Redefinieren

Das Redefinieren dient dazu, die Welt derart umzudeuten, dass sie möglichst nahtlos zu unserer Sicht der Dinge passt. Stimuli, die nicht in den eigenen Bezugs­rahmen, also die festgelegte Meinung über uns selbst, die anderen und die Welt passen, erfahren eine solche Umdeutung, dass sie das eigene System nicht in Frage stellen. Die Erwartungen, Nachfragen, Hinweise und Informatio­nen anderer Menschen erhalten so eine solche Blockade oder werden so verbogen, dass keine Korrektur der eigenen Vorstellungen erforderlich wird und die eigene passive Haltung aufrechterhalten werden kann. Um dies zu bewerkstelligen, kommen tangentiale und blockierende Transaktionen zur Anwendung.
Bei einer tangentialen Transaktion beziehen sich Stimulus und Reak­tion auf unterschiedliche Themen oder verschiedene Aspekte desselben Themas. Ganz besonders tückisch sind die oft fast unmerklichen, unscheinbaren Verschiebun­gen auf andere Aspekte ein und desselben Themas. Der Gesprächspartner ist erst einmal der Meinung, eine Reaktion auf seine Aussage zu erhalten und wird sich nicht oder erst sehr viel später darüber bewusst, dass die andere Person mittels einer Redefinition ausgewichen ist.
Zur Verdeutlichung ein Dialog, bei dem in einer kurzen Antwort von drei Worten gleich drei Redefinitionen stecken:

A: „ Was wirst du tun V
B: „Man könnte doch versuchen ,,.."

B redet nicht in persönlicher Verantwortung, sondern verallgemeinert (von 'du' zu 'man'). B verschiebt die Frage nach seinem tatsächlichen künftigen Verhalten auf die Ebene der Eventualität (von 'wirst' zu 'könnte'). Und dann münzt B den Aspekt der Realisation in ein vages Pro­behandeln um (von 'tun' zu 'versuchen'). B entzieht sich damit der von A intendierten Verbindlichkeit, ohne jedoch die Frage begründet zurückzuweisen.
B kann auf diese Weise in der Passivität verharren, ohne gegenüber A direkt dazu stehen zu müssen. Höchstwahrscheinlich wird A - zumindest bei einem entsprechenden Fortgang des Gesprächs - eine gewisse Unzufrie­denheit verspüren, sich möglicherweise aber nicht klar darüber sein, woran es genau liegt.
Oder aber A redefiniert im Gegenzug den ausweichenden Aspekt in B's Antwort zu einer festen Absicht im Sinne der Ausgangsfrage („Okay, also abgemacht!") und ist später dann ärgerlich oder enttäuscht, wenn B - wie zu erwarten war - passiv bleibt und nichts ändert.

Eine blockierende Transaktion zeichnet sich wiederum dadurch aus, dass die Auseinandersetzung mit ei­nem vorgegebenen Thema dadurch vermieden wird, dass die Definition des Themas an sich bestritten wird bzw. zum Gesprächsgegenstand erhoben wird.
Beispiele:

A: „ Liebst du mich?“
B: „Was heisst denn Liebe? Da müssen wir erst einmal..."

A: „W ie lange brauchst du noch, um damit fertig zu werden?"
B: „Wieso fertig werden? Wer gibt dir eigentlich das Recht ..."

Blockierende Transaktionen sind zwar offensichtlicher frustrierend, da­durch wird aber auch die Wahrnehmung und Bearbeitung leichter zugänglich. Zudem kann es dabei zu einer raschen und dramatischen Eskalation mit nachhaltigen Folgen kommen.

