Die Grenze ist heilig

Die Grenze ist heilig - Vom respektierten und geschützten Raum

Den Menschen waren Grenzen schon immer heilig. Grenzen trennen und schützen; sie teilen Bereiche der Erde den Menschen zu. Ein friedliches Zusammenleben auch ganzer Nationen ermöglicht erst die gerechte Aufteilung der Erde. Auch bei den Israeliten findet sich in der Geschichte und im Selbstverständnis dieser Gedanke. Gott selbst hat dem Volk Israel seine Grenzen gesetzt. Auch die Grenzen zwischen den einzelnen Israeliten waren heilig.

Das Buch der Sprichwörter warnt mehrfach davor die Grenzsteine zu versetzen (Spr 22,28 und 23,10). Und im Buch Deuteronomium befiehlt Gott den Israeliten: „Du sollst die Grenze deines Nächsten nicht verrücken." (Dtn 19,14) Diese Einstellung teilte Israel mit der gesamten Antike.

In allen Kulturen stehen die Grenzen unter dem besonderen Schutz der Gottheit. Dies betrifft die Landesgrenze, aber auch die Abgrenzung der Felder und die Grenzen, die beim Hausbau einzuhalten sind Schon die Griechen regelten eindeutig die Grenzabstände, die man beim Bau eines Hauses, beim Pflanzen von Ölbäumen, beim Graben eines Brunnens und sogar bei der Aufstellung eines Bienenkorbes einzuhalten waren. Die Römer haben dann die rechtlichen Vorschriften für die Grenzen erweitert. Die Grenzen waren ihnen heilig - sie feierten jedes Jahr das Fest der Terminalia. Termini waren die Grenzsteine., die für sie göttliche Wesenheiten darstellten. Das Wort „Termin" hat damit zu tun - wenn wir mit einem anderen einen Termin vereinbaren, dann setzen wir gleichsam einen Grenzstein, an den beide sich halten und den beide achten.

Die Römer verwendeten verschiedene Wörter zur Bezeichnung einer Grenze „finis", bedeutet zugleich auch „Ende"; an der Grenze endet der Machtbereich des Königs und das Nutzungsrecht des Nachbarn. Grenzen erinnern auch an das Ende der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. „limes" ist ein weiteres von den Römern verwendetes Wort. Der Limes ist das Ergebnis der Abgrenzung durch Vermessung (limitatio). Die Vermessung von Feldern und Bauplätzen ist Inhalt zahlreicher antiker Schriften. Diese Art von Grenze zeigt mir an, was mir zugemessen wurde, was mein Mass ist, mein „Limit". Das römische Recht stärkte mit Nachdruck, dass die Grenzen eingehalten werden und jedem das zugeteilt wird, was ihm zusteht. Das Recht schützt die Grenze und damit den Menschen.

Schutz für die Seele

Die Einhaltung äusserer Grenzen ist auch für die menschliche Seele wichtig. Damit der Mensch nicht innerlich zerfliesst, sondern seine Identität bewahren kann, benötigt er den Schutz der Grenzen.

So hat etwa eine Frau ein kleines Haus gekauft. Rings um ihr Haus hatte ein reicher Mann den ganzen Besitz aufgekauft. Er schikanierte die Frau, indem er andauernd die Grenzen verletzte. Er lud auf dem Zugang zum Haus seine Baumaterialien ab. Er verstellte den Zugang mit seinen Fahrzeugen. Auch die Anweisungen seitens der Gemeinde hielten den Mann nicht davon ab, die Grenzen permanent zu verletzen. Für die Frau war das nicht nur eine äussere Verletzung; sie fühlte sich nicht mehr sicher und von allen Seiten bedrängt. Der Nachbar respektierte also weder ihre äussere noch ihre innere Grenze.

Bei einem Mann wurde eingebrochen, so dass er sich innerlich zutiefst verunsichert fühlte. Es war weniger der materielle Schaden als vielmehr das Gefühl, dass da jemand die eigene Grenze verletzt hat. Der Mann fühlte sich nicht mehr sicher im eigenen Haus. Die Grenzverletzung durch den Einbrecher war für ihn wie ein Frevel, der die Räume seines Hauses erfüllte. Der Einbruch hat also nicht nur die äussere Grenze des Hauses verletzt, sondern war ein Angriff auf die Person des Opfers.

