Die Ichzustände

Die Ichzustände - Zur Struktur der menschlichen Persönlichkeit

Die sechs Ichzustände

Je nachdem, wie sich die einzelnen Beteiligten als Person einbringen, ist entscheidend, ob Gespräche angenehm und effektiv verlaufen. Es hängt ganz davon ab, was sie von ih­rem Potential ausschöpfen, und ob das, was sie einsetzen, zu einem guten Miteinander taugt oder voneinander abprallt. Der Verlauf der Gespräche wird also vor allem davon beeeinflußt, welche Aspekte unserer Persönlichkeit wir zum Ausdruck bringen. Die Transaktionsanalyse (TA) untersucht dabei die Gesetzmäßigkeiten solcher durch unsere jeweiligen Persönlichkeitsanteile geprägten Gesprächsmu­ster. Im Mittelpunkt steht dabei das Ichzustands-Modell, welches die Strukturen unseres Denkens, Fühlens und Verhaltens in sehr lebensnahen, im Alltag wiedererkennbaren Bildern
und Begriffen beschreibt.

Nehmen wir beispielsweise an, dass ich morgens nach einer Reihe sehr arbeitsreicher Tage aufwache. Die Sonne scheint im Gegensatz zu den Tagen davor strahlend und ausgerechnet heute erwarten mich eine anstrengende Sitzung und einige unangenehme Gespräche. Da fällt mir nun ein „Ich könnte einfach zuhause bleiben und den Tag genießen!" Schnell entspinnt sich in meinem Kopf ein lebhafter innerer Dialog, in dessen Verlauf sich sehr verschiedene einschalten:

  • Stimme A : „Oh ja, toll, ich werde an den See fahren, surfen, in der Sonne liegen, faulenzen, ganz egal was heute im Büro los ist!"
  • Stimme B: „Das kommt überhaupt nicht in Frage! W enn das erst einmal e in re iß t...! Beiß' gefälligst die Zähne zusammen! Erst die Arbeit, dann das Vergnü­gen!"
  • Stimme C: „Pah, wenn ich an die Kollegen denke, die tun doch auch nichts! Und der Chef, wie der mich letzte W oche angemacht hat - da mache ich nicht mit, für die lege ich mich doch nicht krumm. Die sollen gefälligst selbst sehen, wie sie klarkommen!"
  • Stimme D : „Aber wenn mich nun zufällig jemand sieht oder anruft, das könnte schlimme Folgen haben! Vielleicht sollte ich doch lieber zur Arbeit ge­hen. Ich werd's schon irgendwie hinter mich bringen!"
  • Stimme E: „Allerdings hast du in letzter Zeit wirklich zuviel gerackert! Denk an dei­ne Gesundheit! Es ist wichtig, daß du dir auch Ruhe und Entspannung gönnst! Du hast es verdient!"
  • Stimme F: „Das stimmt tatsächlich! Wenn ich allerdings heute nicht hingehe, laufen so viele Sachen auf, daß ich hinterher um so mehr Mühe habe. Wenn ich's mir recht überlege, könnte ich den Freitag ganz frei schaufeln und mich das Wochenende über erholen!"

Die sechs deutlich unterscheidbaren, typischen Stimmen, spielen in vielen anderen Dialogen mit uns selbst oder mit anderen eine Rolle. Diese Stimmen entspre­chen nun den sogenannten Ichzuständen, die bei jedem gesund entwickelten Erwach­senen vorhanden sind. Alle sechs Stimmen zusammen bilden - so das Modell der Transaktionsanalyse - die menschliche Persönlichkeit. Zunächst sind drei grundlegende komplexere Ich­zustände zu unterscheiden, die im Strukturmodell der menschlichen Persönlichkeit abgebildet werden:

