Passives Verhalten

Das Abwerten ist ein innerer Prozess, der von aussen nur schwer direkt erkennbar ist. Die Abwertung manifestiert sich jedoch in bestimmten Sichtweisen, die den Äusserungen der Gesprächspartner zu entneh­men ist, und in den daraus resultierenden Verhaltensweisen. Beim Beispiel mit dem Lärm in der Klasse wären etwa verschiedene unangemessene Reaktionsformen
denkbar:

  • sich ans Fenster stellen und hinausschauen, bis der Lärm viel­leicht irgendwann abflaut;
  • mit flehender, aber kaum hörbarer Stimme gegen den Lärm anreden;
  • wahllos einzelne Schülerinnen herausgreifen und mit Sanktionen bedrohen, ohne sie dann konsequenterweise zu vollziehen;
  • weinend aus der Klasse hinauslaufen und sich schluchzend in eine Ecke des Leh­rerzimmers setzen;
  • oder - als Kollegin, die von draussen den Lärm mitbe­kommt - ohne erkennbare Reaktion einfach Vorbeigehen; schnurstracks
    zum Direktor laufen und über den unfähigen Kollegen herziehen etc.

Alle diese Verhaltensweisen sind in der Realität durchaus verbreitet und bezeichnen in der Transaktionsanalyse ein passives Verhalten. Gemeint ist damit ein ein Verhalten, das auf Vermeidung oder einen unproduktiven Umgang mit den anstehenden Problemen hinausläuft.

Die offensichtlichste Form passiven Verhaltens ist das Nichtstun an­gesichts eines bestehenden Problems oder einer zu lösenden Aufgabe. Anstatt nun die Energie für die Lösung des Problems einzusetzen, wird sie in die Vermeidung von Aktivität und in das Ausweichen vor relevanten Stimuli investiert. Teilweise geniesst es die Person mit einem gewissen inneren Triumph, den Prozess - etwa innerhalb einer Gruppe - zu blockieren und die übrigen Beteiligten 'zappeln' zu lassen. Zumeist fühlt sie sich selbst dabei unwohl und unbehaglich und spult eine Menge Phantasien darüber ab, was doch al­les Schlimmes passieren könnte, was die anderen jetzt wohl über sie denken, manchmal auch: was sie im Grunde Tolles zustande bringen könnte, wenn sie nur wollte (grandioses Denken als Rechtfertigung passi­ven Verhaltens).
Die anderen Beteiligten fühlen sich meistens eben­so unbehaglich. So findet nun ein stummer Kampf darum statt, wer die ungeklärte Situation länger aushalten kann, und meistens 'gewinnt' dabei die Person, die am meisten Passivität entwickelt. Die anderen werden schliesslich aktiv und übernehmen Verantwortung für die passive Person und die Lösung des Problems. Dies zu erreichen, ist auch die heimliche Absicht allen passiven Verhaltens.

Eine scheinbar aktive und deshalb oft nicht erkannte, teilweise gar hoch geschätzte Form passiven Verhaltens ist die Überanpassung. Man liest anderen die Wünsche von den Augen oder Lippen ab, sagt stets 'Ja und Amen' und zeigt ein hohes Mass an vorauseilendem Gehorsam. Ein solcher Mensch ist jedoch nicht in Kontakt mit den eigenen Bedürfnissen und Zielen; er versucht vielmehr, ständig, das zu tun, was er für die Erwar­tung der anderen hält. Dabei wird nicht einmal überprüft, ob die anderen das auch wirklich wollen. Die Anderen schätzen und unterstützen eine solche Haltung meistens, weil sie als hilfreich und 'pflegeleicht' erlebt wird.
Die Überanpassung ist von allen passiven Verhaltensweisen am meisten von Denken geprägt, wenn auch nicht mit eigenständigem. Der Haken dabei ist, dass Personen in der Überanpassung keine Verantwortung für ihr Handeln und dessen Folgen übernehmen. Typische sind dafür Äusserungen wie etwa: „Aber Sie haben doch gesagt..." oder „Ich hatte Sie so verstanden, dass ich ... sollte." Das bringt letzten Endes oft auch den vermeintlichen Nutznießern des überangepaßten Verhaltens Verdruß und in Bedrängnis („Da habe ich mich nun genau an das gehalten, was Sie mir geraten haben, und nun sehen Sie, was dabei herausgekommen ist!"), bisweilen aber auch den überangepaßten Personen selbst („Nun hören Sie endlich auf mit Ihrem ewigen Ja und Amen, Sie Schwächling!").
Es liegt natürlich in der Natur der Überanpassung, dass für die überangepaßte Person keine aus ihrer Sicht stimmige und für sie passende Problemlösung statt­findet. Die Probleme sind zwar irgendwie vom Tisch, werden aber nur scheinbar gelöst. Zurück bleibt dann das ungute Gefühl, weil keine wirkliche Auseinandersetzung, die in der Regel zu einer echten Lösung gehört, stattgefunden hat.

