Die eigenen Grenzen nicht verletzen lassen

Die eigenen Grenzen nicht verletzen lassen - Von äußerem Druck und der eigenen Mitte

Ganz bei sich

Befinde ich mich in meiner eigenen Mitte, dann bin ich auch gegen Verletzungen meiner Grenzen am ehesten gefeit.

Im Neuen Testament beschreibt der Evangelist Markus diesen Sachverhalt in mehreren Episoden: Jesus ist ganz bei sich und lässt sich nicht aus der eigenen Mitte vertreiben. Er lässt sich nicht von den andern die Spielregeln vorschreiben, nach denen er zu handeln hätte. Ganz im Gegenteil bleibt er souverän. Er ist mit sich selbst in Berührung und handelt genau so, wie er es von innen heraus als für sich stimmig verspürt.
Jesu Gegner gieren danach, über ihn zu verfügen und ihn für sich zu vereinnahmen. Es gelingt ihnen jedoch nicht, über die Grenze, in die er sie verweist, vorzudringen. Besonders die folgenden zwei Szenen bringen dies auf den Punkt. Zunächst ist da die Schilderung in Mk 3, 1—6: Jesus geht am Sabbat wie jeder andere fromme Jude in die Synagoge. Dort begegnet er einem Mann, dessen Hand verdorrt ist Jesus fordert den Mann auf: „Steh auf und stell dich in die Mitte!" (Mk 3,3) Jesus hätte genauso nur zuhören und sich dem Gebet widmen können. Doch verspürt er einen inneren Impuls, den kranken Mann zu heilen. Gleichzeitig ist ihm gewahr, dass die Pharisäer ihn beobachten, weil sie einen Grund suchen, um ihn anzuklagen. Für eine Anklage reicht aus, wenn Jesus am Sabbat einen Kranken heilt, der nicht in Lebensgefahr schwebt.
Doch lässt sich Jesus von den Pharisäern keineswegs in irgendeiner Form einschüchtern. Stattdessen stellt er ihnen vielmehr eine sehr klare und zugleich scharfe Frage: „Was ist am Sabbat erlaubt Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten?" (Mk 3,4) Jesus hat also aktiv die Initiative ergriffen und er zwingt seine Gegner zu einer Reaktion. Doch erweisen sie sich dazu zu feige und getrauen sich nicht, zu antworten. Denn die Antwort auf die Frage, die Jesus ihnen stellt, würde ihre wahre Absicht offenbaren. Denn dann, wenn sie auf die Einhaltung der Gebote pochen, dann tun sie am Sabbat etwas Böses, weil sie dann Leben vernichten. Und genau das könnenund wollen sich die Pharisäer nicht eingestehen. Also hüllen sie sich in Schweigen. Doch Jesus gibt ihnen keine Macht und sieht sie der Reihe nach an, „voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz" (Mk 3,5). Der Zorn ist die Kraft, um mich vom anderen zu distanzieren und um eine klare Grenze zu ziehen: „Da bist du und hier bin ich. Du darfst so sein, wie du bist. Ich mache dir keinen Vorwurf. Aber ich stehe zu dem, was ich denke. Du darfst ein hartes und verstocktes Herz haben. Aber es ist dein Problem. Ich lasse mich davon nicht bestimmen." Und Jesus tut genau das, was er auch für richtig hält. Er gibt den Erwartungen und der Haltung der Pharisäer keine Mach über sicht. Er lässt nicht zu, dass sie seine Grenze überschreiten und ihm mit ihrer rigorosen Haltung vorschreiben, was er zu tun oder zu lassen hat. Er ist also souverän und handelt aus der
eigenen Mitte heraus. Gegen die anderen, die seine Grenze verletzen möchten, schützt er sich, so dass ihr Übergriff nicht gelingt.

