Abgrenzung kann heilsam sein

Abgrenzung kann heilsam sein - Von gesunder Aggression und Distanz

Eine heilsame Abweisung

Im Markus-Evangelium wird Jesus als Heiler beschrieben, den viele Kranke aufsuchten, um von ihm geheilt zu werden. Als dann einmal eine griechische Frau kommt und ihn bittet, er möge ihre kranke Tochter heilen, da zeigt Jesus erst einmal keine Hilfsbereitschaft. 1 Statt zu helfen grenzt sich Jesus ab und hält der Frau den Spiegel für ihr eigenes Verhalten vor Augen.
Schon viele Frauen waren verärgert über das Verhalten Jesu. Vergegenwärtigen wir uns die Situation: Jesus und seine Jünger haben sich derzeit in der Region um Tyrus aufgehalten, um genügend Zeit für die Unterweisung zu haben und nicht durch die politischen Wirren in Galiläa gestört zu werden. Jesus ist also ins Ausland gegangen und hat sich in die Klausur zurückgezogen, um mit seinen Jüngern allein zu sein. Da kommt eine griechische Frau auf ihn zu und fallt ihm zu Füssen, umschlingt seine Füße mit ihren Armen und bittet ihn inständig, er möge ihre Tochter heilen, die vo einem Dämon besessen ist. Jesus grenzt sich jedoch ab. Er macht sich nicht gleich auf mit der Bittstellerin, sondern zeigt ihr auf, weshalb ihre Tochter krank geworden ist. Er macht der Mutter deutlich, dass die Tochter nicht satt geworden ist, weil die Mutter zu sehr um die eigenen Bedürfnisse besorgt war. Die schroffe Abweisung der Hilfe suchenden Frau schockiert oder irritiert so manchen Bibelleser, der das Bild des allzeit zur Hilfe bereiten Jesus vor Augen hat und es sich nun schwer tut damit, diese klare Abgrenzung Jesu nachzuvollziehen. Die Abgrenzung erscheint auf den ersten Blick als Abweisung. Doch entwickelt sich die Geschichte zum Gegenteil: Eben die Abgrenzung ermöglicht eine heilsame Begegnung.

Mütter und Töchter

Durch die Abgrenzung der bittenden Frau gegenüber ermöglicht Jesus ihr, sich selbst von ihrer Tochter abzugrenzen. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter gelingt nur dann, wenn beide sich gut voneinander abgrenzen können. Das verlangt natürlich nicht nach einer absoluten Abgrenzung. Schliesslich bedarf die Tochter auch der Mutter, um in der Begegnung mit ihr ihre eigene Identität als Frau zu entfalten. Solange jedoch die Grenzen unklar sind und zerfliessen, kann die Tochter die eigene Identität nicht finden.
Die Unklarheit ist letzten Endes der Dämon, der sich auf sie legt; die Tochter kommt nicht mehr mit sich zurecht. Und auch die Mutter weiss keinen Rat, wie sie mit der Tochter umzugehen hat, von der sie meint, sie sei von einem Dämon besessen. Dabei führte in Wirklichkeit nur die fehlende Grenze zu dem Konflikt zwischen Mutter und Tochter. Die Psychotherapeutin Thea Bauriedl nennt die symbiotische Beziehung zwischen Mutter und Tochter eine „grenzenlose Beziehung"2. Da die Beziehung zwischen Mutter und Tochter keine klaren Grenzen kennt, weiss die Tochter nicht, wo sie gerade steht. Sie verliert die Beziehung zu den eigenen Gefühlen und macht sich die Gefühle der Mutter zu eigen. Sie vermag nicht zu sagen, was sie eigentlich selber fühlt. Manche Töchter verschliessen sich völlig als Reaktion auf diese Grenzenlosigkeit; sie grenzen sich der Mutter gegenüber derart stark ab, dass die Mutter sich verletzt fühlt. Im Endeffekt fühlt sich dann die Mutter wiederum hilflos gegenüber der Tochter. Sie kommt nicht mehr an sie heran, obwohl sie sich doch ständig mit ihr beschäftigt.
Thea Bauriedl nennt eine solche grenzenlose Beziehung eine Doppelbindung. Das Kind möchte zwar auf der einen Seite die Mutter lieben. Doch ist sie auch der Meinung, dass die Mutter Angst hat vor dieser Liebe. Also unterdrückt sie das liebevolle Gefühl. Diese Doppelbindung macht sie unfähig zu klaren Beziehungen. Natürlich fühlt sie sich angezogen von Menschen und verlanbgt nach deren Liebe, doch unterdrückt sie diese Empfindungen zugleich aus Angst, sie könnte den anderen zu nahe kommen und die anderen könnten diese Liebe nicht wollen.

