Grenzenlose Menschen

Grenzenlose Menschen - Vom Umgang mit Emotionsbrei

Wehrlose Menschen

Es gibt sie - die Menschen, die keine Grenze mehr haben. Johannes berichtet im 5. Kapitel seines Evangeliums von der Heilung eines Mannes, der schon 38 Jahre lang krank war. Die Zahl 38 bezieht sich dabei auf den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Zwar waren die Israeliten schon nach zwei Jahren an der Grenze zum Gelobten Land angekommen, doch weil sie gegen Gott rebellierten, mussten sie zur Strafe noch 38 Jahre lang durch die Wüste ziehen, „bis alle waffenfähigen Männer gestorben waren." (vgl. Dtn 2,14) Ein Mensch, der 38 Jahre lang krank gewesen war, hat demnach keine Waffen mehr und kann sich folglich nicht mehr wehren. Er vermag sich nicht mehr abzugrenzen und das ist dann seine Krankheit. Weil er keine Grenze mehr hat, bezieht er alles Negative aus seiner Umgebung auf sich, zieht es sozusagen in sich hinein und infiziert sich mit allem Kränkenden um sich herum. Das sind die Menschen, die alles sofort auf sich beziehen. Wenn jemand lacht, dann denken sie, er würde über sie lachen. Schaut jemand traurig drein, dann suchen sie sofort bei sich die Schuld und fragen sich, was sie wohl verkehrt gemacht haben. Sehen sie im Bus zwei Jugendliche, die sich angeregt miteinander unterhalten, dann haben sie den Eindruck, die würden über sie reden. Menschen mit diesen Gedanken sind nie bei sich selbst, sondern immer bei den anderen. Wer auf diese Art alle Äusserungen der anderen auf sich bezieht und die Gefühle und Stimmungen der anderen in sich aufnimmt, der weiss gar nicht mehr, wer er selbst ist, und wo.
Solche Menschen schwimmen und haben gänzlich ihren Stand verloren. Läuft etwas in einer Gruppe schief, dann klagen sie sich selbst an. Schimpft einer über etwas, dann fragen sie sich im selben Moment und ob das gegen sie gerichtet ist, ob sie etwas verkehrt gemacht hätten.

Gefährdung durch Vermischung

Der Therapeut spricht man von „konfluenten"1 Menschen. Das lateinische „confluere" bedeutet übersetzt „zusammenfliessen". Wenn zwei Bäche zusammenfliessen, sieht man keine Grenze mehr zwischen ihnen. und ihr Wasser vermischt sich.

Es gibt aber auch konfluente Begleiter. Sie nehmen die Gefühle des anderen in sich hinein und haben keine Distanz mehr zu dem, was den Klienten bewegt. Damit können sie aber nicht mehr begleiten, weil sie den anderen nicht mehr konfrontieren oder ihm seine Gefühle spiegeln können. Sie stecken nämlich im anderen und vermischen sich mit ihm. Die Folgen sind Unklarheit und Abhängigkeit Man klebt aneinander, ohne dass man sich unterstützen und helfen kann. Der Begleiter schenkt dem Klienten grenzenlose Zuwendung, weil er sie selbst so masslos braucht. Damit hilft er jedoch nicht - er saugt die aus, die er begleiten und denen er helfen sollte. Letzten Endes benötigt er nun selbst Begleitung, weil er blind für die Bedürfnisse und Grenzen des Gegenübers geworden ist.

Auch in Familien finden wir konfluente Menschen. Da leben der Sohn und die Tochter nicht ihr eigenes Leben, sondern sie vermischen sich mit dem Vater oder der Mutter. Auch die Gedanken der Mutter sind stets in der Tochter oder im Sohn und umgekehrt. Stehen Sohn oder Tochter vor einer Entscheidung, dann vermögen sie ihre eigene innere Stimme nicht mehr zu unterscheiden von der Stimme des Vaters. Sie denken also genauso wie der Vater. Es besteht keine Grenze mehr zwischen ihnen und dem Vater. Konfluenten Familie zeichnen sich aus durch ein inneres Chaos. Die Gefühle vermischen sich zum Emotionsbrei. In Folge findet keiner seinen eigenen Stand. Jeder ist von den Gefühlen des anderen durchdrungen. Alles fliesst zusammen zu einem undurchsichtigen Durcheinander.

Emotionsbrei fliesst auch n Gruppen, vor allem in Firmen. Die Mitarbeiter können sich nicht abgrenzen oder haben keine Grenzen. Also vermischen sie sich mit den Gefühlen und Stimmungen der anderen. Es ist nicht ungefährlich, in so einen Emotionsbrei verwickelt zu werden, weil man dann keinen Boden mehr verspürt. Man verliert den Überblick und weiss nicht mehr, wo man selbst
anfängt und aufhört, wer man selbst eigentlich ist. Es besteht keine Chance mehr, frei zu denken und zu entscheiden, wenn die Gefühle anderer an mir kleben. Zuguterletzt weiss ich gar nicht mehr, was meine eigenen Gedanken sind, und wo meine eigenen Empfindungen durch das Klima um mich herum infiziert sind. (Introjekt 2)