  • Im Kindheits-Ichzustand (K) denken, fühlen und verhalten wir uns so, wie w ir es als Kind konnten und taten. Dieses Potential ist immer noch in jedem Erwachsenen vorhanden. Als das berühmte 'Kind im Mann' (oder in der Frau). Dieses lacht und weint, denkt intuitiv und kreativ, handelt spontan und versucht auch, andere zu manipulieren.
  • Im Eltern-Ichzustand (EL) denken, fühlen und verhalten wir uns so, wie wir es bei unseren Eltern und anderen Autoritätspersonen erlebt haben, als wir noch Kinder waren. Diese verschiedenen Eindrücke (Anweisungen, Grundsätze, Normen, Regeln, Erlaubnisse etc.) haben wir abgespeichert und verinner­licht. Das meiste davon haben wir so oder in abgewandelter Form in unser Repertoire übernommen und benutzen es in bestimmten Situationen fast automatisch und zumeist unreflektiert. Da ist etwa die Tisch­regel, dass man Kartoffeln nicht mit dem Messer schneiden darf. Diese Regel war sinnvoll, als die Messer noch nicht rostfrei waren. Heute, im Zeitalter des Solinger Edelstahls, hat diese Regel ihren ursprüngli­chen Sinn und Gehalt verloren. Die meisten Menschen kennen den Grund gar nicht mehr, halten sich aber nach wie vor als Zeichen guten Benehmens daran, weil 'man es eben so macht'.
  • Der Erwachsenen-Ichzustand (ER) ist wiederum der Anteil, mit dem wir im Hier und Jetzt die Realität erleben. So nehmen wir Informationen auf und verarbeiten sie, erkennen Zusammenhänge, wägen Wahrscheinlichkeiten ab, ziehen Schlußfolgerungen und treffen auf dieser Basis Entscheidungen. Im Erwachsenen-lch verhalten wir uns überwiegend sachlich, logisch und kon­sequent. Wir beschreiben unsere Wahrnehmungen und erläutern Zusammenhänge ohne eigene Intention. Bin ich selbst beteiligt, ist dieser letzte Aspekt nur schwer aufrecht zu erhalten. Dies wiederum kann ich den anderen Beteiligten aus mei­nem Erwachsenen-Ich verständlich machen.

Die drei Ichzustände - K, EL und ER - bilden die Grundstruktur unserer Persönlich­keit. Die Einmaligkeit unserer Persönlichkeit konstituiert sich aus der jeweiligen Ausprägung dieser Ichzustände - je nachdem, wie wir welchen Ichzustand in bestimmten Situationen mit Energie besetzen und wie wir sie in der Kommunikation mit anderen benutzen.
Um die Kommunikation mit anderen genau analysieren zu können, benutzen wir ein differenzierteres Modell mit einer weiteren Unterteilung des Eltern- und Kindheits-lchs: Das funktionale Ichzustands-Modell

  • Das freie Kindheits-ich (fK) ist der ursprünglichste und natürlichste Teil unserer Person, der zu Beginn unseres Lebens ganz im Vordergrund stand. Agieren wir nun im freien Kind, dann sind wir in Kontakt mit unseren unmittelbaren Bedürfnissen und Gefühlen, folgen spontan unseren Im­pulsen und richten uns nicht nach den Erwartungen und Vorschriften der an­deren. Das freie Kind lässt uns kreativ und pfiffig, spielerisch und zärtlich, aber auch egoistisch und rücksichtslos sein.
  • Das angepaßte Kindheits-Ich (aK) entwickelte sich auch schon in der frühen Kindheit, nachdem w ir mit Forderungen, Kontrolle, Ge- und Verboten der Autoritätspersonen konfrontiert wurden und es lernen (müssen), un­sere vitalen Impulse einzuschränken, um unser Überleben bzw. die für uns lebensnotwendige Zuwendung zu sichern. Im angepaßten Kind be­finden wir uns dann, wenn wir uns an den Erwartungen anderer (auch an den nur vermuteten oder den aus früherer Z eit verinnerlichten) orien­tieren und unsere eigenen W ünsche und Ideen zurückstellen.
    Meistens greifen wir dann auf gelernte, für uns typische Ge fühlshaltungen zurück, die zur aktuellen Situation im Grunde genommen keinen Bezug haben. (z.B. übertriebene Ängstlichkeit, unangemessenes Schuldgefühl, Verwirrtheit, Weinerlichkeit, Unzulänglichkeitsgefühle, beleidigter Rück­zug etc.). Dabei agieren wir nicht, sondern reagieren und überlassen die Initia­tive anderen. Dabei stellen wir unser eigenes Licht unter den Scheffel und verbergen die wahren Bedürfnisse und kreativen Möglichkeiten des frei­en Kindes. Das angepaßte Kindheits-Ich steht also für die Anpassung, ohne die ein soziales Zusammenleben und -arbeiten kaum vorstellbar ist.
  • Im rebellischen Kindheits-ich (rK) orientieren wir uns ebenfalls vorwiegend an den (tatsächlichen oder vermeintlichen) Forderungen anderer, nur tun wir genau das Gegenteil des von uns Erwarteten. Das rebellische Kind ähnelt somit dem angepaßten Kind in seiner Orientierung am Eltern-Ich, doch handelt es unter entgegengesetztem Vorzeichen. Es reibt sich permanent an
    (vermeintlichen) Autoritäten und wartet mit geballter Faust in der Tasche auf Gelegenheiten, es „denen" zu zeigen. Dabei tritt es zeitweise nur sehr ver­hüllt auf (z.B. bei passiv-aggressivem Verhalten), meist aber mit sehr viel Power. Dadurch kommen bisweilen auch produktive Prozesse in Gang. Zum Beispiel dann, wenn es darum geht, sich gegen eine Abwertung eigener
    Fähigkeiten zur Wehr zu setzen. Allerdings benötigt es im weiteren Verlauf dazu noch andere Ichzustände. Meistens aber bewirkt das rebellische Kind jedoch lediglich eine Verhärtung der Fronten.
  • Das kritische Eltern-Ich (kEl) arbeitet wiederum mit Zurechtweisungen, Verboten, Drohungen sowie mit Vorurteilen und Abwertungen und gestaltet damit das Geschehen. Es duldet keine weitere Diskussion. Im kritischen Eltern-Ich halten wir andere Menschen oft durch Einschüchterung auf Distanz und unter Kontrolle. Mit dem kritischen Eltern-lch halten wir Regeln und Normen aufrecht und stoppen wir ggf. destruktives Verhalten bei uns selbst und anderen. Deshalb spricht man auch vom sogenannten 'normativen Eltern-Ich'. Das ist neu­traler formuliert und wird den positiven Aspekten des kritischen Eltern-Ichs eher gerecht.
    Je massiver das kritische Eltern-Ich ausgeprägt ist, desto rebellischer entwickelt sich das rebellische Kindes, welches glaubt, sich nur durch Widerstand und Opponieren behaupten zu können. Auch bei den erwachsenen Menschen verhaken sich diese beiden Ichzustände in vielen Situationen ineinander, wobei beide Seiten ihre Anstrengungen um so mehr verstär­ken, je mehr die jeweils andere Seite dagegenhält. („Der ist so verbockt, da hilft nur massiver Druck." - „Von dem alten Stinker lasse ich mich schon gar nicht kleinkriegen. Dem werde ich's zeigen.")
    Meistens erscheint ein machtvolles kritisches Eltern-Ich dem Gegen­über so bedrohlich, dass die Reaktion eher aus dem ängstlich sich duckenden angepaßten Kind kommt. Häufig verbirgt sich hinter einem bedrohlich wirkenden kritischen Eltern-Ich selbst ein ängstlich-angepaßtes Kind, das glaubt, keine Schwäche eingestehen zu dürfen.
  • Das nährende Eltern-Ich (nEL) zeigt dagegen Eigenschaften und Verhal­tensweisen, wie sie etwa eine fürsorgliche Mutter ihrem Klein­kind gegenüber entfaltet: Fürsorge, Schutz, Unterstützung, Hilfe, Lob, Ermutigung, Besänftigung. Das sind wertvolle Eigenschaften, die in vielen Situationen unverzichtbar sind und meist auch von anderen sehr ge­schätzt werden. Der Einsatz des nährenden Eltern-Ichs kann auch dazu dienen, andere klein zu halten und abhängig zu machen oder um Auseinandersetzungen und Konflikte zu vermeiden bzw. vorschnell zu harmonisieren. Das Harmoniestreben kaschiert wiederum häufig die Angst des angepaßten Kindes vor Konflikten.