Im Irrgarten der alltäglichen Kommunikation

Redefinitionen sind quasi de vertauschten Wegweiser, Stolpersteine und Dornenhecken, die dazu führen, dass wir uns in bestimmten Situa­tionen immer tiefer im Labyrinth der Kommunikation verirren und ver­stricken. Die vielerlei Möglichkeiten tangentialer und blockierender Transaktionen bieten den 'versierten Passiven' ein reichhaltiges Feld subtiler Techniken, um andere auflaufen oder für sich selbst aktiv werden zu lassen; dies geschieht oft ohne dass die Betroffenen dies für sich selbst bemerken. Achtet man nun ganz bewusst darauf, wie die ganz alltägliche Kommunikation von Redefinitions-Transaktionen strotzt, dann kommt man nicht umhin, sich über die Kreativität zu wundern, die in derartigen Abwehrmanövern zur Entfaltung kommt. Das wirklich Vertrackte daran ist, dass sie meist so geschickt in ein Gespräch ein­geflochten werden, dass sie die Gesprächspartnerinnen unmerklich, sicher von ihrem eigentlichen Ziel ablenken.
Es ist von grosser Bedeutung für die Entwicklung der Gesprächsführung, die Wahrnehmung zu schulen für die vielfältigen Wege des Redefinierens und zugleich über ein Spektrum von Reaktionsmöglichkeiten zu verfügen

Die folgenden Beispiele demonstrieren exemplarisch den 'Reichtum der Redefinitionsmöglichkeiten':

  1. Sehr gut, wie Sie das ... gemacht haben!
    - Man tut, was man kann.
    - Ist schon in Ordnung so.
    - Hab' ich schon immer so gemacht.
    - Finden Sie?
    - W ieso, das kann doch jeder.
    - Na ja, so doll war's auch wieder nicht.
    - Ist doch nichts dabei.
    - Frau X. kann das noch besser.
    - Neulich, das hätten Sie mal sehen sollen!
    - Was heißt hier „sehr gut"?
    - Was haben Sie denn erwartet?
    - Sie loben doch jeden.
    - Was wollen Sie denn damit wieder sagen?
  2. Wie fühlen Sie sich heute?
    - Wie man sich halt so fühlt.
    - Mal so, mal so.
    - Ist doch egal.
    - Es ging mir schon mal besser.
    - Besch... wäre geprahlt.
    - Schlechten Leuten geht's immer gut.
    - W ie soll ich mich schon fühlen?
    - Was sind denn schon Gefühle?
    - Was geht das eigentlich Sie an?
  3. Was brauchen Sie noch, um diese Aufgabe zu lösen?
    - Na, ich werde es mal versuchen.
    - W ir schaffen das schon.
    - X versteht auch nicht, wie das gemeint ist.
    - Weshalb bekomme ich eigentlich immer diese Fälle?
    - Das ist sowieso alles zuviel.
    - Hier läuft ja jeder einfach durch.
    - W ie soll man sich denn bei der Hitze konzentrieren?
    - Da haben die sich mal wieder etwas einfallen lassen!
    - Ich weiß gar nicht, was das alles soll.
    - Sie müssen erstmal lernen, Ihre Fragen richtig zu formulieren.

Die Liste lässt sich beliebig erweitern - mühelos finden sich noch weitere Einfälle, wie die­ses Arsenal zu erweitern ist. Die Fülle entsprechender Reaktionsmöglich­keiten erscheint fast unerschöpflich. Das Spektrum reicht dabei von vorsichtig aus­weichenden Manövern bis hin zu aggressiven Gegenangriffen.
Alle Redefinitionen lösen dabei bei der anderen Person ein mehr oder min­der deutliches Unbehagen aus. Sie spürt, dass ihr Impuls verdreht wird und zu etwas anderem gemacht, als es urprünglich beabsichtigt war. Es wächst das Gefühl, etwas dafür tun zu müssen, um die Dinge richtig zu stellen: sich etwa deutli­cher auszudrücken („Ich will noch einmal versuchen, dir zu sagen, was ich genau meinte ..."), sich abzugrenzen („Das habe ich nicht gemeint, ich wollte nur sagen ..."), sich zu rechtfertigen („Tut mir Leid, aber es ist nun mal meine Aufgabe, dir zu sagen ...") oder gar sich zu entschuldigen („Entschuldigung, ich konnte nicht wissen, daß dich das so trifft, ich wollte dich wirklich nicht verletzen. ... Kann ich dir irgendwie helfen ...").
Oft greifen Menschen in der Absicht, ihren eigenen Bezugs­rahmen zu verteidigen, zu durchaus aggressiven Mitteln. Dabei unterstellen sie den anderen die Abwertung, Kritik oder gar Feindseligkeit, die sie selbst früher erlebt und im Laufe der Zeit verinnerlicht haben und heute intern ge­gen sich selbst richten. Diesen Zusammenhang zu kennen und von der eigenen Person zu
trennen kann sehr erleichternd wirken. Dieses Wissen ist nämlich die innere Vorausset­zung dafür, die angebotenen 'Köder' nicht aufzuschnappen und in das 'Spiel' einzusteigen, sondern ruhig und klar im Hier und Jetzt zu bleiben und sich auf die gegenwärtige Realität zu beziehen.

