Bezugsrahmen und Redefinieren

Unsere Sicht der Dinge - Bezugsrahmen und Redefinieren

Das Wort im Munde herumdrehen

Das kennt wohl jeder: : Sie stel­len eine interessierte Frage - und bekommen eine Reaktion, als hätten Sie eine dumme Bemerkung angebracht. Oder ein gut gemeinter Hinweis wird von ihrem Gegenüber wie eine Maßregelung abgewiesen. Mit­teilungen werden abgewertet, Vorschläge werden ignoriert, Nachfragen treffen auf erbitterte Gegenwehr. Sie können sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Ihnen „das W ort im Munde herumgedreht" wurde oder Sie sogar bewußt mißverstanden worden sind. Die ReaktionIhrerseits fiel wahrscheinlich entsprechend irritiert, enttäuscht oder ärgerlich aus.
In solchen Situationen fühlen sich die Gesprächspartner oft bei­derseits unverstanden, zurückgewiesen oder angegriffen. Meistens merken sie dann gar nicht, was da gerade in Wirklichkeit 'passiert'. So registrieren sie nur irgendwann, dass sich das Gespräch im Kreis dreht, oder sie finden sich unvermittelt in ei­ner Sackgasse wieder, ohne zu wissen, wie sie dort hineingelangt sind. Dies alles deutet darauf hin, dass die Kommunikati­on gestört ist. Wie kommt nun eine solche gestörte Kommunikation zustande? Und welche Motive und Mecha­nismen sind daran beteiligt?

Die folgenden Beispiele, die wir weiter unten verschiedentlich wieder aufgreifen werden, sollen uns das verdeutlichen:

Beispiel 1:
A: „Dieses Ergebnis ist nicht richtig."
B: „Ich weiß, ich mache immer alles falsch."
B verallgemeinert den Hinweis von A, der sich auf ein Ergebnis hier und heute bezieht, in doppelter Hinsicht: „immer" und „alles".

Beispiel 2:
A: „Wie fühlst du dich jetzt?"
B: „Ich denke, daß ich darüber hinwegkommen werde."
B geht nicht auf die Frage nach dem Gefühl ein, sondern wechselt zum Denken und von der Gegenwart in die Zukunft.

Beispiel 3:
A: „Ruhe dich ruhig eine Stunde aus."
B: „Ich kann doch nicht den ganzen Tag herumhängen. Wie stellst du dir das eigentlich vor?"

B deutet „ausruhen" zu „rumhängen" um, übertreibt die von A vor­ geschlagene Zeitangabe und greift A auf der Basis dieser Unterstel­lungen sogar an.

Beispiel 4:
A: „Du könntest die Kinder ab und zu mitbestimmen lassen."
B: „Die können doch nicht ständig machen, was sie wollen."
B verallgemeinert „ab und zu" zu „ständig" und deutet Mitbestim­mung zu Beliebigkeit um.

Beispiel 5:
A : „Was willst du tun?"
B: „Man könnte versuchen ..."
B wechselt von „du" zu „man", von „wollen" zu „können" und von „tun" zu „versuchen".

Damit handelt es sich um ein w eit verbreitetes Verhalten zur Gestaltung unproduktiver Kommunikation. Auf den ersten An schein reagiert B jeweils auf die Fragen oder Hinweise von A. Aber Stimu­lus und Reaktion passen absolut nicht zusammen. Die Reaktionen gehen fast unmerklich am angeschnittenen Thema vorbei. Dies hat - auf unbewußter Ebene - Methode. B bedient sich dazu verschiedener 'Techniken':

  • Verallgemeinerung,
  • Übertreibung,
  • Wechsel der Zeit oder Person,
  • Wechsel des thematischen Aspekts (fühlen/denken, wollen/können),
  • Wechsel in der Bewertung eines Verhaltens (ausruhen/rumhängen),
  • Wechsel von positiv zu negativ.

Das Repertoire für solche Umdeutungen ist vielfältig:

Beispiel 6:
A: „Ich möchte jetzt gerne etwas allein sein, um in Ruhe nachzudenken."
B: „Ich wußte gar nicht, daß es für dich so unerträglich ist, mit mir zu sammen zu sein."

B deutet das Für-sich-sein-wollen von A um in ein Gegen-mich-sein und verbindet das mit einer übertriebenen Bewertung ("unerträglich“).

Beispiel 7:
A: „W as möchtest du heute gern unternehmen?"
B: „Bloß nicht wieder so etwas Langweiliges wie gestern."

B wechselt von "heute" zu "gestern" und von "gern" zu "nicht gern".

Beispiel 8:
A: „D ie Art deiner Kritik hat mich verletzt."
B: „Ich werde doch noch mal irgend etwas sagen dürfen!"

B wechselt von der Art einer bestimmten Kritik zu "irgend etwas" und geht auf das Gefühl von A nicht ein.

Beispiel 9:
A: „W ann wirst du es tun?"
B: „Morgen nicht."

B wechselt von "tun" zu "nicht tun".

Die Aussagen von A wurden in B umgeformt und moduliert, gehen teilweise sogar verloren. Die Aussagen treffen ganz offensichtlich auf ein inneres Muster, in das sie - zumindest momentan - überhaupt nicht hineinpas­sen. Bei genauerer Untersuchung dieses zentralen Bereiches in der Gesprächsführung, dann stoßen wir auf ein komplexes System von Annahmen, Einstellungen, Phantasien und Vorurteilen, das wir Bezugsrahmen nen­nen.

