Passives Denken - Stufen der Abwertung

Ein Beispiel für passives Denken und die dazu gehörigen Stufen der Abwertung wäre:

Lehrerin:
Es ist empörend, wie Ihr Jürgen gestern so brutal zusammen­geschlagen habt. Ich erwarte, dass ihr zu ihm geht und das wieder in Ordnung bringt!"

1. Schüler:
„Worüber regen Sie sich eigentlich so auf? Es war doch gar nichts los!"

2. Schüler:
„Der Jürgen soll sich bloss nicht so anstellen. Die paar Knuffe haben doch nicht mal weh getan!"

3. Schüler:
„Der blöde Schnacker hält doch nie seine Klappe, wenn der nicht ab und zu Hiebe bekommt!"

4. Schüler:
„Also, wenn der sein Maul aufreisst, dann bin ich jedesmal versucht, ihm eine zu verpassen!"

Solche Beispiele treten oft in ganz alltäglichen Gesprä­chen auf: Jemand spricht ein Problem an, und zwar eines, das w irklich exi­stiert. Und die anderen sehen das Problem nicht oder bewerten es ganz anders. Kennzeichnend dafür sind Äusserungen wie: „Ich weiß gar nicht, wovon du re­dest" oder „Nun mach doch mal nicht gleich aus einer Mücke einen Elefanten", oder: „Vielleicht haben Sie ja recht, aber da kann man nichts machen; ich habe schon alles Mögliche versucht." Falls es dabei bleibt, dann reden die Betei­ligten aneinander vorbei, weil sie die jeweilige Situation ganz unterschiedlich einschätzen.
Bei der Empfehlung eines dringenden Arztbesuches können dann die Antworten lauten:

  1. „Wieso, es tut doch gar nicht weh !"
  2. „Als wenn ich wegen jedem Wehwehchen gleich zum Arzt rennen würde!"
  3. „D a kann der Arzt auch nicht helfen. Am Schluss werde ich womöglich nur noch kränker!"
  4. „Du weisst doch genau, dass ich eine Riesenangst habe vor Ärzten!"

Die Antworten lassen uns die vier Stufen des Problembewusstseins erkennen Die betreffenden Per­sonen

  1. bestreiten die Existenz eines Problems. Die typische Äusse­rung auf dieser Stufe lautet: „Ich weiss gar nicht, was du hast - da war (ist) doch gar nichts!"
  2. spielen die Bedeutung der Problematik herunter. Typisch dafür: „Das macht doch nichts, das sollte man nicht überbewerten!"
  3. behaupten, das Problem sei unvermeidbar oder aber nicht anders lösbar als gehabt. Frei nach dem Motto „Da kann man doch gar nichts (anderes) machen!"
  4. sehen keine Möglichkeit, sich persönlich anders zu verhalten, um das Problem zu lösen oder ganz zu vermeiden. Die Kernaussage lautet in diesem Falle: „Ich kann das nicht (anders)!"

Allen diese Reaktionen leugnen bestimmte Aspekten der Realität oder werten diese ab. Aus diesem Abwerten ('Discounting') folgt ein unproduktiver Umgang mit der Proble­matik. Es ergibt sich also ein passives Verhalten und zugleich eine Quelle für Blockie­rungen und Mißverständnisse in der Kommunikation. Das Discounting finden wir in vielen Strategien, die uns aus alltäglichen Gesprächssituationen vertraut sind:

  • Übersehen,
  • vergessen,
  • vermeiden,
  • nicht wichtig nehmen,
  • herunterspie­len,
  • bagatellisieren,
  • bestreiten,
  • leugnen usw.

Falls wir das Gefühl haben, aneinander vorbeizureden, dann liegt es oft daran, dass unser Gegenüber sich in Bezug auf das Thema, welches gerade behandelt wird, auf einer anderen Stufe des Problembewußtseins befindet. So macht es selbstredend keinen Sinn, Lösungsmöglichkeiten oder gar Schritte zu per­sönlicher Veränderung anzusprechen, falls der Gesprächspartner das
Problem als solches oder seine Bedeutung nicht sieht oder nicht sehen will. Im Ein­gangsbeispiel läuft der Impuls „ ... dass ihr das aber wieder in Ordnung bringt" gänzlich ins Leere, weil sich die Angesprochenen auf einer der Abwer­tungsstufe 1-3 befinden. Erst dann, wenn sie die Problematik sehen, als bedeut­sam anerkennen und Verhaltensalternativen in Betracht ziehen, dann macht es
Sinn, mit ihnen über eine Lösung zu reden.