Wegweiser aus dem Irrgarten

Es gibt einige sinnvolle Strategien, um mit Redefinitionen umzugehen und um gezielt zu konfrontieren:

  • Beim Thema bleiben und insistieren: Achten Sie darauf, dass Fragen zum Punkt beantwortet werden. Kehren Sie, falls nötig, ruhig und beharr­lich zum Anfangsthema zurück („Meine Frage war ..." - „Der Punkt, um den es mir geht, ist ..." - „Ich möchte noch einmal auf meine Fra­ge zurückkomm en ..."). Dabei ist darauf zu achten, dass Äusserungen nicht unmerklich verdreht und in dieser Form zur weiteren Gesprächs­grundlage gemacht werden.
  • Der Redefinition folgen und mit ihr mitgehen: Die Redefinition bringt ein neues Thema oder einen neuen Aspekt ein. Anstatt zu insistieren, können wir uns auch ganz bewusst dazu entscheiden, zunächst auf das neue Them a einzugehen. Etwa, um zu verstehen, was den Gesprächspartner beschäftigt oder belastet („Was die sich wieder aus­gedacht haben!"), um Hindernisse auszuräumen oder einfach um In­teresse und Gewogenheit zu signalisieren. Die Hauptsache ist jedoch, danach zum ursprünglichen Thema zurückzukehren.
  • Das Redefinieren konfrontieren: Wenn das Gegenüber hartnäckig redefiniert, dann sollte man dies auch explizit ansprechen („Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Es ist mir wichtig, von Ihnen zu erfahren ..."). For­dern Sie ihn auf, direkt zu sagen, was er will oder nicht will („Sagen Sie mir bitte direkt, wenn Sie etwas stört..."). Teilen Sie auch Ih­re Reaktion mit („Es gefällt mir nicht, wie Sie mir ausweichen und meine Aussagen verdrehen"). Falls nicht anders lösbar, dann spricht auch nichts dagegen, das Gespräch abzubrechen.
  • Es spricht auch nichts dagegen, den unterschiedlichen Bezugsrahmen zu thematisieren: Falls es die Gesprächssituation erlaubt, dann lohnt sich auch der Versuch, - insbesondere bei starken
    Selbstabwertungen oder aggressiven Unterstellungen - das Redefinie­ren konfrontieren und mit der anderen Person zu klären, aus welchem anderen Bezugsrahmen heraus sie auf Ihre Stimuli reagiert hat und auf welche Art und Weise ein gemeinsamer Bezug hergestellt werden könnte. („Mir fällt auf, dass Sie anders ... (auf meine Frage, das Thema, die Aufgabe etc.) reagiert haben, als ich es erwartet habe. Was verbinden Sie mit ... ?")

Diese vier Konfrontationsmöglichkeiten sind abgestuft hinsichtlich ih­rer Komplexität und Interventionstiefe. Es erscheint ratsam, damit zu experimentieren und Erfahrungen zu sammeln. Dabei werden sich viele leicht verblüffende Erfolge einstellen, finden sich Auswege aus vertrauten Verhedde­rungen und es stellt sich an manchen Stellen eine tiefe Erleichterung ein.
Allerdings gibt es auch in diesem Bereich keine Garantie auf Wirksamkeit der eigenen Interventionen. Ob die Gesprächspartner Ihre Einladung, den Irrgarten zu verlassen, annehmen, entscheiden diese selbst. Falls dem nicht so sein sollte, dann ist der Ausgang für Sie dennoch offen!

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