Die eigenen Grenzen eingestehen

Die eigenen Grenzen eingestehen - Von Verdrängung und Ehrlichkeit

Falsche Idealbilder

Es ist kein leichtes Unterfangen, die eigene Begrenztheit zu erleben und seine Grenzen auch vor sich selbst einzugestehen. Die meisten Menschen sind nämlich der Meinung, zu immer mehr in der Lage zu sein: Sie könnten genauso viel leisten wie der Arbeitskollege oder Freund. Wir bräuchten genauso wenig Schlaf wie der oder jener. Wer gibt schon gerne zu, dass er Grenzen hat? Die Folge könnte ja sein, dass man sich anderen gegenüber minderwertig vorkäme. Wer will sich auch schon gerne die Begrenztheit der psychischen und physischen Resourcen eingestehen? Oder dass die eigene Belastbarkeit im Beruf und im privaten Bereich endlich sind und dass man sich deshalb nicht jedem Konflikt stellen kann. Sich die Begrenztheit der eigenen Fähigkeiten fällt schwer. Es ist schliesslich nicht jeder dazu geboren worden, andere Menschen anzusprechen, andere zu führen, Probleme anzupacken, Konflikte aufzulösen. All das können andere womöglich besser als wir selbst. Die meisten Menschen tun sich schwer damit, zu ihren finanziellen Grenzen zu stehen und gehen zum Beispiel mit ihren Resourcen recht grosszügig im Urlaub um. Der Zwang zur Sparsamkeit und das Eingeständnis, sich dies oder jenes nicht mehr leisten zu können fällt ihnen sehr schwer. Schmerzhaft ist es, sich dies klarzumachen und es fordert auch Demut ab von uns. Demut steht für den Mut zur Wahrheit, den Mut, unsere physische, psychische und seelische Wirklichkeiten anzunehmen.

Leichter ist es da, Vogel Strauß zu spielen und die Augen zu verschließen gegenüber unseren Grenzen. Damit gleichen wir aber dem Blindgeborenen im Neuen Testament (Joh 9, 1-12) Viel leichter fällt es uns, uns mit unserem Idealbild zu identifizieren, das wir von uns haben; dem Ideal vom einem Menschen voller Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, der gerne zuhört und einspringt, wo Not am Mann ist. Gerne entsprechen wir auch dem Idealbild des belastbaren Mitarbeiters, der viel abkann: Man kann ihm viel zumuten und zutrauen - er wird keine Aufgabe ablehnen oder furchtsam zurückschrecken. Insgesamt sehen wir uns liebend gerne als Menschen, die alles unter Kontrolle haben und auch das schaffen, was sie sich vorgenommen haben. Wir würden nur zu gerne dem Ideal des coolen, erfolgreichen, jungen Mannes oder dem der dynamischen und selbstbewussten Frau entsprechen.
Solche Identifikationen lassen uns jedoch erblinden der eigenen Wirklichkeit gegenüber. Das führt dazu, dass wir so lange über unsere gesundheitlichen Verhältnisse leben, bis uns unser Organismus mit allem Nachdruck in unsere Grenzen weist. Der Körper macht uns dann unmissverständlichklar, dass es so nicht weiter gehen kann. So erging es etwa der Lehrerin, die der Meinung aufgesessen war, sie sei für die Schule unersetzlich. Zwar beklagte sie, alles sei ihr zu viel, doch fehlten ihr der Mut und die Entschiedenheit, die seelischen und körperlichen Signale ernstzunehmen. Dann begann ihre Haut in den Streik zu gehen. Letzten Endes musste sie ein halbes Jahr lang aus gesundheitlichen Gründen aus dem Schuldienst ausscheiden. Die Ignoranz der eigenen Grenze, die fehlende Akzeptanz derselben, führte dazu, dass der Körper mit aller Gewalt die Grenze aufzeigte und die Lehrerin wieder in ihre Grenzen verwies. Im Endeffekt fehlte sie länger an der Schule als wenn sie schon im Vorfeld ihre Stundenzahl rechtzeitig minimiert hätte.

