Zur Haltung in der Gesprächsführung

Ethische Grundhaltung und praktische Konsequenzen

Einstellung und innere Haltung unserer Gesprächspartner beeinflussen uns stark. In manchen Gesprächen haben wir das Gefühl, bejaht zu werden, Spielraum für die Entfaltung unseres Potentials zu haben und persönlich weiterzukommen. In anderen Situationen fröstelt es einen, man geht intuitiv auf Distanz oder in eine Hab-Acht-Stellung und behält zuletzt einen schalen Nachgeschmack. Meistens ist es uns nicht einmal mehr möglich, konkret zu benennen, was im einzelnen dazu geführt hat, das wir uns so fühlen.

Der Grund mag sein die innere Haltung unseres Gesprächspartners uns gegenüber, seine „Ausstrahlung", die eine minde­stens ebenso grosse Rolle spielt wie die untereinander ausgetauschten Gesprächsinhalte.

Dieses Faktum ist um so bedeutsamer, wenn Menschen gelernt haben, die Kommunikation mit anderen bewusst zu gestalten und zu diesem Zweck gezielt bestimmte Methoden und Strategien einzusetzen. Metho­den sind Machtmittel, die wirkungsvoll eingesetzt werden können - für gute wie auch für schlechte Zwecke. Dennoch sind sie nicht deswegen schlecht,
weil sie missbraucht werden können. Ebenso wenig sind bestimmte Me­thoden automatisch gut. Entscheidend ist immer, mit welcher Einstellung und in welcher Absicht sie jemand einsetzt.

Deshalb diskutieren wir nun die ethischen Grundhaltung in der Gesprächsfüh­rung.

Eine gute Grundlage jeder Form von Gesprächsführung ist die Einstel­lung „Ich bin okay - du bist okay". Dies bedeutet, durch mein eigenes Modell und die Art, wie ich die Metho­den anwende, die anderen Personen zur Nutzung ihres Potentials und zur Erweiterung ihrer bisherigen Möglichkeiten anzustiften. Der Einsatz der Methoden darf nicht zur Kontrolle oder Manipulation anderer Menschen, zur Verschleierung eigener Interessen oder zur Kaschierung eigener Schwachpunkte dienen. Das gilt auch bei der Mitarbeiterführung und darüber
hinaus in allen Beziehungen mit hierarchischen Abhängigkeitsstrukturen.

Um sich davor zu schützen, sind Transparenz in der Wahl und Anwendung von Methoden und regelmäßige Beziehungs­klärung durch gegenseitiges Feedback erforderlich.

Methoden können dabei unterstützen, überflüssige Reibungsverluste in der Kommu­nikation zu vermeiden, also menschliches Leiden zu reduzieren, und mehr Spielraum für lustvolle und effektive Kommunikation zu eröffnen.

Fragwürdig ist auch die Theorie, wonach erst ein hoher Leidensdruck an den Umständen die Kraft freisetzt, Widersprüche zu thematisieren und Lö­sungen zu entwickeln.

Diverse Interventionen wirken recht tiefgreifend, etwa wenn ich eine Person mit ihren Gefühlen in Kontakt bringe („Ich habe den Eindruck, dass Sie sehr traurig sind.") oder Bezüge zur eigenen Le­bensgeschichte herstelle („Kennen Sie ähnliche Erfahrungen auch aus an­deren Situationen in Ihrem Leben?"). Damit kann ich zwar wichtige und heilsame Prozesse für die Betreffenden einleiten, muss mir aber darüber im klaren sein, ob unser Gesprächsvertrag bzw. unsere Be­ziehung eine solche Dimension zulässt, ob die Situation und die Rahmenbedingungen dafür passen und ob ich die Bereitschaft und die Kompetenz besitze, das aufzufangen, was ich auslöse. Hier kommt das Prinzip der selektiven Authentizität. ins Spiel. Besonders in Beratungs­gesprächen oder in der Moderation von Konflikten sollte sich das Vorge­hen danach richten, was für die anderen an dieser Stelle nützlich und bearbeitbar ist. Die eitle Lust, das eigene Können zur Schau zu stellen und be­wunderndes Feedback dafür einzuheimsen, darf nicht den Blick dafür trüben.

Die Selbstverantwortlichkeit der Menschen, mit de­nen wir es zu tun haben, gilt es zu bejahen und zu fördern. Dabei darf dieser Gedanke jedoch keineswegs als Freibrief dafür benutzt werden, um sich selbst in be­stimmten Situationen aus der Verantwortung zu stehlen - etwa indem ich beim Auftauchen von unerwarteten Schwierigkeiten leichtfertig nach dem Motto verfahre: „Das ist jetzt dein Problem".

Menschen, die Bera­tung ohne eine professionelle Ausbildung praktizieren, sollten überdies die Unterstüt­zung und Begleitung erfahrener Berater und Trainerinnen in Anspruch nehmen.

