Trübe Visionen - Our Posthuman Future

Trübe Visionen - Our Posthuman Future

Inzwischen gibt es sie schon: Gentechnisch veränderte Mücken, Pflanzen und Kühe sind fast schon altes Eisen. Die Wissenschaft ist schon mit kühneren Projekten beschäftigt, nämlich mit der gentechnisch veränderten Version von uns selbst. Es geht um den gentechnisch veränderten Menschen. Im Lauf der Zeit kommen die Forscher der Humanmanufaktur immer näher. Und sie machen auch Fortschritte. Dies zeigt sich in einem zugelassenen Medikamentes, das designt wurde um "genetische Fehler zu korrigieren".
Glybera1 (Alipogentiparvovec) wurde in Europa am 01. November 2012 zugelassen. Das Präparat soll eine Störung bei der Fettproduktion bekämpfen. Menschen, die an diesem seltenen Symptom leiden, haben ein beschädigtes Gen und das Arzneimittel soll nun dieses Gen in Form einer Gentherapie2 reparieren.
Der Versuchsballon wird ein oder zwei Menschen unter einer Million verabreicht. Das klingt zunächst verschwindend gering und vernachlässigbar. Doch bahnt dieser Feldversuch den Weg für weitere Experimente im Bereich der Biotechnologie und der Modifizierung von Menschen. So steht zu erwarten, dass die Ärzteschaft in baldiger Zukunft zur Behandlung aller möglichen 'Gendefekte' Medikamente verschreiben - gegen das 'Fettgen' oder eben ein anderes beschädigtes Gen. Eventuell kann man dann sogar bei 'kriminellen' Genen3, die angeblich die 'kriminelle Zukunft' eines Menschen anzeigen, verschrieben werden. Die Wissenschaft ist der informierten Öffentlichkeit zumindest einen Schritt voraus in der Entwicklung von Techniken, die Menschheit zu verändern oder gar zu 'erschaffen'.
Genverändernde Medikamente bahnen den Weg für die weitere gentechnische Veränderung von Menschen. Doch ist das nur ein einzelner Schachzug in einem großen Spiel: 2012 wurde die erste Gruppe gentechnisch veränderter Babies4 in den USA erschaffen. 30 Babies sind geboren worden, bei denen Techniken der gentechnischen Veränderung angewandt wurden. Zwei dieser Babies wiesen sogar das Erbgut von drei Elternteilen auf. Die Genetik träumt davon, dass diese Methodik der gentechnischen Veränderung in Zukunft angewendet wird, um gentechnisch veränderte Babies "mit zusätzlichen gewünschten Charakteristiken wie Stärke oder hoher Intelligenz" zu erschaffen.
Der Tag kann früher kommen als erwartet – zumindest für die, die nicht informiert sind. Selbst führende Forscher befürworten inzwischen die selektive Fortpflanzung abhängig vom Erbgut mit 'handverlesenen' Genen für den Nachwuchs (Upgrading5) durch etwa die Präimplantationsdiagnostik6 Auch die Entwicklung der Klon-Technologie zum 'Züchten' menschlicher Hybride und andere bizarre Experimente werden inzwischen nicht nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert.7
Die Regierungen, besonders die DARPA8, unterstützen die Biotechnologie massiv. Geht es doch nicht zuletzt um die Erschaffung eines gentechnisch veränderten Menschen in Form des 'Super-Soldaten'. Diese genmanipulierten Menschen übersteigen die Grenzen der Vorstellungskraft, da sie weder Nahrung noch Schlaf bedürfen, um olympiareife Leistungen zu erbringen. Körperteile sollen nachwachsen, wenn diese durch Feindbeschuss verletzt werden.9 10
Die Menschheit bewegt sich unbemerkt von der allgemeinen Öffentlichkeit bereits Jahren auf eine gentechnisch veränderte Existenz zu. Die Mainstreammedien wollen glauben machen, dass Gentherapeutika die richtige Antwort sind auf entsprechende Erkrankungen. Doch weiß niemand wirklich genau, welche Gefahren und Risiken in deren Anwendung liegen. Schon gentechnisch veränderte Nahrung kann Tumorbildung und frühe Tode hervorrufen11 – warum also zusehen und abwarten, um zu sehen was passieren wird bei der Veränderung der genetischen Codierung des Menschen?