Wie wir gesehen haben, verfügt jeder Ichzustand über konstruktive, aber auch problemati­sche Seiten, je nach dem, in welchem Kontext und mit welcher Zielrichtung er eingesetzt wird. Sich über sein Selbst-Bewußtsein klarzuwerden ist eine große Hilfe in der Kommunikation mit anderen und sich selbst.

Der ganz oben dargestellte innere Dialog lebte von allen beschriebenen sechs Ichzuständen, die sich jeder einmal zu Wort gemeldet haben:

  • Das freie Kind wollte Spaß haben, ohne die Folgen zu bedenken (A).
  • Das kritische Eltern-Ich fuhr maßregelnd dazwischen (B).
  • Das rebellische Kind schob den anderen die Verantwortung zu und stellte sich einen Freibrief aus (C).
  • Das angepaßte Kind bekam ein wenig 'Schiß' und wollte sich lieber fügen oder durchmogeln (D).
  • Das nährende Eltern-Ich ergriff fürsorglich Partei (E).
  • Das Erwachsenen-Ich gewichtete die verschiedenen Aspekte und suchte einen angemessenen Weg (F).

Jeder von uns kennt solche inneren Verhandlungen mit sich selbst. Die TA hilft dabei, diese teils recht kompli­zierten Entscheidungsfindungen bewußter und klarer zu vollziehen und
Spaß, Verantwortlichkeit und Effektivität gut miteinanderzu verbinden.

Merkmale der Ichzustände

Die folgenden Ausführungen stellen keine erschöpfende Darstellung dar. Es handelt sich lediglich um Hinweise, welche verschiedenen Ausdrucksformen die Ichzustände vermitteln können.

