Widerstand

Don't push the river,
it flows by himself!
F. Peris

Abwehr und Widerstand sind ursprünglich Begriffe aus der Psychoanalyse. Unter Verwendung der TA-Termini können wir jedoch viele der weiter unten aufge­führten Widerstands-Verhaltensweisen klarer beschreiben und durch wichtige Aspekte ergänzen.

In der Literatur wird zwischen Abwehr und Widerstand oft nur unscharf. unterschieden Die folgende Skizze ist zur Unterscheidung recht hilfreich:

Die meisten Menschen neigen dazu, die noch nicht integrierten Aspekte ihrer Persön­lichkeit, wie etwa unerwünschte Triebimpulse, traumatische Er­lebnisse oder ungeliebte Gefühle und Eigenschaften durch Verdrängung in ihr Unterbewusstsein zu verlagern. Es zuzulassen, die verdrängten Inhalte (V) ins Bewusstsein oder gar nach außen dringen zu lassen, würde in der Vorstellung der Betroffenen in irgendeiner Weise ihre psychische oder gar physische Unversehrtheit stören. Solche Befürchtungen können früher als Kind mögli­cherweise durchaus zu recht bestanden haben. Also wird um dieses Erleben herum eine schützende Mauer wie zum Beispiel die des Vergessens errichtet. Den Zugang zum Verdrängten versperren nun die 'psychi­schen Wächter' (W), welche sowohl nach innen als auch nach außen wirksam sind.
Intern verhindern sie nun ein erneutes Auftauchen des Verdrängten in das Bewusstsein. Dieser Vorgang ist für Außenstehende nicht wahrnehmbar und wird als Abwehr bezeichnet. Eine genauere Darstellung dieser innerpsychischen sei der umfangreichen Fachliteratur zu diesem Thema vorbehalten.

Wichtiger als die Abwehr ist für die Gesprächsführung die Wirkungsweise dieser Wächter gegen eine mögliche Bedrohung von außen, die man als Widerstand bezeichnet. Der Widerstand äußert sich auf vielfältige Weise in beob­achtbarem Verhalten und beeinträchtigt sehr oft eine authentische Kommunikation. Widerstand meint dabei all diejenigen Verhaltensweisen, die eine positive Veränderung verhindern. Gegenüber allzu eif­rigen 'Mauerspechten', die meistens aus reiner Neugier an das Verdrängte heranzukommen versuchen, kann Widerstand jedoch sehr wohl ange­bracht sein.

Jede Beratung und die meisten schwierigen Gesprächen haben im Prinzip stets zu tun mit der Arbeit mit und an dem Widerstand. Das Hauptproblem für die Betreffenden besteht darin, dass die inneren
Wächter sehr viel psychische Energie binden. Teilweise ist der Verbrauch derart groß, dass die Betreffenden kaum noch Kraft haben für eine konstrukti­ve Lebensgestaltung - was einer unglaublichen Energieverschwendung gleichsteht.
Zum Anderen schützt der Widerstand vor dem schmerzlichen Kontakt mit ei­nem als bedrohlich empfundenen Problem. Deshalb ist der Widerstand durchaus eine kreative Leistung des Selbst gegen eine äußere psychische Bedrohung.
Wird nun der Widerstand gewaltsam gebrochen oder manipulativ unterlaufen dann setzt dies den Betroffenen schutzlos dem Verdrängten aus. Deshalb ist ein solches Vorgehen sowohl unethisch als auch letztlich kontraproduktiv, da die Schutzmechanismen in der Folge dann nur noch verstärkt werden. Widerstand kann also nur freiwillig und unter Beteiligung der produktiven Ichzustände aufgegeben werden. Dazu dient eine Atmosphäre, in der sich das verängstigte innere Kind ausreichend sicher fühlt, und wenn die Person eine Vorstel­lung davon besitzt, welches Verhalten sie an die Stelle des Widerstandes
setzen will. Erst dann kann die Preisgabe des Verdrängten die sehnsüchtig ersehnte Entlastung bewirken, die wiederum mit der Freisetzung der bisher gebundenen psy­chischen Energie verbunden ist.

