Grenzverletzungen

Grenzverletzungen - Übergriffe und Vereinnahmungen

Das Andere respektieren

Auch der Nachspann der uralten Geschichte von Lot und Abraham ist übrigens auch in der Moderne noch lehrreich: Lot verweilte in Sodom. Sodom und Gomorra sind Städte, in denen ein böser Geist herrscht. Zwei Engel des Herrn besuchen dann den Lot in der Stadt Sodom, um herauszufinden, ob die Menschen dort wirklich so böse sind. Lot nimmt die beiden freundlich in sein Haus auf. „Sie waren noch nicht schlafen gegangen, da umstellten die Einwohner der Stadt das Haus, die Männer von Sodom, jung und alt, alles Volk von weit und breit. Sie riefen nach Lot und fragten ihn, wo sind die Männer, die heute Abend zu dir gekommen sind? Heraus mit ihnen, wir wollen mit ihnen verkehren!" (Gen 19,4f). Lot wiederum versucht, dieses Verbrechen zu vereiteln; erw ird jedoch überrumpelt von dem Mob, der beginnt, die Türe aufzubrechen. Daraufhin schlagen die beiden Engel die Eindringlinge mit Blindheit, so dass sie den Eingang nicht finden.

Die Männer von Sodom verletzen also ganz klar die Grenze anderer Menschen. Sie begehren, mit den fremden Männern sexuellen Kontakt haben und verletzen so das Gastrecht, welches in der
Antike den Juden und Griechen gleichermassen heilig war. Die Grenzen, die das Gastrecht um jeden Fremden gezogen hat, wird überschritten: Der Fremde galt als unantastbar. Im Fremden kam etwas Numinoses, etwas Göttliches, zu einem. Hier sind es Engel, die in den beiden Männern zu Lot kommen.

Die Männer von Sodom wollen die beiden Fremden für sich benutzen. Sie haben kein Gespür für den Fremden, der ihrem Zugriff entzogen ist. Es geht ihnen darum, ihre Gier an ihnen zu befriedigen. Eine extreme Grenzverletzung. Desmeist geht eine solche Ausbeutung subtiler von statten. Da werden die Fremden einfach vereinnahmt. Nur dann, wenn sie sich so verhalten wie wir, dann akzeptieren wir sie auch. Aber das Fremde, das Unerklärliche, das Numinose, das sich uns entzieht, wird nicht respektiert. Im „Dritten Reich" erwies sich die „Verkameradschaftung" als eine raffinierte Weise, um Menschen für sich zu vereinnahmen und ihnen ihre Individualität zu nehmen. Und die Medien berichten auch heute noch von ähnlichen Grenzverletzern. So haben wir Menschen unter uns, die die Würde des Kindes missachten und es für sich sexuell ausbeuten. Die Gier macht sie blind gegenüber der Würde des Kindes. Auch der Mann, der eine Frau vergewaltigt, hat jedes Gespür für die Grenze verloren. Vergessen wir jedoch nicht, dass es nicht nur die Extremfälle von Vergewaltigung und sexuellem Missbrauch gibt. Da existieren viel sublimere Weisen der Grenzverletzung. Zum Beispiel, wenn einem jemand im Gespräch zu nahe kommt. Jeder weiss um seine Grenze, doch der Grenzverletzer überschreitet sie, weil er nur von sich selbst und seinen Bedürfnissen ausgeht. Dabei ist es ihm augenscheinlich nicht möglich, sich in das Bedürfnis des Gegenübers hinein zu spüren. Dann gibt es etwa Männer, die jede Frau betatschen müssen, und, zur Rede gestellt, kundtun, dass sie einfach nicht so prüde seien, wie es in unserer Gesellschaft üblich ist und dass sie doch nur herzlich sein und uneigennützig Nähe schenken möchten. Hinter solchen Begründungen verstecken sich jedoch nur egoistische Absichten und nicht eingestandene eigene Bedürfnisse.

Auch die Klienten überschreiten teilweise ihre Grenzen im therapeutischen Gespräch. Nachdem sie von sich erzählt haben, wechseln sie plötzlich ihre Rolle und spielen sich selbst zum Therapeuten auf. Sie stellen dann auf einmal voller Mitgefühl fest, der Therapeut sehe heute so richtig schlecht aus und fragen ihn nach seinen Sorgen. Der Therapeut benötigt aber auch die therapeutische Distanz, um seinen Klienten helfen zu können. Teilweise mögen die Kienten diese Grenze jedoch nicht wahrhaben.