  • Kritisches Eltern-Ich
    • Sprache: Man, sollte, müßte, nie, ständig, auf der Stelle... Das macht man nicht! Das ist ja kindisch (lächerlich, unreif, Unsinn...)! Das weiß doch jeder! Du mußt immer...! Wie konntest du nur! Mahnende Sprichworte und Redensarten, Verallgemeinerungen und jede Form moralisierender Kommentare. Vermeidung des Wortes "Ich".
    • Stimme: Scharf, bestimmt, gepreßt, monoton, ungeduldig, herablas­send, abkanzelnd.
    • Gestik, Mimik, Haltung: Erhobener Zeigefinger; hochgezogene Au­genbrauen; gerunzelte Stirn; Kopfschütteln; erhobenes Kinn; hochge­zogene Schultern; Hände in die Hüften gestemmt;
    • Körperhaltung
      korrekt und steif.
    • Einstellung: Überlegen (Ich bin okay, du bist nicht okay!), moralisch,fordernd, autoritär, rigide.
  • Nährendes Eltern-Ich
    • Sprache: Gut, prima, niedlich, mein Lieber, du Armer. Das kriegen wirschon hin! Was wünschst du dir? Hast Du dir weh getan? Kann ich dir helfen? Alles wird wieder gut! Mach dir keine Sorgen! Wir wollen doch nicht streiten! Laß nur, ich mache das schon!
    • Stimm e: Liebevoll, sanft, tröstend, besorgt, beschwichtigend.
    • Gestik, Mimik, Haltung: Körper vorgebeugt, ausgestreckte Arme;tätscheln; übers Haar streichen.
    • Einstellung: Zugewandt, verständnisvoll, fürsorglich, gönnerhaft.
  • Erwachsenen-Ich
    • Sprache: Was, wie, wo, warum, wann, wer? Korrekt, praktisch. Was sind die Fakten? Was folgt daraus? Funktioniert das? Ich fasse zusammen ... Meiner Meinung nach ..., soweit ich sehe ...
    • Stimme: Sachlich, ausgeglichen, genau, gleichmäßig (Nachrichten­sprecher!).
    • Gestik, Mimik, Haltung: Nachdenklich, aufmerksam, offen, Blickkon­takt; aufrechte Haltung.
    • Einstellung: Aufgeschlossen, interessiert, beobachtend, prüfend, kon­zentriert, nicht intentional1.
  • Freies Kindheits-Ich
    • Sprache: Mensch! Klasse! Toll! Oh! Au! Mist! Ich will ...! Ich mag nicht...! Ich bin sauer (traurig, wütend)! Häufiger Gebrauch des Wortes "Ich".
    • Stimme: Hell, laut, frei, energisch, expressiv.
    • Gestik, Mimik, Haltung: Lachen, Kichern, Küsse, Wut, Weinen, leuchtende Augen; offener M und; lebendige Mimik; Körperbewegun­gen lebhaft, ungehemmt, erregt, entspannt, spielerisch.
    • Einstellung: Spontan, neugierig, genießerisch, gefühlsbetont.
  • Angepaßtes Kindheits-ich
    • Sprache: Bitte! Danke! Vielleicht, hoffentlich, Ich möchte...! Ich kann (weiß) nicht! Ich versuche...! Darf ich...? Das ist gemein! Immer ich! Die anderen ...! Was werden die anderen denken (sagen, tun)?
    • Stimme: Monoton, demütig, zerknirscht, weinerlich, leise, sanft,bettelnd, quengelig.
    • Gestik, Mimik, Haltung: Verhalten, traurig, schmollend, verschlossen,angespannt, niedergeschlagen, geduckt, hängende Schultern; gesenk­ter Blick; Arme und Beine verschränkt; Anzeichen von Nervosität;Achselzucken.
    • Einstellung: willfährig, beschämt, schüchtern, ängstlich.
  • Rebellisches Kindheits-Ich
    • Sprache: Pah! Ich denke nicht daran! Von wegen..! Wieso ich? Ich bin doch nicht bekloppt! Das lasse ich mir nicht gefallen! Hör bloß auf! Du spinnst wohl! Ist mir doch egal! Das geht Sie überhaupt nichts an!
    • Stimme: Trotzig, fordernd, mürrisch, laut, grummelnd.
    • Mimik, Gestik, Haltung: Verschlossen; Kinn und Unterlippe vorge­schoben; Hinlüm m eln; Aufstampfen; Schmollen; übertriebenes Selbstbewußtsein; Zunge rausstrecken, Grimassen schneiden.
    • Einstellung: Verweigernd oder aufbegehrend.

