Das Dramadreieck

Das Dramadreieck

Die Vielzahl an Regeln, Vorschlägen und Hinweisen demonstriert gut, w ie ver­schlungen die Wege hin zu einer guten Gesprächsführung manchmal sein können.

Ein relativ überschaubares Kommunikationsmuster, welches in jedem Fall in eine Sackgasse führt, ist das sogenannte Dramadreieck. Wie der Name es andeutet, geht es dort dramatisch zu. Dies wäre an sich noch nichts Schlimmes, fühlten sich am Ende nicht alle Beteiligten irgendwie unwohl, ohne in dem aktuellen Sachproblem wirklich vorangekommen zu sein.

Ein Beispiel:
Mutter, Vater und der 16jährige Sohn sitzen zu Tisch. Der Sohn kleckert. Vater zum Sohn: „Wenn du dich nicht ordentlich benehmen kannst, dann iß gefälligst in der Küche weiter." (Der Sohn senkt betroffen den Blick.) Mutter zum Vater (heftig): „Das mußt ausgerechnet du sagen, nach deiner Kleckerorgie vom letzten Samstag ... Also hacke nicht ständig auf dem Jungen herum !" (Vater räuspert sich peinlich berührt und schweigt.) Sohn zur Mutter: „ Aber Vater hat es doch gar nicht so gemeint." Mutter zum Sohn (später in der Küche): „Na, dir werde ich nicht noch einmal helfen gegen Vater, so wie du mir jedesmal in den Rücken fällst."

Die drei Rollen

Wir finden im Dramadreieck drei Rollen, die wir Verfolger, Opfer und Retter nennen. Bezogen auf unser Beispiel sieht das folgen­dermaßen aus:

Der Vater verfolgt den Sohn.
Der Sohn geht in die Opferrolle.
Die Mutter rettet den Sohn, indem sie den Vater ihrerseits verfolgt.
Der Vater fühlt sich als Opfer.
Der Sohn rettet den Vater.
Die Mutter verfolgt den Sohn.

Im Dramadreieck kann man im übrigen in einer Gruppe, zu zweit oder auch allein mit sich kommunizieren. Im Umgang mit sich selbst bedeutet das, dass man sich beispielsweisel selbst beschimpft, sich klein und hilflos macht oder im Selbstmitleid versinkt: Nachdem ich mich den ganzen Tag über im Büro, in der Schule oder in der Beratungsstelle mit den Problemen anderer abgemüht, für sie gedacht und Verantwortung übernommen habe (Retter), schimpfe ich nach Feierabend im Bekanntenkreis über die Unselbständigkeit der Menschen im allgemeinen und meiner Klientel im besonderen (Verfolger), um schließlich abends todmüde ins Bett zu fallen und dar­über zu sinnieren, wie sehr ich doch von allen ausgenutzt werde (Opfer).

Solche Gesprächsverläufe finden sich laufend und sind nahezu überall zu beobachten, wo Menschen zusammenkommen, ob nun im Familienkreis, unter Freunden und Bekannten oder am Arbeitsplatz.

Wozu begeben sich Menschen ins Dramadreieck?

Im Dra­madreieck wird eine ganze Menge intensiver, aber meist negativer Zuwendung aus­getauscht. Dramadreiecks-Situationen werden geradezu inszeniert werden, um nach Zeiten emotionaler Gleichförmig­keit in Teams oder Kollegien etwas 'Leben in die Bude' zu bringen. Sie stellen eine wirkungsvolle, aber destruktive Art und Weise dar, den Stimulus-Hunger zu stillen und sich selbst gegenüber seine Sicht der Welt zu bestätigen. Ent­scheidend für das Zustandekommen einer Dramadreiecks-Situation ist dabei, ob die Einladung, sich in eine der Rollen zu begeben, auch tatsächlich angenommen w ird. Weise ich etwa einem Verfolger gegenüber die mir von ihm zugewiesene Opferrolle zurück, dann verweigere ich den Einstieg in das Dramadreieck.

genauere Analyse der drei Positionen

Der Verfolger benutzt im wesentlichen sein kritisches Eltern-Ich (und gelegentlich auch das rebellische Kindheits-Ich). Der Retter handelt aus einer überversorgenden und harmonisie­renden Haltung des nährenden Eltern-Ichs heraus. Das Opfer befindet sich dagegen im angepaßten Kind.

