Wenn alles zu viel wird

Wenn alles zu viel wird - Von Schuldgefühlen und unnötigem Ärger

Ein heilsamer Rückzug

Wer kennt das nicht - da wird einem alles zu viel, eine Sache droht uns über den Kopf zu wachsen oder man weiss einfach nicht mehr weiter. Gerade dann kommt es darauf an, zu seinen Grenzen zu stehen.
Im Lukas-Evangelium können wir lesen, dass sich Jesus immer wieder zum Gebet zurückzieht von seinen Jüngern und den Menschen überhaupt. Da steht etwa geschrieben: „In diesen Tagen ging er auf einen Berg, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott." (Lk 6,12) Jesus fühlt genau, dass er Zeit für sich braucht, eine Zeit, die keine Störung erlaubt. Aus diesem Grunde erfolgt sein Rückzug in die Einsamkeit.Er klagt nicht darüber, dass er ständig befragt wird, dass alle etwas von ihm wollen, sondern zieht einfach die Konsequenz und geht von den Menschen weg auf einen Berg. Genau dort, in der selbstgewählten Einsamkeit findet er den nötigen Freiraum und kommt er im Gebet in Berührung mit seiner inneren Quelle; er wird eins mit dem Vater. Diese Einheit mit dem Vater schützt ihn davor, von den Menschen „aufgesogen" zu werden. Ein andermal verbringt Jesus die ganze Nacht allein im Gebet und wählt er danach aus seinen Jüngern die zwölf Apostel aus. Im Gebet erkannte er, dass er seine Aufgabe an andere delegieren muss, um die eigene Grenze nicht zu verletzen. Jesus akzeptiert also - wie Moses - seine Grenze. Mose setzte nämlich Älteste ein, um sich zu entlasten. Jesus wiederum hat Jünger berufen und schickte sie dann in die Städte der Umgebung; dort sollten sie seine Botschaft unter den Menschen verkünden und die Kranken heilen. Er hat ihnen also die gleichen Aufgaben zugetraut, die er selbst erfüllt hat. Selbst Jesus — Gottes Sohn - stand zu seinen Grenzen.
Die Konfrontation mit den eigenen Grenzen kann starke Schuldgefühle erzeugen; aus diesem Grunde fehlt vielen Menschen der Mut dazu, sich mit den eigenen Grenzen zu beschäftigen und auseinanderzusetzen - sie schrecken davor zurück. Eventuell könnte man sich ja doch noch in diesem oder jenen Projekt einbringen? Eventuell wäre es mir ja doch möglich, noch diesen Vortrag zu halten? Irgendwie wird es schon funktionieren! Andere wiederum lassen sich die Schuldgefühle von Dritten einreden: „Du bist auf einmal recht egoistisch. Du denkst doch immer nur an dich. Du hast gar keinerlei Gespür mehr für meine Bedürfnisse." Sich dagegen zur Wehr zu setzen fällt sehr schwer; und da Schuldgefühle stets eine unangenehme Sache sind, versuche ich lieber, sie zu vermeiden und erfülle ich deshalb allen Erwartungen der anderen gerecht zu werden. Um nun gar nicht erst auf den Gedanken zu kommen, ausgenutzt zu werden, rede ich mir vielleicht sogar ein, ich erfüllte den Willen Gottes; denn schliesslich tue ich ja etwas Gutes damit. Und weil ich gebraucht werde, lasse ich mich gebrauchen. Die Unfähigkeit zur Abgrenzung wird teilweise sogar überhöht, indem sie zur Tugend gemacht wird, auf die man stolz sein kann. Doch wird sich dies beschriebene Haltung irgendwann rächen: Dann, wenn die Grenze einen ereilt und man aggressiv wird - man wird böse auf die Menschen, die stets etwas von einem haben wollen. Diese Aggressivität offenbart wiederum, dass man seine Grenzen nicht akzeptiert. Denn ich werde lieber aggressiv als mir meine eigene Begrenztheit einzugestehen.