Die Blindenheilung

Wenn man allzu lange von seiner eigenen Wirklichkeit wegsieht und die Realität verkennt, dann wird man allmählich blind für sie. Wer war nun dieser Blindgeborene, den Jesus heilt? Er steht für einen Menschen, der zeitlebens von Geburt an seine Wirklichkeit nicht anschauen konnte, weil sie zu grausam war. Das Wegschauen benötigte seine Seele, um zu überleben. Dem Kind wäre es zu viel gewesen, der Brutalität und Trostlosigkeit seines Daseins in die Augen zu schauen. Doch irgendwann wird das Leben vom Verdrängen stark eingeschränkt und der sich ergebende Leidensdruck begibt sich auf die Suche nach Linderung.
Eine Frau hat ihre Kindheit immer beschönigt. An ihr war etwas, das immer wieder Konflikte mit der Umwelt hervorbrachte. Es dauerte, bis sie sich eingestehen konnte, dass ihre Kindheit durch die Armut nach dem Krieg trostlos war. Erst dann suchte sie nach richtiger Hilfe. Bis dahin hielt sie den anderen vor, schuld an ihren Problemen zu sein, weil sie sich dem verweigerte, ihre Kindheit als das zu sehen, was sie eigentlich war. Diese Sicht der Dinge hätte ihr den Boden unter den Füssen weggezogen. So erhielt sie sich verzweifelt das Bild einer heilen Kindheit, um sich daran festzuhalten.
Es wäre aber falsch, dieses Verhalten vorschnell und pauschal zu verurteilen. Es gibt Situationen, in denen uns nichts anderes bleibt, als die Augen zu schliessen. So verschliessen etwa Kinder die Augen und bilden sich ein, die anderen könnten sie dann nicht sehen. Sie wären also für sich allein. Dieses Verhalten zeigen Kinder oft, nachdem sie etwas getan haben, das ihnen Leid tut und was die anderen nicht sehen sollen. Für reife Menschen ist es jedoch keine echte Lösung, die Augen zu schliessen. Wenn wir nämlich immer die Augen schliessen, dann sind wir faktisch blind.
Jesus heilt den Blinden,. Er spuckt auf die Erde, auf den Humus. Dann macht er einen Brei aus dem Dreck und seinem Speichel, den er dem Blinden auf die Augen schmiert, als wolle er damit sagen „Versöhne dich mit dem Unansehnlichen, diesem „Dreck", der auch in dir ist Akzeptiere, dass du von der Erde genommen bist und dass deine Erdenschwere dich drückt. Erst dann, wenn du deine Erdhaftigkeit annimmst, nur wenn du dich mit dem Schmutz in dir aussöhnst, kannst du die Blindheit überwinden und wirklich sehen, kannst du die Wirklichkeit so sehen, wie sie in der Realität ist." Der Brei aus dem Humus, aus der Erde lehrt wirkliche „humilitas", Demut": Es ist der Mut, die eigene Erdgebundenheit anzunehmen, das Dreckige in sich wahrzunehmen und sich damit auszusöhnen. Sich mit seinen Schattenseiten auszusöhnen gelingt dem Menschen jedoch nur dann, wenn der Dreck mit Liebe und Zärtlichkeit verbunden ist. Diese Verbindung schafft Jesu Speichel, der mit dem Dreck vermengt wird. Jesus schmiert dem Blindgeborenen liebevoll den Brei auf die Augen geschmiert und sagt ihm dadurcht: „Es ist gut so, wie du bist Der Schmutz darf auch sein. Den sollst du auch liebevoll anschauen." Humilitas hat übrigens auch mit Humor zu tun. Sich so anzunehmen, wie man ist, das schafft Gelassenheit. Ein solcher Mensch tut sich leicht damit, auch mal über sich selbst zu lachen. Er zeigt also Humor. Demut steht auch für Bodenhaftung: Man steht mit beiden Füssen auf dem Boden und hebt nicht ab, baut keine Luftschlösser. Das Stehen auf dem Boden hat auch zu tun mit dem Wissen um die eigenen Grenzen. Man weiss darum, dass man von der Erde genommen und daher begrenzt in seinen Möglichkeiten ist.