Bei diesem Prozess fliessen nicht nur die Emotionen des anderen in mich ein, sondern auch seine Schattenseiten. Und die sind weitaus gefährlicher. Denn ich nehme sie gar nicht bewusst wahr. Daraus folgt, dass ich nicht weiss, warum ich so depressiv oder aggressiv bin. Die verdrängte Aggression des Abteilungsleiters legt sich auf meine Seele, ohne dass ich es wahrnehme. Der Chef ist nach aussen hin vielleicht freundlich; doch die von ihm verdrängte Aggression macht mich aggressiv. Er mag sich äusserlich korrekt verhalten, aber durch sein Verhalten hindurch dringen seine Selbstablehnung oder gar seine Menschenverachtung subtil in mich ein. Meistens wissen wir ja nicht einmal, warum wir uns in einer Abteilung unwohl fühlen, ausgelaugt, erschöpft, aggressiv oder depressiv. Dann gilt es, zunächst herauszufinden, was aus der Umgebung in uns einströmt. Danach ist es wichtig, eine klare Grenze gegenüber den Einflüssen von aussen zu ziehen. Ein Weg, sich von den Gefühlen und Schattenseiten der anderen abzugrenzen, besteht darin, gut mit sich in Berührung zu sein. Wenn ich mich selbst spüre und bei mir bin, dann lasse ich die Stimmungen des anderen nicht so leicht in mich eindringen. Teilweise reicht es schon, in Gesprächen die Hand aufs Herz zu legen, um sich innerlich zu vergewissern und sich daran zu erinnern: „In mein Herz lasse ich die negativen Emotionen des anderen nicht hinein. Diese sind sein Problem. Also lasse ich sie bei ihm und schütze ich mein Herz vor seiner Destruktivität. Ich bin bei mir."

Die innere Quelle

Die oben erwähnte Heilungsgeschichte Jesu aus dem Johannesevangelium zeigt uns wieder, wie wir mit solch problematischen Situationen heilsam umgehen können. Jesus heilt den Mann ohne
Grenzen, indem er nicht etwa in Mitleid zerfliesst oder den Kranken aufs Tiefste bedauert. Die Heilige Schrift berichtet von vielen Krankenheilungen, bei denen Jesus Mitleid empfindet. Im Mitleid öffnet er sich dem anderen und lässt ihn in sich hinein. In manchen Situationen mag es nötig sein, um mit ihren Herzen in Kontakt zu kommen. Doch wäre eine solche Öffnung gegenüber einem grenzenlosen Menschen tödlich. Die konfrrontierende Therapiemethode erweist sich da als hilfreicher. Jesus fordert den kranken Bittsteller heraus, indem er ihn nach seinem eigenen Willen fragt: „Willst du gesund werden?" (Joh 5,6) Der Kranke muss also selbst seine Heilung wollen und die Heilung nicht an den Therapeuten oder Seelsorger delegieren. Der Kranke erzählt Jesus seine Lebensgeschichte und erklärt ihm, warum er krank ist. Die Ursache liegt darin, dass er keinen Menschen hat, der ihm hilft. Er ist irgendwo zu kurz gekommen. Die anderen haben es viel besser als er. Jesus geht auf die Erläuterungen des Kranken erst gar nicht ein. Er vermittelt ihm nicht, wie sehr er ihn versteht; vielmehr konfrontiert er ihn mit einem eindeutigen Befehl: „Steh auf, nimm deine Bahre und geh!" (Joh 5,8) Diesem Mann hilft nämlich kein Mitleid. Mitleid würde ihn lediglich dazu animieren, sich selbst zu bedauern und die eigene Unklarheit zu vertiefen. Jesus richtet seinen Fokus eher darauf, den Kranken in Berührung mit der Kraft, die trotz seiner Krankheit in ihm steckt, zu bringen. Er traut ihm zu, dass er aufstehen, sich auf die eigenen Füsse stellen und wieder gehen kann. So befiehlt er ihm. Die Bahre ist ein Zeichen der eigenen Unsicherheit und Krankheit; diese soll der Kranke nicht einfach wegwerfen, sondern unter den Arm nehmen. Die Krankheit, die Schwäche, die Hemmungen sollen ihn nicht mehr vom Leben abhalten. Er soll vielmehr anders mit seiner Behinderung und den Blockaden umgehen, spielerisch, indem er die Bahre spazieren trägt. Dabei darf er gleichwohl gehemmt und unsicher sein. Und sich dennoch outen und den den Leuten zumuten. Er soll mit seinen Hemmungen frohen Sinnes auf die Menschen zugehen, anstatt sich von ihnen von einem sinnerfüllten Leben abhalten zu lassen. Das kann nur dann gelingen, wenn er sich von den Menschen abgrenzt, indem er die Gedanken und etwaigen Urteile der Leute nicht in sich einlässt, sondern ganz aus sich heraus lebt und nicht mehr aus den anderen. Damit der Kranke gesundet, braucht Jesus den Kranken nicht ins Wasser zu heben. Vielmehr bringt er
den kranken Menschen in Berührung mit dessen innerer Quelle, die stets in ihm selbst sprudelt.

