Zum Umgang mit Kritik

Zum Umgang mit Kritik

Kritik seitens des Gegenübers am eigenen Verhalten zählt zu den unangenehmen Seiten in der Beziehung zu anderen, haben wir doch oft erlebt, dass die Kritisierenden eigene Frustrationen abfackeln oder heimliche „Machtspiele" betreiben.
Diese und andere Erfahrungen führen dazu, dass sich die meisten Menschen bei Kritik welcher Art auch schnell als ganze Person abgewertet und in Frage gestellt fühlen. Um sich davor zu schützen, benutzen die 'Angegrif­fenen' - neben anderen Formen des Widerstands - in der Hauptsache zwei gleichermaßen unproduktive Reaktionsweisen: Entweder sie nehmen, um weiteren 'Angriffen' zuvorzukommen, bereitwillig alle Schuld auf sich, oder sie handeln nach der Devise „Angriff ist die beste Verteidi­gung". Beide Muster verschließen sie sich gegen mögliche nützliche Hinweise und Beziehungsangebote, die in der Kritik verborgen sein kön­nen.
Deshalb ist es wichtig, die konstruktiven Anteile einer Kritik wahr­zunehmen und andere Personen durch das eigene Verhalten nicht davon abzuschrecken, mir kritische Rückmeldungen zu geben. Wie ein produk­tiver Umgang mit Kritik aussehen könnte:

Die Vorgehensweise bei Kritik

  1. Vereinbarung treffen
    Keiner ist dazu gezwungen, sich jede Art von Kritik von jeder Person an jedem Ort und zu jeder beliebigen Zeit anzuhören. Also sollte ich im Vorfeld für mich zu klären,
    • worum es geht,
    • ob ich überhaupt die richtige Adresse für die Kritik bin,
    • ob ich hier und jetzt darüber sprechen will und
    • welchen Zeitpunkt und welche Bedingungen ich geeigneter finde.

    Kritik sollte also gestoppt werden, sie eine deutliche Einladung ins Dramadreieck bzw. eine massive Abwertung enthält oder wenn sie - bevorzugt vor einem interessierten Publikum - darauf angelegt ist,,Rabattmarken einzulösen oder meine Position in einer Gruppe zu unter­minieren. In Zwar soltte ich grundsätzliche Offen­heit für Kritik signalisieren, doch andere Rahmenbedingungen vorschlagen und dabei bleiben.

  2. Kritik anhören
    Dieser Teil des Gesprächs erfordert Geduld, denn ich muss mir die Kritik zunächst ein mal anhören, ohne mein Gegenüber zu unterbrechen und sogleich Stel­lung zu beziehen. Es kann auch sein, dass seine Äußerungen von Emotio­nen begleitet sind. Das gehört - je nach Temperament - durchaus dazu, und man sollte es nach Möglichkeit auch zulassen (siehe Abschnitt über die Einheit des Denkens, Fühlens und Verhaltens). Da Ärger im all­gemeinen das Gehirn 'verklebt', kann dieses 'Dampf-ablassen' eine an­schließende Konfliktlösung durchaus erleichtern.
  3. Inhalt der Kritik paraphrasieren
    Diese Phase ist besonders wichtig: Wenn ich mich aufrichtig darum bemühe, mein Gegenüber richtig zu verstehen, gebe ich ihm das Gefühl, als Person ak­zeptiert und mit seinem Anliegen ernstgenommen zu sein. Ich befriedige dadurch ein existentielles Grundbedürfnis, was in aller Regel deeskalierend wirkt. Wichtig ist dabei, dass das Paraphrasieren nicht allein als Gesprächstechnik eingesetzt wird, sondern Ausdruck meiner inneren Hal­tung ist. Den Inhalt einer Kritik zu wiederholen bedeutet jedoch nicht, dem Anderen in der Sache recht zu geben!
    Wird der Inhalt der Kritik nicht paraphrasiert, sondern - ohne ihn vielleicht richtig verstanden zu haben - sogleich zurückgewiesen, werden viele Auseinandersetzungen nach kurzer Zeit eskalieren. Es geht dann
    nicht mehr um die Sache, sondern die Beteiligten kämpfen darum, als Personen ernst genommen zu werden. Es kommt also darauf an,
    • eigene abwertende oder bereits kommentierende Redefinitionen zu ver­meiden („Ausgerechnet Sie meinen also, dass ich völlig unfähig bin!");
    • den Inhalt der Kritik zu wiederholen mit der aufrichtigen Absicht, den an­deren wirklich verstehen zu wollen („Wenn ich Sie richtig verstanden ha­be, dann stört (ärgert) Sie...").
  4. Anerkennenswerte Inhalte oder Aspekte benennen
    Nachdem ich nun die Kritik angehört und verstanden habe, gilt es, kon­struktiv darauf zu reagieren. Hilfreich ist für uns in diesem Zusammen­hang die 'Körbchenmetapher'. Dazu stelle man sich ein fiktives
    Körbchen vor, das zwischen mir und der anderen Person aufgestellt ist. Diese wirft in das Körbchen die unterschiedlichen Punkte ihrer Kritik hinein. Darunter befinden sich eventuell auch kleine und große Geschenke, von denen einige lediglich unansehnlich verpackt sind, die aber beim „Auswickeln" wertvolle Hinweise enthüllen. Zudem befindet sich einiges im Körbchen, was nichts mit mir zu tun hat, sondern auf falschen Informationen, Vorurtei­len oder Projektionen beruht. Möglicherweise sind auch einige giftige Kröten dabei, die mich verletzen sollen. Und vielleicht ist es insgesamt zu viel.