Grenzen schützen uns und geben uns Sicherheit. Das gilt nicht nur für die äussere Grenze eines Grundstückes, sondern auch für die Grenze unserer Seele. Manch einer hat kein Gespür für fremde Grenzen. Instinktiv versuchen wir, uns in einem solchen Fall zur Wehr zu setzen: Solche Menschen sind uns unangenehm und wir meiden sie. Sie respektieren unsere Zeitgrenze nicht. Wenn wir ein Gespräch zu einer bestimmten Uhrzeit anberaumt haben, dann kommen sie viel zu spät, nicht weil sie im Stau standen, sondern weil sie es mit der Zeit nicht ernst nehmen. Wir haben die Gesprächsdauer begrenzt. Doch sie erzählen und kommen an kein Ende. Andere wiederum rufen uns abends zu später Zeit an und registrieren überhaupt nicht, dass man nicht mehr gestört werden will. Es gibt Leute, die nachts um 2.00 Uhr anrufen und der Meinung sind, man würde jetzt ihr Problem anhören. Das Gespür für die natürlichen Grenzen ist bei vielen heute verloren gegangen.

Die Grenze ist ein Tabu, das nicht überschritten werden darf. Damit der Mensch sich selbst findet und heil und ganz werden kann, braucht er diese Heiligkeit seiner Grenze. Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Heil und die Heilung des Menschen. Zur Kultur des menschlichen Umgangs gehört auch das Beachten der Grenze.
Wer sich stets auf Kosten des Nachbars breit macht, verletzt und missachtet ihn. Der Grenzverletzer grenzt sich jedoch letzten Endes durch sein Verhalten selbst von der
menschlichen Gemeinschaft aus. Miit Menschen, die die Grenzen nicht für heilig halten, wollen wir meistens nichts zu tun haben. Ein Teufelskreis entsteht. Weil sich jemand einsam fühlt, verletzt er die Grenze zum anderen, um seine Nähe zu erzwingen. Doch damit grenzt er sich selbst aus und wird unfähig zu wirklicher Begegnung und Beziehung - er schliesst sich immer mehr aus.

Eine gute Übung, die eigene Grenze und die Grenze des anderen wahrzunehmen, wird oft in Kursen angeboten.Zwei Teilnehmer stellen sich dazu im Raum weit voneinander entfernt auf. Einer bleibt , stehen, der andere nähert sich ihm langsam. Wer stehen bleibt, sagt „Stop", wenn er spürt, dass eine grössere Nähe seine Grenze überschreiten würde. Jeder Mensch reagiert in dieser Situation ganz unterschiedlich. Was für den einen gerade angenehm ist, ist für den anderen schon unangenehm. Jeder hat ein Gespür für seine ganz persönliche Grenze. Viele haben ein geradezu körperliches Gefühl dafür, wo ihre Grenze liegt. Wir müssen aber auch zu unserer Grenze stehen und sie anderen signalisieren. Das Gegenüber kann es von sich aus nicht wissen. Deshalb müssen wir es kommunizieren oder ihm durch unser Verhalten
klar machen, wo unsere Grenze liegt. Jeder trägt die Verantwortung für seine eigene Grenze.

Ein heiliger Bereich

Die Verehrung der Grenzen als heilig seitens der Römer und Griechen, lässt sich auch am Wortstamm erkennen. Das lateinische Wort für heilig ist „sanctus". Es kommt von „sancire", das „abgrenzen,absondern" bedeutet. Heilig ist also das klar Abgegrenzte. Die Griechen sprechen vom „temenos", vom „heiligen Hain", den man von der normalen Landschaft abgegrenzt hat. Das Heilige ist also nicht für jeden Menschen zugänglich. Es darf es nur unter ganz bestimmten Umständen betreten werden. In der Reegel hat nur der Priester Zutritt zum Heiligen. ihm allein ist es gestattet, die Grenze jenseits des profanen Bereichs überschreiten. Das Heilige ist zudem das, was der Welt entzogen ist, worüber sie keinerlei Macht hat. Die Griechen sind zum Heiligtum nach Delphi gewandert und haben dort im heiligen Bezirk, im Tempel, geschlafen. Es hiess, der Tempelschlaf sei heilsam. Es tut also dem Menschen gut, einzutauchen in den heiligen Raum, zu dem die Welt mit ihrem Lärm, ihren Massstäben und Erwartungen keinen Zutritt hat. Bei den Griechen vermochte nur das Heilige zu heilen. Doch wenn das Heilige keine klaren Grenzen hat, läuft es Gefahr, sich aufzulösen.