Entwicklung des Bezugsrahmens

Der Bezugsrahmen könnte so entstanden sein: Das Kind wird in eine W elt hineingeboren, in der es in der ersten Zeit ständig mit neuen Situationen und Informationen konfrontiert wird. Umgeben
von riesigen Wesen, die eine Sprache sprechen, die es noch nicht kennt, hängt sein Überleben davon ab, inwieweit ihm diese Wesen ge­ben, was es an Nahrung und Zuwendung zum Überleben benötigt. Die Situation ist also sehr unübersichtlich und von großer Abhängigkeit geprägt. Das Kind benötigt jedoch dringend einen überschaubaren und verläßlichen Rahmen. Es sortiert sich die vielfältigen und komplexen Erfahrungen so, dass ein Muster entsteht, welches dazu dient, sich nicht ständig neu orientieren zu müssen.
Manch einer zieht es vor, an einen schon vertrauten Urlaubsort zu fahren und bedient sich der Argumentation: „Dann fängt die Erholung gleich am ersten Tag an!" Dies stimmt auch, weil eine Neuorientierung ganz offensicht­lich zusätzliche Energie erfordert. Erst dann, wenn man herausgefunden hat, wo der schönste Strand, das gemütlichste Restaurant und die interessantesten Sehenswürdigkeiten sind, kann der Urlaub so richtig beginnen.
Zudem fühlen sich die meisten Men­schen durch ständige Neuorientierungen verunsichert. Denn solange der Rahmen - auch im übertragenen Sinne - einem nicht deutlich offenbar ist, dann ist ein großer Teil der psychischen Energie in der Erforschung der Strukturen und Grenzen gebunden. Falls man es nicht bewerkstelligt, eine klare Orientierung hinsichtlich Raum, zwischenmenschlichen Beziehungen, Sinn oder gültigen Normen zu finden, kann dies leicht Aggressivität oder gar Resignation zur Folge haben.
Sobald sich das Kind als getrennt von der es umgebenden Welt (die Mutter) begreift, also ungefähr am Ende des ersten Lebensjahres, entwickelt es seine Identität und ist es erst einmal darauf angewiesen, was es von den Personen in seiner unmittelbaren Umgebung über sich in Erfahrung bringen kann. Das Kind lernt sich also kennen über die elterliche Zuwendung und es nimmt wahr, wie sich die Bezugspersonen ihm gegenüber in ver­schiedenen existentiellen Situationen mitteilen bzw. verhalten: fürsorg­lich, feindselig, fordernd, erlaubend, uneindeutig, gewalttätig, erdrückend, hilflos usw. Diese Reaktionen sind nun die Basis der Annahmen, welche das Kind für sich selbst entwickelt. Diese Annahmen betreffen die Art, wie die anderen Menschen sind und wie es selbst ist. Diese begrenzten Erfahrungen generalsiert das Kind nun sehr bald.

Neben der positiven Zuwendung treffen auch beschränkende Grundbotschaften auf die Kinder wie etwa:

  • Nimm dich nicht wichtig!
  • Sei kein Kind!
  • Vertraue niemandem!
  • Du hättest besser ein Mädchen/Junge werden sollen!
  • Fühle bestimmte Gefühle nicht!
  • Am besten, du wärst nicht auf der Welt!

Falls das Kind diese Botschaften, die anfangs vor allem nonverbal vermittelt werden, häufig und nachdrücklich erlebt, dann entwickelt es aus diesen Erfahrungen sein Selbstbild und zieht es seine Schlußfolgerungen für sein eigenes Verhal­ten. Das handhaben auch Erwachsene so; wobei diese sich besser gegen unangemessene Fremdbilder abgrenzen können.
Insgesamt ergibt es sich, dass das Kind mit seinen angebo­renen Dispositionen in bestehende familiäre und gesellschaftliche Ver­hältnisse hineingeboren und mit Interaktionsmustern konfrontiert wird, die oft schon seit Generationen bestehen. Um sich darin zurechtzufinden, muss sich der junge Mensch Antworten finden auf drei Grundfragen :

  1. Wer bin ich?
  2. Was ist von den anderen Menschen zu halten?
  3. Wie ist das Leben ganz allgemein zu sehen?

Je nachdem, wie nun die Antworten auf diese existentiellen Fragen ausfallen, ergeben sich daraus abgeleitete Überlebensschlußfolgerungen für sein Verhalten; das Kind trifft seine eigenen Entscheidungen und wählt seinen eigenen Weg. Doch verfügt ein Kind im Gegensatz zu den Erwachsenen keineswegs über die Möglichkeit, sich mit au­ßerhalb seiner begrenzten Erfahrungswelt liegenden wichtigen Informa­tionen zu versorgen. Also nimmt eskein W under, dass sich unter dem bestehenden Existenz- und Zeitdruck auch 'Fehler' einschleichen. Gleichwohl ist es bewundernswert, wie pfiffig und kreativ Kinder bei ihren Schlußfolgerungen und den daraus resultierenden Lösungen vorge­hen. Wir können feststellen, dass die Kinder an ihrem Selbstfindungsprozeß recht aktiv beteiligt sind.
Nach Klärung der Grundüberzeugungen entwickeln die Kinder daraus für ver­schiedene Beziehungssituationen bestimmte Reaktionsmuster. Diese Muster dienen quasi als 'Gebrauchsanweisungen', mit denen sie unbe­wußt ihr Denken, Fühlen und Verhalten vorstrukturieren.

Solche Bezugssysteme könnten auf der Grundlage folgender Grundüberzeugungen entwickelt worden sein:

  1. Niemand mag und versteht mich, alle hacken sie auf mir herum, und das Leben ist ungerecht!
  2. Ich darf keine Schwäche zeigen, denn die anderen warten nur darauf, über mich herzufallen, und das Leben ist gefährlich!
  3. Ich muß stets voll da sein, denn auf die anderen ist kein Verlaß,und das Leben ist anstrengend!
  4. Ich weiß, was für die anderen gut ist - ohne mich sind sie nicht lebensfähig. Aber niemand hört auf mich - Undank ist aller Welt Lohn!
  5. Ich bin klein und schaffe es nicht allein, die anderen sind stark und sollen für mich sorgen. Das Leben ist voller Überraschungen - man muß auf der Hut sein.