Innere Stimmigkeit

Oft überlassen wir uns den Erwartungen und Urteilen der anderen und stehen nicht zu dem, was wir für richtig halten. Sobald der Meinungsdruck von aussen zu gross wird, verlassen wir das eigene Gebiet und passen wir uns an aus Rücksicht auf die Meinungen um uns herum. Dies geschieht dann unter Verlust der eigenen Kontur; wir verschwimmen und passen uns an und verlieren gleichzeitig unsere Selbstachtung. Nachdem wir uns zu oft den Erwartungen der anderen angepasst haben, verlieren wir das Gespür dafür, was wir selber wollen. Wir werden des Kontakts mit unserem eigenen Gefühl verlustig. Wenn wir uns von aussen vorschreiben lassen, wie wir uns fühlen und wie wir handeln sollen, dann trägt dies immer mehr zur Entfremdung von unserem eigenen Selbst bei. Wir lassen es zu, dass andere unsere Grenzen verletzen, sie überschreiten und unser Gebiet bestimmen. Es ist beachtlich, wie klar und frei Jesus ist Die Aggression erlaubt ihm eine klare Abgrenzung von den Pharisäern; er befreit sich innerlich von ihrem Einfluss. Er steht zu sich und tut genau das, was er von innen heraus für rechtens hält. Solch eine Klarheit und Freiheit würde auch uns gut zu Gesichte stehen - danach sehnen wir uns alle. Letzten Endes kostet Jesus seine Klarheit dann das Leben. Doch war ihm die innere Stimmigkeit wichtiger als der Beifall der Massen.

Eine weitere Szene zeigt, wie Jesus aus der inneren Freiheit heraus handelt und nicht unter dem Druck steht, sich zu rechtfertigen. Wir sind häufig dazu geneigt, uns zu rechtfertigen, wenn wir
einmal nein sagen. Wir setzen uns selbst unter Rechtfertigungsdruck und möchten begründen, warum wir das oder jenes jetzt nicht tun können oder wollen. Jesus verzichtet auf solche Begründungen, sondern handelt genau so, wie er es sich denkt. Auch in seinem Sprechen lässt er sich nichts aufdrängen, sondern ergreift selbständig die Initiative. Er stellt den andern Fragen, anstatt auf ihre Fragen zu antworten. Immer dann, wenn wir uns bedrängt fühlen und dazu genötigt, alle Fragen der anderen zu beantworten, dann laufen wir Gefahr, uns in die Enge treiben zu lassen. Wir müssen uns erst einmal verteidigen und rechtfertigen.
Und dann wird uns mit einmal bewusst, dass wir die Grenzüberschreitung der anderen bereits zugelassen haben. Wir haben uns von ihnen die Spielregeln aufzwingen lassen. Ganz anders verfährt Jesus. Er handelt aus seiner Mitte heraus und lässt sich von aussen nicht vorschreiben, was er zu tun hat. Dabei gibt er auch nicht dem Verlangen nach, sein Handeln begründen zu müssen. Vielmehr stellt er den Pharisäern, die ihn bedrängen, seine Fragen. Damit verweist er sie in ihre Grenzen, die sie nicht zu überschreiten vermögen.