Das angsterfüllt angepasste Kindheits-Ich ist wiederum Quelle des Impulses für den Widerstand. Bei den meisten Widerstandstransaktio­nen handelt es sich in der Regel um Redefinitionen. Dafür werden dann häufig andere Ichzustände benutzt, sozusagen 'vorgeschickt',und zwar bevorzugt auf der Ebene des negative kritischen oder nährende Eltern-Ichs, des getrübten Erwachsenen-Ichs oder zumeist des rebellischen Kindheits-Ichs.

Auch die Rackets und die verschiedenen Arten passiven Verhal­tens sind Ausformungen des Widerstands.

Formen von Widerstand

Einwände erheben, rationalisieren, überdetaillieren - damit zettelt man gerne 'gelehrte' Methodendiskussionen über das Für und Wider einer bestimmten Vorgehensweise an, um das Risiko konkreter Erfahrungen zu vermeiden. Anstatt auszuprobieren und sich einzulassen wird lieber geschwafelt.

Generalisieren, bagatellisieren, lächerlich machen - damit werden problemati­sche Verhaltensweisen einer ernsthaften und diffe­renzierten Erörterung entzogen, gefürchtete Gefühle bei sich selbst und
anderen werden lächerlich gemacht. So neigen etwa viele Menschen dazu, die Sexualität zu bagatellisieren oder ins Lächerliche zu ziehen, um unterdrückte Triebregungen, negative Erinnerungen oder Unzuläng­lichkeitsgefühle zu vermeiden.

Mauern, blockieren, verweigern; hierzu gehören schweigen, nörgeln und offene Verweigerung ebenso, wie viele zur Schau getragenen non­verbalen Signale des Widerstands, z.B . gähnen, hinlümmeln, kichern,
oder beleidigt sein.

Vergessen, verwechseln, verschlafen, sich entziehen (fehlen) - das sind oft Hinwei­se darauf, dass tatsächlich Widerstand aufgeboten wird., wenn das Verhalten wiederholt auftritt. Zum Beispiel werden manche Menschen in bestimmten Konfliktsitua­tionen regelmäßig von großer Müdigkeit befallen wurden, obwohl ei­gentlich eine hohe Aufmerksamkeit der Situation angemessen und zu erwarten gewesen wäre.

Abschweifen, das Thema wechseln - hier richten die Betreffenden ihre Auf­merksamkeit zunehmend auf einen Nebenaspekt des eigentlichen Pro­blems oder wechseln unvermittelt das Thema, wenn man zum Punkt kommt.

Sich verwirren oder dumm stellen - für Außenstehende ist es mitunter irritierend, falls der Gesprächspartner sich bei der Erörterung eines Problems weit unter seinen intellektuellen Möglichkeiten präsentiert, indem er zuvor geäußerte Gesprächsinhalte nicht mehr wiedergeben kann oder unangemessen häufig Verwirrung äußert (siehe Dumm-Spiel).

Sich selbst, andere und/oder Sachen beschädigen - dies sind körperliche Symptome (siehe auch passives Verhal­ten).

Widerstand macht Sinn

Reaktionen auf Widerstand sind oft Verunsicherung, Ärger und Ver­stärkung des Drucks, oder aber man wendet sich unwillig ab getreu dem Motto: „Dann sieh zu, wie du alleine klar kommst, aber du wirst schon sehen, was du davon hast!" Weitaus sinnvoller und auch entlastender ist es, den Wider­stand als Impuls zu sehen und zu nutzen, um über die Gesprächssituation und die Beziehung nachzudenken. Denn beide Seiten können Anlass für Wi­derstand gegeben bzw. Anteil daran haben. Erst wenn wir erkennen, aus welcher Quelle sich der Widerstand nährt, können wir ein ergiebiges Gespräch führen. Dies erleichtert beiden Seiten - und vor allem dem Berater - die weitere Arbeit.

Mögliche Anteile auf Seiten des Beraters:

  • Er ist auf dem 'Holzweg', drängelt, hat unangemessene Erwartungen und Ideen oder dergleichen, d.h. er will etwas für oder von dem Klienten.
  • Er hat keinen klaren Vertrag (oder gar keinen!).
  • Er zeigt sich dem Gesprächspartner gegenüber respektlos (vor allem seinem Erwachsenen-Ich gegenüber).
  • Er agiert zu stark aus dem Eltern-Ich heraus.
  • Er will selber zeigen, was er alles 'drauf' hat oder sie stiehlt dem anderen die Schau.