Diese fünf Beispiele können nun die die Kurzdialoge 1 bis 5 weiter oben erklären. Die entsprechenden Überzeugungen führen zu den be­schriebenen Umdeutungen und 'Fehlreaktionen' in den Antworten von B.

Diese Beispiele sind so ausgewählt, dass deutlich wird, wie sie eine gute Kommunikation behindern. Diese Muster waren aus der existentiellen Not des Kindes heraus in seiner Entwicklung durchaus sinnvoll und sogar überlebenswichtig. Doch sind sie in der Interaktion des mitt­lerweile erwachsenen Menschen nicht mehr angemessen und deshalb zumeist unbrauchbar. Da wir jedoch auf der anderen Seite in vielfältiger Weise lebenstüchtig geworden sind, können wir davon ausgehen, dass wir in unserer Kind­heit viele lebensbejahende und Erlaubnis gebende Botschaften erhalten oder selbst entsprechende Schlußfolgerungen gezogen haben. Also beinhaltet unser Bezugsrahmen vielerlei Sichtweisen und Grundüberzeugun­gen, die ein realistisches Bild von uns selbst, von anderen Men­schen und von der Welt abgeben.

Existentielle Grundpositionen

Die Vielfalt dieser Grundüberzeugungen leitet sich ab aus vier grundlegenden Lebenspositionen:

  1. Ich bin okay, Du bist okay (ICH +/DU + )
    In dieser konstruktiven und integrierten Haltung fühle ich mich weder über- noch unterlegen und brauche daher weder mich noch andere zu manipulieren. 'Okay' bedeutet jedoch nicht, alles gut und richtig zu finden, was jemand sagt oder tut. Vielmehr gestehe ich mir und ande­ren durchaus Fehler zu, ohne mich und andere dabei jedoch als Person abzuwerten. Die resultierende Haltung ist förderlich für eine gute Kommunikation und effektive Arbeit. Besonders in Konfliktsituationenist es einem jedoch kaum möglich, diese Haltung konsequent durchzuhalten. Es dürfte wohl keinen Menschen geben, der sich ausschließlich in dieser Lebensposition befindet.
  2. Ich bin okay, Du bist nicht okay (ICH+/DU-)
    Berne benennt diese Grundhaltung als paranoid, arrogant oder projektiv. Sie resul­tiert aus einem unrealistischen Gefühl von Macht und Überlegenheit, welches auf einem instabilen Selbstwertgefühl thront. Menschen mit dieser Grundhaltung reißen gerne Aufgaben an sich („Ich kann das ohnehin am besten!' ). Stellen sich nun Mißerfolge ein, dann geben sie stets den anderen oder den „Umständen” die Schuld. Zentral ist für dieses Verhalten, dass die möglicherweise tatsächlich vorhandenen Mängel in den Fähigkeiten anderer stets mit einer Abwertung der Person einhergehen. Die Tatsache, dass nicht wenige Menschen so große Schwierigkeiten damit haben, Kritik anzunehmen, mag ein Hinweis darauf sein, wie verbreitet diese Position ist.
  3. Ich bin nicht okay, Du bist okay (ICH-/DU + )
    Menschen mit dieser Haltung fühlen sich subjektiv überfordert und neh­men häufig alle Schuld auf sich. Ihre Äußerungen beginnen oft mit Selbstabwertungen, verbunden mit einer Überhöhung der Fähigkeiten anderer: „Darf ich mal eine ganz dumme Frage stellen?“ oder „Aber ich kann das bestimmt nicht so gut ausdrücken wie ihr!" Auch hier werden einzelne Fertigkeiten und Kompetenzen unangemessen mit der gesamten Persönlichkeit in Verbindung gebracht. Berne nent dieses Verhalten eine depressive Position. Die Lebenspositionen 2 und 3 entsprechen im wesentlichem dem, was Alfred Adler den Über- bzw. Unterlegenheitskom­plex nennt, die ein (ab-)wertender Vergleich mit anderen charakterisiert.
  4. Ich bin nicht okay, Du bist nicht okay (ICH-/DU-)
    Diese innere Einstellung geht einher mit dem tiefen Gefühl von Ziel- und Sinnlosigkeit. Solche Menschen sehen nichts Positives bei sich selbst oder bei den anderen. Sie geben sich zumeist zynisch und neigen dazu, konstruktive und lebensbejahende Lösungsansätze zu ironisieren oder abzuwerten. Diese Haltung kann zeitweise die vorangegan­gene Position (IC H -/D U + ) entlasten („Ich tauge zw ar nichts, aber ich werde den anderen beweisen, daß sie auch nicht in Ordnung sind!")
    Das Verharren in dieser Haltung für längere Zeit kann sich zur Gefahr für Leib und Psyche entwickeln. Berne spricht in diesem Fall von einer schizoiden, fatalistischen oder gar suizidalen Position.
    Zwar ist je nach Bezugssystem ein Wechsel zwischen den Positionen generell möglich, doch überwiegt meistens eine dieser Grundhaltungen. Dieser Aspekt wird weiter unten beim Dramadreieck ausführlicher behandelt.

Ärgert man sich bisweilen über eigene störende Verhal­tensmuster, so versöhnt vielleicht die Erkenntnis, daß diese damals für den kleinen Knirps höchstwahrscheinlich äußerst sinnvoll, kreativ und oft im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig gewesen sind. Doch sind wir inzwischen zu erwachsenen Menschen herangereift und leben wir unter anderen Bedingungen und verfügen über andere Möglichkeiten, so daß manche unserer frühen Schlußfolgerungen heute nicht mehr stimmig sind und uns in unseren Entfaltungsmöglichkeiten hemmen.