Nach diesem kurzen Ausflug in die Gentechnik, die nicht unser Thema sein soll, kehren wir wieder zurück zu den gängigen und schon auf dem Markt etablierten Arzneimitteln:

Schon 2002 warnte der Politologe Francis Fukuyama12 in seinem wissenschaftskritischen Buch "Our Posthuman Future" (Deutscher Titel: Das Ende des Menschen)13 davor, dass die Psychopharmaka ein größeres Potential hätten, die gesamte Menschheit zu verändern, als die Gentechnik. 14
Nicht zuletzt deshalb forderten Neuroforscher, Ethiker und Juristen um Henry Greely von der Stanford Law School die Wissenschaft und die Politik in der Pflicht, die Wirkung der Arzneimittel bei Gesunden zu untersuchen, Richtlinien zu entwickeln und über Risiken, Vorteile und Alternativen zu informieren.15

  • 1. vgl Daily Mail
  • 2. Als Gentherapie bezeichnet man das Einfügen von Nukleinsäuren wie DNA oder RNA in die Körperzellen eines Individuums, um beispielsweise eine Krankheit zu behandeln. Klassischerweise soll ein intaktes Gen in das Genom der Zielzelle eingefügt werden, um ein defektes Gen zu ersetzen, welches ursächlich für die Entstehung der Krankheit ist. Beim Menschen wurden und werden Gentherapien teilweise erfolgreich z.B. in Rahmen von klinischen Studien durchgeführt. Als weltweit erstes Fertigarzneimittel wurde 2003 in China Gendicine (rAD-p53) eingeführt, im November 2012 erfolgte als erste Zulassung eines Gentherapeutikums in der westlichen Welt die Zulassung von Glybera (Alipogentiparvovec) durch die Europäische Kommission, für die USA ist die Zulassung beantragt. Innerhalb Europas gehören Gentherapeutika zur Gruppe der Arzneimittel für neuartige Therapien.
    Üblicherweise werden dem Körper einige Zellen entnommen, um diesen im Labor (in vitro) die entsprechenden Nukleinsäuren einzufügen. Anschließend können die Zellen zum Beispiel vermehrt werden, um dann wieder in den Körper eingebracht zu werden. Eine Gentherapie kann auch direkt im Körper (in vivo) erfolgen. Je nach Art der Gentherapie und der verwendeten Technik kann die Nukleinsäure in das Zellgenom integrieren oder lediglich zeitweise in der Zelle verbleiben. Entsprechend kann der therapeutische Effekt dauerhaft oder zeitlich beschränkt bestehen
    Vgl gleichnamiger Artikel bei Wikipedia (Stand April 2013)
  • 3. siehe hierzu New York Times
  • 4. siehe auch Natural Society
  • 5. Verdrängungszüchtung, auch Upgrading genannt, ersetzt in einer Population unerwünschte Eigenschaften durch andere oder verändert gar den gesamten Rassestandard, ist also eine Umzüchtung. Die Reinzucht wird bewusst unterbrochen und genetisches Material anderer Rassen ergänzt. Bei der Verdrängungszüchtung kann so verfahren werden, dass in bestimmten Rotationen mit einer gewissen Regelmäßigkeit Tiere anderer Rassen eingekreuzt werden (= Immigration), bis die unerwünschte Eigenschaft verdrängt ist. Um ein Upgrading zu betreiben, muss die sogenannte Immigrationsrate der neuen Rassen weit über 10 % liegen; handelt es sich jedoch nur um eine Veredelungszüchtung, darf die Immigrationsrate die 10 % nicht übersteigen.
    Vgl gleichnamiger Artikel bei Wikipedia (Stand April 2013)
  • 6. Als Präimplantationsdiagnostik (PID) werden zellbiologische und molekulargenetische Untersuchungen bezeichnet, die dem Entscheid darüber dienen, ob ein durch in-vitro-Fertilisation erzeugter Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt werden soll oder nicht. Die PID wird hauptsächlich zur Erkennung von Erbkrankheiten und Anomalien der Chromosomen angewendet. Sie kann aber auch zur Erzeugung eines Babys, das als Organspender für ein erkranktes Geschwisterkind geeignet ist, eingesetzt werden („Retterbaby“) oder zur Auswahl des Geschlechts oder bestimmter erblicher Eigenschaften des Kindes.
    Die PID ist seit den frühen 1990er Jahren verfügbar und wurde bereits bei der Zeugung von über 10.000 Kindern weltweit angewendet. Sie ist ethisch und politisch umstritten, da sie grundlegende Fragen nach dem Wert – und der Zulässigkeit der Bewertung – sich entwickelnden Lebens aufwirft. In vielen Ländern, darunter den meisten europäischen Ländern, ist die PID gesetzlich geregelt und für teils unterschiedliche Anwendungen erlaubt. In Deutschland ist sie ausschließlich zur Vermeidung von schweren Erbkrankheiten, Tot- oder Fehlgeburten zulässig. In der Schweiz und in Österreich ist die PID dagegen verboten.
    Vgl gleichnamiger Artikel bei Wikipedia (Stand April 2013)
  • 7. siehe auch Natural Society
  • 8. Die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) ist eine Behörde des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten, die Forschungs-Projekte für die Streitkräfte der Vereinigten Staaten durchführt, u. a. auch Weltraumprojekte. Das jährliche Budget beträgt etwa drei Milliarden US-Dollar (Stand 2004).
    Ursprünglich wurde sie unter dem Namen Advanced Research Project Agency (ARPA) am 7. Februar 1958[1] von Dwight D. Eisenhower gegründet. Seit 1996 heißt sie wie bereits zwischen 1972 und 1993 DARPA. Dazwischen trug sie noch einmal für drei Jahre den Namen ARPA.
    Vgl gleichnamiger Artikel bei Wikipedia (Stand April 2013)
  • 9. DARPA Continues Human Experiments to Create Military Super Soldiers OCCUPYCORPORATISM.COM am 25. September 2012
  • 10. U.S. Super Soldiers Of The Future Will Be Genetically Modified Transhumans Capable Of Superhuman Feats The American Dream 12. August 2012
  • 11. siehe auch Natural Society
  • 12. Francis Fukuyama (* 27. Oktober 1952 in Chicago, Illinois) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und gilt als intellektuell bedeutendster Schüler von Allan Bloom.
  • 13. Fukuyama liefert in seinem Buch Argumente für eine staatliche Kontrolle der Biotechnologie und Humanmedizin. Zunächst setzt sich Fukuyama mit den sozialen und politischen Nachteilen des sog. Posthumanismus auseinander. Die wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte im Rahmen der Humanmedizin und der Biotechnologie, haben nämlich zusammenfassend folgende Entwicklungen herbeigeführt:
    • In-vitro-Fertilisation;
    • Präimplantationsdiagnostik (PID);
    • Stammzellenforschung;
    • Klonen zum Zwecke der Reproduktion;
    • Manipulation von Keimbahnen.