Um sich vor dem Zugriff der Welt zu schützen, kann man also in einen äusseren heiligen Bezirk eintretenDoch hat jeder von uns auch seinen heiligen Raum in sich, zu dem die Menschen mit ihren Erwartungen und Ansprüchen keinen Zutritt haben. Dieser innere Raum bedarf unbedingt des Schutzes. Träume signalisieren es uns, wenn wir uns nicht genügend geschützt haben. So erzählt eine Klientin, dass sie oft den Traum hat, in ihrem Schlafzimmer seien fremde Menschen. Sie ist sehr bemüht darum, anderen zu helfen so dass sie selbst den privaten Bereich des Schlafzimmers nicht mehr vor ihnen schützen konnte. Die Mitmenschen hatten also Zugang zu allen Bereichen ihrer Seele. Der Traum war eine Mahnung, ihren innersten, ihren heiligen Bereich besser gegen die Fremden abzugrenzen.

Viele alte Geschichten, Legenden und Märchen entalten diese Botschaft von der Heiligkeit der Grenze: Die Legende vom Heiligen Aegidius etwa erzählt, dass sich zu ihm die Tiere flüchteten, wenn der König auf die Jagd ging. Bei ihm hatten sie Schutz. Um den Heiligen herum bestand ein Bannkreis, den den kein Jäger durchdringen konnte. Die Jäger blieben wie angewurzelt stehen, und auch ihre Jagdhunde schafften es nicht, diese Grenze zu überschreiten. Der König spürte, dass es da nicht mit rechten Dingen zuging, und erbat sich die Hilfe des Bischofs. Zusammen drangen die Beiden zum Bezirk des Heiligen vor. Als die Jagdhunde wieder umkehren mussten, schoss ein Jäger einen Pfeil in das Gebüsch und verletzte den Heiligen. Der aber benötigte für diese Wunde keine irdische Arznei, wie sie ihm der König anbot. Die Wunde sollte ihm als stete Erinnerung an Gott dienen. Zwar gelangte der Pfeil in den heiligen Bezirk, in dem Aegidius wohnte, doch nicht in das innere Heiligtum des Einsiedler, welches unverletzt blieb. Die Aggressionen der Anderen verletzen unseren emotionalen Bereich und der innerste Raum in uns, in dem Gott selbst wohnt, ist gefeit gegen jegliche Verletzung.

Die Botschaft der Märchen

Das Märchen „Das Mädchen ohne Hände" berichtet von einer frommen Müllerstochter, die mit Kreide einen Kreis um sich zieht, nachdem sie sich gewaschen hat. Sie schafft also in sich einen reinen Kreis, aus dem alles Dunkle und Böse vertrieben ist. Der Vater hatte dem Teufel seine Kinder versprochen, doch ist Satan nicht dazu in der Lage, diesen Schutzkreis zu überwinden.