Verteidigung des Bezugsrahmens

Weltanschauliche Überzeugungen gehören zu uns - wir haben also mehr oder weniger festgefügte Meinungen über die Welt im allgemeinen und be­sonderen. Aus diesem Grunde bevorzugen wir bestimmte Zeitungen oder Sendungen, und wir haben ein gutes Gefühl, wenn wir Gespräche mit Menschen zu führen, die unsere An­sichten teilen. Denn so finden wir unser Weltbild bestätigt und
fühlen uns sicher. Widerstreitende Meinungen lösen dagegen leicht Verunsiche­rung, Angst und in ihrer Folge bisweilen heftige Gegenwehr aus. Wir sind so veranlagt, dass wir mehr oder minder nachdrücklich unsere gewohnten Muster gegen Fremdmeinungen verteidigen. Dies gilt auch und erst recht für das menschliche Miteinan­der.

Zwar gibt es auch Bereiche und Situationen, in denen wir die Be­gegnung mit ungewohnten, fremden Meinungen und Verhaltensweisen durchaus bereichernd finden. („Ach, das ist ja interes­sant - so habe ich das noch gar nicht gesehen.") Doch versuchen wir die für uns auf der unbewußten Ebene wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu verteidigen. Das sind letzten Ende die Anteile unseres Bezugsrahmens, die mit frühen Über­lebensschlußfolgerungen gekoppelt sind. Diese sind sehr tief verankert, scheinen uns von existentieller Bedeutung zu sein und werden deshalb
mit Vehemenz gegen (vermeintliche) 'Bedrohungen' verteidigt.

Um die für uns wichtigen Strukturen und Grundüber­zeugungen bestätigt zu finden, müssen wir andere Menschen mit ihren Einstellungen, Meinungen und Verhaltensweisen in das eigene Bezugssystem einpassen können. Um dies zu erreichen, müssen wir sie teilweise in bestimmte Rollen hineinmanipulieren. Ein Mensch, der zu mir kommt mit der felsenfesten Überzeugung, dass alle nur auf ihm herumhacken wollen, der wird versuchen, mit einer Bestätigung eben dieser An­nahme wieder wegzugehen. Wahrscheinlich wird er mich mit einem kaum zu übergehenden Anlaß zur Kritik konfrontieren und mich auf diese W eise einladen, durch mein Verhalten seiner Erwartung auch zu entsprechen. Wir verschaffen uns gerne immer wieder ähnliche Erfahrungen, ganz im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Als Gesprächspartner gerät man besonders dann in den Sog eines sol­chen Systems, wenn man über die komplementären Grundüberzeugun­gen verfügt. So wären Menschen mit den Grundüberzeugungen aus den oben genannten Beispielen 4 und 5 wohl ein passendes Gespann:

A: Ich w eiß, was für die anderen gut ist - ohne mich sind sie nicht
lebensfähig.
B: Ich bin klein und schaffe es nicht allein, die anderen sind stark und
sollen für mich sorgen.

Viele Gespräche haben unbewußt zum Ziel, das Gegenüber in den eigenen Bezugsrahmen hineinzuziehen, um damit sich und den an­deren von der Gültigkeit des eigenen Systems zu überzeugen. Solche un­bewußt ablaufenden Formen der Manipulation heißen in der Transaktions­analyse 'psychologische Spiele'. Selbst wenn das Ergebnis an seelischem Schmerz und Verletzung gekoppelt ist, wird es doch als irgendwie vertraut und als Bestätigung der einmal gefaßten Grundüberzeugung empfunden. Das vertraute Elend scheint eben doch besser zu sein als das Risiko neuer Erfahrungen.

Insbesondere in Konflikt- und Streßsituationen tendieren wir dazu, auf die alten, 'bewährten' Rezepte zurückzugreifen. Aussagen, die nicht in unser Bezugssystem passen werden entweder ignoriert oder im Sinne des eigenen Systems umgedeutet, sie werden re-definiert. Man dreht also anderen Men­schen das Wort im Munde herum! Kleine wie große Kinder halten sich gerne die Ohren zu und beginnen zu schreien, wenn etwas gesagt wird, das ihnen absolut nicht ins Konzept paßt. Was nicht in den eigenen Bezugsrah­men paßt, wird gerne ausgeblendet und führt teilweise zu egelrechten Ausfällen in der Sinneswahr­nehmung. Man sieht, hört und fühlt nicht, was im Augenblick real passiert, sondern trägt die vielzitierten 'Scheuklappen' zur Schau. Also hört man Kri­tik, wo gar keine ist, fühlt sich dort schuldig, wo sich niemand beklagt hat oder sieht feindselige Gesichter, wo vielleicht nur Langeweile herrscht.
Im Extremfall füllen Menschen längere Wahrnehmungslücken sogar mit frei erfun­denen Ereignisfolgen im Sinne des eigenen Systems aus. Damit ist jedoch die Grenze zu pathologischem Verhalten überschritten.
Die Bestätigung destruktiver Grundüberzeugungen ist fast immer mit ei­nem negativen Zuwendungsmuster verbunden, aus dem sich bereits im Vorfeld eine Zuwendungserwartung ergibt („Mich mag sowieso nie­mand!"). Konfrontiert mit der Aussage „Aber ich mag dich!", gerät diese Person in Not. Schafft sie es nun nicht, den vertrauten Bezugs­rahmen zu erweitern („Wie schön, daß du mich magst. Vielleicht sehe ich doch alles etwas zu schwarz!"), dann ist sie gezwungen, um ihr Systems aufrechtzuerhalten, diese positive Zuwendung zumindest intern im Sinne der ne­gativen Grundüberzeugungen umzudeuten. Dabei kommen folgende Reaktionen ins Spiel:

  • Der kennt mich eben nicht richtig!
  • Der hat bestimmt einen Hintergedanken!
  • Der muß schön blöd sein.
  • Der lügt!
  • Na ja Duu...(w as besagt das schon)!"