Schuldgefühle klären

Die Leiterin eines Altenheims hat sich für die Bewohner des Heims zerschlissen und gänzlich verausgabt. Dabei hat sie ihre Grenzen andauernd überschritten. Als Begründung für ihren pausenlosen Einsatz führt sie Jesu Willen an - dieser verlange doch, sich für die Kranken und Armen einzusetzen. Die religiös motivierte Begründung kaschiert nun ihr eigentliches Bedürfnis, Anerkennung zu suchen. Sich dies einzugestehen würde ihr viel Demut abfordern - einfacher ist es da natürlich schon, sein Bedürfnis nach Anerkennung mit einer positiv klingenden Ideologie zu übermalen. Letzten Endes rebellierte aber die Seele der Heimleiterin und machte ihr unmissverständlich klar, dass ihr spirituell gehaltener Ansatz beileibe nicht dem Willen Gottes entsprach, sondern ihrem Begehren, beliebt zu sein. So suchte sie geistliche Begleitung und berichtete dem Seelsorger, sie könne das eigene Herz nicht mehr spüren und habe das Gefühl für die Sprache ihrer Seele verloren. Deshalb sei es ihr nicht mehr möglich, auf die innere Stimme zu hören. So kam es also, dass ihre fromme Ideologie ihre Ohren verschlossen hatte, so dass sie die leisen Stimmen Gottes in ihrem Inneren nicht mehr hören konnte.
Gerade in einer solchen Lage muss man sich dringend vergegenwärtigen, dass Jesus eine ganze Nacht über auf den Berg ging, um sich im Gebet zu öffnen und um dann Gottes Stimme in der Einsamkeit und Stille wahrzunehmen.

Ein viel beschäftigter Bürgermeister erzählte, dass er körperlich und mental an seine Grenzen gekommen sei. Zwar sei er sehr gerne in seinem Amt und damit auch sehr zufrieden, für die Bürger ein Ansprechpartner zu sein. Doch habe er das Gefühl, dass er sich nicht mehr überregional engagieren möchte. Entsprechend sagen die Parteifreunde, er handle nur egoistisch und denke nur an sich selbst. Dabei bekommt er sogar fromme Argumente zu hören: Schliesslich wolle Gott doch, dass er für die Gemeinschaft die Verantwortung mittrage. Die Vorwürfe liessen in ihm ein schlechtes Gewissen aufkommen und er fragte sich, ob Gott nicht doch von dem Bürgermeister verlange, dass er sich über seine Grenzen hinaus für seine Mitbürger einsetze.
Wir alle sind sehr empfänglich, wenn man uns etwas zutraut; ebenso zeigen wir die Tendenz, die von aussen herangetragenen Schuldgefühle auch zu verinnerlichen. Gegen diese Prozesse können wir uns kaum erwehren. Dennoch gilt es nun, dies auszuhalten. Eben weil die Gefühle von Schuld zur Qual werden, müssen wir uns ihnen stellen und dabei gleichzeitig zu unseren Grenzen stehen.
Dabei habe ich keine Gewähr, ob ich noch mehr Einsatz zeigen könnte oder sollte. Auch kann ich nicht mit endgültiger Sicherheit sagen, was nun wirklich Gottes Wille ist. Ich kann lediglich meinem inneren Gefühl folgen. Und dann, wenn ich in mir einen starken Widerstand verspüre gegen ein Mehr an Verantwortung, dann darf ich darauf bauen, dass dies nun Gottes Wille ist. Schliesslich weiss ich selbst um mein Mass und dieses Mass haben mir andere nicht vorzuschreiben.

Wir müssen unbedingt unsere Grenze gegen Übergriffe verteidigen und riskieren damit auch, dass wir von den anderen, die ihre eigenen Interessen verfolgen, oder vom persönlichen Umfeld als egoistisch hingestellt werden. Gerade die Menschen aus meiner Umgebung haben desmeist ein gutes Gespür dafür, wie sie „herumkriegen" können. Ein wenig Lob und der Zuspruch, niemand sei für die Sache so geeignet wie ich und schon lasse ich mich überreden für etwas, dem ich mit ein wenig ruhigem Nachdenken nie zugestimmt hätte. Die anderen bekommen relativ schnell heraus, wo unsere Achillesferse liegt, durch die sie in uns eindringen können.
Irgendwann bin ich dann verärgert auf diese Menschen, die dauernd etwas wollen von mir. Wenn ich jedoch ehrlich bin, dann bin ich in Wirklichkeit böse auf mich selbst. Schliesslich können die anderen ja gerne fragen, ob ich bereit wäre, dies oder jenes zu tun. Ebenso habe ich das Recht, dies zu verneinen und mich zurückzuziehen, wenn ich das benötige. Dafür muss ich mich nicht einmal rechtfertigen oder entschuldigen. Doch ist der Rechtfertigungsdruck meistens recht enorm.
So fiel es einem Pfarrer recht schwer, aus diesem Druck auszubrechen. Jahr für Jahr hat er versucht, es der Gemeinde recht zu machen. Irgendwann entdeckte er für sich das Bedürfnis nach Kontemplation; er verspürte das tiefe Verlangen, in die Stille zu gehen und zu beten. Der Kurswechsel brachte ihn wiederum in einen heiligen Konflikt mit der Kirchgemeinde, die nicht einsehen wollte, dass ihr Hirte Zeit benötigte zum Gebet. Gerade im Gebet fand der Pfarrer jedoch heraus, was wirklich wichtig war für ihn. So liess er sich auch nicht mehr die Maßstäbe seines Kirchenvorstandes aufdrängen, der ein sehr verbürgerlichtes Christentum vertrat. Zudem gab ihm das Gebet ein feines Gespür dafür, was Gott heute wirklich von einer Gemeinde will und was die eigentlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte der Menschen sind. Auch war er selbstredend nicht mehr so leicht von Wünschen anderer zu manipulieren.