Zu den passiven Verhaltensweisen zählen wir auch eine weitere Form scheinbar hoher Aktivität: Zielloses, ungerichtetes, ruheloses Tun und Treiben, das nicht zu Ende gebracht wird. Dieses Verhalten ist zwar oft auf ein be­stimmtes Problem bezogen, doch zugleich gänzlich ungeeignet, zu einer echten Lösung beizutragen. Die Transaktionsanalyse spricht hier von Agitation.
Agitation zeigen Personen, die sich mit ihrer Situation oder Aufgabe sehr unbehaglich fühlen und ihre Spannung abzufackeln versuchen. Es kommt zu ruhelosem Hin-und-her-laufen, nervösem mit
den Fingern Trommeln, im Haar oder Bart Zwirbeln, an der Kleidung Zupfen. Teilweise ist Agitation nur schwer erkennbar. So kann sich diese auch zeigen, indem jemand viele Fragen stellt (ohne mit den Antworten etwas an­zufangen oder ihnen überhaupt zuzuhören), immer neue spontane Ein­fälle äussert (statt sie von einem bestimmten Punkt an zu entfalten und in einen Zusammenhang zu bringen), unzählige Briefanfänge schreibt und zer­knüllt (mit dem illusionären Ausblick, dass es immer noch nicht so ist, wie man eigentlich schreiben will und kann). Die Agitation rechtfertigt sich oft damit, dass Dinge, die zu tun sind, hinauszuschieben sind mit dem Gedanken: „Bevor ich dieses Problem erfolg­reich anpacken kann, muss ich zuerst noch..." Agitation zielt also mehr auf
Energieabfuhr ab als auf Problemlösung. Klares Denken fehlt, die Person erlebt sich als verwirrt, und hofft, dass sich das Problem löst, in­dem sie irgend etwas tut.
Meistens durchlaufen Menschen im Umgang mit einem bestimmten Pro­blem mehrere Stufen passiven Verhaltens.

Ein Beispiel:
Ein Student steht vor der Aufgabe, eine Hausarbeit anzufertigen. Das Thema reizt ihn, der Termin gibt ausreichend Zeit. Er fängt sogleich an, emsig Material zu sammeln, insbesondere Forschungsbeiträge des Professors, der ihm das Thema stellte (Überanpassung). Einige Tage später hat er sich einen ordentlichen Apparat und die methodischen Hilfsmittel zusammengestellt
und könnte loslegen. Jetzt gönnt er sich aber erst einmal eine ausgiebige Ruhepause und schiebt den Beginn der eigentlichen Arbeit vor sich her (Nichtstun). Bald schon stellt sich ein gewisses Unbehagen ein, das dann von Tag zu Tag wächst. So erlebt der Student erste Anflüge von innerer Panik. Jeden Abend redet er sich zu: „Morgen muss ich aber unbedingt anfan­gen!" „Deshalb" räumt er erst einmal sein Zimmer oder auch die ganze Wohnung gründlich auf und geht vorausschauend einkaufen. Dabei fal­len ihm weitere Dinge ein, die er vorher unbedingt noch zu erledigen hat (Agitation). Beim Aufräumen wirft er „ganz aus Versehen" wichtige Arbeitsun­terlagen in den Müll, muss deswegen schliesslich Tag und Nacht durchar­beiten und schwächt seinen Körper zusätzlich durch übertriebenen Kon­sum von Koffein und Nikotin. Auch seine Umgebung bleibt nicht unverschont von seinem Stress, wird strapaziert durch zunehmende Nervosität und Zeichen psychischer Gefährdung. Nun bricht unser Student entweder zusammen und erzwingt sich so die Fürsor­ge der anderen und die Nachsicht seines verehrten Professors, oder er schafft alles gerade noch mit Hilfe einiger eilends zusammengetrommel­ter Freunde und ist am Ende sogar noch stolz darauf, in „so knapper Zeit" eine solche Arbeit bewältigt zu haben.

Das Beispiel erläutert in der letzten Phase der Eskalation den Übergang zur vierten Form passiven Verhaltens, der Gewalt, die darauf hinausläuft, sich oder andere unfähig zu machen, ein Problem zu lösen. Dazu zählen wir im weitesten Sinne jegliches Verhalten, mit dem wir uns selbst, andere oder Sachen verletzen bzw. schädigen. Neben direkten Formen aggressiven
Verhaltens gehören dazu auch die vielen Ausprägungen der Autoaggres­sion wie etwa Nägelkauen, Alkohol- und Drogenkonsum, risi­koreiches Fahren sowie die Ausbildung psychosomatischer Symptome als Reaktion auf unbewältigte Konflikte oder als Mittel, um ängstigenden Si­tuationen auszuweichen.

Gewalt und Gewalttätigkeit zeigen in diesem Sinne Menschen, die glauben, „es" nicht mehr aushalten zu können. Sie setzen sich selbst oder andere ausser Gefecht, zeigen kein eigenes Denken und keine Verantwortlichkeit mehr und veranlassen so andere Personen, einzugreifen und Verantwortung zu übernehmen. Ganz deutlich wird das bei Alkohol- oder Drogenabhängig­keit („Entweder ihr kümmert euch um mich, oder ich saufe mich zu Tode!").

Vorsichtig sollte man allerdings walten lassen, jegliches Missgeschick oder jedes körperliche Symptom vorschnell als passives Verhalten zu deuten. Das wiederholte Auftreten ist freilich Anlass dafür, sich selbst oder andere mit der Frage zu konfrontieren, ob man auf diese Weise ei­nem Problem auszuweichen versucht, von dem man denkt, es nicht lösen zu können.

Kommende Termine

Benutzeranmeldung