Wir leben in festgesetzten Grenzen

Wir leben in festgesetzten Grenzen - Von Hybris und Demut

Ein Wesen der Grenze

Im Buch Hiob wird die Geschichte der Menschheit beschrieben auf eine Art, die die Menschen aller Zeiten bewegt hat. Hiob hat in seinem Leid erfahren müssen, wie schmerzhaft es ist, dass Gott dem Menschen feste Grenzen setzt. Hiob beschwert sich Gott gegenüber mit den Worten: „Wenn seine Tage fest bestimmt sind und die Zahl seiner Monde bei dir, wenn du gesetzt hast seine Grenzen, so dass er sie nicht überschreitet, schau weg von ihm! Lass ab, damit er seines Tags sich freue wie ein Tagelöhner." (Hiob 14,5f) Der Mensch verspürt in Hiob die Begrenztheit des eigenen Lebens. Nun hat er viel Besitz angehäuft und eine gesunde Familie um sich und schon soll ihm alles genommen werden. Er glaubt, dass Gott jedem Menschen die Grenzen gesetzt hat,
sei es die Grenze, wie lange sein Leben währt, die Grenze, wie viel Kraft in ihm steckt, und was er damit anstellen kann.

Die Philosophie definiert den Menschen als ein Wesen der Grenze. „Er ist eingewiesen in bestimmte, d. h. auch begrenzte geschichtliche, kulturelle und gesellschaftliche Situationen, die den Rahmen für seine Existenz bilden." 1. Ebenso wie der uns beschirmende Horizontist auch unsere geschichtliche Existenz begrenzt. Wir haben nur diese Eltern erlebt, nur diesen Ort und dieses Land, in dem wir aufgewachsen sind. Auch unsere Fähigkeiten sind sehr wohl begrenzt. Zwar sind wir voller Sehnsucht nach dem Unendlichen, doch machen wir immer wieder die bittere Erfahrung, dass wir nicht alles können, was wir wollen. Dabei gehen unsere Wünsche und Sehnsüchte über die engen gottgegebenen Grenzen hinaus. Wir erleben, dass alles, was wir erreichen stets nur Stückwerk darstellt. Die Grenzen können wir nicht ausradieren. So möchten wir möglichst lange leben. Doch „diesem Leben werden Grenzen gesetzt durch Unglück, Naturkatastrophen, durch Bedrohung von Seiten der Menschen, durch Leiden und Krankheit des Leibes und der Seele"2. Diese Beschreibung klingt nur auf den ersten Blick egativ: Gerade an unseren Grenzen erfahren wir schliesslich uns selbst. Zwar wirken die Grenzerfahrungen, die uns an die Grenze unserer Belastbarkeit führen, bedrohlich, doch beinhalten sie auch gleichzeitig eine Chance für persönliches Wachstum. Sie laden uns ein, neue Lebensmöglichkeiten zu entwickeln. Die Existenzphilosophie definiert Grenzerfahrungen als Herausforderung, sich der eigenen Existenz gegenüber neu zu verhalten. Die Grenzerfahrungen zwingen uns nämlich, über uns selbst und unsere Möglichkeiten hinaus zu fragen. Letzten Endes verweisen sie uns dann auf Gott.
Hiob meint, Gott selbst habe unserem Leben Grenzen gesetzt. Die Geschichte lehrt: Die gottgegebenen Grenzen zu bejahen ist Demut. In allem, was ich tue, erfahre ich diese Grenze. Wenn ich etwa schreibe, dann gelingt es mir nicht immer so, wie ich es mir in meiner Phantasie ausgemalt habe. Organisiere ich etwas in der Verwaltung, dann bleibt trotz grössten Bemühens ein Rest ungeklärt. In meinen Illusionen bin ich jedoch absolut grenzenlos; gehe ich daran, diese umzusetzen, dann stosse ich unweigerlich ich an Grenzen. Zwar können wir empört gegen diese Grenzen rebellieren, doch stosse ich mir dabei lediglich den Kopf wund. Der Film „Die Mauer" veranschaulicht dieses Bild eindrücklich: Zwei Menschen befinden sich vor einer Mauer Der eine findet sich mit der Grenze ab und der andere läuft ständig gegen sie an. Letzten Endes stösst er mit seinem Kopf ein Loch durch die Mauer. Doch kostet ihm dieser Sieg das Leben. Der andere geht durch das freie Loch in der Mauer. Doch sobald er nun diese Mauer überwunden hat, erscheint schon wieder eine neue vor ihm. Ganz offensichtlich existieren viele Mauern, viele Grenzen, die uns einengen.

