Grenzen muss man kennen lernen

Grenzen muss man kennen lernen - Von klaren Regeln und notwendiger Reibung

Schutz vor Überforderung

Kohelet war ein Weisheitslehrer. Er verknüpfte die Weisheit der Juden mit der der Griechen. Indem er die Menschen in ihrem Verhalten beobachtete, kam er zu der Erkenntnis: „Der Mensch kennt seine Grenze nicht." (Koh 9,12) Diese Aussage über das Verhalten der Menschen im Allgemeinen, gilt in unseren Zeiten vornehmlich für die Kinder. Denn viele Eltern haben heute ein Problem damit, ihren Kindern Grenzen zu setzen. Deshalb wachsen die meisten Kinder ohne Grenzen auf; ihnen ist gar nicht bewusst, wo die Grenze ist, die sie nicht überschreiten sollen. Der Hamburger Pädagoge Jan-Uwe Rogge empfiiehlt in seinem humorvollen Buch „Kinder brauchen Grenzen" nachdrücklich den Eltern, ihren Kindern klare Grenzen zu setzen. Ansonsten sollten sie sich nicht darüber wundern und beschweren, wenn ihnen die Kinder als Antwort auf das Laissez-Faire auf der Nase herumtanzen. „Grenzen setzen meint, sich gegenseitig in der Persönlichkeit zu achten und zu respektieren." 1
Den Eltern fällt es schwer, ihren Kindern Grenzen zu setzen, weil sie in der Regel das Beste für ihre Kinder wollen. Nicht wenige leiden selbst darunter, dass ihre Eltern ihnen zu enge Grenzen gesetzt haben, die mit sofortigen Strafen und Strafandrohungen verbunden waren.
Dies alles wollen sie ihren eigenen Kindern ersparen. Und aus der Angst heraus, dass ihre Kinder dieselben Erfahrungen machen, die sie selbst gemacht haben, setzen sie kaum noch Grenzen. Damit tun sie jedoch weder sich noch ihren Kindern einen Gefallen, weil die Kinder nun keine Möglichkeit mehr haben, sich an den nicht vorhandenen Grenzen zu reiben. Reibung erzeugt wiederum Wärme. Grenzen setzen ist also durchaus auch Ausdruck von Liebe. Eine Erziehung, die keine Grenzen setzt, erfahren die Kinder keineswegs als Freiheit und Liebe, sondern eher als Gleichgültigkeit und „Nichtverwahrtsein" 2. Die Kinder werden überfordert reagieren aggressiv.

Konsequenz in der Erziehung

Kinder, denen keine Grenzen vorgegeben werden, sehen sich dazu genötigt, immer auffälliger zu werden, um endlich die Grenzen der Eltern erfahren. „Festigkeit schafft Grenzen, wo sie fehlen, herrscht Unsicherheit, fangen Kinder an, Grenzen auszutesten, um zu erfahren, wie weit sie gehen dürfen."3 Die Kinder beginnen, ihre Eltern, die ihnen keine Grenzen setzen, zu tyrannisieren, bis dann die Eltern Irgendwann „explodieren" . Dies trägt weiter zur Verunsicherung der Kinder bei, da es keine Klarheit schafft. Die Kinder fühlen sich nicht ernst genommen.
Einige Eltern versuchen, Grenzen zu setzen. Sie sind aber nicht konsequent in ihrem Handeln und lassen es zu, dass ihre Kinder sie manipulieren. Die Kinder haben nämlich ein gutes Gespür dafür, wie sie ihre Eltern „rumkriegen" können. Da gibt es Kinder, die ihren Eltern ein schlechtes Gewissen einimpfen, wieder andere beherrschen die Eltern durch die Androhung, sich etwas anzutun, oder üben Gewalt aus mit dem Vorwurf, sie seien ja sowieso ungeliebt.
Wer Grenzen setzt, muss auch konsequent sein. Ansonsten werden die Kinder die Grenzen immer wieder umgehen. „Wer ständige Grenzüberschreitungen des Kindes ignoriert, sich ihnen gegenüber gleichgültig verhält, trägt nicht allein zur Verstärkung zerstörerischer Aktivität und Haltungen bei, sondern behindert die Ausbildung eines Selbstwertgefühls, verhindert das Gefühl gegenseitigen Respekts und gegenseitiger Achtung." 4

