Leitfaden zur Gesprächsführung mit Konzepten der Transaktionsanalyse

Der folgende Leitfaden ergänzt die allgemeinen Grundregeln, die schon im ersten Hauptteil vorgestellt worden sind. Das dort Beschrieben wird aufgenommen, prä­zisiert und ergänzt durch spezifische Aspekte der Transaktionsanalyse aus dem zweiten Hauptteil .

  1. Anderen Menschen respektvoll und akzeptierend begegnen (Ich bin okay - Du bist okay.)
    Es ist zentrale Grundannahme der Philosophie der Transaktionsanalyse: Jeder Mensch hat, gleich welches Verhalten er heute zeigt, einen gesunden, liebenswerten und entwicklungsfähigen inneren Kern. Jeder Mensch strebt danach, zu wachsen und das in ihm ruhende Potential zu entfal­ten. Alle unsere Anteile haben ursprünglich eine - jedenfalls für uns - positive Absicht. Falls wir diese Anteile annehmen und integrieren, dann können sie aufblühen und ihren Sinn für unser Leben entfalten.
    Gelingt es uns, mit dieser Einstellung anderen Menschen zu be­gegnen und aus ihr heraus aktuelle Schwierigkeiten und Probleme zu verstehen, dann ist das vermutlich wichtiger als alle Techniken der Gesprächs­führung. Wenn wir nun dem anderen die Angst davor nehmen, sich auch unge­liebte Aspekte seiner Persönlichkeit anzusehen, dann regen wir ihn dazu an, seine nicht gelebten Möglichkeiten zu entdecken und das in ihnen schlummernde Potential zu entwickeln.
  2. Mit klaren Verträgen arbeiten
    Basis der praktischen Anwendung der Transaktionsanalyse ist die Arbeit auf der Basis von Verträgen. Das Ziel ist eine partnerschaftliche Zusammenarbeit im Respekt für die Fähigkeit der anderen, ihren eigenen
    Weg zu finden und Verantwortung für sich zu übernehmen. Zum Ausdruck kommt dieses Anliegen durch klare Vereinbarungen, in denen wir beiderseits kon­kret, offen und zielorientiert benennen, was wir tun bzw. nicht tun wol­len.
    Die Verträge fördern die Autonomie dessen, der Probleme lösen will, und sie entlasten den Helfer. Sie schützen davor, in Situationen hinein­zugeraten, die man nicht will.
    Leitfragen, die zu guten Verträgen führen können, sind:
    • Was ist dein Problem? Ist-Analyse
    • Was willst du statt dessen? Zielformulierung
    • Wie könntest du das erreichen? Strategien
    • Welche Möglichkeiten stehen dir zur Verfügung? Ressourcen und Optionen
    • Was wirst du tun? Schritte
  3. Hinweise auf den Bezugsrahmen registrieren und benutzen
    Über unsere Grundeinstellungen teilen wir unseren Gesprächspartnern oft schon durch die ersten Transaktionen Wesentliches mit. Um nicht aneinander vorbeizureden, ist es sehr hilfreich, schon in dieser Phase des Gesprächs darauf zu achten, auf welche Grundannahmen die andere Person sich bezieht, und sich bewusst zu machen, von welchen Grundeinstellungen man selbst ausgeht:
    • über die eigene Person,
    • über die anderen Menschen
    • und über das Leben.

    Der Bezugsrahmen wurde schon in der Kindheit erworben und er beeinflusst unser Denken, Fühlen und Verhalten im Hier und Jetzt maßgeblich. Deshalb kann es sehr nützlich sein, der anderen Person meine Be­obachtungen mitzuteilen und ihr Impulse zur Überprüfung ihres Bezugs­rahmens aufgrund der heutigen Sicht der Realität zu geben.