Mögliche Motive dessen, der Widerstand zeigt:

  • Er möchte das vertraute Bezugssystem bzw. innere Gleichgewicht aufrechtzuerhalten und die alten Schlussfolgerungen, die einmal wichtig waren, bestätigt sehen.
  • Ein alter Schmerz, der vom Kind als lebensbedrohlich erlebt wurde, wird auch vom Erwachsenen nicht angerührt.
  • Die vertrauten 'Muster und damit die dahinter liegenden ungelö­sten Konflikte m it früheren Bezugspersonen sollen wiedererlebt wer­den.

Die ungelösten Konflikte mit früheren Bezugspersonen können ganz unterschiedlich in die gegenwärtige Gesprächsbeziehung hinein­wirken. Es sind dies:

  • die Übertragung - Trübung aus einer Abwehr des Kindheits-Ichs gegen Elternfiguren (Eltern-Ichs) aus der Vergangenheit; man hängt dazu einer anderen Person im Hier und Jetzt sozusagen die Maske einer El­ternfigur über und reagiert darauf wie früher als angepasstes Kind oder rebellischer Jugendlicher.
  • die Introjektion - man hält Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen der Eltern oder anderer Bezugspersonen für die eigenen und verteidigt sie nach außen hin (Trübung aus dem Eltern-Ich).
  • die Projektion - man schiebt nicht akzeptierte Gefühle und Verhaltensweisen des Kindheits-Ichs anderen Menschen unter und reagiert dann darauf mit dem eigenen Eltern-Ich. ('Man sieht den Splitter
    im Auge des anderen, aber den Balken im eigenen erkennt man nicht').

Was tun bei Widerstand?

  1. Mich selbst überprüfen:
    • Habe ich Widerstand provoziert?
    • Ist der Widerstand ein typisches Verhalten der anderen Person oder tritt er besonders mir gegenüber auf?
    • In welchem Ichzustand befinde ich mich überwiegend? Vielleicht zu viel im Eltern-Ich (Retter, Verfolger) oder auf unangemessene Weise im Kindheits-Ich (Macht- und Showbedürfnis)?
    • Habe ich einen klaren Vertrag und eine gute Basis für dieses Gespräch?
    • Zeige ich meinem Gegenüber genügend Respekt, besonders im Blick auf die Fähigkeiten seines Erwachsenen-Ichs?
    • Bin ich zu schnell ('Beeil dich!') oder in einem anderen Antreiber?
    • Will ich etwas für den/die anderen?
  2. Mir über die andere Person Gedanken machen:
    • Was will sie (unbewußt) erreichen?
    • Was braucht sie, um sich produktiv zu entwickeln?
    • Wie verhindert sie, zu bekommen, was sie braucht?
    • Wovor meint sie, sich durch Widerstand schützen zu müssen?
    • Welchen Sinn mag das früher für sie gehabt haben?
    • Welche Rahmenbedingungen braucht sie, um alternative Erfahrungen machen zu können?
  3. Interventionsmöglichkeiten:
    • Auf den Widerstand im Moment nicht reagieren, in Ruhe weiterarbei­ten und beobachten.
    • Den Widerstand konfrontieren, zum Beispiel die Widersprüchlichkeit bzw. Selbstschädigung aufdecken; unangemessene Verhaltensweisen (Abwertungen, Übertreibungen, Vertragsbruch, Gewalt) klar zurückweisen.
    • Den Widerstand deuten bzw. durch den anderen deuten lassen (im Sinne der Fragen aus 2.), falls genug Offenheit und das ausdrückliche Einverständnis dafür vorhanden ist.
    • Ein zentraler Aspekt besteht darin, mit dem Widerstand zu gehen, indem ich dem Gesprächspartner anbiete, eigene Vorschläge und Lösungsmög­lichkeiten zu entwickeln; dem anderen vermittle, dass es in Ordnung ist, den Widerstand auf­ rechtzuerhalten, und dabei seine Selbstverantwortlichkeit betone; auf die Bedeutung des Widerstands als früher durchaus sinnvollen Mechanismus hinweise und dazu anrege, nach Möglichkeiten des Schut­zes und der Abgrenzung zu suchen, die der Situation und einer heute erwachsenen Person angemessener sind.

Kommende Termine

Benutzeranmeldung