Die Aneignung solcher Konzepte und Methoden ist im Rahmen langfristiger Trainingsgruppen be­sonders effektiv und für das eigene Leben bereichernd ist. Da man selbst nach aufmerksamem Studium dieser Anleitung nicht davon ausgehen kann, allein dadurch über die volle Kompetenz für die Arbeit mit den an­gebotenen Konzepten zu verfügen, wird eine interessante Phase des Ausprobierens und Übens auf Sie zukommen. Dabei sollte man immer wieder sich selbst überprüfen.

Jeder, der sich den verantwortlichen Umgang mit anderen Menschen zur Aufgabe macht, sollte nach Möglichkeiten regelmäßiger berufsbezogener Supervision Ausschau halten. Supervision wirkt erleichternd und wachstumsfördernd. Es gehört schließlich dazu, als unverzichtbarer Teil unserer ethischen Grundhaltung, uns immer wieder einmal liebevoll-kritisch über die eigene Schulter zu schauen im Bewusstsein, dass auch wir bisweilen eine getrübte Wahr­nehmung besitzen und anfällig für manipulative Spiele sind.

Erlaubnis und Schutz als Voraussetzungen für persönliches Wachstum

Wer mit Gruppen oder Einzelnen an persönlichen Problemen arbeitet bzw. in deren Arbeitszusammenhang tiefere Dimensionen der Persönlichkeit be­rührt werden (können), wird die folgenden Passagen als nützlich empfinden:

Wir gehen davon aus, dass alles Verhalten, so problema­tisch es heute sein mag, früher einmal Sinn für uns gehabt hat. Es aufzu­geben mag aus heutiger Sicht naheliegend oder sogar verlockend er­scheinen. Doch erfüllt uns Veränderung oft mit grossen Ängsten. Mit unseren vertrauten Mustern haben wir Erfahrung. Sie gewähren uns zumindest Si­cherheit, auch wenn es sich nicht wirklich komfortabel damit leben lässt. Das gewohnte Terrain zu verlassen und Neues auszuprobieren bedeutet, unsicheres Gelände zu betreten. Wenn wir unsere Grenzen überschreiten, machen uns oft inne­re Auseinandersetzungen zu schaffen. Vehement melden sich die lauten Stim­men unseres strengen kritischen Eltern-Ichs. Wir machen uns selbst Vorwürfe und fühlen uns unter Umständen schlechter als zuvor. Letzten Endes geben wir das alte Verhalten nur dann auf, wenn wir die innere Erlaubnis ha­ben und annehmen können, dass sich die Veränderung irgendwo auch lohnt und dass das Neue besser funktioniert als das Alte.

Diese Sicht auf menschliches Verhalten zeitigt auch Folgen für die innere Haltung einer Person, die andere Menschen bei Fragen der persönlichen Entwicklung berät bzw. begleitet. Grundlage für eine wachstumsfördernde Gesprächsführung ist ein Klima der Erlaubnis sowie eine Haltung, die den nötigen Schutz gewährt. Erlaubnis öffnet häufig die Tür zu positiven Veränderungen. Sie kann wirksam werden durch das eigene modellhafte Verhalten oder durch ein entsprechendes Klima in der Gruppe, der Abteilung, des Kollegiums etc. Erlaubnisse wir­ken letztlich nur, wenn sie machtvoller sind als die eigenen inneren Vor­behalte und abwertenden Stimmen. Daraus resultieren wiederum Grenzen in einigen Gesprächssituationen, von denen weiter oben die Rede war. Machtvolle innere Vorbehalte können in vielen Fällen nur in einer tragfähigen therapeutischen Situation entkräftet werden.

Wenn Menschen mit verdrängten oder tiefen Gefühlen in Kontakt kommen oder neue, für sie hilfreiche, aber bislang verbotene Verhal­tensweisen ausprobieren, kommt der Schutzaspekt zum Tragen. Dazu gehört es vor allem,

  • sich strikt an Verträge zu halten und nur an solchen Zielen zu arbei­ten, die die andere Person selber erreichen will und bei denen sie zu begleiten ich die Kompetenz und die praktische Möglichkeit habe;
  • die anderen vor zu bereitwilliger Offenheit oder zu grossen Verände­rungsschritten zu schützen, die sie später eventuell bereuen könnten;
  • keine Entscheidung zu unterstützen, mit denen sich die Betreffenden selbst schädigen oder in Gefahr bringen könnten;
  • der betreffenden Person zu helfen, sich von mir und anderen nur soviel Rückmeldung zu holen, wie es für sie hilfreich und verarbeitbar ist; dies gilt für kritische Hinweise ebenso wie für positive Zuwendung;
  • Widerstand zu achten sowie in Bezug auf Tempo und Inhalt die an­dere Person ihre eigenen Massstäbe setzen zu lassen; manchmal sprudeln die anderen (in einer Gruppe) und ich selbst vor Einfällen, die vielleicht auch gut sein mögen, hier und jetzt und für diesen Menschen aber nicht an der Reihe sind.