Die Diagnose der Ichzustände

Ebenso wie im internen Dialog spielen unsere Ichzustände auch in der Kommunikation mit anderen eine Rolle. Und das, was wir durch genaue Selbstbeobachtung erkennen können, wird auch für andere hör- und sichtbar. Eric Berne betonte, die Ichzustände seien keine theoretischen Konstrukte, sondern - im Unterschied zu dem Modell der Psychoanalyse mit seinen Instanzen 'Über-Ich', 'Ich' und 'Es' - erleb- und beobachtbare Realitäten. Sehen Sie sich in den verschiedenen Bereichen Ihres alltägli­chen Erlebens um, dann werden Sie unschwer Belege dafür finden
und bald ein Auge dafür haben, mit welchen Ichzuständen die Menschen in Ihrer Umgebung (und Sie selbst!) in bestimmten Situationen vorzugs­weise agieren und wie das Gegenüber darauf reagiert.

Es bedarf etwas Übung, um einen Blick für die typischen Merkmale der Ichzustände und de­ren Zusammenspiel in der Kommunikation mit anderen zu bekommen. Man kann etwa eine Gesprächssituation aus dem alltäglichen Umfeld (z.B. eine Dienstversammlung) einmal unter dem Blickwinkel des Ichzustands-Modells beobachten. Dabei sind folgende Fragen nützlich:

  1. W as sagt oder tut jem and? W elche nonverbalen Signale vermittelt die Person dabei? Für welchen Ichzustand spricht das?
  2. W elche innere Reaktion auf dieses Verhalten spüren Sie bei sich selbst, auch wenn Sie nach außen gar nichts tun? Welchem Ichzu­stand entspricht das?
  3. W ie reagieren Sie tatsächlich? Welchem Ichzustand entspricht das?

Wichtig: Was Sie dabei über sich und andere lernen, sollten Sie nicht da­ zu benutzen, anderen als Schlaumeier die neuentdeckte 'Wahrheit' ins Gesicht zu sagen. Nutzen Sie eher diese Gelegenheiten, um Ihre Wahrnehmung zu schärfen und eine neue Sichtweise zum Verstehen von Kommunikation zu erproben.

Die Diagnose der Ich-Zustände bedient sich meistens der beiden fast immer anwendbare Möglichkeiten:
Durch unser Verhalten zeigen wir, in welchem Ichzustand wir sind. Dazu gehört der Inhalt dessen, was wir sagen, aber auch Wortwahl, Satz­bau, Redeweise und darüber hinaus die nonverbalen Signale wie Klang und Modulation der Stimme, Mimik, Gestik und Körperhaltung. Die obige Übersicht führt zu jedem Ichzustand einige typische Merkmale aus diesen Bereichen auf und kann damit eine Hilfe bei der Wahrneh­mungsschulung sein. Es handelt sich aber um keine Checkliste zum Einsortieren in Schubladen.
Die soziale Diagnose liefert eine zweite Möglichkeit: Diese beruht darauf, unser Verhalten - genauer: der Ichzustand, den wir benutzen - eine Art 'Sogwirkung' auf die Menschen hat, die mit uns in Beziehung stehen. Auf bestimmte Ichzustände reagieren die Anderen mit den komplementä­ren Ichzuständen. So lockt das freie Kind in der Regel das fK anderer Menschen ('Lachen steckt an', 'mitreißender Humor'), oder - wenn's ein unpassender Augenblick ist - auch das kritische Eltern-Ich. Dieses verhakt sich gerne mit dem rebellischen Kind oder fördert das angepaßte Kind zutage. Fast nie bringt es das Erwachsenen-lch zutage - das ist auch die große Selbsttäuschung ganzer Heerscharen von strengen Vätern, Lehrern und Vorgesetzten! („Nun denken Sie doch gefälligst einmal nach!") Das 'hilflose' angepaßte Kind lockt wiederum gerne das nährende Eltern-Ich geeigneter Personen hervor. Eine klare ER-Botschaft bringt das Gegenüber wiederum dazu, ihr Erwachsenen-lch mit Energie zu besetzen, selbst wenn es sich vorher in ei­nem anderen Ichzustand befand.

Die Ausführungen in diesem Kapitel werden im Kapitel über Transaktionen vertieft und mit Beispielen aus der Praxis ergänzt.

Aus den Beschreibungen folgt aber auch, dass ich aufgrund des Ichzustands, der in mir durch das Verhalten anderer angesprochen w ird, Rückschlüsse auf den momentanen Ichzustand der
betreffenden Person ziehen kann. Wenn ich zum Beispiel am liebsten mit dem rebelli­schen Kind lospowern möchte, obgleich das für mich eher untypisch ist, dann hat mein Gegenüber zuvor sein kritisches Eltern-Ich benutzt. Wenn ich feststelle, wie ich den Anderen ungewohnt stark mit meinem nährenden Eltern-Ich anspreche, dann reagiere ich wahrscheinlich auf den Apell eines 'schutzbedürftigen' angepaßten Kindes.