Diese Aussagen deuten den Satz „Aber ich mag dich!" allesamt um durch eine Unterstellung oder Abwertung der anderen Person. Hinter dieser Abwertung des Gegenübers steht letztlich ei­ne Selbstabwertung, die der anderen Person untergeschoben wird.
Redefinitionen verfolgen den Zweck, an den eigenen destruktiven, aber vertrauten Grundmustern festhalten zu können und andere Men­schen abzuwehren oder für sich aktiv werden zu lassen. Zumindest ist es nun möcglich, dem Anderen die Schuld für die eigenen negativen Gefühle zu geben. Hintergrund dieses Verhaltens bilden - auf einer vorbewußten Ebene - die Überzeugungen, die nicht gefährdet werden sollen. Wir sehen also, dass die Analyse der geäußerten Redefinitionen uns klare Hinweise gibt auf die Grundüberzeugungen, von denen mein Gesprächs­partner ausgeht. Paßt die Antwort nun ganz und gar nicht zu meiner Aussage, dann stellt sich die Frage, auf welchen phantasierten Impuls der Andere nun eigentlich reagiert hat? Es fällt nicht schwer, die oben angegebenen Beispiele für Redefinitionen den dahinter wirksamen Grundüberzeu­gungen von B zuzuordnen.

Beispielhaft sei dies am Dialogbeispiel 1: Aus einer geäußerten Einzelkritik macht B: „Immer mache ich alles falsch". Vermu­tlich entspricht nun genau dieser Satz dem aktualisierten Bezugssystem von B. B reagiert so, als hätte A gesagt: „Dieses Ergebnis ist natürlich mal wieder falsch - wie alles, das du anpackst!" Darüber hinaus kann B's Aussage auch der Abwehr von Kritik dienen getreu dem Motto: „Wenn ich mich selbst stark genug abwerte und sofort alle Schuld auf mich nehme, wer­den mich die anderen nicht mehr so stark kritisieren bzw. ausschimpfen können."

Auf die Formulierung von Redefinitionen wird zumeist ein hohes Maß an Kreativität und Intelligenz verwandt. Sie werden regelmäßig derart geschickt in ein Gespräch eingeflochten, dass sie einem ungeübten Ohr durchaus entgehen können.
Gleichwohl lösen die Redefinitionen bei der anderen Person ein Unbehagen aus, da sie spürt, daß ihr Impuls verdreht und zu etwas anderem gemacht wird, als sie es beabsichtigt hat. Nun stellt sich das Gefühl ein, dringend etwas tun zu müssen, um die Dinge richtig zu stellen: sich deutlicher auszudrücken („Ich will noch einmal versuchen, dir zu sagen, was ich genau meinte ..."), sich abzu­grenzen („Das habe ich nicht gemeint, ich wollte nur sagen ..."), sich zu rechtfertigen („Tut mir leid, aber es ist nun mal meine Aufgabe, dir zu sa­gen ...") oder gar sich zu entschuldigen („Entschuldigung, ich konnte nicht wissen, dass es dich so trifft, ich wollte dich wirklich nicht verlet­zen. ... Kann ich dir irgendwie helfen ...").

Die Verteidigung des eigenen Bezugsrahmen erfolgt oftmals mit aggressiven Mitteln. Man unterstellt dem anderen die Abwertung, Kritik oder gar Feindseligkeit, die die betref­fende Person früher erlebt, im Laufe der Zeit verinnerlicht hat und heute intern gegen sich selbst richtet. Sich dies immer wieder klar zu machen und zu trennen kann sehr erleichternd sein. Am Besten, man schnappt nicht nach dem ausgelegten 'Köder' und steigt nicht in das angebotene 'Spiel' ein. Im Gegenteil sollte man ruhig und klar im Hier und Jetzt bleiben und auf die gegenwärtige Wirklichkeit Bezug nehmen.

Redefinierenden Menschen begegnet man am besten konstruktiv wie weiter unten unter 'Passivität' beschrieben sein wird

Das Aufeinanderprallen verschiedener Bezugssysteme

Nur in Ausnahmefällen zieht sich ein und dasselbe Bezugssystem hartnäckig durch alle Lebensbereiche, wie etwa das Gefühl generel­ler Unzulänglichkeit ('Minderwertigkeitskomplex'). Oft ist das verwendbare Repertoire vielseitig, und wir benutzen Teile davon je nach der jeweiligen Situation.

Entsprechend werden in Gesprächen mit dem Partner, dem Vorgesetzten oder Mitarbeiter jeweils andere Teile unseres Bezugsrahmens aktualisiert, selbst wenn oft bestimmte Grundtendenzen wiederkehren. Menschen, die durch hierarchische Systeme geprägt wurden, nehmen in einer Bezie­hung Vorgesetzter-Untergebener je nach Position unterschiedliche Rollen desselben Bezugssystems ein ('Radfahrer'). Wir bewegen uns also gerne in denselben eingefahrenen Gleisen, begrenzt in unserer W ahrnehmung, unserem Fühlen, Denken und Verhalten.