  4. Die Ichzustände bei sich selbst und anderen beobachten
    Die Diagnose der Ichzustände, die wir im Gespräch wahrnehmen und benutzen, kann ein Kompass sein, der zeigt, ob wir uns auf produktiven Gleisen bewegen oder auf dem Weg in Sackgassen sind. Wenn wir viel aK, rK oder kEL bei uns und den anderen entdecken, dann laufen wir Gefahr, uns in psychologische Spiele zu verstricken - es ist dann höchste Zeit, zu überprüfen, woran das liegt, und zu den produktiven
    Ichzuständen (nEL, ER, fK) zurückzukehren.
  5. Unergiebige Transaktionen aus den produktiven Ichzuständen kreuzen
    Nehmen wir wahr, dass durch das Verharren in den unproduktiven Ich­zuständen das Gespräch stagniert oder einen unguten Verlauf nimmt, dann ha­ben wir mindestens zwei Reaktionsmöglichkeiten:
    • Ich kann aus dem Erwachsenen-Ich meine Beobachtung mitteilen, d.h. die Störung zum Thema machen und auf einer Metaebene die Art und Weise der Kommunikation erörtern.
    • Ich kann auf vielfältige andere Weise einen produktiven Ichzustand wählen, um die Transaktionen meines Gegenüber zu kreuzen, d.h. die Kommunikation gewissermaßen an der Störung vorbei auf einen
      anderen Weg lenken.

    Beides beinhaltet eine gute Chance, dass auch der Gesprächspartner in einen produktiven Ichzustand wechselt. Die sachliche Konfrontation aus dem Erwachsenen-Ich mit einer 'Prise' nährendem Eltern-Ich wird mit einiger Wahrscheinlichkeit auch das Gegenüber dazu veranlassen, ihr Erwachsenen-Ich zu benutzen, um über die Situation und mögliche Alternativen nachzudenken. Ein bewusster Themawechsel (z.B. von alten Geschichten zu künftigen Möglichkeiten oder von Bejammernswer­tem zu Erfreulichem) setzt einen neuen Akzent im Gespräch und lädt die andere Person zu einem Ichzustandswechsel ein. Ob sie nun allerdings wirklich den angestrebten Wechsel vollzieht, liegt jedoch letztlich nicht in mei­ner Hand.

  6. Erlaubnis geben statt zu fordern, zu kritisieren oder abzuwerten
    Wichtige Voraussetzung einer produktiven Problembearbeitung ist es, den Beteiligten mit einer erlaubenden Haltung zu begegnen. Dadurch wird die Bereitschaft gefördert, bisher verdrängte Anteile nüchtern anzu­sehen, zu Schwierigkeiten zu stehen, sich Wünsche und Abneigungen realistisch einzugestehen und auf dieser Basis die eigenen Möglichkeiten zu entfalten. Forderungen, harsche Kritik - auch wenn sie sachlich be­rechtigt sein mag - oder gar Abwertungen sind nicht dazu angetan, die Bereitschaft zu konstruktiven Lösungen anzuregen, sondern verstärken eher Gegenwehr oder resignative Haltungen. Dabei geht es jedoch nicht um die Erlaubnis zur Nichteinhaltung von Ver­trägen und Absprachen.
  7. Schutz geben, wo es nötig ist
    In einem Gespräch, in dem jemand mehr Offenheit riskiert und sich mit Gedanken und Gefühlen zeigt, die sonst eher kaschiert werden, ist es wichtig für die Beraterin, auf den nötigen Schutz zu achten. Personen,
    die sich mit einem belastenden Problem auseinandersetzen oder an ei­nem Konfliktgespräch teilnehm en, haben in diesem Moment unter Umständen nicht ihr volles Eltern-Ich und Erwachsenen-Ich zur Verfügung, da sie selbst involviert sind. Dann kann es wichtig sein, sie vor Reizüber­flutung, Selbstüberforderung und voreiligen Entscheidungen, aber auch vor Angriffen und Abwertungen anderer und sogar vor zuviel gutgemein­ter Zuwendung zu schützen.
  8. Nicht ins Dramadreieck gehen
    Je mehr die Beteiligten im Dramadreieck verweilen, desto geringer ist der Nutzen des Gesprächs, Also es für mich als Gesprächsleiter wichtig, selbst keine der Rollen aus dem Dramadreieck einzu­nehmen und aufmerksam auf entsprechende Angebote und Einladungen anderer zu achten. Am besten erreiche ich das, indem ich mit dem Erwachsenen-Ich meine eigenen Beobachtungen mitteile oder mich mit Fragen an das ER der anderen Beteiligten wende. Das Erwachsenen-Ich ist der im Dramadreieck ausgeblendete Ichzustand. Solange es fehlt, ist die Anfälligkeit für Kommunikation im Dramadreieck sehr groß. Wird
    dagegen das Erwachsenen-Ich mit Energie besetzt, haben Dramadreieck-Spieler schlechte Karten. Im einzelnen ist es wichtig,
    • Retter-Angebote zu konfrontieren, evtl. die Opfer zu fragen, ob sie die angebotene Hilfe brauchen, und den Rettern zu erlauben, sich um sich selbst zu kümmern;
    • Verfolger zu stoppen und evtl. ihre darunterliegende Betroffenheit an­ zusprechen;
    • auf Opfer-Attitüden nicht einzugehen, sondern die Fähigkeit zu selbst­ verantwortlichem Handeln herauszufordern.
  9. Passives Denken und Verhalten konfrontieren
    Unergiebige Gesprächsverläufe sind meist durch ein hohes Maß an Pas­sivität gekennzeichnet. Mit dem Passivitätskonzept der TA kann ich einschätzen, auf welcher Ebene des Problembewusstseins sich die Gesprächspartner befinden, und mich angemessen darauf einstellen.