Zusammenfassung und praktische Hinweise

Die produktiven Ichzustände

Wir bevorzugen einige Ichzu­stände für die Praxis der Gesprächsführung stärker als ande­re. Wenn eine problemorientierte Gesprächssituation nachträglich als für sich selbst und die anderen Beteiligten als konstruktiv und emotional befriedigend erlebt worden ist, dann prägten höchstwahrscheinlich drei Ichzustände das Gespräch am Ende: das nährende Eltern-Ich, das Erwach-
senen-lch und das freie Kindheits-Ich. Tatsächlich helfen gerade diese drei Ichzustände, wenn es um Konfliktbewältigung, Kooperation,Konsensfindung oder um eine persönliche Entscheidung geht, da sie dann wünschenswert und effektiv sind. Die drei Ichzustände heißen daher auch die “produktiven Ichzustände".

Doch jeder Ichzustand hat seine bestimmten Situa­tionen, in denen er auch wichtig und nützlich sein kann. Da geht es beispielsweise darum, destruktives Verhalten aus dem kritischen Eltern-Ich zu bewerten, sich einer Gemeinschaft aus dem angepaßten Kind heraus unterzuordnen oder einer Mißachtung und übermäßigen Bevormundung mit dem rebel­lischen Kind zu begegnen.
Selbst die produktiven Ichzustände können bisweilen unangemessen bzw. - wenn sie übertrieben einge­setzt werden - sogar kontraproduktiv sein. Es hängt also stets von der Situation ab, in der wir den jeweiligen Ichzustand aktivieren.

Diagnose schwieriger Situationen

Das Ichzustands-Modell ist ein prima Mittel, um verworrene Situa­tionen im nachhinein zu klären, aufgetretene Probleme besser zu verstehen und Entscheidungen bewußter und ausgewogener zu treffen.

Erweiterung der Wahlmöglichkeiten

Registriere ich eigene Probleme in der Kommunikation mit anderen, dann kann ich daran arbeiten, meine Wahlmöglichkeiten zu erweitern und mehr Alternativen zu entwickeln. Konkret bedeutet dies, dass ich be­stimmte Ichzustände stärker entwickle. Dann werden auch regelmäßig die Ichzustände, mit denen ich bisher in bestimmten Situationen mir und anderen das Leben schwer gemacht habe, in den Hintergrund treten. So könnte ich lernen, mich selbst zu akzeptieren, und mich zu trauen, mein freies Kind zu zeigen, Kontakt zu suchen und zu genießen, Zuwendung anzunehmen und zu geben. Dann werde ich es nicht mehr nötig haben, mit dem kritischen Eltern-Ich den anderen herunterzuputzen, um ihn von meinem eigenen Unzuläng­lichkeitsgefühl abzulenken und auf Distanz zu mir zu halten.
Selbstredend empfiehlt sich eine solche Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit allen Menschen, die mit anderen Personen pädagogisch oder in Beratungssituationen arbeiten. Eventuell wäre es dann sogar angebracht, Begleitung und Hilfe durch eine kompetente Person, beispielsweise im Rahmen einer Supervision, in Anspruch zu nehmen.

Das eigene Verhalten bewußter steuern

Sehe ich nun mit Hilfe des Ichzustands-Modells die Konflikte mit anderen deutlicher und bin ich deshalb dazu in der Lage, diese zu beschreiben, dann ist es sinnvoll,

  • mein Wissen zunächst nur zu benutzen, um zu verstehen, was wes­halb schief läuft;
  • zu überlegen, was ich selbst anders machen kann, um bewußter die eigenen Alternativen zu nutzen (siehe das Kapitel über Transaktio­nen);
  • nur dann andere auf ihr problematisches Verhalten hinzuweisen, wenn darüber ein klarer Vertrag besteht oder wenn es zu meinen Aufgaben gehört;
  • ansonsten, wenn keine der genannten Möglichkeiten zu einer Verbes­serung der Beziehung führt, lieber den Kontakt abzubrechen oder ru­hen zu lassen, solange keine neue Basis entsteht.

Keine Etiketten verteilen

Es ist grundfalsch und deshalb auch nicht ratsam, andere Menschen mit Hilfe des Ichzustands-Modells in Schubladen einzusortieren oder ihnen Etiketten zu ver­passen. Das Modell bietet interessante Verstehensmöglichkeiten, der lebendige Mensch ist jedoch differenzierter, vielfältiger und schöner, als es je ein psychologisches Modell widerspiegeln könnte!

Je nach Situation begegnen uns andere Menschen nicht so, daß w ir ihre Gesamtpersönlichkeit kennenlernen, obwohl sie das Potential der anderen Ichzustände in sich haben und in anderen Situationen auch entfalten (könnten).
Eine besserwisserische oder gar verfolgerische Konfrontation mit dem, was w ir zu erkennen glauben, ist niemals nützlich. Der andere wird gegen uns aufgebracht und das würde weder uns noch der Sache von Nutzen sein.