Eine Frau erklärte, mit ihrer Mutter nicht mehr zurechtzukommen Diese trete nämlich nur noch mit Erwartungen und Forderungen an sie.heran. So solle sie wöchentlich zur Mutter auf Besuch kommen und sie täglich anrufen. „Mir ist alles zu viel. Ich spüre, wie schon bei der Fahrt zu ihr der Ärger hochsteigt. Und dann braucht sie nur ein paar Sätze zu sagen, und schon bin ich voller Wut. Ich schreie sie dann an. Dann tut es mir wieder leid." Dabei besteht doch im Grunde genommen kein Grund, auf die Mutter böse zu sein. Es ist ihr gutes Recht, Erwartungen zu haben. Doch ebenso darf die Tochter getrost nein sagen und in aller Ruhe entscheiden, welche Erwartungen sie erfüllen möchte und welche nicht. Der Frau fiel es also schwer, nein zu sagen, weil sie doch gerne die liebe Tochter der Mutter sein wollte. Weil sie sich selbst nicht geschützt hat und nicht zu ihren Grenzen gestanden ist, hat sie ihre Wut an der Mutter abgelassen. In Wahrheit war sie jedoch enttäuscht von sich selbst. Jesus jammerte nie darüber, dass die Menschen etwas von ihm wollen. Doch steht er zu seinen Grenzen und schützt sie. Er tut genau das, was er gerade braucht und er rechtfertigt sich nicht vor anderen. Er folgt dabei stets seinem inneren Gespür.

Erspüren, was möglich ist

Der Benediktinerorden hat im Lauf der Zeit ein gutes Gespür für den Umgang mit Belastungen und dezidierte Regeln entwickelt, die auch im Alltag heutiger Anforderungen Geltung haben. Der Ordensgründer Benedikt ermahnt beispielsweise den Cellerar, also den für die vielfältigen wirtschaftlichen Belange des Klosters Verantwortlichen: Falls sich die Gemeinschaft vergrössert, dann ist es an der Zeit, sich Gehilfen zu suchen. Die Arbeit soll delegiert und auf mehrere Schultern verteilt werden, damit der Cellerar mit innerer Ruhe das ihm anvertraute Amt zu erfüllen vermag. Die alten Römer sprachen von : „aequo animo" - „mit Gleichmut". Der Begriff ist der stoischen Philosophie entlehnt, für die es oberste Pflicht war, in allem den inneren Frieden und die Ruhe zu bewahren, sich nicht von Emotionen hin und her zerren zu lassen. Die Stoiker waren davon überzeugt, dass der Mensch für sich selbst und für seine Grenzen verantwortlich ist. Wir leben dann mit innerem Frieden, wenn wir uns nicht überschätzen oder übernehmen und unsere Arbeit gerecht verteilen. Sind wir voller Groll, dann dürfen wir die Schuld für den Ärger nie anderen zuschieben. Letzten Endes sind wir für unseren Ärger selbst verantwortlich - wir ärgern uns über uns selbst, weil wir nicht zu unseren Grenzen gestanden sind. Um unsere Seele ausgeglichen zu halten, bedarf es jedoch nicht nur der Limitierung unserer Arbeit. Auch unsere Einstellung muss sich ändern. Wir müssen unsere innere Grenze schützen und verteidigen, wenn andere sie zu überschreiten drohen. Alles, was wir tun, berührt auch unsere Gefühle. Doch darf die Arbeit mit ihren Auseinandersetzungen und Konflikten nicht das Heiligtum unserer Seele überschreiten. Dafür sind wir jedoch selbstredend selbst verantwortlich, und eine Grenzüberschreitung dürfen wir auch niemand anderem in die Schuhe schieben. Benedikt kannte seine Pappenheimer und wusste genau, dass er den Cellerar ausdrücklich dazu anhalten musste, zu seinen Grenzen zu stehen. Es bedarf ein gerüttelt Mass an Demut, zu erspüren, was man sich selbst zumuten kann und was man delegieren soll.

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