    Dabei kommt es darauf an,

    • passives Verhalten zu konfrontieren (Nichtstun und Überanpassung) und gefährliche Eskalationen (Agitation, Gewalt) - nötigenfalls auch aus dem kritischen Eltern-Ich - zu stoppen;
    • Abwertungen und Übertreibungen aufzudecken;
    • eine realistische Sicht der Situation und der beteiligten Personen zu fördern;
    • sich nicht unabgesprochen in eine Symbiose zu begeben;
    • die Gesprächspartner zu selbstverantwortlichem Denken und Handeln zu animieren.
  10. Redefinitionen konfrontieren
    Die Weichen, an denen Gespräche auf ein falsches Gleis geraten, beste­hen oft aus Redefinitionen. Deshalb ist es wichtig, darauf zu achten,
    • dass Fragen so, wie sie gestellt wurden, beantwortet werden;
    • dass Äußerungen nicht unmerklich verdreht oder entstellt und dann in verfälschter Form zur weiteren Gesprächsgrundlage gemacht werden;
    • dass bei einer starken Neigung zum Redefinieren geklärt wird, woran das liegt, zum Beispiel von welchem unterschiedlichen Bezugsrahmen die Gesprächspartner ausgehen.
  11. Keine Rabattmarken sammeln oder einlösen lassen
    Die Gesprächskultur hängt in hohem Maße davon ab, inwieweit es gelingt, Mißverständnisse und ungute Gefühle im Hier und Jetzt zu benennen und zu klären. Gerade im Umgang mit Konflikten ist es wichtig, Vorbe­halte, Ärger, Enttäuschung etc. aktuell anzusprechen und zu bearbeiten, damit kein Rest zurückbleibt, der spätere Gesprächsverläufe belastet. Reste aus früheren Situationen sollten nicht zur Rechtfertigung eigenen Verhal­tens oder zu einer Abrechnung mit anderen dienen. Denn was nützt es mir heute und für die Zukunft tatsächlich, damals Recht gehabt zu ha­ben?
  12. Antreiberverhalten vermeiden und bei anderen konfrontieren
    Wenn Menschen Probleme lösen wollen und andere ihnen dabei helfen, besteht beiderseits die Gefahr der hohen Anfälligkeit für Antreiberverhaiten. Wer etwas verändern möchte, der strebt das neue Ver­halten oft mit den bisher vertrauten Mitteln an. Daraus resultiert die Gefahr, dass das Alte durch die Hintertür wieder einkehrt.
    Berater müssen also beachten, ob jemand eine „neue" Lö­sung perfekt, ganz schnell, mit viel Anstrengung oder einer anderen Per­son zuliebe anstrebt. In diesem Falle ist es wichtig, sich die Erlaubnis des Anderen einzuholen, mit anderen als den gewohnten Mitteln eine Lösung zu finden - also etwa sich Zeit zu neh­men, wirklich an sich selbst zu denken, einen Weg ohne Mühsal und Anstrengung zu finden, sich von anderen dabei helfen zu lassen und auch ohne die vollkommene Lösung mit der Veränderung zu beginnen.
    Auch bei Beratern können die eigenen skriptbedingten Verhal­tensweisen zum Tragen kommen; sie wollen etwa besonders hilfreich, schnell, souverän sein, eine Lösung zu finden, die allen Anfra­gen standhält etc. Teilweise übernehmen wir auch unbewusst die Antreiber unserer Gesprächspartner und verstärken auf diese Weise ihren heimli­chen Wunsch, alles beim alten zu lassen. Aus diesem Grunde ist es besonders wichtig, die eigenen Antreiber und auch ihre auslösenden Situationen und Signale gut zu kennen, um sie nicht unbewusst als Richtschnur an andere weiter­zugeben.
  13. Viel positive Zuwendung geben, aber nicht für Rackets.
    Menschen, die sich verändern wollen, unterstützen wir am Besten durch positive Zuwendung - kon­kret und aktuell - und zwar vor allem für
    • klares Denken,
    • echte Gefühle,
    • Autonomie und Verantwortlichkeit,
    • Kreativität, Spaß und Humor,
    • Neuentscheidungen und
    • erfolgreiche Schritte zur Veränderung.