Mut zur Wahrheit

Grossen Mutes bedarf es, seine Lebensgeschichte offen und ehrlich anzusehen und sich seine Verletzungen einzugestehen, Die Wunden aus der Kindheit demonstrieren da ganz deutlich, dass kein Mensch von sich Wunderdinge erwarten kann. Zwar können die Verwundungen gewandelt werden und wieder verheilen, doch nur dann, wenn ich sie vor mir selbst auch eingestehe. Dieses Eingeständnis meiner Verletzungen setzt zunächst voraus, dass ich meine Grenzen akzeptiere. Fühlte ich mich etwa als Kind verlassen, dann werde ich später als Erwachsener bei jedem Abschiednehmen daran erinnert. Also wird es mir nie leicht fallen, Abschied zu nehmen. Weiss ich um diesen Sachverhalt, und habe ich diese mir anhaftende Realität eingesehen, dann darf ich
mich nicht ständig damit überfordern, etwas Neues zu suchen.
Ganz im Gegenteil benötige ich Geborgenheit, um das innere Kind wachsen zu lassen, damit es stabil genug wird, Abschiede zu wagen. Die Verletzungen zeigen mir Grenzen auf, die ich nicht einfach so übergehen darf.
Verschliesse ich davor die Augen und zwinge ich mich dennoch, meine Grenzen zu überschreiten, dann werde ich unweigerlich immer wieder scheitern. Weil ich mich nicht traue, die Augen zu öffnen, werden mir im Scheitern die Augen schmerzlich geöffnet.
Speziell im beruflichen Umfeld finden sich immer wieder Menschen, die sich der Wirklichkeit verweigern und ihre Grenzen nicht anerkennen. Zwar ist es jedem anderen offenbar, dass sie sich schwer damit tun, die Anforderungen ihrer neuen Stelle zu erfüllen, doch glauben sie von sich selbst, die fähigsten Mitarbeiter zu sein, die man sich nur denken kann. Einige gehen zum Chef und
fordern eine Lohnerhöhung, da sie doch überdurchschnittlich gut arbeiten würden. Diesen Menschen ihre Grenzen vor Augen zu halten ist kein leichtes Unterfangen. Jeder im Betrieb spürt, die Überforderung dieser Mitarbeiter, die von sich selbst glauben, die leistungsstärksten Mitarbeiter zu sein. Diese Menschen brauchen die Blindheit, um der eigenen Durchschnittlichkeit nicht ins Auge sehen zu müssen. Da bedarf es einer Person, die ihnen wie Jesus klar und eindeutig die Wahrheit vor Augen hält und dabei auch noch liebevoll vorgeht. Eventuell könnte dies ja helfen, sich damit auszusöhnen, dass wie auch nur von der Erde genommen und keine Himmelsstürmer sind.

Gerade in der Begleitung ist es häufig ein schweres Stück Arbeit, den anderen dazu zu ermuntern, sich mit seinen Grenzen auszusöhnen. Die meisten Menschen wollen ihre Wirklichkeit einfach nicht wahrhaben.Ihre Probleme verorten sie lieber in ihren schwierigen Beziehungen: Die anderen haben so wenig Verständnis für sie, die anderen sind eben so unreif und eng und deshalb geht es ihnen so schlecht Die anderen wenden sich ihnen zu wenig zu und das hindert sie daran, in Frieden mit sich selbst zu leben. Um der eigenen Wirklichkeit zu entgehen, konstruieren Sie eine Theorie über ihren Zustand. Und selbst dann, wenn ein Dritter schnell herausfindet, dass stets den anderen die Verantwortung für den gegenwärtigen Zustand untergeschoben wird, anstatt dass der Betroffene selbst die Verantwortung dafür übernimmt, halten sie an ihrem Konstrukt fest.
Teilt der Begleiter nun seine Beobachtungen und Gefühle mit, dann versucht der Begleitete entweder, alles so umzudeuten, dass es in sein eigenes Selbstbild passt. Oder aber er findet eben neue Gründe, um sein Verhalten zu rechtfertigen und die Beobachtungen des Begleiters als nicht zutreffend zurückzuweisen.
Jesus befahl dem blinden Mann: „Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach!" : Die liebevolle und doch zugleich konsequente und direkte Art Jesu ist nötig, um denen, die die ignorieren, Mut zu machen und ihre Augen zu reinigen: Dann erst können sie die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind.
Manchmal treffen wir auf Menschen, die in der Begleitung sehr freundlich und bereitwillig von sich erzählen. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass sie mit sich selbst nicht in Berührung
sind. Am liebsten würde man sie durchschütteln, damit sie sich selbst spüren und endlich ihrer Wahrheit ins Auge sehen. Drängen wir sie nun, ihre Gefühle wahrzunehmen, dann verschliessen sie sich um so mehr. Zwar reden sie über ihre Emotionen, doch verbleiben sie dabei im Kopf und lassen sie ihre Gefühle nicht zu. Zwar hat man ganz den Eindruck, es mit einem braven und bereitwilligen Schüler zu tun zu haben; doch sind sie dabei keineswegs bei sich. In dieser Situation wird vom Begleiter viel Geduld abgefordert und zugleich ein grosses Wohlwollen einem solchen Gesprächspartner gegenüber. Der Begleiter sieht sich vor der Problematik, sich von seinem Ehrgeiz loszusprechen, den Begleiteten unter allen Umständen zu dessen Wahrheit zu führen. Verfährt er dabei liebevoll wie Jesus dem Blinden gegenüber bleibt, dann kann dies Türen öffnen. Das Gegenüber kann dann die Bereitschaft dazu zeigen, seine Augen im „Teich Schiloach" zu reinigen. In der Nähe des zu ihm Gesandten (das heißt „Schiloach") kann er es dann wagen, die Augen zu öffnen und die Realität so zu sehen, wie sie ist.

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