Souverän agieren

Markus erzählt noch eine weitere Episode aus Jesu Wirken, die Jesu innere Freiheit beschreibt. Einige Pharisäer und Anhänger des Herodes suchen Jesus auf, um ihn in eine Falle locken. Sie versuchen, ihn zunächst zu vereinnahmen, indem sie ihm Honig ums Maul schmieren: Sie loben ihn und bezeichnen ihn als Meister, der immer die Wahrheit sagt. Diese scheinbar positive Vereinnahmung ist für sich allein gesehen schon ein Versuch, seine Grenze zu missachten und über ihn Macht zu gewinnen. Manch einer wird machtlos, wenn man ihm Komplimente macht. Wenn man einem anderen schmeichelt, dann sagt er oft nicht mehr das, was er wirklich denkt. Die Pharisäer versuchen, das Kompliment durch ihre Worte und durch ihr Verhalten zu bestätigen. Sie sind also nicht mehr sie selbst. Doch Jesus ist gegen solche Übergriffe gewappnet und bleibt in seiner Mitte. Er lässt sich von ihnen nicht in eine bestimmte Richtung drängen.
Die Herodianer stellen schliesslich Jesus eine Fangfrage: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder nicht zahlen?" (Mk 12,14) Es spielt keine Rolle, wie Jesus darauf antwortet, man könnte ihm auf jede seiner Entgegnungen einen Strick drehen. Sagt er etwa, man solle dem Kaiser die Steuer zahlen, hätte er die Zeloten1 und frommen Juden gegen sich. Diese würden sich enttäuscht von Jesus abwenden im Glauben, dass er gemeinsame Sache mit den Römern mache. Verweigert er sich aber der Steuerzahlung, dann hätte er die Anhänger des Herodes gegen sich; sie würden ihn bei Herodes und den Römern verklagen. Der Aufruf zur Steuerverweigerung genügte, jemanden zu verhaften und zu töten. Die Pharisäer waren sich selbst uneins über diese Frage. Doch sprachen sie sich meistens gegen die Steuer aus, was sie aber nicht verlautbarten. Sie waren zu feige dazu, ihre Ansicht auch in die Tat umzusetzen. Sie mogelten sich also durchs Leben. Jesus lässt sich nicht auf die Frage ein und weigert sich, sich von den Fragestellern in die Enge treiben zu lassen. Er wird auch bei dieser Gelegenheit aktiv und befiehlt den Pharisäern: „Bringt mir einen Denar, ich will ihn sehen." (Mk 12,15) Die Phariäser bringen ihm einen Denar und signalisieren damit, dass sie letztlich den Kaiser anerkennen. Jesus schafft eine Atempause. um seine Strategie zu überdenken. Dabei lässt sich nicht auf das Kalkül seiner Gegner ein. Er fragt sie, wessen Bild und Aufschrift auf der Münze steht. Sie antworten: „Des Kaisers." Jesu abschliessende Antwort ist Ausdruck seiner inneren Freiheit und macht die Fragesteller mundtot: „So gebt dem Kaiser zurück, was
dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!" (Mk 12,17) Jesus antwortet also nicht auf die Frage nach der Steuer, sondern sagt lediglich, dass sie das zurückgeben sollen, was sie vom Kaiser empfangen haben.
Damit spricht er vom wirtschaftlichen System, dem Strassenbau, der Infrastruktur und dem Geldwesen. All das ist Eigentum des Kaisers. Die Juden sollen also nur zurückgeben, was sie erhalten haben. Sich selbst, ihr Menschsein, das haben sie jedoch von Gott empfangen. Das sollen sie wiederum Gott zurückgeben. Darüber hat der Kaiser keinerlei Macht Der Mensch gehört Gott und nicht irgendeinem Mächtigen. Diese Antwort macht die Fragesteller nun doch sprachlos.

Wir lassen uns recht oft durch Anfragen in die Enge treiben. Ein ganz alltägliches Beispiel: Da ruft jemand an, um einen Gesprächstermin mit uns zu vereinbaren. Falls wir so antworten, dass wir leider keinen Termin frei haben, dann akzeptieren sie das Nein nicht, sondern bohren unentwegt weiter. Meistens verärgert uns dieses Verhalten und zählen wir alle möglichen Begründungen auf,
warum es wirklich nicht geht. Und schon sind wir in die Enge getrieben. Das obige Beispiel ist auch in einer solchen Alltagssituation brauchbar: Jesus lässt sich nicht in die Enge treiben. Er handelt souverän. Weil er aus dieser inneren Freiheit heraus spricht, wird er nicht aggressiv, sondern bleibt ruhig und klar. Immer dann, wenn wir uns selbst diese innere Freiheit erlauben oder wenn wir sie verspüren, dann können wir ruhig nein sagen, ohne uns rechtfertigen zu müssen. Die eigene Grenze zu betonen, ohne diese zu verteidigen, erspart uns obendrein viel Energie und Kraft. Jesus demonstriert uns: Lasse Dich nicht aus der Rolle des Handelnden heraustreiben.Sind wir während des Telefonats eigentlich Handelnde, dann kostet es uns weniger Energie, uns abzugrenzen. Sobald wir damit beginnen, uns zu rechtfertigen und unsere Abgrenzung zu begründen, dann haben wir den Anrufer schon über unsere Grenze hinweg vordringen lassen. Er hält sich dann schon in unserem inneren Bereich auf und wir meinen, wir könnten ihn nur durch weitere neue und bessere Begründungen aus diesem Bereich drängen.
Jesus zeigt uns, dass wir uns nicht zu rechtfertigen haben. Man sagt einfach das, was man für stimmig hält. Das genügt. Man muss sich nicht unter Druck setzen lassen, dass der andere mein Nein verstehen und für gut heissen muss. Ich habe nein gesagt. Das genügt. Was der andere denkt, ist seine Sache. Darüber muss ich mir meinen Kopf keineswegs zerbrechen.

