeit des Rückzugs, in der man nicht erreichbar ist. Wir alle benötigen in unserem Leben solche Tabuzonen, die einem heilig sind. Das Heilige ist das, was der Welt entzogen ist und Rituale helfen dabei, solche Zonen gegen äussere Einflüsse zu schützen. Die Rituale schaffen so einen heiligen Raum, der von ständigen entfremdenden Anforderungen, die ansonsten auf einen einstürmen, befreit ist Die Zeit, die man sich für sich reserviert, ist deshalb eine heilige Zeit, weil sie für einen selbst einen Wert hat, den man sich von keinen anderen Werten streitig machen lässt. Diese heilige Zeit erlaubt mir, aufzuatmen, mit mir selbst in Berührung zu kommen und mit Gott in Berührung zu sein. In dieser Zeit kann man dann spüren, wie man heil und ganz wird. Die heilige Zeit tut einem gut: In ihr heilen meine Wunden und das, was sich in mir an Trübem angesammelt hat, kann sich wieder klären.

Gott hat den Israeliten die heilige Zeit des Sabbat geschenkt. Der Sabbat dient dazu da, dass das Volk sich ausruhen und sich dem Terror der Termine entziehen kann. Gott fordert das Volk auch dazu auf, den Sabbat zu heiligen. Das Heilige bedarf des Schutzes, weil es sonst seine heilende Wirkung verliert. Die Christen zelebrieren den Sonntag als heiligen Tag. Gerade in unserer Zeit, in der wirtschaftliche Interessen und gesellschaftliche Strömungen den Sonntag immer weiter aushöhlen, ist es ganz besonders wichtig, wenigstens den Sonntag als heilig zu erachten, als eine Zeit, in der niemand über uns bestimmen darf, in der wir das geben dürfen, was unserer Seele und unserem Leib gut tut. Die meisten Menschen stopfen nun selbst den Sonntag mit Aktivitäten zu und verfälschen damit den eigentlichen Sinn des Sonntags, an dem wir uns bewusst abgrenzen sollen von anderen und den Aufgaben und Erwartungen, die uns von aussen angetragen werden.

Eine weitere Strategie wäre, die Anfragen mit einer anderen Person zu besprechen. Dann sehe ich nämlich klarer, wie wichtig das Anliegen wirklich ist. Indem ich das Ganze mit einem anderen durchspreche, erkenne ich, ob ich da wieder meinen alten Mustern erlegen bin, vor allem dem Muster, es allen recht machen zu wollen. Bespreche ich ein Anliegen im Team, dann erhalte ich von den anderen oft Informationen, die mir klar aufzeigen, was da möglicherweise gespielt wird. Ich bringe in Erfahrung, dass die gleiche Gruppe schon jemand anderen in dieser Sache angesprochen hat, wie sie vorgeht und wir können uns überlegen, wie man gemeinsam auf solche Spiele reagieren sollte. Beim Telefonat hatte ich vielleicht den Eindruck, es sei das Wichtigste von der Welt, jenen Vortrag oder Kurs abzuhalten. Wenn das Team das Anliegen bespricht, dann wird erst klar, wie unklar die Vorstellungen des Bittstellers wirklich sind und wie relativ sein Anliegen ist.Vielleicht wollte er nur Druck auf mich ausüben und mir ein schlechtes Gewissen machen. Und in Wahrheit ist er sich selber nicht klar, was er eigentlich möchte.
Dann kann man die Anliegen von aussen in der Supervision vortragen. Gerade dann, wenn wir einem anderen erzählen, wie wir mit unseren Terminen umgehen, merken wir, dass wir immer noch nicht klar und konsequent genug sind.