Persönlichkeitsprobleme

Eine geistig und see­lisch reife Persönlichkeit hat Zugriff auf das volle Potential aller Ichzustände und greift idealerweise situationsbezogen auf den jeweils ange­messenen Ichzustand zurück. Aus diesem Ichzustand heraus er­lebt sie die Situation und steuert ihr Verhalten, während die anderen Ichzustände sozusagen assistierend im Hintergrund stehen und jederzeit auf Abruf zur Verfügung stehen. Ein solcher Mensch ist fähig zu angemessener Konstanz in einem Ichzustand, zeigt jedoch auch Bereitschaft, wenn es die Situation nahelegt, zu spontaner Flexibilität, also zum Umschalten auf einen anderen Ichzustand.

Ein Beispiel:
Eine Erzieherin spielt mit einer Gruppe von Kindern. Dabei plant sie ein Spiel anzubieten, bereitet es vor und beginnt damit (ER unter Hinzuziehung des EL und fK). Das Spiel beginnt und sie ist mit Spaß dabei (fK). Gleichzeitig nimmt sie wahr, was geschieht (ER), und prüft, ob das für die Kinder gut ist (EL). Falls jemand Gefahr läuft, zu Schaden zu kommen, greift sie sofort ein (dann
wäre das EL der ausführende Ichzustand), bei Verwirrungen gibt sie klärende Informationen (ER).

Selbstredend birgt die Beschreibung einer gewissermaßen 'idealen Persönlichkeit' die Gefahr in sich, zu schematisch zu erscheinen. Wir müssen uns stets die Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit jedes Individuums vor Augen halten, um einer Person gerecht werden zu können. Die Art, wie jemand seine Ichzustände ins Spiel einbringt, und das Temperament, mit dem die Ichzustände besetzt und ge­wechselt werden, gestaltet sich äußerst vielfältig.

Selbst geistig und seelisch gesunden Menschen haben in dem einen oder anderen Bereich zeitweise ihre Trübungen. Diese erklären sich aus Über­lagerungen des Erwachsenen-Ichs durch Fehlinformationen aus dem Kindheits- oder Eltern-Ich. Wunschdenken, Illusionen, unangemessene Ängste trüben dann die Wahrnehmung ein. Das ist etwas, was wohl bei allen Menschen bisweilen vorkommt.
Bei Menschen mit schweren seelischen Störungen steigert sich dieses Phänomen hin bis zu Phobien, Halluzinationen und W ahnideen. Trübungen aus dem Eltern-Ich äußern sich als Vorurteile und unzulässige Verallgemeine­rungen, die als informativ-sachlich richtige Feststellungen angesehen und aus­gegeben werden. Sie gründen auf verinnerlichten Aussagen von Eltern oder anderen prägenden Figuren oder auf Resümees von Ereignissen, die nicht mit dem Erwachsenen-Ich auf ihre heutige Gültigkeit hin überprüft wurden oder werden konnten.

So verbreitet und 'normal' Trübungen auch sind, so hinderlich können sie doch sein, wenn sie den Blick auf das, was im Hier und jetzt stattfindet, verstellen. Die Enttrübungsarbeit gehört deshalb in der Gesprächsführung und noch stärker in der Beratung zur Auseinandersetzung mit Problemen. Nicht alle Trübungen bedürfen dabei der Konfrontation, weil wir doch offensichtlich in manchen Berei­chen gut mit ihnen leben können. Wir sollten uns auf die Bereieche konzentrieren, die unmittelbar mit Problemen zu tun haben, die uns selbst zu schaffen machen oder zu Konflikten mit anderen führen.

  • Neben diesen alltäglichen Trübungen existieren weitere und schwerer wiegende Persönlichkeits­probleme, die in vielen Abstufungen auftreten können - von vorüberge­henden und situationsabhängigen Störungen bis hin zu fortdauernden Beeinträchtigungen des gesamten Kommunikationsverhaltens: So führt ein Mangel an Struktur und Konstanz in der Benutzung der Ichzustän­de dazu, dass ein Mensch rasch zwischen den verschiedenen Ichzuständen hin und her pendelt sich nicht einlassen und dabeibleiben kann.
  • Im Gegensatz dazu neigen manche Menschen dazu, nur schleppend von einem Ichzustand in den nächsten umzuschalten. Situationen und Stimuli haben dann schon längst gewechselt.
  • Dann gibt es noch die Verfestigung eines bestimmten Ichzustandes, der vorzugsweise oder ausschließlich benutzt wird, wobei alles, was nicht zu diesem Ichzustand paßt, umgedeutet oder ausgeblendet wird.
  • Der Ausschluß eines Ichzustandes, der nicht benutzt wird und - ohne tiefere Persönlichkeitsarbeit - auch nicht zugänglich ist.
  • Darüber hinaus gibt es noch Konflikte zwischen mehreren Ichzuständen mit widersprüchlichen Meinungen, Gefühlen und Verhaltensweisen; auch hier reicht das Spek­trum von alltäglichen inneren Spannungen und Konflikten, wie wir sie alle in bestimmten Situationen kennen, bis hin zu schweren pathologi­schen Störungen (Dissoziationen, Persönlichkeitsspaltungen).