Nicht wenige Eltern tun sich schwer, Grenzen zu setzen, weil sie nicht als altmodisch gelten möchten. Ihre Kinder wissen auch ganz genau, wie sie den Eltern dadurch ein schlechtes Gewissen vermitteln können. „Alle dürfen das. Alle haben das. Nur ihr seid so altmodisch und so eng, es mir nicht zu erlauben." Die Eltern benötigen in diesem Falle innere Klarheit und Sicherheit, um sich erfolgreich gegen solche Manipulationsversuche abzugrenzen.
Ein anderer Grund ist die Scheu vor Auseinandersetzung für die fehlende Grenzsetzung seitens der Eltern - um des lieben Friedens willen. Freilich setzt man sich der Kritik der Kinder aus, wenn man ihnen Grenzen setzt. Und Kinder urteilen sehr harsch.
Die Kinder haben durch die Medien genügend Strategien vermittelt bekommen, wie sie Eltern, die Grenzen setzen, zusetzen können.
Die Grenzsetzung ist kein Zeichen von Ablehnung und geschieht auch nicht aus einer blossen Laune heraus, sondern zeigt, dass die Eltern ihre Kinder ernst nehmen, sich um sie kümmern und nicht einfach ihre Ruhe haben wollen. Weil es den Eltern um das Kind geht, wagen sie auch die Auseinandersetzung mit ihm. Das respektieren Kinder auch, obwohl sie natürlich zuerst versuchten, die Grenzsetzung aufzulösen, indem sie den Eltern etwa ein schlechtes Gewissen vermitteln möchten.

In der Entwicklungspsychologie gilt: Speziell der Vater ist zuständig für das Setzen der Grenzen. Heute verweigern sich jedoch viele Väter dieser Aufgabe. Sie bemühen sich darum, verständnisvolle Väter sein, und nicht autoritär zu erscheinen. Wenn sie jedoch ihrer Vaterrolle nicht gerecht werden, diese gar aufgeben, dann finden die Kinder wohl nie ihre eigene Identität. Sie wissen dann nicht, woran sie sich halten sollen. Erfahrungsgemäss werden viele vaterlose Kinder häufig kriminell weil sie ihre Grenzen nie erlebt haben und weil sie nie angehalten wurden, sich an vorgegebene Grenzen zu halten. Der Psychiater Horst Petri hat ein Buch über die „Vaterentbehrung" geschrieben. Er fasst die Ergebnisse empirischer Forschungsprojekte zusammen und stellt vor allem bei Jungen, die keinen Vater hatten, eine „ausgeprägtere Neigung zu Regelverletzungen, Grenzüberschreitungen und aggressivem Verhalten, die unter entsprechend ungünstigen Umweltbedingungen nicht selten in Verwahrlosung und Kriminalität münden können" fest. Petri zufolge leiden die Jungen unter der Vaterentbehrung noch mehr als die Mädchen.
Der Vater hat zu tun mit der Bildung von Gewissen und spielt eine nicht zu unterschätzende Rolle für „das Erlernen sozialer Normen und Verhaltensstandards".
Erfüllt der Vater seine Aufgabe nicht, dann besteht die Gefahr, dass die Jungen nie lernen, sich an Grenzen zu halten. Sie wachsen in dem Glauben auf, die Welt würde sich nach ihnen richten. Diese absolut unrealistischen Sicht auf die Wirklichkeit ist der Grund für ihr häufiges Scheitern, wenn die ersten Schwierigkeiten im Leben auftauchen und sie in ihre Grenzen weisen.