Notwendige Unterscheidungen

Es gibt vielerlei Strategien, um die Grenzen eines Menschen zu überschreiten. So berichtet eine Frau von der Strategie ihres Mannes, in ihr Schuldgefühle zu erzeugen, wenn sie einmal den Mut dazu findet, sich von ihm abzugrenzen. Als spirituelle Frau sind die Schuldgefühle ihre Achillesferse. Sobald der Freund ihr die Schuld an den Problemen in der Beziehung zuschiebt, kann sie sich nicht wehren, denn sie hat sich gegenüber den Anspruch, alles richtig zu machen. So befragt sie sich, ob sie mit mehr Liebe und Geduld dazu beitragen könnte, dass die Beziehung gelingt. Eine weitere - viel massivere - Strategie, die eigene Grenze aufzulösen, ist die Drohung mit Suizid. Falls der Mann damit droht, er würde sich etwas antun, traut sich seine Freundin nicht mehr, die eigene Grenze wahrzunehmen und lässt sich zu Kompromissen hinreissen, die sie immer kleiner werden lassen. So hat jeder von uns seine wunden Punkte. Über diese Punkte kann das Gegenüber in uns eindringen, und wir sind wehrlos. Die Achillesferse kann sein die Angst vor dem Gerede der Leute, der eigene Perfektionismus oder der Anspruch, niemanden zu verletzen und keinem anderen etwas zuzumuten.
Wir müssen lernen, zu unterscheiden, was wirklich Gottes Wille ist, und wo wir uns nur von anderen zu etwas haben drängen lassen, was unsere Grenzen mehr und mehr auflöst und uns immer kleiner und schwächer werden lässt.
So rief ein Therapeut seine Klientin nach Abbruch der Therapie immer wieder an. Dabei versprach er ihr, er sei dazu in der Lage, sie zu heilen, er werde sie zu einer freien Sexualität erlösen, wenn sie mit ihm schlafe. Durch ihn würde sie also liebesfähig werden. Rein psychologisch betrachtet sei sie verklemmt und durch die Verdrängung der Sexualität depressiv geworden. Es sei ihr Problem, dass sie ihre alten Moralvorstellungen von Sexualität noch in sich trüge. Selbstredend fühlte sich die Frau durch diese Anrufe in die Enge getrieben. Sie war weder souverän noch hatte sie bislang ihre Mitte gefunden. Obendrein war sie abhängig von dem, was der Therapeut antworten könnte, wenn sie sich weigerte. Ist sie in dieser Situation in der Lage, den Spiess umzudrehen und den Therapeuten zu fragen: „Wozu brauchst du denn deine Erlösungsphantasien? Warum hast du es nötig, mit deinen Klientinnen zu schlafen?" dann wäre sie innerlich frei von dem Rechtfertigungsdruck und der Therapeut geriete in Bedrängnis. Er müsste dann von seinem therapeutischen Thron herabsteigen und sich seinen eigenen Bedürfnissen stellen.

  • 1. Der Begriff Zelot leitet sich von der biblischen Person Pinchas ben Eleasar, einem Enkel Aarons, ab, der ein religiöser Eiferer war und mit dem Speer in der Hand „für seinen Gott eiferte“. Dies tat er, indem er einem anderen Israeliten, der sich mit einer „fremden“ Frau eingelassen hatte, in dessen Zelt folgte und ihn und die Frau mit seinem Speer durchbohrte (4. Buch Mose, 25). Im Folgenden wurden bestimmte religiöse jüdische Eiferer jahrhundertelang als „Zeloten“ bezeichnet.
    In der deutschen Bildungssprache wird die Bezeichnung „Zelot“ heute manchmal auch allgemein für einen Eiferer oder Fanatiker verwendet, jedoch nach wie vor üblicherweise für einen religiös motivierten.

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