Dieses Märchen hat auch heute noch seinen Realitätsbezug. Dort, wo das Reine und Klare einen Kreis um den Menschen bildet, kann das Böse, können negative Emotionen nicht eindringen. Das Märchen bezeugt auch die Heilkraft des Wassers. Der Teufel befiehlt nämlich dem Müller, alles Wasser wegzuschaffen, damit die Tochter sich nicht mehr waschen und reinigen kann. Da weint das Mädchen dann auf ihre Hände. Und die gereinigten Hände hindern den Teufel weiterhin, ihr nahe zu kommen. Die tiefe Botschaft des Märchens auch für uns ist: Falls wir den inneren Raum in uns schützen und damit erhalten, der lauter und rein ist, dann hat das Negative keine Macht über uns. Doch können sich die meisten Menschen nicht abgrenzen von diesem Negativen, das um sie herum omnipräsent ist. Sie nehmen alle depressiven und aggressiven Stimmungen, die sie umgeben, in sich auf und sind den Emotionen, die auf sie einstürmen, schutzlos ausgeliefert. Diesen Menschen will das Märchen sagen: Zieh einen deutlich markierten Kreis um dich, um deinen innersten Schutzraum festzulegen, damit du geschützt bleibst vor dem Bösen.

Im Märchen von Jorinde und Joringel geht es ebenfalls um einem solchen Schutzraum, den Raum einer Zauberin. Die alte Frau bewohnt ein Schloss und wer sich diesem auf mehr als 100 Schritte naht, der muss stehen bleiben und kann sich nicht mehr von der Stelle bewegen, bis sie ihn losspricht. Falls nun eine Jungfrau diesen Kreis betritt, dann verwandelt sie die Zauberin in einen Vogel.
Dies passiert auch Jorinde, der Braut von Joringel. Beide nähern sich dem Schloss zu nahe. Jorinde wird zur Nachtigall und Joringel wird bewegungslos. Die Zauberin befreit den jungen Mann durch eine Zauberformel, doch muss er nun ganz ohne seine Braut von dannen ziehen und die Schafe eines Bauern hüten. Ein Traum zeigt ihm dann die Lösung, wie er Jorinde befreien und den Bann der Zauberin lösen kann. So soll er eine blutrote Blume suchen, in deren Mitte eine grosse Perle ist. Er findet sie, dringt in den Zauberkreis ein und erlöst seine Braut und all die anderen Jungfrauen, die in Vögel verwandelt waren. Die Blume nimmt der Zauberin die Macht.

Das Märchen zeigt deutlich, dass es offensichtlich Grenzen gibt, die man nicht überschreiten darf, ohne Schaden zu nehmen. Joringel muss erst eine blutrote Blume mit einer Perle suchen. Er muss also durch Leid hindurch gegangen sein. Erst dann wird er einer reifen Liebe fähig, in der er eins wird mit seiner Braut. Denn solange die beiden nur verliebt sind, achten sie nicht auf ihre Grenzen. Wer aber in der Sehnsucht nach Verschmelzung lebt, der gerät in den Herrschaftsbereich der Zauberin, die für verdrängte Anteile des Weiblichen steht. Das Nichtbeachten der eigenen Grenzen führt zu einer symbiotischen Beziehung, in der der Mann keinen wirklichen Zugang mehr zur Frau hat- er versteinert und die Frau fliegt als Nachtigall davon. Die Tiefenpsychologin Verena Kast hat dieses Märchen auf subtile Weise erschlossen: Sie ist der Meinung, Joringel habe seine Frau zu einer Nachtigall erhöht. Der Gesang der Nachtigall gilt gemeinhin als, „so klagend, so traurig, so voll Sehnsucht, gleichzeitig aber auch verführerisch aufreizend — aber sie bleibt unerreichbar". Die Symbiose macht nun die Frau übermenschlich, aber zugleich auch „nichtmenschlich, nicht mehr erreichbar".

Ein Zauberspruch befreit den Joringel. Die Zauberin hat offensichtlich an ihm kein grosses Interesse. Er muss seine eigenen Entwicklungsschritte vollziehen, um zu einer reifen Beziehung zu seiner Braut fähig zu werden. Der erste Schritt ist, das Hüten der Schafe. „Hüten heisst, etwas zusammenhalten; eigentlich hüten die Märchenhelden sich selber, sie sammeln ihre vitalen Kräfte." Zudem hilft ein Traum, der ihm den Weg zu seiner Frau zeigt. Die blutrote Blume mit der weißen Perle bedeutet laut Verena Kast die „Verbundenheit von körperlicher und mystischer Liebe". Die Perle ist wiederum das Symbol der Zentrierung. Joringel entdeckt sein Selbst und er ist nun in der Lage zu einer Liebe, die die konkrete Frau mit ihrem Leib ernst nimmt, und in der Liebe zu ihr zugleich etwas von Transzendenz wahrnimmt. Es ist keine Liebe mehr, die festhält und klammert, sondern die in der Begegnung mit der Frau etwas anderes berührt, das dem eigenen Zugriff entzogen ist. Diese Erfahrung von Transzendenz in der Liebe zur konkreten Frau, die in ihrer menschlichen Begrenztheit gesehen wird, zerschlägt die Ketten von Joringels symbiotischen Bedürfnissen. Schliesslich erfährt er nun nicht mehr die Symbiose mit seiner Frau, sondern letztlich die Symbiose in der Transzendenz. Und diese fügt ihm keinen Scaden zu, sondern ermöglicht erst eine reife Liebe zur konkreten Frau.

