„Berta, das Ei ist hart!"

Eine Analyse mißlungener Alltagskommunikation nach Loriot

Loriot, ist der unumstrittenen Meister in der Darstellung mißlungener Kom­munikation. Er liefert in seinen Sketchen gerade für eine transaktiosnanalytische Betrachtung ein reichhaltiges Beobachtungsfeld. Dies soll nun unter Anwendung der Inhalte aus den vorangegangenen Kapiteln anhand der Szene 'Das Ei'1 demonstriert werden:

Szenischer Verlauf
Die Freunde von Loriot wis­sen, dass dieses Gespräch am Frühstückstisch eines vermutlich bereits seit Jahr­zehnten verheirateten Ehe­paares spielt. Der Dialog beginnt mit den Worten:
„Berta, das Ei ist hart!" Oberflächlich betrachtet handelt es sich hier um eine Mitteilung aus dem Erwachsenen-lch. W ie so oft macht jedoch der Ton die Musik, der in diesem Fall auf einen la­tenten Ärger aus dem kritischen Eltern-Ich bzw. einem beleidigten rebellischen Kind hindeutet. Es handelt sich somit um eine Spieleinladung aus der Verfolgerrolle.
Ihre lakonische Antwort lautet: „Ich habe es gehört!" Sie entscheidet sich also, den verdeckten Stimulus vorerst zu ignorieren, und antwor­tet auf der angebotenen offenen Ebene des Erwachsenen-Ichs. Der genervte Tonfall al­lerdings spricht eindeutig dafür, dass sie den Köder mit ihrem rebellischen Kindheits-Ich aufgegriffen hat.
Er fasst nach mit der Frage: „Wie lange hat das Ei denn gekocht?" Damit setzt er die eingeschlagene Linie verdeckter Transaktionen fort.
„Zu viele Eier sind gar nicht gesund!" Sie ignoriert weiterhin seine versteckte Kri tik und reagiert mit einer blockierenden Transaktion, indem sie ein völlig anderes Thema aufgreift. So nimmt sie lediglich das Wort „Ei" auf, um dessen Verzehr einer grundsätzlichen Erörterung zu unterziehen.
Auf sein Insistieren, wie lange dieses spezielle Ei denn gekocht habe, antwortet sie: „Du willst es doch immer viereinhalb Minuten haben !" Sie antwortet mit einer tangentialen Transaktion, indem sie zwar auf die Zeitfrage eingeht, den Akzent jedoch von der Ebene faktischer Gegebenheiten auf seine Wünsche verlegt. Dabei redefiniert sie ganz nebenbei 'dieses Ei heute' zu 'allen Eiern immer' Außerdem spielt sie munter im Dramadreieck weiter, indem sie sich einer­seits auf die Rechtfertigungsebene (Opfer­position) begibt, zugleich aber einen leich­ten Vorwurf mitschwingen lässt. Das deutet auf eine latente Bereitschaft hin, bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit in die Verfolgerposition zu wechseln.
So geht es eine W eile hin und her, bis er schließlich mit der Frage kontert: „ Wieso ist es dann mal zu hart und mal zu weich ?" Er nimmt ihre Signale aus der Opferposition auf, steigt über sein kritisches Eltern-Ich offen ins Dramadreieck ein ('Switch') und versucht, mit Hilfe der Generalisierung, Rabattmarken einzulösen.
„Ich weiß es nicht ... ich bin kein Huhn!" Sie wechselt nun ebenfalls offen in das zuvor schwelende rebellische Kind und greift dabei zu völlig unrealistischen Vergleichen. Vom Erwachsenen-Ich ist mittlerweile bei beiden keine Spur mehr zu erkennen.
Im Disput über die exakte Zubereitungszeit weicht sie schließlich auf ihr hausfrauliches Gefühl aus. Er verstärkt nun den Druck aus dem kritischen Eltern-Ich woraufhin sie sich zunehmend aus dem angepassten Kindheits-Ich zu rechtfertigen beginnt.
„Aber es ist hart ... vielleicht stimmt da mit deinem Gefühl was nicht ..." Seine Chance witternd forciert er die Attacke aus der Verfolgerposition durch den Sprung von einem kritisierten Verhalten
(Timing beim Kochen) zur Abwertung der Person (Gefühl).
„ Mit meinem Gefühl stimmt was nicht? Ich stehe den ganzen Tag in der Küche, mache die Wäsche, bringe deine Sachen in Ordnung, mache die Wohnung ge­mütlich, ärgere mich mit den Kindern rum, und du sagst, mit meinem Gefühl stimmt was nicht!?" Sie nimmt seine 'ungerechte' Generalisierung zum willkommenen Anlass, den Spieß umzudrehen und nun ihrerseits lange aufgesparte Rabattmarken aus dem kritischen Eltern-Ich einzulösen.
„Ich hätte nur gern ein wei­ches Ei ... es ist mir egal, wie lange es kocht! " Derart in die Defensive gedrängt, beginnt er nun seinerseits, sich zu rechtfertigen und damit den Schwenk zur Opferposition zu signalisieren, allerdings mit einem Rest Wi­derstand aus einem quengelnden angepasst-rebellischen Kindheits-Ich.
„Aha! Das ist dir egal ... es ist dir also egal, ob ich viereinhalb Minuten In der Küche schufte!" Nun feuert sie eine vollen Breitseite aus der Verfolgerposition ab. Den Stoff dafür be­zieht sie aus einer abenteuerlichen Rede­finition (das Eierkochen wird zum Schuften in der Küche). Zugleich präsentiert sie sich zur Rechtfertigung ihrer Gegenattacke als missachtetes Opfer.
Er, kommt er im weite­ren Verlauf der Ausein­andersetzung trotz vereinzelter Gegenwehr nicht mehr zum Zuge. Schließ­lich gipfelt sie in dem Aus­ruf:
„Gott, was sind die Männer primitiv!“ und bricht die Kommunikation ab. Sie beendet das Gespräch mit einer endgültigen blockierenden Transaktion, indem sie die Berechtigung seines Anliegens leugnet, und zur Frage nach dem Wert der Männer schlechthin wechselt. Mit dieser massiven Abwertung festigt sie als Spielge­winn zugleich ihren Bezugsrahmen über Männer.
Er beschließt den Konflikt im inneren Dialog: „Ich bringe sie um ... morgen bringe ich sie um !“ Frustriert wechselt er in den Ichzustand des rachsüchtig-rebellischen Kindes und landet damit vermutlich in einem vertrauten Gefühl bzw. Racket, denn Gesprächssequen­zen wie diese hat er ganz sicher häufiger erlebt.
Die Kommunikation zwischen den beiden besteht im wesentlichen aus einem wechselseitigen Versuch, den anderen in die Opferposition zu manövrieren. Dieses Mal sieht die Schlußkonstellation so aus, dass sie das kritische Eltern-Ich besetzt und er sich im angepasst-rebellischen Kind wiederfin­det. Er heimst eine gewichtige Ärger-Rabatt­marke ein, mit der - wie seine letzte Äußerung zeigt - sein Vorrat zu einem bedrohli­chen Wutstau angewachsen ist.

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