Äussere und innere Abgrenzung

Grenzenlose Beziehungen zwischen Mutter und Tochter haben für die Tochter fatale Folgen. So hatte eine Frau von ihrer Mutter als Botschaft immer wieder den Satz gehört: „Wenn du nicht brav bist, sterbe ich." Die Aufforderung, brav zu sein, war also keineswegs nur eine moralische Forderung, sondern verbunden mit einer massiven Drohung. In letzter Konsequenz hat sich die Tochter dann innerlich völlig an ihre Mutter gebunden. Selbst bei kleinen Fehlern hatte sie grosse Angst davor, damit ihre Mutter zu verletzen und ihren Tod herbeizuführen.
Doch ebenfalls die Mutter wird von einer grenzenlosen Beziehung zur Tochter überfordert. Sie versteht ihre Tochter nicht mehr und kann ihr Verhalten nicht einordnen. Also versucht sie, die Tochter zu verstehen und ihr mit noch mehr Nähe zu begegnen. Um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen verwöhnt sie dann die Tochter. Sie ist der Meinungmeint, etwas falsch gemacht zu haben in der Erziehung und möchte das jetzt wieder gutmachen. Aber die Verstrickung wird nicht aufgelöst, sondern immer heilloser. Nun bestärkt Jesus die Mutter, Mut zu fassen, um sich auch ihrer Tochter gegenüber abzugrenzen. Sie darf also sehr wohl auch ihre eigenen Bedürfnisse ernst nehmen und ihre Grenze achten.Und dann, wenn sie sich der Tochter gegenüber abgrenzen kann, dann wird auch die Tochter ihren Raum finden, in dem sie aufblühen und ihre eigene Identität finden kann.

Nicht wenige Töchter leiden darunter, dass ihre Mutter ihre Grenze dauernd überschritten hat. So durften sie als Mädchen ihr Zimmer nicht verschliessen, ihr Tagebuch wurde von der Mutter gelesen und sie hatten keinen eigenen Bereich, in dem sie sich sicher fühlen konnten. Selbst dann, wenn diese Töchter erwachsen geworden sind, haben sie immer noch den Eindruck, ihre Mutter würde ihnen dreinreden. Ihr Problem ist es oft, dass sie sich gegenüber anderen Menschen oder ihren eigenen Kindern nicht abgrenzen können. Sie haben also die Unfähigkeit ihrer Mutter, sich abzugrenzen, unbewusst selbst übernommen. Sie haben nach wie vor das Gefühl, ständig von der Mutter beobachtet und beurteilt zu werden. Und sie können sich auch in ihrem eigenen Bereich nicht abgrenzen gegenüber der Familie oder gegenüber den Wünschen ihrer Arbeitskolleginnen. Jesu Ermutigung zur Abgrenzung ist da heilsam: Sei Du selbst und trenne Dich von Deiner Mutter.. Nur durch eine gelungene Trennung zwischen Tochter und Mutter kann eine fruchtbare Beziehung wachsen, in der die Tochter auch die positiven Wurzeln zu erkennen vermag, die ihr die Mutter mitgegeben hat. Erst dann werden diese Frauen fähig sein, sich im Leben auf gute Weise abzugrenzen gegenüber den Erwartungen von aussen.
Dabei geht es aber nicht nur um die äussere Abgrenzung. Viele Töchter sind schliesslich innerlich an ihre Mutter gebunden. Selbst nach gelungener Abgrenzung nach aussen hin haben sie doch unbewusst, die Schattenseite der Mutter für sich übernommen. Zwar erschien die Mutter nach aussen hin immer freundlich und hilfsbereit. Doch ging von ihr unbewusst auch eine Lebensverneinung aus. Die Tochter weiss in diesem Falle gar nicht, warum sie sich manchmal so lebensmüde, gelähmt und ausgelaugt fühlt. Erst in der Therapie wird ihr klar, dass sie die Schattenseite der Mutter lebt. Es bedarf oft einer langen Zeit, sich auch im Unbewussten von der Mutter abzugrenzen. Das liegt daran, dass wir im Unbewussten vom anderen beeinflusst werden, ob wir das nun wollen oder nicht. Die Bewusstmachung des Unbewussten ermöglicht es uns dann , uns von den Schattenseiten der Mutter abgrenzen. Doch werden wir den Schatten immer wieder erfahren, selbst wenn wir uns erfolgreich abgegrenzt haben. Eine solche Beziehungskonstellation erfordert es, den Schatten erst einmal wahrzunehmen und sich dann davon zu distanzieren. Fühlt man sich etwa ausgelaugt, dann kann man sich sagen: „Das ist wieder der Schatten meiner Mutter. Das ist die Depressivität meiner Mutter. Ich lasse sie bei ihr." Die Erkenntnis des unbewussten Einflusses der Mutter entkräftet diesen und in mir kann die Kraft wachsen, mich aufzurichten und mein Leben aktiv in die Hand zu nehmen. Die Distanzierung vom Schatten führt mich geradewegs zu der Kraft, die brach in mir liegt.