Überflutet vom Fremden

Viele psychische Erkrankungen zeigen sich durch Grenzenlosigkeit. Bei psychotischen Menschen nimmt die Unfähigkeit, sich abzugrenzen, oft bizarre Formen an. Das steigert sich etwa bis zum Verfolgungswahn. So ist ein junger Mann fest davon überzeugt, sogar sein Urin sei von den Menschen einer Sekte beeinflusst. In seiner Wohnung sei er nicht mehr sicher. Die Leute aus dieser Sekte manipulierten seine Gedanken aus der Ferne. Im Verfolgungswahn meint man zum Beispiel, das eigene Telefon würde abgehört, oder andere würden in die Wohnung eindringen, trotz Sicherheitsschloss und Alarmanlage. Letzten Endes kennen wir das alles aus eigener Erfahrung in abgemildeter Form, was uns die Krankheit in ihrer hochgradigen Form so drastisch vor Augen führt. Viele Menschen haben den Eindruck, dass die Gedanken anderer in sie eindringen, dass wir infiziert sind von den Gedanken, die unsere Gesellschaft prägen. Ab und an ertappen wir uns dabei, nicht mehr die eigenen Gedanken zu denken, sondern das, was uns von überall her entgegenströmt zu übernehmen. In einer Gruppe verlieren wir leicht das Gefühl für die eigene Identität. Unbewusst passen wir uns nämlich unserer Umgebung an. So übernehmen wir beim reden die Sprache des Gegenübers. Dabei tauchen wir in dessen Stimmung ein und vergessen, was wir selbst wirklich fühlen.

Die permanente Reizüberflutung macht es grenzenlosen Menschen schwer, in unserer Gesellschaft zu leben. Die Medien berichten von Ereignissen fernab unserer Heimat. Die Ereignisse aus fremden Ländern überschreiten dabei dauernd die Grenze des Hauses und des Herzens der Menschen ohne Grenzen. "Schreckensmeldungen aus den Kriegsgebieten und den Krisenregionen dieser Welt strömen auf sie ein und machen es ihnen schwer, ihr eigenes Leben zu leben.". Was sie im TV miterlebt haben, das bestimmt ihr Hier und Jetzt. So gut es auch ist, tiefstes Mitleid zu empfinden für die geschundenen Menschen auf der Welt: Es geht auch eine Gefahr aus von all dem Elend der Welt, das in mich einströmt und mich am Leben hindert. Hier ist die Fähigkeit gefragt, sich abzugrenzen. Abgrenzen heisst dabei keineswegs, sich unempfindlich zu machen gegen das Leid der Welt. Vielmehr geht es darum, selbst die Grenze zu bestimmen, wo ich die Not der Menschen in mich einlassen kann und will, und wo ich mich einfach schützen muss, um in dieser Welt als Mensch leben zu können. Das Gebet für diese Menschen ist ein guter Weg, um sich abzugrenzen ohne sich dabei gegenüber dem Leid der Welt zu verschliessen.
Bete ich für andere, dann fühle ich mit den Menschen, aber ich sauge mich nicht mit ihrem Leid voll. Ich das Leid weiter an Gott, in der Hoffnung, dass er diese Menschen nicht im Stich lässt. Wem das Gebet nicht reicht, der kann sich an einem konkreten Projekt beteiligen, das diesen Menschen hilft, oder es finanziell zu unterstützen. Dabei dürfen wir jedoch nicht übersehen, dass selbst in der konkreten Hilfe uns Grenzen gesetzt sind. Wir schaffen es nämlich nicht, uns jeden Tag für die vielen Opfer von Gewalt und Naturkatastrophen engagieren, die uns das Fernsehen vor Augen führt.

  • 1.
    Bei der Introjektion wird das Neue aus der Umwelt ohne Prüfung und Umwandlung als Ganzes in den Organismus aufgenommen, da an der Kontaktgrenze u.a. die Bewusstheit herabgesetzt ist oder völlig fehlt, und "aggressives" zerstören und überprüfen daraufhin, was für den Organismus sinnvoll ist, und was nicht, nicht geschieht. Das so entstandene Introjekt bleibt im Organismus ein Fremdkörper. Dieser Prozeß wird analog zum Saugen bzw. Schlucken bei der Nahrungsaufnahme verstanden.

    Anstelle des Kontakts mit dem Neuen ist bei der Introjektion "Konfluenz" getreten. Konfluenz bezeichnet einen Zustand an der Kontaktgrenze, bei dem die Bewusstheit herabgesetzt ist, oder vollständig fehlt, und/oder bei dem die Kontaktgrenze selbst nicht mehr vorhanden ist.

  • 2. Introjektion ist ein Begriff aus der Psychoanalyse, der einen Vorgang beschreiben soll, bei dem eine äussere Realität (Objekte, Objektqualitäten) nach dem Vorbild körperlicher Einverleibung in das seelische Innere hineingelangt. Das betreffende Objekt bzw. die betreffenden Objektqualitäten werden auch als Introjekt bezeichnet.

Kommende Termine

Benutzeranmeldung