Die Frage ist doch, wie wir mit unserer Grenzen umgehen. Mit dem Kopf durch die Wand zu gehen hat ganz offensichtlich keine guten Konsequenzen: Die Folge kann sein, dass wir das Unterfangen dann - im übertragenen wie im wörtlichen Sinn — mit unserem Leben bezahlen. Wir können auch die Grenzen akzeptieren und kreativ mit ihnen umgehen. Dann wäre da die Verdrängung der Grenzen; wir leben einfach nur so dahin, ohne die Grenzen zu achten. Dagegen spricht, dass das Leben langweilig und sinnlos wird, denn ich muss mich den Grenzen stellen und mich an ihnen reiben. Das ist meistens recht schmerzhaft, erzeugt aber auch eine gesunde Spannung: die Spannung zwischen dem Akzeptieren der Grenzen und dem Hinausschieben und Überspringen.

Spirituell kann ich die Grenzen die Gott uns gesetzt hat, ins Leben integrieren. Zunächst erkenne ich meine Grenzen an und verstehe sie als Zeichen meiner Geschöpflichkeit und Endlichkeit. Der hl. Benedikt sieht darin ein Zeichen der Demut, zu seiner Endlichkeit und Begrenztheit zu stehen und sie zu akzeptieren. So beschreibt er unter dem Aufhänger "Demut" einen Mönch, der der sich seiner Begrenzung stellt, auch wenn es ihm schwer fallt: „Er erträgt alles, ohne müde zu werden und davonzulaufen; die Schrift sagt ja: Wer bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet. Ebenso: Dein Herz sei stark, und ertrage den Herrn!" (RB 7,36f) Dem Mönch wird also die Tugend der Standfestigkeit abgefordert, wenn er das Gefühl hat, von den Grenzen, die ihm gesetzt sind von der Gemeinschaft, vom Abt und von Gott, eingeengt zu sein. Bleibt er nun standhaft, dann wächst er an den Grenzen. Zugleich lässt er sich von seinen Grenzen auf den grenzenlosen Gott verweisen. Gott steht jenseits jeder Grenze und ermöglicht es uns, uns mit unseren Grenzen auszusöhnen.

Zeitgrenzen

Eine Grenze, die wir heute alle schmerzlich erleben, ist die Begrenzung unserer Zeit. Kinder können noch zeitlos spielen und den Zeitfaktor ignorieren. Erwachsene haben ständig Termini „Grenzsteine" unserer Möglichkeiten und Pflichten.
Die Zeit ist beschränkt, die wir für die Arbeit, für die Begegnung, für das Lefür das Spielen zur Verfügung haben. Der biologische Zeitrhythmus setzt uns da seine natürlichen Grenzen. Wir ermüden und kommen an unsere individuellen Leistungsgrenzen. Um die Zeit zu überlisten, versuchen manche, immer mehr und schliesslich viel zuviel in eine bestimmte Zeitspanne hineinzupacken. Jede Minute muss für sie genutzt werden. Doch irgendwann erschöpfen sich die Reservoirs, wenn man so lebt - man wird unfähig, die Zeit überhaupt noch wirklich aufzunehmen und zu geniessen.
Besonders schmerzhaft ist das Erleben des Älterwerdens. Da merken wir, wie manches nicht mehr so geht wie früher. Die meisten überspringen ihre Zeitgrenzen. Sie tun so, als könnten sie immer so weitermachen wie bisher. Doch die Missachtung ihrer zeitlichen Grenzen zeitigt oft einen körperlichen Zusammenbruch. Die Pensionierung, der sogenannte Ruhestand, setzt uns von aussen, sozusagen durch gesellschaftliche Übereinkunft — Grenzen auf. Die einen erleben diese Veränderung als positiv und freuen sich auf den Freiraum. Viele jedoch empfinden den Zeitpunkt der Verrentung als schmerzlichen Einschnitt und eine schier unüberwindbaree Grenze. Sie finden sich nur schwer damit ab, aufs Altenteil abgestellt worden zu sein, bei Entscheidungen nicht mehr
gefragt zu werden, ohne Terminkalender zu sein, der ihre Wichkeit dokumentiert. Von einem Tag auf den anderen verändert sich ihr Leben ungemein. Die Zeitgrenze der Pensionierung gut zu überstehen, ist eine Kunst, die erst gelernt werden muss. Insbesondere in unserer Zeit, wenn die Leute immer älter werden, ist es sehr wichtig, diese Kunst auch zu erlernen.