Unter dem Deckmantel des Helfers

Natürlich besteht auch die Gefahr der Grenzverletzung durch die Therapeutin oder den Seelsorger. Diese ist immer dann gegeben, wenn sie sich mit einem archetypischen Bild identifizieren. C.G. Jung spricht bei einer Identifikation mit dem Archetyp von einer Inflation. Man bläht sich auf und wird dabei blind für die Grenzen des anderen. Wenn etwa eine Frau in der Beratung darüber klagt, sie habe niemanden, der sie umarmt, dann wäre es eine fatale Entwicklung, wenn der Seelsorger sich mit dem Archetyp des Helfers identifizieren würde. Und würde er nun unter dem Deckmantel des Helfers die Frau umarmen, dann würde er gar nicht merken, dass er dabei sein eigenes Bedürfnis nach zärtlicher Nähe ausagiert. Das bedeutet keinesfalls, dass wir nicht Nähe zeigen sollen, wenn es angebracht ist. Doch bedarf es eines feinen Gespürs dafür, was dem anderen wirklich gut tut. Wer sich mit dem Bild des Helfers identifiziert, der verliert dieses Fingerspitzengefühl für den Anderen. Sein inneres Bild drängt ihn dann dazu, den anderen mit seiner Nähe zu überschütten. Er ist sich seiner eigenen Bedürfnisse nicht bewusst und ist felsenfest davon überzeugt, dass er
den andern umarme, weil der es brauche. Doch braucht er es in Wirklichkeit selbst. Er gesteht sich seine eigenen Bedurfnisse nicht ehrlich ein. Jeder Therapeut und jede Seelsorgerin hat sie, diese
Bedürfnisse nach Nähe. Die Kunst und die Disziplin der Begleitung besteht letzten Endes darin, sich diese Bedürfnisse bewusst zu machen und sich zugleich davon zu distanzieren.

Ebenso ist der Archetyp des Heilers in der Begleitung. Aus der Begleitung soll Heilung entstehen, und meistens kommt es auch wirklich zur Heilung. Identifiziert sich der Begleiter jedoch mit dem Archetyp des Heilers, dann übernimmt er sich und leugnet die eigenen Grenzen. Wie ein Magnet zieht er kranke Menschen an und schreibt das seiner heilenden Ausstrahlung zu. So erzählte eine Frau, ein Priester habe ihr versprochen, er könne sie von der Wunde des sexuellen Missbrauchs heilen. Dazu müsse sie nur alle vier Wochen zum Beichtgespräch kommen. Während dieser Treffen umarmte er sie eine Stunde lang fest. Die Frau war gänzlich verwirrt. Aber sie war der Überzeugung, der Priester meine es doch gut mit ihr. Schliesslich sei er ja ein bekannter und beliebter Priester. Eventuell sei sie selbst eben nur etwas verklemmt. Beim Erzählen, zwanzig Jahre später, kam ihr wieder der eklige Geruch seines Schweisses in die Nase. Erst sehr viel später wurde ihr klar, dass der Priester sein eigenes Bedürfnis nach Nähe an ihr ausgelebt hat.

Es gibt Seelsorger, die vor allem depressive Menschen anziehen. Wenn sie hören, dass etwa eine Frau schon lange in therapeutischer Begleitung war, ohne dass ihr geholfen werden konnte, springt bei ihnen Das Bild des Heilers an und sie entwickeln den Ehrgeiz, diese depressive Frau heilen zu können. Zunächst blüht die Frau auch auf, weil sich der Seelsorger ihr viel offener zuwendet. Doch später kommt auch er an seine Grenzen und stösst die depressive Frau sehr unsanft von sich. Dieses Wegstoßen führt zu einer heftigen Verletzung und wirkt viel tiefer als die heilende Wirkung der ersten Gespräche. Ein Seelsorger sollte sich also stets fragen, ob er es sich auch berechtigterweise zutrauen darf, diesem Menschen zu helfen. Die Grenzen sind dabei fliessend. Es bedarf eines feinen Gespürs, um diese Grenze bei sich selbst wahrzunehmen. Nur dann, wenn wir selbst diese Sensibilität entwickeln, werden wir auch die Grenzen des Anderen wahren können. Eventuell können wir ja dem anderen wirklich Nähe und Verständnis entgegenbringen, das ihn zu heilen vermag. Doch handelt es sich stets um ein Geschenk, wenn Heilung
geschieht. Wir können Heilung nicht erzwingen. Therapeut und Seelsorger sind nicht Heiland für die, die sie begleiten.

Missbrauchserfahrungen

Wir treffen auch immer wieder auf Frauen, die von einem Therapeuten sexuell missbraucht worden sind. Oft wollten gerade diese Frauen den sexuellen Missbrauch, den sie in der Kindheit erlitten haben, in der Therapie bearbeiten. Doch dann gerieten sie an einen Therapeuten, der sie zunächst mit viel Verständnis und Nähe überschüttete, so dass sie sich verstanden fühlten. Und in
dieser Atmosphäre bemerkten sie erst einmal gar nicht, wie der Therapeut seine Grenze überschritt. Gerade Therapeuten aus dem esoterischen Milieu überschreiten die Grenze häufig. Sie sprechen dann vom kosmischen Bewusstsein, an dem sie den Klienten Anteil geben möchten. Sie möchten ihnen die Erfahrung von Einssein vermitteln. Doch hinter solchen Gedanken verbirgt sich manchmal eigene Unreife und Bedürftigkeit.