    Naiver Optimismus sei nicht angebracht, da die sozialen Folgen der wissenschaftlichen Errungenschaften nicht absehbar sind. Zwar kann es durch den Heilungseffekt zu einer spürbaren Verlängerung des menschlichen Lebens führe, doch trügt der positive Schein dieser Entwicklung, weil eine Überalterung der Gesellschaft eintritt. Die Überalterung der nach Altersklassen gegliederten Gesellschaft hat zur Folge, dass die jüngeren Menschen nicht die Möglichkeit haben werden, die soziale Stufenleiter hinaufzuklettern. Also werden sie versuchen, die älteren Menschen zu diskriminieren.
    Die Präimplantationsdiagnose und das Embryo-Screening erlauben die Erzeugung von Designer-Babies und führen damit zu einer sexuellen und genetischen Selektion. Wenn Eltern in die Lage versetzt werden, bestimmte Eigenschaften ihrer künftigen Kinder auszuwählen, dann würden sie dies ausnutzen, um intelligentere, größere und schönere Kinder zu haben. Auf Grund der damit verbundenen hohen Kosten könnten nur reiche Eltern diese Selektion vornehmen, so dass eine Elite entstehen würde, die sogar behaupten könnte, sie sei genetisch höherwertig. Dies könnte zur Bildung einer neuen Art von Aristokratie führen. Die Folgen einer sexuellen Selektion könnten ebenfalls verheerend sein, weil eine geschlechtsspezifische Verschiebung der Gesellschaft stattfinden könne, wie es etwa in der Volksrepublik China der Fall ist. Gesellschaftlich akzeptierte Formen des Zusammenlebens wie etwa homosexuelle Partnerschaften werden durch die neuen Entwicklungen in der Biomedizin in Frage gestellt werden. Wenn Homosexualität nun wirklich genetisch bedingt sei und die Eltern über das embryonale Screening dazu befähigt sind, zu wählen, dann werden sie sich wohl eher für Embryonen entscheiden, die heterosexuellen Gene in sich tragen. Eine Diskriminierung von Homosexuellen wäre die Folge. Die Möglichkeit, Keimbahnen zu manipulieren, um die Gesundheit von Menschen zu gewährleisten oder um genetische Krankheiten zu heilen, sei in Ordnung. Unzulässig sei jedoch jede Anstrengung, die Natur zu vervollkommnen. Zwar mag die Evolution mit Blindheit geschlagen sein, doch folgt sie einer strengen Anpassungslogik, die Organismen hervorbringt, welche für ihre Umgebung tauglich sind.
    Der Autor stützt seine kritische Haltung gegenüber dem Posthumanismus auf die Menschenrechte, die er traditionell aus der Menschenwürde herleitet. Die Möglichkeit, durch genetische Manipulationen der Keimbahnen die Grundstruktur eines Menschen zu verändern, um eine Vervollkommnung zu erreichen, gefährde das Prinzip, wonach alle Menschen dem Grunde nach gleichwertig sind.
    Fukuyama geht dabei davon aus, dass die menschliche Natur die Gesamtheit von Verhaltensformen und Eigenschaften ausmache, die für die menschliche Gattung typisch sind, wobei sich diese eher aus genetischen Umständen als aus Umweltfaktoren ergeben.

  • 14. "Our Posthuman Future" - Francis Fukuyama 2002
  • 15. Towards responsible use of cognitive-enhancing drugs by the healthy - Nature 456, 702-705 (11 December 2008)

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