Was Kinder wirklich wollen

Eltern tun also den Kindern keineswegs einen Gefallen, indem sie nur verständnisvoll sind und mit ihnen über ihr auffälliges Verhalten lediglich diskutieren. Die Kinder finden für dieses „Gelaber" dann meistens nur verächtliche Worte, denn sie spüren genau, dass die Eltern zu feige sind, die Auseinandersetzung mit ihnen zu wagen. Ein „Du nervst mich." ist dann noch eine recht milde ausfallende Reaktion seitens der Kinder. Kinder brauchen nämlich nicht nur, sie wollen sogar Eltern, die ihnen ganz klar sagen, was sie wollen. Denn erst dann, wenn das geklärt ist, können sie mit ihnen kämpfen. Diese Vorstellung schreckt jedoch die meisten Eltern - sie möchten nur Verständnis zeigen und letztlich Verständnis der Kinder erfahren, anstatt ihre Rolle als Vater oder Mutter ernst zu nehmen.
Jan-Uwe Rogge erzählt in diesem Zusammenhang von einer Frau, die sich über ihren Sohn beschwert, der sich an nichts hält. Aber aus ihrer Antwort auf die Nachfrage, an was konkret er sich denn halten soll, wird klar, dass sie keine klaren Grenzen setzt. Der Junge müsse schliesslich selbst wissen, was er zu tun hat. In der Folge provoziert der Sohn seine Mutter immer mehr. Als die
Mutter mit dem Pädagogen spricht, platzt der Junge ins Gespräch und sagt, er habe Durst. Nachdem sie ihm sagt, er solle sich den Saft aus dem Kühlschrank nehmen, den er möchte, greift er nach dem O-Saft. Bald kehrt er zurück, weil ihm der Saft zu kalt ist. Als die Mutter ihn wieder auffordert, er solle sich nehmen, was er möchte, kommt er einige Minuten später weinend wieder, weil er die Flasche auf den Boden fallen gelassen hat, so dass sie zerbrochen ist. Nun unterhält sich Jan-Uwe Rogge mit dem Kind und es wird schnell klar, wird klar, dass er genau weiss, wie er seine
Mutter zum Platzen bringt. Und er kostet die immer wiederkehrenden Rituale auch so richtig aus. Weiss die Mutter nicht mehr weiter, dann schlägt sie ihn. Doch es tut ihr dann im Nachhinein so Leid, dass er in diesem Moment alles von ihr verlangen kann. Auf Rogges Frage, wie die Mutter denn anders handeln sollte, meinte er: „Also wenn ich Scheiße mache, soll sie das sagen!" Und dann erklärt er dem Pädagogen, warum er die Mutter so provoziert: „Ich wollte mal sehen, wie weit die geht. [..] Mit dir kann ich das nicht machen, glaub ich jedenfalls nicht. Aber ich würd's versuchen."

Kinder sehnen sich letzten Endes danach, dass ihre Eltern ihnen ganz klar sagen, was sie wollen. Sie sind überfordert, wenn die Eltern immer nur reden und immer nur Verständnis zeigen. Die Eltern sprechen dann letztlich zu ihrem eigenen kindlichen Ich, aber nicht zu ihren Kindern. Die Kinder verlangen nach Grenzen, um in der Reibung an ihnen sich selbst zu erfahren und sich ihrer Eltern zu versichern. Dies setzt jedoch seitens der Eltern die Bereitschaft voraus, sich auseinanderzusetzen und sich im Konfliktfall auch einmal als „altmodisch" und „völlig blöd" bezeichnen zu
lassen.

  • 1. Jan-Uwe Rogge, Kinder brauchen Grenzen, Hamburg 1993
  • 2. Christa Meves siehe
  • 3. Jan-Uwe Rogge, Kinder brauchen Grenzen, Hamburg 1993
  • 4. Jan-Uwe Rogge, Kinder brauchen Grenzen, Hamburg 1993

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