Gesunde Distanz

Nicht selten erzählen Frauen, dass sie sich schwer tun, sich gegenüber ihrer alten pflegebedürftigen Mutter abzugrenzen. Zwar möchten sie ihre Mutter selbst pflegen und ihr den Lebensabend erleichtern, doch bemerken sie dann, wie sie nur mit innerem Widerstand zur Mutter gehen und wie sie aggressiv werden, wenn die Mutter einen Wunsch äussert. Sie werden von einer Schwachheit befallen und fühlen sich wie ausgesaugt. Die Tochter nimmt also die Unzufriedenheit der Mutter in sich auf und lässt sich von ihr verletzen. Gerade dann ist es bitter nötig, sich gut abzugrenzen.
Hilfreich könnte es sein, sich vor dem Besuch kurz hinzusetzen und zu meditieren, damit man ganz bei sich ist. Je mehr jemand bei sich ist, desto weniger kann der andere die eigene Grenze verletzen. Zwar nehme ich dann wahr, was die Mutter möchte, wehre ich mich nicht dagegen, sondern nehme es einfach wahr. Doch vertraue ich einem Gespür, auf welche Wünsche ich eingehen möchte und auf welche nicht.Dies ermöglicht nun eine nicht vereinnahmende, freie und zugleich liebevolle Beziehung zur Mutter, die beiden hilft.
Auch kann ich die Gefühle, die man in der Begegnung mit der Mutter in sich wahrnimmt, der Mutter zurückzugeben. So stelle ich mir vor, dass die Unzufriedenheit, die ich spüre, in meiner Mutter ist. In Folge wächst in mir ein anderes Gefühl und ich empfinde eher Mitleid über diese alte Frau, die sich selbst nicht akzeptieren kann, die in sich zerrissen und unzufrieden ist. So kann ich nun geduldiger und milder mit der Mutter umzugehen, ohne mich selbst zu überfordern.
Natürlich kann ich nicht verhindern, dass in der Begegnung mit anderen Menschen in mir negative Gefühle auftauchen. Oft übernehme ich dabei die Gefühle, die im anderen sind. Deshalb kann ich an meinen eigenen Emotionen erkennen, wie es dem anderen wirklich geht. Wenn ich nun dem anderen seine Gefühle zurückgebe, dann komme ich in mir mit meinen eigenen Gefühlen in Berührung. Anstatt der Aggression begegne ich dann meiner inneren Klarheit, statt der Unzufriedenheit dem Miteid, statt der Depressivität meiner eigenen Kraft. In der Begegnung überspringen die Gefühle des anderen meine eigene Grenze. Und die Wahrnehmung dieses Sachverhalts erlaubt mir dann die Abgrenzung: Ich lasse die Gefühle beim anderen und schaue sie von einer gesunden Distanz her an, ohne sie zu bewerten oder zu beurteilen.

  • 1. (Mk 7,24—30)
  • 2. Thea Bauriedl, Leben in Beziehungen. Von der Notwendigkeit, Grenzen zu finden, Freiburg 1997.

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