Günstig für eine gute Gesprächsführung ist es, solche Beeinträchtigungen der Ichzustände wahrzunehm en, aber behutsam und situationsangemessen mit diesen Erkenntnissen umzugehen.
Es kommt dann darauf an,

  • selbst ein möglichst lebendiges, vielfältiges und ganzheitliches Modell der Ichzustände zu zeigen,
  • ein zu rigides Benutzen der Ichzustände und einen Mangel an Kon­stanz anzusprechen mit dem Ziel, zu mehr Flexibilität oder Konstanz einzuladen,
  • bei gravierenden Störungen der Ichzustände das wahrgenommene Problem nicht als solches zu thematisieren, sondern, wenn ein entspre­chendes Vertrauensverhältnis besteht, der betreffenden Person eine therapeutische Beratung anzuraten.

Ichzustände

  1. Aus welchen Ichzuständen kommunizieren Sie im privaten/beruflichen Bereich besonders häufig oder eher selten?
  2. Vergegenwärtigen Sie sich je eine Person, mit der Sie eher Probleme haben bzw. mit der Sie gut auskommen. Welche Ichzustände benutzen die Betreffenden Ihnen gegenüber? Mit welchen Ichzuständen reagie­ren Sie jeweils?
  3. Überprüfen Sie im Blick auf die Antworten zu den Fragen 1 und 2, in­wieweit die produktiven Ichzustände (nEL, ER, fK) beteiligt sind.
  4. Um die Betrachtungsweise eigenen Verhaltens mit Hilfe der verschie­denen Ichzustände bei sich zu verankern und sie für die Klärung anste­hender Entscheidungsfragen zu nutzen, können Sie sich ein aktuelles Problem oder eine Entscheidungssituation vornehmen und alles, was Ihnen von den verschiedenen Ichzuständen her einfällt, aufschreiben und ordnen. Als Anregung dazu können Ihnen folgende Fragen dienen:
    • Was lockt mein Kindheits-Ich? Was würde mir Spaß machen,wozu habe ich keine Lust ?
    • Was macht mir Angst, Sorge, was traue ich mich nicht zu tun?
    • Wogegen spüre ich Auflehnung?
    • Was würden meine Eltern dazu sagen? Welche moralischen und ethi­schen Grundsätze fallen mir dazu ein ? W orauf muß ich unbedingt achten, was darf ich auf keinen Fall tun?
    • Was ist wichtig, um gut für mich (und andere, die mir wichtig sind) zu sorgen, um mir keine negativen Folgen einzuhandeln?
    • Welche Fakten und Daten sind bei diesem Thema entscheidend? Wer kann mir noch wichtige Informationen dazu liefern?
    • Welche Konsequenzen ergeben sich aus den zur Debatte stehenden Alternativen?

    Wenn Sie dann alles, was Ihnen dazu eingefallen ist, aufgeschrieben haben, dann können Sie mit Ihrem Erwachsenen-Ich die einzelnen Felder sichten und die verschiedenen Aspekte gewichten. Eventuellt werden Sie feststellen, daß einige Ichzustände zu Ihrer Frage besonders viel und andere kaum etwas zu sagen hatten oder gar stumm geblieben sind. Dann könnte es sich lohnen, darüber nachzudenken, wie Sie den unterrepräsentierten Ich­zuständen nachträglich mehr Sprache verleihen können.
    Bei der Bewertung ist es besonders wichtig, die aus der Sicht Ihres Kindheits-lchs bedeutsamen Punkte ernst zu nehmen, auch wenn sie 'nur' auf Gefühlen beruhen, und nicht gegen ein Zögern oder sogar die offensichtli­che Unlust Ihres freien Kindes eine Entscheidung zu treffen. Seine Energie würde als Motor fehlen!
    Bei den Äußerungen aus Ihrem Eltern-Ich ist es wichtig, zu prüfen, was Sie selbst heute für relevant halten.
    Schlussendlich können Sie eine Entscheidung mit Ihrem Erwachsenen-Ich treffen, die vom freien Kind getragen wird und mit den von Ihnen bejahten Grundsätzen des Eltern-Ichs in Einklang steht.

  • 1. mit einer Intention verknüpft; zweckbestimmt; zielgerichtet

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