Gerade für Menschen in beratender Funktion unerläßlich ist es, sich auch die unproduktiven oder hinderlichen Teile des eigenen Be­zugsrahmens bewußt zu machen. Schließlich ergeben sich aus ihnen die selbstgestellten Fallen, in die wir im Verlauf von Gesprächen hineintap­pen können. Auch laufen wir Gefahr, unsere Mitmenschen zum Zwecke der Bestätigung eigener Muster auszunutzen. Es erscheint also mehr als angebracht, über Kommunikationsprobleme dieser Art mit einer gewissen Distanz und vor allem mit der Bereitschaft zur Selbst­überprüfung nachzudenken. Falls nun verschiedene Bezugssysteme aufein­anderprallen, dann kann die eine Person mit dem Blick des 'W issenden' das 'falsche' Bezugssystem der anderen Person als Quelle aller Schwierigkeiten zu diagnostizieren versuchen. Neuere Untersuchungen über die Kommunikation zwischen Frauen und Männern verdeutlichen, dass dies sehr kurzsichtig sein kann.
Interessante Hinweise dazu finden sich in Deborah Tannens Buch mit dem aussagekräftigen Titel 'Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden'1. Tennen begründet dies knapp zusammengefaßt mit verschiedenen unbewußt verwendeten Bezugsrahmen von Männern und Frauen.

Frauen und Männer gehen etwa mit Problemen ganz verschieden um. Ein sehr verbreitetes Muster wäre etwa, dass sie ein Problem schildert, das ihr zu schaffen macht. Er sagt: „Da kannst du doch ... (dies oder jenes) machen" oder fragt, was sie da denn tun wolle. Nun ist sie schon frustriert, da sie erst einmal in Beziehung treten wollte und Einfühlung erwartete. Sie fühlt sich unverstanden und läßt ihn das auch spüren, so daß er irritiert oder verärgert ist, da er doch - aus seiner Sicht wirklich anteilnehmend - mit ihr über die Lösung des Pro­blems reden wollte. Für Männer und Frauen sind also in bestimmten Situatio­nen ganz verschiedene Dinge wichtig. Er geht dabei jedoch von einem sach- und lösungsorientierten Bezugsrahmen aus, während bei ihr zuerst einmal Kontaktaufnahme und Gefühl im Vordergrund stehen. Es wäre in ihrem Sinne noch zu früh, eine Lösung zu finden. Im Grunde genommen haben in dieser Situation beide Parteien auf ihre W eise 'recht'. Wichtig wäre es, den jeweils ande­ren Bezugsrahmen wahrzunehmen, zu akzeptieren und vielleicht sogar als Chance zur Erweiterung der eigenen Möglichkeiten zu verstehen, anstatt ihn als Infragestellung oder gar Bedrohung zu erleben.
Trotzdem wäre es jedoch fatal, wollten wir Gespräche stets mit der Absicht führen, die - aus unserer Sicht - destruktiven Aspekte in den Bezugssystemen des Anderen zu verändern. Häufiges Scheitern, welches vorprogrammiert wäre, würde uns rasch von der unrealistischen Grandiosität unseres Optimierungsanspruches überzeugen. Schließlich gelingt es uns selbst doch nur mühsam, meine eigenen lieb gewordenen Überzeugungen nachhaltig zu verändern. Dies gelingt nur, wenn ich es aus einem Prozeß inneren Wachstums heraus wirklich will. Zudem bestünde die Gefahr, dass ich mich gefühlsmäßig davon abhängig mache, dass die andere Person sich ändert.

Was könnte also unser Ziel sein, wenn wir auf Menschen treffen, die von einem deutlich verschiedenen Bezugsrahmen ausge­hen und unsere Aussagen beharrlich redefinieren? Ein realistisches - und keineswegs triviales - Ziel ist es, das 'fremde' System zunächst einfach nur wahrzunehm en und sich nicht darin zu verstricken. So schütze ich mich vor unguten Verwicklungen und vermeide ich im Blick auf mein Gegenüber zumindest eine erneute Bestätigung destruktiver Grund­überzeugungen.
Bei dem Versuch, sich nicht in einem fremden Bezugsrahmen zu verstricken müssen wir keineswegs efühlskalt und abweisend reagieren. Dies bedeutet eher, dass wir uns dem anderen teilnehmend zuwenden, ohne dessen Trübungen in Wahrnehmung und Denken zu übernehmen. Ich kann nur dann helfen, Lösungswege zu finden, wenn ich nicht selbst von Blindheit geschlagen bin. Daraus resultiert übrigens auch, dass Berater mit ähnlicher Lebensgeschichte wie ihre Klienten nicht automatisch auch die beste Unterstützung für w irkliche Veränderung geben können. Zum Teil kann es erforderlich sein, sich deutlich von Systemen abzugrenzen, in denen man überhöhte Rollen wie die des Bösewichts oder des rettenden Engels ausgesetzt ist.
Sobald ich feststelle, dass ich mich als Gesprächspartner immer wieder in einer ähnlichen Rolle verfange, dann ist dies ein Hinw eis darauf, dass in mir ein unge­löster Konflikt schwelt.

Die Antreiber

Aus den vielen Grundüberzeugungen, die uns eigen sind, entwickeln wir mehr oder weniger komplexe Handlungsrichtlinien für die unterschiedlichen Situationen, die das Leben zu bieten hat. Im selben Moment schränken wir jedoch das Spektrum mögli­cher Erfahrungen teilweise erheblich ein. In Folge leben wir unser Leben in gewissen Bereichen nach einem heimlichen Plan, den die Transaktionsanalyse das 'Lebensskript' nennt.
Berne (1975) definiert das Lebensskript:: „Beim Skript handelt es sich um ein kontinuierliches Programm, das in der Zeit der frühen Kind­heit unter elterlichem Einfluß entwickelt wird und welches das Verhalten eines Individuums in den wichtigsten Aspekten seines Lebens bestimmt."2 Eine genauere Darlegung der Lebensskriptanalyse findet sich etwa bei Steiner 19843.