    Keine Zuwendung verdienen jedoch

    • Retter-, Verfolger- und Opferverhalten,
    • Racketgefühle und -verhalten sowie
    • destruktives und selbstzerstörerisches Verhalten.

    Die Person soll die Zuwendung auch wirklich an­nehmen und verarbeiten. Ziel ist es, dass sie sich selbst Zuwendung geben und holen kann. Bei aller Fürsorge für andere sollten Sie auch darauf achten,
    mit den eigenen Zuwendungswünschen nicht auf der Strecke zu blei­ben.

  14. Widerstand respektieren
    Falls ein Mensch das System seines bisherigen Denkens, Fühlens und Ver­haltens bedroht sieht, dann reagiert er immer auch mit W iderstand, selbst dann, wenn er eine Veränderung sinnvoll findet oder wünscht. Bei Widerstand ist es wichtig, ihn als subjektiv sinnvol­les Verhalten zu respektieren. Verbünden Sie sich mit der guten Absicht, die im Widerstand steckt, um die darin gebundene Energie für realisti­sche Lösungen im Hier und Jetzt freizusetzen. Beim Umgang mit Widerstand ist zu beachten:
    • sich selbst zu überprüfen, ob das Verhalten dazu beiträgt, dass sich die andere Person gegen mich zur Wehr setzt;
    • den tieferen Sinn des Widerstands zu verstehen und einzubeziehen;
    • der anderen Person zu gestatten, ihren eigenen Weg zu gehen und et­was für sich zu tun anstatt Energie damit zu vergeuden, sich gegen etwas zu wehren.
  15. Bilanz ziehen und Verabredungen treffen
    Viele Gespräche verlieren an Substanz und Wirkung, weil die Beteiligten kein Ende finden oder es versäumen, die Ergebnisse zu sichern. Es macht Sinn, ein Gespräch zu beenden, wenn
    • die Energie spürbar nachlässt, auch wenn noch kein 'Durchbruch' er­zielt ist;
    • ein positives Ergebnis feststeht, auch wenn noch nicht alle Ziele er­reicht sind.

    Für eine gute Wirkung des Erreichten ist es günstig, im Moment der größten positiven Energiebesetzung den Abschluss einzuleiten und das Ergebnis 'festzuklopfen'. Dabei ist es wichtig,

    • an den Eingangsvertrag anzuknüpfen,
    • Bilanz zu ziehen,
    • Feedback zu geben und sich geben zu lassen sowie
    • Schritte für die Umsetzung von Erkenntnissen bzw. für die Wieder­aufnahme des Gesprächs konkret zu vereinbaren.

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