Die Geschichte von Domröschen

Das Märchen von Dornröschen berichtet von einer ähnlichen Grenzproblematik: Eine weise Frau verflucht Dornröschen, sich mit 15 Jahren an einer Spindel zu stechen und daran zu sterben. Eine andere Frau kann diesen Fluch nur abmildern - sie verwandelt den Tod in einen hundertjährigen Schlaf. Die informierten Eltern schaffen alle Spindeln weg und doch ereilt das Mädchen ihr Schicksal. Nicht nur sie fällt in einen tiefen Schlaf, sondern das ganze Schloss, die Eltern, die Angestellten, ja sogar die Tiere. Um das Schloss herum wächst eine hohe Dornenhecke. Zwar versuchen Prinzen immer wieder, diese Hecke zu überwinden, um Dornröschen zu befreien, von der man sich erzählte, sie sei die schönste Frau, die man sich vorstellen könne. Die Freier gehen jedoch in der Hecke jämmerlich zugrunde. Die Befreiung gelingt erst nach hundert Jahren einem jungen Mann ohne Furcht. Die Dornen verwandeln sich in schöne Blumen, die ihn eintreten lassen.

Wieder entwickelt sich ein Grenzmotiv: Das Mädchen ist mit 15 jahren seiner Sexualität begegnet und hat sich daran verletz, weil sie nicht dazu in der Lage ist, damit umzugehen. Sie benötigt also die Dornenhecke um sich. Zwar möchte sie auf der einen Seite die Beziehung zum Mann, doch wehrt sie sich gleichzeitig vehement dagegen. Sie befürchtet, nochmals gestochen zu werden. Also sticht sie lieber die Freier, die um sie werben. Eine solche Dornenhecke zieht jedoch die Männer gerade an. Und sobald ein Mann zu nahe kommt, dann zieht sich die Frau hinter eine undurchdringliche Mauer zurück.

Die Dornenhecke steht auch für eine zeitliche Grenze. Das Mädchen ist mit seinen 15 Jahren noch nicht reif, um mit der Spindel adäquat umzugehen. Also muss sie erst 100 Jahre schlafen, bevor sie zur Liebe reif ist. Die Hundert steht symbolisch für die Ganzheit. Dornröshen muss erst ganz sie selbst werden, bevor ein Freier zu ihr vordringen kann. Die begrenzende Dornenhecke gewährt ihr den nötigen Schutzraum des Reifens. Erst nach 100 Jahren werden die Dornen in Blumen verwandelt und laden den Freier dazu ein, zu Dornröschen vorzudringen.

Auch wir erleben zeitlebens immer wieder, dass wir gewisse zeitliche Grenzen beachten müssen. Wir möchten etwas erzwingen, aber das funktioniert nicht. Wir müssen wohl oder übel warten, bis es an der Zeit ist Das gilt für die Liebe zwischen Mann und Frau und für andere wichtige Schritte in unserem Leben. Manchmal müssen wir abwarten, bis die Zeit für eine Entscheidung reif ist In dieser Situation ist die zeitliche Grenze zu wahren. Ansonsten bleiben wir — im Bild des Märchens gesprochen — in den Dornen hängen und schaden uns selbst unseren Grübeleien oder mit unseren gewaltsamen Versuchen, eine Entscheidung zu erzwingen.