Symbiosen

Die Symbiose kennen wir alle aus unserer Kindheit als vertrautes Beziehungs­muster. Falls Kinder noch nicht dazu imstande sind, für sich selbst zu denken und Verantwortung zu übernehmen, da die dafür erforderli­chen Ichzustände noch nicht ausgereift sind, benötigen sie die symbioti­sche Ergänzung durch andere, zumeist also der Eltern. Diese stel­len dann ihr Erwachsenen- und Eltern-Ich soweit zur Verfügung, wie es im Blick auf den Reifungszustand erforderlich ist. Je weiter die Kinder nun in ihrer Entwicklung fortschreiten, desto mehr lösen sich die Kinder aus dieser anfänglich notwendigen, gesunden Symbiose. Im günstigsten Fall bekommen die Kinder von ihren Bezugspersonen die ausdrückliche Erlaubnis und Ermuti­gung, sich Schritt für Schritt von den Erwachsenen loszulösen und zugleich das, was die Kinder an Fürsorge, Schutz und Information noch von ihnen brauchen, auf ange­messene Weise in Anspruch zu nehmen. Gelingt diese Loslösung nun gut, dann gehen die Kinder daraus als Erwachsene hervor, die in der Lage sind, auf eigenen Beinen zu stehen und als selbständige Menschen mit anderen, auch mit den eigenen Eltern, in inniger Beziehung zu sein.

Freilich sehen sich auch Erwachsene noch ab und an in der Situation, in der es okay ist, symbiotische Wünsche zu haben. So zum Beispiel in Momenten extremer Belastung, in denen wir dazu tendieren, vor allem den Kindheits-lchzustand zu besetzen, wie zum Beispiel bei starker Betroffenheit durch Verlust, Schock, Unfall, Krankheit etc. Wenn nun andere Menschen zur Verfügung stehen, dann ist es nur angemessen und sinnvoll, sich für eine W eile trösten und versorgen zu lassen, um das belastende Gefühl durchleben und verarbeiten zu können.
Auch spricht nichts dagegen, wenn die Partner in Beziehungen eine ausbalancierte wechselseitige Symbiose eingehen, in der beide Seiten sich selbst ver­wirklichen können und sich wohl fühlen.
Dann gibt es wiederum Situationen, in denen Menschen aus dem angepassten oder rebellischen Kindheits-Ich in unangemessener Weise eine Versorgung aus dem nährenden Eltern-Ich einer anderen Person abfordern. Die meisten Menschen haben sich zudem aus der ursprünglich notwendigen Symbiose mit ihren Eltern noch nicht vollständig gelöst. Sie glauben un­bewusst noch als Erwachsene, nur dann klar kommen und sich wohlfüh­len zu können, falls sie das vertraute Abhängigkeitsmuster in irgend­einer Weise wiederhergestellt bekommen.

Dafür ein (beinahe) alltägliches Beispiel:

Der siebenundvierzigjährige Mann sitzt im Sessel und wirft ihr wie selbstverständlich die Bemerkung hin: „Ich habe Durst!"

In der Struktur ähnelt diese Äusserung der eines
Kindes, das sich noch nicht allein fortbewegen kann und sich sprachlich auf der Stufe der Artikulation einfachster Grundbedürfnisse befindet. (Ein zweijähriges Kind würde die Mama anschauen und „Durst" sagen oder auch einfach auf die Milchflasche zeigen.) Wenn wir genau hinsehen, dann leugnet er also die Fähigkeit, für sich selbst sorgen zu können, und zeigt als passives Verhal­en Nichtstun. Erfolg kann er nun verbuchen, wenn sie sich seine Selbstabwertung zu eigen macht, ihre eigenen Bedürfnisse abwertet und/oder glaubt, nur dadurch die Beziehung zu ihm stabilisieren zu können, wenn sie ihn bedient (Grandiosität). Wiederholter Erfolg dieses Verhaltens bekräftigt ihn natürlich darin, daran festzuhalten. Sein 'Gewinn' besteht - neben augenscheinlicher Bequemlichkeit - vermutlich im Wiedererleben eines angenehmen Ver­sorgtwerdens durch eine mütterliche Bezugsperson, ergänzt um ein gele­gentliches Ausgeschimpftwerden mit dem nicht konsequent verfolgten Anspruch, er müsse nun aber endlich einmal selbst „in die Puschen kommen".

Falls wir nun im folgenden Text im Blick auf vielfältige Situationen des alltägli­chen Erwachsenenlebens von Symbiosen sprechen, dann meinen wir dabei diese Art von unguten Symbiosen, wie sie auch in den meisten manipulativen Spielen zum Tragen kommt.

Zusammenfassend können wir sagen: Passives Verhalten basiert auf einer internen Abwertung - meist verbunden mit einer grandiosen Übertrei­bung - bestimmter Aspekte der eigenen Person, anderer Menschen oder der Situation. Es zielt ab auf die (Wieder-) Herstellung einer Symbiose, in der sich der andere derart unbehaglich fühlen soll, dass er aktiv wird und Verantwortung übernimmt.

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