Das Konzept der vier Stufen der Abwertung bzw. des Pro­blembewusstseins lässt sich hervorragend als diagnostisches Instrument nut­zen. So ermöglicht es uns, einzuschätzen, auf welcher Bewusstseins­stufe sich jemand bezüglich des Umgangs mit einem Problem befindet und welche Reaktion im Gespräch oder im Verhalten dem angemessen ist.

Die Menschen sind am weitesten entfernt von einem konstruktiven Umgang mit Proble­men, die nicht einmal die Stimuli wahrnehmen, die auf eine Schwierigkeit hinweisen. Zum Beispiel gilt das, wenn Lehrerinnen Scherben auf dem Schulhof nicht sehen oder den Lärm einer randalierenden Klasse nicht hören, wenn Menschen ihren berechtigten Ärger in einer entspre­chenden Situation nicht fühlen etc. Bei dieser Stufe des Abwertens entstehen regelrechte Wahrnehmungsstörungen. Der Druck, be­stimmten Problemen ausweichen zu müssen, ist offenbar so hoch, dass nur mit dem Ausblenden und Verdrängen der für andere Personen ganz offen­sichtlich wahrnehmbaren Realität das innere Gleichgewicht aufrechter­halten werden kann. Schwierigkeiten, die man nicht lösen will oder glaubt, nicht lösen zu können, stellen dann auf Dauer eine gehörige psychische Belastung dar. Entlastend ist es dann, die Bedeu­tung oder gar die Existenz eines Problems gänzlich zu verleugnen. Der Preis, den man jedoch dafür bezahlt, besteht darin, dass man sich immer weiter von der mit dem Erwachsenen-Ich wahrnehmbaren Realität entfernt.

Dem konstruktivem Umgang mit Problemen sind die Menschen am nächsten,

  • die die relevanten Stimuli wahrnehmen und beachten (z.B. Lärm in der Klasse),
  • die Bedeutung der dadurch angezeigten Probleme für sich und andere realistisch einschätzen (u.a. die Störung für mich, die motivierten Schülerinnen oder andere Klassen in ihrem Lernprozeß),
  • unterschiedliche Lösungsmöglichkeiten alternativ in Betracht ziehen (u.a. ein klärendes Gespräch mit der Gruppe oder Einzelnen führen, eine an­dere Arbeitsform wählen, disziplinarische Massnahmen ergreifen)
  • und die im Hinblick auf die derzeitige Realität angemessenste Möglichkeit wählen können.

Das Abwertungsschema hilft uns, in einem poblembezogenen Gespräch wie auch in der längerfristigen Arbeit mit Gruppen oder Einzelnen eine gute Erfolgskontrolle zu erstellen. Als bemerkenswerten Erfolg zu bewerten ist es, wenn jemand sich deutlich und stabil von Stufe 1 (Leugnung der Existenz des Problems) zu Stufe 4 (Leugnung der persönlichen Fähigkeit) entwik-
kelt und auf dieser Ebene weiterarbeitet.
Im gegensätzlichen Falle deutet sich eine ineffektive Entwicklung immer dann an, wenn jemand am Ende eines Gesprächs, das bereits nahe an einer Lösung zu sein schien, äussert: „...eigentlich ist das alles doch nicht so schlim m !" - es sei denn, diese Äusserung beruht auf einer durchdachten Neubewertung des Sachver­halts.

Aus den vorgenannten Überlegungen heraus lassen sich einige Regeln zum Umgang mit 'passivem Denken' ableiten:

  • Versuchen Sie einzuschätzen, auf welcher Abwertungsstufe das Gegenüber agiert und argumentiert.
  • Setze auf dieser Stufe an und gib Unterstützung dabei, die anderen Stufen bis zu einer ungetrübten Sicht der Dinge zu durch­schreiten.
  • Hilfreich ist es auch, die Gesprächspartner auf Aspekte aufmerksam zu ma­chen, die sie auf ihrer jeweiligen Stufe ausblenden - nicht etwa ein oder zwei Stufen weiter.
  • Falls die Diskrepanz zwischen dem bestehenden Problem und dem vorhandenen Problembewußtsein zu gross ist, dann sollte man prüfen und entscheiden, ob es sinnvoll ist, in der gegebenen Situation weiterzureden.
  • Am Ende des Gesprächs sollte die erreichte Stufe aufrecht­ erhalten werden.
  • Falls es zu einem Rückschritt kommt, dann wäre zu überlegen, ob man selbst durch sein zu forsches Vorgehen Anlaß gegeben haben könnten, zurückzuweichen bzw. in den Widerstand zu gehen.

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