    In dem Körbchen finden sich nun viele Angebote, die ich verwenden kann. Es ist meine Entscheidung, welche Inhalte ich mir aus dem Körbchen nehmen will. Ich kann mich begierig auf jede Kröte stürzen und wortreich begründen, weshalb sie nicht hineingehört und wie schlimm ich sie finde, und schließlich mit noch hässlichere Kröten antworten. Oder ich kann mich empören über problematische Ver­packungen, um mich nicht mit dem unbequemen, aber vielleicht nütz­lichen Inhalt auseinandersetzen zu müssen.
    Eine andere und weitaus konstruktivere Möglichkeit besteht darin, zu überlegen, was zutrifft, und diejenigen Aspekte herauszusuchen, mit denen ich hier und jetzt etwas anfangen kann. Vielleicht gibt es ledig­lich einen Gefühlsaspekt, den ich anerkennen kann („Ich kann verstehen, dass Sie unsere neue Arbeitsverteilung verärgert, und ich halte sie im In­teresse aller dennoch für notwendig"). Oder es ist etwas dabei, was mir zu schaffen macht, das mich aber auch anregt zu einer Weiterentwick­lung. Möglicherweise ist eine Kritik dabei, die gewaltig aufgebläht ist, weil jemand anders eigene Anteile hineingemischt hat, aber es ist ein Punkt darunter, der mich etwas angeht und mir nützen kann.
    Das, was mich nichts angeht, was auf Projektionen beruht, übertrie­ben oder mit Aggressivität vorgetragen ist, kann ich getrost im Körbchen belassen. Das brauche ich mir nämlich nicht zu eigen zu machen. Auf diese Art gebe ich zugleich ein Modell für andere, wie man mit Kritik umgehen kann.
    Wenn ich selbst andere Personen kritisiere, kann ich sie dazu auffor­dern, in gleicher Weise zu verfahren und ihr Augenmerk zunächst auf diejenigen Argumente zu richten, an denen etwas dran ist und die sie aner­kennen können.
    Vermeiden Sie es dabei unbedingt, anderen ihre Gefühle auszureden („Nun regen Sie sich mal nicht so auf, Sie haben doch gar keinen Grund dazu!"). Dies führt mit großer W ahrscheinlichkeit zu einer Eskalation. Es kann aller­dings durchaus angebracht sein, bei starker emotionaler Erregtheit zunächst beruhigend (nicht beschwichtigend!) auf die betreffende Person einzuwirken.

  5. Eigenes Verhalten transparent machen
    Falls es die Sachlichkeit erfordert, dann sollte man das eigene Verhalten mit dem Erwachsenen-Ich und dem fürsorglichen Eltern-Ich erläutern, aber auf keinen Fall aus dem angepaßten Kind rechtfertigen. Wichtig ist, dass der Andere auch wirklich offen und bereit ist, einem zuzuhören. Man kann etwa die Frage stellen: „Möchten Sie die Gründe für mein Verhalten /meine Entscheidung erfahren?" Dabei sollte man darauf achten, dass die Antwort vom Erwachsenen-Ich getragen wird. Ein „Gut, meinetwegen, wenn Sie durch­aus wollen" ist nicht nur eine Redefinition Ihrer Frage, sondern vor allem eine Antwort aus dem rebellischen Kind, die wenig Offenheit verheißt.
    Dabei geht es auch darum, sachliche Unrichtigkeiten bzw. Verzerrungen der Realität richtigzustellen, An dieser Stelle ist natürlich darauf zu achten ist, dass die zu einer Lösung erforderlichen Energien nicht in der unproduktiven Rekonstruktion vergangener Ereignisse gebunden werden.
  6. Unzutreffendes zurückweisen
    Falls wirklich erforderlich, sind schließlich bestimmte Äußerungen in Form und Inhalt zurückzuweisen. Dabei ist es gewiss bes­ser, zunächst die berechtigten Aspekte anzuerkennen und dann das zurückzuweisen, was einem als unangemessen erscheint, als sich gleich zu Beginn mit Empörung und Gegenaggression auf die unangemessenen Aspekte zu stürzen. Die Korrektur unberechtigter oder unangemessener Kritik ist besonders dann vonnöten, wenn Sie vor einer Gruppe geäußert wurde und die Gefahr besteht, dass bestehende Vereinbarungen im Umgang mit Konflikten missachtet werden oder ich befürchten muss, dass sich ungün­stige Modelle etablieren.
  7. Absprachen treffen
    Die zutreffenden Kritikpunkte können an dieser Stelle durch klare Ver­einbarungen aufgenommen und künftig vermieden werden. In diesem Zusammenhang ist zu klären,
    • was mein Gegenüber konkret von mir erwartet,
    • ob ich das auch will und es in meiner Macht liegt,
    • welche Spielräume tatsächlich zur Verfügung stehen, und wie es konkret weitergehen soll.
  8. Bilanz ziehen
    Gerade nach durchgestandenen Konfliktsituationen ist es wichtig, sich gegenseitig Rückmeldung über das Gespräch zu geben. So kann ich dem Anderen für seine Kritik danken und ihn nach seinem eigenen Eindruck befragen. Bei einem weniger versöhnlichen Schluss ist es wichtig, zusammenzufassen, welche Punkte geklärt und über welche (noch) kein Einvernehmen hergestellt werden konnte.

Kommende Termine

Benutzeranmeldung