Im Dramadreiecks bleibt das Erwachsenen-lch ungenutzt. Zwar nimmt man aus dieser Richtung bis­weilen leise Warnungen wahr, und dumpf ahnt man bereits den vermut­lichen Ausgang der Situation (denn man hat sie so ähnlich ja schon mehrfach erlebt). Doch nimmt das Unheil seinen scheinbar un­vermeidlichen Lauf.

In allen drei Rollen streben die Personen nach symbiotischen Bezie­hungen. Sie beziehen ihre Existenzberechtigung und ihr Selbstverständnis aus dem Zusammentreffen mit den komplementären Positionen. Retter und Opfer brauchen sich ebenso als gegenseitige Bestätigung, wie Verfolger und Opfer bzw. Retter und Verfolger. Allen gemeinsam ist die getrübte Sicht der Wirklichkeit, die sich in einer Abwertung bzw. Übertreibung eigener oder fremder Stärken und Schwächen zeigt.

Dramadreieck-Kommunikation bietet dem Anwender auch die Gelegenheit, die eigene Lebensposition auszuagieren. Der Verfolger denkt, nur er habe recht (Ich +) und die anderen seien alle unfähig oder Idioten sind (Du -). Der Retter stellt an sich selbst den Anspruch, alle Last der Welt - bevorzugt ungebeten - tragen zu müssen (und auch zu können!). Er weiß, was für die anderen gut und richtig ist (Ich +). Die anderen sind zwar lieb und nett, aber ohne ihn und seine Hilfe nicht lebensfähig (Du -).
Echte Unterstützung bestünde dagegen in der Hilfe zur Selbsthilfe: Die Hilfesuchenden mit ihren eigenen Fähigkeiten sollen zur Lösung von Konflikten in Kontakt gebracht werden mit dem Ziel größerer Unabhängigkeit.

Das Opfer lebt schließlich in der festen Überzeugung eigener Hilflo­sigkeit und Unfähigkeit (Ich-). Die anderen erscheinen stark und le­benstüchtig und sollen ihm bei der Lebensbewältigung helfen und Ver­antwortung übernehmen (Du + ). Oder sie sind schuld am Elend des Opfers, weil sie so unbarmherzig und verständnislos sind (Du -). Mit ihrer abwertenden Kritik sind die anderen Menschen entweder völlig im Recht (die Retter) oder sie sind herzlos und gemein (die Verfolger).

Wir sehen also, dass alle drei Positionen auf ihre Weise im Denken, Fühlen und Verhalten durch ihren spezifischen Bezugsrahmen begrenzt und in ihrer eingeschränkten Sicht miteinander verstrickt sind.

Welchen Nutzen bringt nun die Übernahme der entsprechenden Rollen? Dier Retterrolle genießt soziale Anerkennung und bekommt die Bewunderung des Opfers, ohne jedoch echte partnerschaftliche Nä­he riskieren zu müssen. Die Retter erzeugen in ihren Beziehungen Abhängigkeit und besitzen deshalb ein hohes Maß an sozialer Kontrolle. Zudem brauchen sie sich nicht um die eigenen Probleme zu kümmern, solange es Menschen gibt, denen es zu helfen gilt. Ihre Selbstlosigkeit führt jedoch meistens dazu, daß sie sich am Ende tatsächlich selbst los sind und verstärkt Opfergefühle empfinden. Sie sind der Meinung, sich erst dann gute Gefühle gestatten zu dürfen, wenn sie es geschafft haben, dass es allen anderen gut geht - ein grandioser, aber gänzlich unrealistischer Anspruch. Sollten sie dieses Ziel wiederum doch erreicht haben, dann geht es ihnen meistens noch schlechter, weil die Sinnfrage letztlich ungelöst ist und sie sich nicht die innere Erlaubnis erteilen, an sich selbst zu denken. Dies wiederum ist die eigentliche Tragik der Retter. Oftmals können sie erst dann Zuwendung annehmen, wenn sie sehr viele Vorleistungen durch Retten erbracht haben - teilweise erst nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch.
Nichts schuldig zu bleiben, ist ihnen ein wichtiges Grundprinzip.