Grenzen des Wachstums

Unsere Gesellschaft erlebt heute schmerzlich den Abschied von der Vorstellung eines unbegrenzten Wachstums. Die Mitglieder des Club of Rome haben uns schon vor Jahrzehnten vor den „Grenzen des Wachstums" gewarnt. 1972 ist ihr berühmt gewordener „Bericht zur Lage der Menschheit" erschienen, der das Ende des Reichtums prognostiziert hat. Seitdem stimmt die grenzenlose Wachstumsideologie nicht mehr. Selbst die Wirtschaft kann nicht immer weiter wachsen. Alles, Produktion wie Konsum, stösst an Grenzen. Die Menschen können nicht beliebig viel essen und trinken. Die Unternehmen können nicht immer nur auf Halde produzieren. Die Absatzmärkte haben ihre Grenzen. Man kommt auch im Bereich des Wirtschaftens um die grundsätzliche Wahrheit nicht herum, dass alles menschliche Werk an Grenzen stösst, selbst wenn unsere Wünsche und Sehnsüchte über die Grenze hinausreichen.

Doch mündet unsere Sehnsucht in eine euphorische Wachtumsideologie, die von der Realität eingeholt wird. Man darf sich nicht nur auf rein materielle Ziele fixieren. Denn unsere tiefste Sehnsucht wird nur dann erfüllt, wenn wir sie über die menschlichen Grenzen auf Gott hin ausrichten, der jenseits aller Grenzen steht.

Wahre Weisheit

Die meisten Menschen geraten wie Hiob schmerzlich und existentiell an ihre Grenzen. So haben sie klare Vorstellungen vom Leben und wollen es nicht akzeptieren, dass ihnen Grenzen gesetzt sind. Da ist etwa der Mann, der sich fest in den Kopf gesetzt hat, er müsse unbedingt Physik studieren. Falls ihm das nicht gelingt, dann kann er sich das Scheitern nicht eingestehen. Manch einer will mit aller Gewalt ein selbst gestecktes Ziel erreichen. Dabei überfordern sie sich und reagieren mit Krankheit. Deshalb ist Demut wichtig, um sich seine Grenzen einzugestehen. Die Hybris ist wiederum das Gegenteil der Demut. In der Hybris identifiziere ich mich mit grenzenlosen Bildern, etwa mit dem Bild des Helden, der vor nichts Angst hat, mit dem Bild des Heilers, der jede Krankheit zu heilen vermag, mit dem Bild des Helfers, der jedem helfen kann, oder mit dem Bild des Machers, der alles kann, was er sich in den Kopf gesetzt hat. Gerade der griechische Mythos ist voller Bilder, die verdeutlichen, wie es dem Menschen geht, der seine Grenzen nicht wahrhaben will. So ist etwa Prometheus das Bild des Menschen, der seine Grenzen übersieht. Er raubt den Göttern das Feuer; er nimmt sich also etwas, das dem Menschen nicht zusteht. Die Strafe der Götter ist sehr hart: Prometheus wird gefesselt an einen Felsen im Kaukasus. Täglich kommt ein Adler angeflogen und frisst seine Leber, die dann immer wieder nachwächst. Der Adler symbolisiert dabei die Größenphantasien, die ihn zu seinem Tun verleitet haben, und weist ihn schmerzlich in seine Grenzen.

Ebenso wie Hiob dürfen wir uns an den Grenzen reiben. Wir dürfen ausprobieren, ob wir die Grenze ein Stück weit überschreiten können. Eventuell haben wir sie ja nur zu eng gesehen. Von Weisheit zeugt es jedoch, sich einzugestehen, dass uns auch Grenzen gesetzt sind, die wir nicht überschreiten können: Das hat zu tun mit der Grenze unserer Fähigkeiten, der Grenze unseres Leibes und unseres Geistes, und auch der Grenze unseres Lebens. Egal wie weit wir das Ende unseres Lebens auch durch medizinische Anstrengungen noch so sehr hinausschieben, so wird das Ende dennoch kommen. Als wahre Weisheit lässt sich sagen, dass wir lernen müssen, angesichts dieses finalen Endes zu leben, anstatt die eigene Begrenztheit zu leugnen

  • 1. Heinrich Fries
  • 2. Heinrich Fries