Bisweilen trifft die andere Person eine Entscheidung und hält dies für eine gute Lösung, die aus meiner Sicht eine Fortführung oder gar Verschärfung ihres unproduktiven Verhaltens darstellt. Schutz geben bedeutet in diesem Fall, meine Bedenken mitzuteilen und auf Al­ternativen hinzuweisen, die aus meiner Sicht für den Betreffenden sinn­voll und erreichbar sind.
Besonders wachsam sollte man sein, wenn im Gespräch mit mehreren Beteiligten die anderen aus dem Blickwinkel ihrer eigenen Antreiber und Rackets Feedback oder gar Ratschläge erteilen. Dabei ist es gut, daran zu erinnern, daß 'Ratschläge (oft) auch Schläge' sind. Schutz geben bedeutet dann, Interpretationen und Projektionen zu stoppen und an die Absender zurückzugeben: „Welches ist dein Interesse an dem Problem? Was ist dein Anteil daran? Kennst du das als ein Problem von dir selbst?" etc.

Schutz bedarf es auch, wenn es darum geht, mögli­che (Selbst-) Verletzungen zu verhindern. Bei Bewegungsspielen und Körperübungen, mit denen gesprächsorientierte Sequenzen aufgelockert und ergänzt werden sollen, ist es meine Pflicht, Gefahrenquellen durch geeignete Rahmenbedingungen und klare Anweisungen auszuschliessen.
Schutz und Fürsorge beinhalten auch, dass ich als Berater oder Gesprächsleiter weiterführende Hinweise geben kann, wenn jemand in mei­ner Obhut mit Themen und Problemen in Berührung kommt, die im aktuellen Rahmen nicht bearbeitbar sind. Ich benötige dann Kenntnisse über kompetente Personen und Einrichtungen, die ich weiterempfehlen kann.

Mut und Bescheidenheit

Obwohl es auch darum ging, die eigenen Beschränkungen zu überschreiten, neue Möglich­keiten zu entdecken und mit ihnen zu experimentieren, sollten wir uns daran erinnern,
dass wir alle, und auch Sie selbst, Grenzen haben. Jeder Anspruch, der diese Tatsache leugnet, wäre ein Zeichen für grandioses Denken - kein gutes Mo­dell für andere und eine Belastung für uns selbst.

Veränderung stösst unweigerlich auf Grenzen und benötigt ihre Zeit. Mit der Vorstellung, an grundlegenden Punkten der menschlichen Persönlichkeit rasch und radikal etwas ändern zu wollen, leisten wir uns und anderen einen denkbar schlechten Dienst. Ein Gärtner wird, um schnelles Wachstum zu fördern, die jungen Pflanzen wohl kaum recken und strecken oder sogar aus dem Boden reissen. Er wird sie vielmehr sehr genau beobachten und nach seinen Möglichkeiten für optimale Wachstumsbedingungen sorgen.

Auch im Bereich der Pädagogik und Psychologie existieren neuere Methoden, die eine wirksame Veränderung von heute auf morgen in Aussicht stellen. Wir kennen die Faszination solcher Konzepte, die wie Zaubermittel zu funktionieren scheinen. Ver­sprechungen dieser Art sind jedoch mit Vorsicht zu geniessen. Denn es besteht die Gefahr, dass sich die Wünsche nach rascher, radikaler und möglichst müheloser Änderung der Persönlichkeit stärker an den vermeintlichen gesellschaftli­chen Erfordernissen nach einem reibungslosen Funktionieren orientieren als an den wirklichen Bedingungen menschlicher Entwicklung.

Menschliche Kommu­nikation ist viel mehr, viel reichhaltiger und lebendiger, als irgendein Konzept es je widerspiegeln könnte. Dieser Gedanke wird recht gut durch die 'Landkartenmetapher' verdeutlicht. Danach sind alle Me­thoden mit Landkarten zu vergleichen, auf denen bestimmte Bereiche und Aspekte der Landschaft des menschlichen Lebens abgebildet sind.
Blättern wir in einem guten Atlas, dann erkennen wir, dass es viele Möglichkeiten gibt, ein und dieselbe Landschaft aus den unter­schiedlichsten Blickwinkeln darzustellen. Sie alle haben ihren spezifi­schen Sinn und Wahrheitsgehalt, sind interessant und bei bestimmten Problemstellungen sehr nützlich. Aber sie sind - sogar alle zusammenge­nommen - immer noch weniger als die Landschaft selbst. So hilfreich und faszinierend also einzelne 'psychologische Landkarten' sind - der Mensch ist mehr, reicher, vielfältiger.

Es wäre also jammerschade, wenn jemand bei der Gesprächsführung stets eine Landkarte vor Augen hätte. Am schönsten und letztlich auch am effektivsten ist es, den Menschen mit offenen Augen zu begeg­nen - mit einer guten 'Landkarte' in der Tasche und den wichtigsten Aspekten davon im Kopf und im Herzen.

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