Einen wichtigen beobachtbaren Ausdruck skriptorientierten Verhal­tens stellen die Antreiber dar. Das sind verinnerlichte Anweisungen, denen wir, zumal in schwierigen (Lebens-)Situationen, beinahe zwanghaft folgen. Auch die Antreiber erleichterten unser Leben in der Kindheitsfamilie. Die Befolgung der Antreiber verschuf uns damals in bestimmten Situationen eine bedingte Akzeptanz. Unbewußt befolgen wir sie auch heute noch in der Hoffnung, uns dann trotz einschränkender Grundbotschaften in Ordnung fühlen zu können. Diese Hoffnung ist jedoch trügerisch, weil das Verhalten unter dem Druck von Antreibern recht ineffektiv ist und zudem die Anforderungen der Antreiber letztlich unerfüllbar sind.
In unseren Handlungen unter dem Druck von Antreibern zeigen wir charak­teristische Verhaltensweisen, die - mit Distanz betrachtet - der jeweiligen Situation eigentlich gar nicht angemessen sind.
Wenn etwa eine Gesprächs- oder Unterrichtssituation irgendwie steckengeblieben ist, dann beginnt man, sich deswegen unwohl zu fühlen.Viele Menschen reagieren in einer solchen Situation
spontan mit einem typischen Antreiberverhalten: Sei stark! A läßt sich also erst gar nicht anmerken, was wirklich in ihm vorgeht und dass er sich womöglich schwach fühlt. Sein Antreiber lautet: Sei stark!

Antreiber wären etwa:

  • Sei stark!
    Redewendungen: „Ich habe nichts dazu zu sagen!" „Dies ist nicht meine Sorge." „Das macht mir nichts aus." Monotone unlebendige Stimme.
    Nonverbal: Hände steif, Arme verschränkt, cooles Pokergesicht, überge­schlagene Beine.
    Körpergefühl: taub
  • Streng Dich an!

    B rackert sich für eine Lösung der Situation ab, indem sie ständig Rat- und Vorschläge anbringt und sich dabei immer mehr verspannt. Auch ihr Antreiber lautet: Streng Dich an!

    Redewendungen: „Es ist anstrengend für mich!" „Ich werde mir Mühe ge­ben!" „Ich weiß nicht sicher, aber ich könnte vielleicht sagen...“ „Dasist wirklich sehr schwierig." Beantwortet Fragen oft nicht direkt. Wirkt dabei ungeduldig.
    Nonverbal: Haltung und Gebärden verkrampft; sitzt nach vorne geneigt,
    Ellenbogen auf den Knien; Stirn gerunzelt; Hände zu Fäusten geballt,die manche Worte mit leichten Schlägen betonen; verwirrter unruhi­ger Blick.
    Körpergefühl: verkrampfter Magen, allgemeine Angespanntheit.

  • Beeil Dich!
    C beginnt damit, schneller zu reden und rasch auf Fragen zu antworten, wobei sie nicht mehr richtig zuhört, was die anderen sagen. Ihr Antreiber lautet: Beeil Dich!
    Redewendungen: „Gehen wir!" „Ich will nur kurz sagen...!" „Wir müssen uns beeilen!“ Andere sollen nicht zu lang und ausführlich reden. Die Stimme schwankt auf und ab.
    Nonverbal: Zeichen von Ungeduld; sich rasch ändernde Körperhaltung; abschweifender unruhiger Blick; Stirnrunzeln; Agitation (z.B. trom­melnde Finger).
    Körpergefühl: kribbelig
  • Mache es mir/allen recht!
    D versucht, die Wünsche und Erwartungen der anderen zu erahnen und zu erfüllen, damit sich diese wohl fühlen, aus der Angst heraus, nicht gut genug zu sein und abgelehnt zu werden, oder um ein Gefühl ei­gener Bedeutung zu gewinnen. Ihr Antreiber lautet: Mache es mir/allen recht!
    Redewendungen: „Sie wissen ja..." „Könnten Sie vielleicht...?' Zustimmendes „Hm m m m ...“. Fragt, ob für die anderen alles zufriedenstel­lend verläuft. Oft hohe weinerliche Stimme.
    Nonverbal: Nickt zustimmend; sieht oft zur Seite; zieht gerne die Augen­brauen hoch.
    Körpergefühl: verkrampfter Magen
  • Sei perfekt!
    E beginnt, sich zu rechtfertigen oder angefangene Sätze häufiger abzu­brechen, um eine noch ausführlichere und kompliziertere Formulie­rung zu finden, um es immer noch etwas besser hinzubekommen. Sein Antreiber lautet: Sei perfekt!

    Redewendungen: „Ich denke...' ; „Natürlich"; „Klar"; "Erstens.., zweitens..,drittens..". Verwendet komplizierte Redewendungen, verschachtelte Sätze und Rechtfertigungen. Stimmlage wirkt verhalten und selbstge­recht.
    Nonverbales: Handgelenke verspannt; Aufzählung mit den Fingern; sitzt aufrecht und starr; ernster Blick.
    Körpergefühl: angespannt

Die Darstellungen beziehen sich auf Hinweise aus Schlegel 19844 und Waiblinger 19895.