Letzten Endes nutzen solche Therapeuten die Verletzung ihrer Klienten für ihre eigenen Bedürfnisse aus. Und sie überhöhen und kaschieren ihre Unreife, indem sie sie mit einer philosophischen Theorie von kosmischem Eins-werden ummanteln. Solche ideologische Überhöhung macht blind für die Wahrheit - und ist besonders gefährlich für die Betroffenen.

Die Therapeuten, die vom Eins-werden mit dem Klienten sprechen, fühlen keine Schuld bei ihrer Grenzüberschreitung und denken, sie würden der Klientin einen Gefallen erweisen, wenn sie ihr an der kosmischen Einheitserfahrung Anteil geben.

Die Idee von Einssein geht einher mit der Aufgabe des Gespürs für die Personalität1 des einzelnen. Letztlich ist solches Schwärmen von dieser Einheit oft nichts anderes als Regression in den vermeintlich paradiesischen Zustand, in dem noch alles eins war.

Ganz offensichtlich schwindet mit dem Verständnis der Personalität des Menschen auch das Gespür für Schuld. Schuld empfindet nämlich nur der, der ein Gespür für Grenzen hat, die er in der Schuld überschreitet. Die Auflösung von Schuld hat freilich ihre Folgen. Die Schuldgefühle nisten oft in anderen Bereichen der Seele und die Klientin weiss dann nicht mehr, wer sie eigentlich ist. Sie verliert das Gespür für sich und gerät meistens in eine tiefe Verzweiflung. Sie hat keinen Grund mehr unter den Füssen. Gerade Frauen, die sexuell missbraucht worden sind, fällt es schwer, ein natürliches Gespür für ihre Grenzen zu entwickeln. Sie schwanken oft zwischen der Neigung dazu, sich vor dem andern zu verschliessen, um nicht mehr verletzt zu werden, und dem Bedürfnis, sich zu öffnen. Teilweise bieten sie dann eine Offenheit an, die der Begleiter als Einladung zum Missbrauch missversteht.

Wir sehen die Wichtigkeit dafür, dass der Therapeut oder Seelsorger ein klares Gespür für die eigenen Grenzen und für die Grenzen der Klientin entwickelt. Durch Abgrenzung und dem gleichzeitigen Zeigen von Nähe ermöglicht er es auch der Klientin, ein gesundes Verhältnis zu Nähe und Distanz zu erlernen.

Eine Frau, die in ihrer Jugend selbst vergewaltigt worden ist, wurde durch das Erleben sehr sensibel für Menschen geworden, die ihre Grenze überschreiten. Beim Spaziergang mit ihrem kleinen Kind durch den Park, ist da ein alter Mann, der Kinder zu sich ruft, ihnen Schokolade schenkt und sie streichelt. Für die Frau hat das das Gefühl des „Schmierigen". Es ist nicht die Freundlichkeit eines alten und milden Mannes. Sie spürt bei dem Mann etwas, das ein Übergriff ist, was keine reife Form selbstloser Freundlichkeit ist. Vielmehr lebt der alte Mann ganz offensichtlich an den Kindern seine eigene Bedürftigkeit aus. Diese Gefahr besteht oft - Lehrer oder Priester sind in Gefahr, im Umgang mit Schülern und Schülerinnen, mit Ministranten und Ministrantinnen hinter der Fassade von Herzlichkeit und Zugewandtsein die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Den Kindern gefällt es sogar zum Teil, wenn Lehrer oder Priester keine Grenzen kennen. Sie turnen an
ihnen herum. Doch irgendwann verspüren sie, dass etwas nicht stimmt. Der grenzenlose Mann lädt auch Kinder dazu ein, ihre eigenen Grenzen zu vergessen. Irgendwann kommt es dann zu
Übergriffen und tiefen Verletzungen.

Der andere - ein Engel

Die weiter oben angeführte biblische Geschichte spricht von Engeln, die bei Lot gastierten. Das ist ein eindrückliches Bild, das uns vor Grenzverletzung bewahren möchte, indem es darauf hinweist: Der Mitmensch ist immer ein Engel. In ihm kommt mir etwas entgegen, was meinem Zugriff entzogen ist, etwas Heiliges, Zärtliches, das ich achten soll wie einen Engel, d. h. einen Boten Gottes. Im Gegenüber leuchtet etwas Göttliches auf. Wenn ich es achte, kann ich mich auch daran erfreuen. Wenn ich es missachte, dann werde ich blind für meine eigenen Bedürfnisse. In
der biblischen Erzählung schlagen die Engel die Bewohner von Sodom mit Blindheit. Gott lässt auf die Städte Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen. Wer ein Kind sexuell missbraucht, der verletzt nicht nur das Kind abgrundtief, sondern richtet sich auch selbst zugrunde. Biblisch gesprochen: Der Betreffende wird blind und bereitet sich letztlich selbst den Untergang.

  • 1. Personalität ist sowohl eine passive Eigenschaft von Wesen, die an bestimmten sozialen Interaktionen teilnehmen, als auch die aktive individuelle Selbstorganisation des Menschen. Es handelt sich dabei nicht nur um ein Bewusstseinsphänomen, sondern auch um eine ethische Bestimmung.

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