Menschen in der Opferrolle bekommen dahingegen ohne große Anstrengung ziemlich viel Zuwendung: Zum Einen Hilfe und Zuspruch seitens der Retter und andererseits Tritte und Demütigungen von Verfolgern. Dafür wenden sie selbst nur ein Minimum an Eigenaktivität auf. In der Opferrolle muss man auch keine Verantwortung übernehmen und kann unbewußt nach der Devise leben: „Ich muß mich nur recht klein und hilflos machen, mich abwerten und alle Schuld auf mich nehmen, dann werden mir die anderen geben, was ich zum Leben brauche." Dennoch müssen die Opfer oft erleben, wie über sie bestimmt und über ihren Kopf hinweg gehandelt wird. Das Lebensgefühl in dieser Position als Opfer ist eher niedergedrückt und kraftlos.

Wir konstatieren: Der Verfolger strebt vor allem nach Kontrolle über andere und kann dann Prozesse beeinflussen bzw. dominieren. In Sachen Zuwendung bekommt er eigentlich nichts ab - im günstigsten Fall genießt er bei anderen Respekt. Oft umschmeicheln ihn die potentiellen Opfer, um nicht von ihm verfolgt zu werden. Die anderen Menschen lieben ihn nicht um seiner selbst willen und würden ihn verlassen, wenn er sie nicht kontrolliert, abhängig hält und nicht immerzu beweist, daß er der Größte ist.

Verfolger und Retter glauben beide an die Unzulänglichkeit anderer Menschen. Aus ihrer Biographie heraus gelangen sie jedoch zu unterschiedlichen Schlußfolgerungen und Verhaltensmustern. Des weiteren fühlen sich beide auf einer tieferen Ebene häufig nicht in Ordnung. Sie leben in dem inneren Wider­spruch, dass die nach außen hin vertretene Rolle und die zugrundeliegende
psychologische Motivation sich gänzlich unterscheiden. Da wäre etwa der Retter, der aus Angst vor Auseinandersetzung und Konflikten aus dem angepaßten Kind heraus nach Harmonisierung strebt („Ich habe dem anderen nicht gesagt, was in mir vorging, weil ich ihn nicht verletzen wollte"). Dann wäre da noch der Verfolger, der keine Schwäche eingesteht, weil sein angepaßtes Kindheits-Ich befürchtet, das Zugeben von Schwäche würde seine gesamte Person in Frage stellen oder gar zerstören.

Einige Opfer haben die Tendenz, psychologisch zu verfolgen, indem sie anderen (viel zu oft erfolgreich!) Schuldgefühle aufbürden („Ich fühle mich ganz schlecht, und du bist schuld!") und dabei
ihre Macht verzückt genießen. Auch Retter und Verfolger können also schnell zum Opfer werden. Dies erklärt auch, warum sich häufig in letzter Konsequenz alle Beteiligten am Dramadreieck mehr oder weni­ger intensiv in Opfergefühlen wiederfinden.

Dabei darf man nicht dazu neigen, jedes Setzen von Grenzen als Verfolgerverhalten zu verdächtigen, jede Suche nach Unterstützung als Opfer-Allüre zurückweisen und jede Form von Hilfe als Retter-Gehabe dif­famieren. Besonders gut lassen sich Einladungen in das Dramadreieck identifizieren, wenn die Aussagen beginnen mit 'immer', 'nie', 'alle(s)',.'keiner' o. ä. („Jedesmal kommst Du zu spät." „Nie hilfst Du mir." „Immer mache ich alles falsch." etc.). Durch Zurückweisung dieser Art der Abwertung kann der Einstieg in das Dramadreieck vermieden werden, was allemal besser ist, als sich danach wieder mühsam daraus zu befreien.

Anregungen zur Selbstreflexion:

Erinnern Sie sich an eine Situation, in der alles drunter und drüber ging.

  • Wer hat hier aus welchen Rollen agiert ?
  • Wodurch wurde die Situation eingeleitet ?
  • Haben Sie selbst dabei einen Part übernommen ?
  • Welche Positionen bevorzugen Sie selbst in Situationen dieser Art?
  • Was haben Sie davon und wie geht es Ihnen dabei?

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