Kriterien der Klärung

Strategien, wie die oben beschriebenen, helfen dabei, sich auch wirklich abzugrenzen; sie sind nämlich nicht zufällig und nur in einer bestimmten Situation anwendbar. Was sie noch auszeichnet, ist, dass sie von uns eine grundsätzliche Klärung darüber abfordern, was ich eigentlich will und kann. Ohne einer solchen Strategie bleibt der Wunsch nach eigener Abgrenzung nicht selten im Vorsatz stecken, wird also nicht umgesetzt. Natürlich greifen Strategien nicht in jeder Situation. - wir dürfen sie auch nicht verabsolutieren.
Selbst Jesus musste die leidliche Erfahrung machen, dass seine Abgrenzungsstrategien kein voller Erfolg waren. Markus erzählt uns: „ Aber man sah sie abfahren, und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuss aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an." (Mk 6,33) Die Klausur mit den Jüngern fiel also ins Wasser. Die Menschen missachteten die Abgrenzung Jesu und nahmen ihre eigenen Bedürfnisse für absolut. Unbedingt wollten sie diesen Jesus sehen, von dem sie schon so viel gehört haben. Ganz offensichtlich hatten sie damit auch Erfolg. Jesus empfand nämlich Mitleid mit den Leuten: „Denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange." (Mk 6,34) Selbst Jesus war also offensichtlich hin und her gerissen zwischen seinem Bedürfnis, mit den Jüngern allein zu sein, und der Gewissheit um die wirkliche Bedürftigkeit der Leute, die ihre innere Not zu ihm geführt hatte. Da er im Moment keinen anderen sah, der auf diese Not angemessen hätte reagieren können, fühlte er sich von Gott gedrängt, diesen Menschen die Augen für das Eigentliche zu öffnen und ihnen von einem Gott zu erzählen, der sie bedingungslos liebt. Er sah es als seine Aufgabe an, ihnen einen Weg für das Leben zu lehren, weil sie sich ansonsten nur verirrt hätten.
Auch wir sehen uns nicht selten in diesem Spannungsfeld, wenn wir das Bedürfnis verspüren, uns abzugrenzen. Denn schliesslich sind die Wünsche der Menschen, die etwas von uns wollen, ja durchaus berechtigt. Was sollen wir nun tun - unser eigenes Bedürfnis vernachlässigen, um uns auf die anderen einzulassen, weil sie dringend der Hilfe bedürfen ? Solche wichtigen Fragen darf man nicht ignorieren; wir müssen uns ihnen stellen. Dabei ist es von Hilfe, auf das eigene Gefühl zu hören:

  • spricht es mich innerlich frei, mich von meinem eigenen Bedürfnis zu verabschieden und mich den Menschen zuzuwenden? Oder regt sich in mir
    Widerstand?
  • Ahne ich, dass ich bloss ausgenutzt werde? Oder gerate ich in die Falle, dass ich mich selbst überschätze und meine, ich sei der einzige, der hier helfen kann?
  • Antworte ich hier auf einen wirklichen Anruf Gottes? Oder identifiziere ich mich vielleicht mit dem Archetyp des Propheten oder des Missionars oder gar des Erlösers?
  • Glaube ich, dass die Leute mich brauchen, weil ich eine einzigartige Botschaft verkünde?

Es ist ein schmaler Grat zwischen dem notwendigen Hören auf den Anruf Gottes und der möglichen Selbstüberschätzung, die Menschen seien angewiesen auf meine Arbeit und auf das, was ich zu sagen habe. Die Gewissheit, richtig zu handeln, wird sich zeitlebens nicht einstellen. Diese Unsicherheit wird stets unser Begleiter sein.
Das Risiko gehört dazu, aushalten zu müssen, gelegentlich auch beschimpft zu werden: „Sie schreiben so schöne Bücher. Aber für mich haben sie keine Zeit Sie sonnen sich lieber im Erfolg, als sich auf einen Menschen einzulassen, der wirklich in Not ist." Solche Sätze provozieren Schuldgefühle - selbst dann, wenn ich doch genau weiß, dass es nur eine subtile Form von Machtausübung darstellt.
Selbstredend kann ich nie mit absoluter Sicherheit behaupten, ob ich wirklich mit dieser oder jener Entscheidung Gottes Willen erfülle. Aber ich kann für mich klarstellen, dass ich jetzt weder kann noch will. Wir müssen es dem anderen überlassen, unsere Entscheidung zu verstehen oder nicht. Und es gilt auszuhalten, wenn er von mir enttäuscht ist und aggressiv wird.