Die Antreiber sind immer der Ausdruck eines aktualisierten Bezugssystems und zugleich der ungeeignete Versuch seiner Überwindung. Im Ergebnis verstrickt sich der Angetriebene zunehmend im eigenen Skript. Man sollte sich darüber im Klaren sein, dass unsere Antreiber letzten Endes unersättlich sind, ungeach­tet der Tatsache, dass es skriptfreie Situationen gibt, in denen es durchaus angebracht sein kann, sich anzustrengen, sich zu beeilen, stark zu sein oder das eigene Verhalten auch an den Bedürfnissen anderer zu orientie­ren. Die Unersättlichkeit des Antreiberverhaltens erlaubt es niemals, es allen recht zu machen, so perfekt zu sein, dass man es nicht noch besser machen könnte, oder sich so anzustrengen bzw. zu beeilen, dass es tatsächlich nichts mehr zu tun gibt.

Erlaubnisse

Man bekommt dann Ruhe vor seinen Antreibern, wenn man sich selbst die Erlaubnis gibt, sich auch in Streßsituationen anders zu verhalten, oder in­dem man sich sagt (und es glaubt!), dass man auch dann in Ordnung ist, wenn man seinen Antreibern nicht gehorcht. Diese Erlaubnisse und Bestätigungen hat man als Kind vermutlich nicht be­kommen. Erlaubnisse zur Entkräftung der oben beschriebenen Antreiber könnten folgendermaßen formuliert sein:

  • Zu 'Sei stark':
    Ich darf stark sein und zugleich Bedürfnisse haben.
    Ich darf meinen Gefühlen trauen und mich von ihnen leiten lassen.
    Ich brauche niemanden zu beeindrucken, um gemocht zu werden.
  • Zu 'Streng dich an':
    Ich brauche nicht für andere zu denken und Verantwortung zu übernehmen.
    Ich darf mich über das Erreichte freuen und ausruhen.
    Ich darf mir helfen lassen.
  • Zu 'Beeil dich':
    Ich darf mir Zeit nehmen und es dann auf meine Art tun.
    Ich darf mich auf Menschen und Situationen einlassen und genießen.
    Ich brauche anderen nicht vorauszueilen, um beachtet zu werden.
  • Zu 'Mach's recht':
    Ich darf mich wichtig nehmen und herausfinden, was ich selbst w ill.
    Ich darf nachdenken, bevor ich es auf meine Art tue.
    Ich habe das Recht auf meine eigene Meinung.
  • Zu 'Sei perfekt':
    Ich darf Fehler machen, ohne mich unzulänglich zu fühlen,
    und kann daraus lernen.
    Ich darf mich so zeigen, wie ich bin, und meinen eigenen Stil entwickeln.
    Ich darf die Zusammenarbeit mit anderen genießen.

(In Anlehnung an Levin 19806.)

Falls Situation und Art der Beziehung es erlauben, erscheint es angebracht, diese und ähnliche Erlaubnissätze auch den Gesprächspartnern gegen­über zu äußern, wenn sie Antreiberverhalten zeigen. Dabei sollte ein entsprechender Hinweis wirklich fürsorglich gemei­nt der Andere nicht auf verdeckte Weise in die Enge getrieben werden.

Übungsvorschlag:
Das folgende kleine Experiment liefert gute Erfahrungen : Suchen Sie sich eine Erlaubnis aus, die Ihnen besonders gut tut. Sie kön­nen Ihren Erlaubnissatz finden, indem Sie sich alle Sätze langsam durch­lesen (oder von einer Ihnen vertrauten Person vorlesen lassen) und dabei aufmerksam wahrnehmen, bei welcher Erlaubnis Sie sich innerlich am stärksten berührt fühlen. Formulieren Sie Ihren Satz dann gegebenenfalls noch so um, daß er genau auf die aktuelle Situation paßt und Sie ihn richtig gern hö­ren mögen. Wichtig ist dabei, sich nicht durch die Hintertür einen Antreiber wieder hereinzuschmuggeln. „Ich muß mich endlich be­mühen, mir mehr Zeit zu lassen. Am besten, ich fange ganz schnell damit an!"
Den Satz könte man auf ein Schildchen schreiben und ihn sich in ruhigen Momenten (zum Beispiel vor dem Einschlafen oder Aufstehen) laut vorlesen. In wichtigen Gesprächen könnte man den Zettel auch un­auffällig vor sich hinstellen. Ziehen Sie nach einer Woche Bilanz!

Anregungen zur Selbstreflexion:

Erinnern Sie sich an eine Streß auslösende Gesprächssituation mit Wieder­holungscharakter.

  1. Was dachten Sie am Ende des Gesprächs über sich, den/die anderen und das Leben ? (Verstrickungsreiche Gespräche enden in aller Regel mit einer Bestätigung und Verstärkung des Bezugsrahmens, von dem wir in dem betreffenden Gespräch ausgegangen sind.)
  2. Wie lauten Ihrer Meinung nach die Grundüberzeugungen der anderen Person/en ?
  3. W elche Lebenspositionen kommen darin zum Ausdruck?
  4. Erkennen Sie im Gesprächsverlauf bei sich und anderen Antreiberver­halten?
  5. Wo in Ihrem Körper spüren Sie Ihren Antreiber (Kopf, Nacken, Brust,Magen)?
  6. In welchen Situation spüren Sie den Antreiber besonders deutlich?
  7. Welche Erlaubnis könnte für Sie künftig in ähnlichen Gesprächssitua­tionen hilfreich sein?
  • 1. Tannen, D.: Du kannst mich einfach nicht verstehen. Warum Männer und Frauen aneinander vorbeireden. Kabel, Hamburg 1991
  • 2. Berne, E.: Was sagen Sie, nachdem Sie guten Tag gesagt haben? Kindler, München 1975
  • 3.
  • 4. Schlegel, L.: Die Transaktionale Analyse. UTB, München 1984
  • 5. Waiblinger, A .: Neurosenlehre der Transaktionsanalyse. Springer, Berlin 1989
  • 6. Levin, P.: Cycles of power: A guidebook for the seven stages of live. Trans Pubs, San Francisco 1980

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