Grundregeln der Gesprächsführung

Grundregeln der Gesprächsführung

Die hier beschriebenen allgemeinen Grundregeln dienen der Förderung eines guten Ge­sprächsklimas. Damit sind sie dafür geeignet, wichtige Voraussetzungen für ein pro­blemlösendes Gespräch zu schaffen. Spezifische Methoden und Strategien ergänzen diese Grundregeln. In Frage kämen etwa Konzepte und Modelle der Transaktionsanalyse, die später beschrieben werden.

Sich vorbereiten auf das Gespräch

Eine guten innere Vorbereitung entscheidet oft über den Erfolg vonwichtigen Gesprächen. Falls möglich, dann sollte ich mir zuvor über einige wesentliche Punkte Klarheit verschaffen. Falls andere mich ansprechen und spontan in ein Gespräch verwickeln, dann kann es sehr nützlich sein, für sich selbst die folgenden Fragen im Verlaufe des Gesprächs, möglichst bereits in der Anfangsphase, zu klären. Entsteht nun dabei eine unübersichtliche Situation, dann erscheint es als sinnvoll, sich eine kurze Bedenkzeit auszubedingen, um sich (wieder) Klarheit zu verschaffen.

Bei der Vorbereitung auf ein Gespräch ist zu klären,

  • ob mich das Thema überhaupt etwas angeht (Zuständigkeit),
  • ob ich ein zur Lösung des Problems geeigneter Gesprächspartner bin (Kompetenz),
  • ob ich selbst motiviert bin (Interesse) und
  • wieviel Zeit ich dafür aufwenden kann und will (Zeit).

Zentral ist dabei mein eigener Aufgabenbereich. Des weiteren spielt auch meine Einstellung anderen gegenüber eine Rolle, wenn es darum geht, eine produktive Gesprächssituation zu schaffen. So ist es sehr hinderlich, eigene Antipathien über längere Zeit zu ignorieren. Wenn ich dagegen schon zu Beginn darauf achte, ob ich zuständig bin, mich kompetent fühle, echtes Interesse und Zeit habe, dann ge­rate ich nicht so leicht in unliebsame Gespräche, in denen ich schlechte Gefühle gegen mich und andere auslöse oder anhäufe.

Dann ist da noch die Formulierung eines klaren und realisierbaren Ziels. Viele Gespräche treiben aus einer falsch ver­standenen Höflichkeit heraus ziellos in einem Meer von Worten umher, so dass selbst die am Gespräch Beteiligten schließlich nicht mehr wissen, worum es eigentlich geht - eventuell wussten sie das ohnehin nicht. Die Formulierung realistischer Ziele setzt voraus, dass die äußeren und inneren Bedingtheiten aller Beteiligten und der gegebenen Situation Berücksichtigung fanden. Falls ich etwa zuständig bin für eine Kollegin oder einen Mitarbeiter und diesen anspreche auf ein Problem, dann werde ich mein Ziel einer Verhaltensänderung nicht erreichen, wenn ich will, dass dieser im Verlauf eines kur­zen Pausengesprächs seine Probleme im einzelnen benennt, ihren le­bensgeschichtlichen Hintergrund erkennt und ab morgen sein Verhalten ändert. Das liegt daran, dass dieses Ziel unrealistisch ist bezüglich des gesetzten Zeitrahmens. Zudem besteht die Gefahr, dass ich etwas für den anderen will, was sinnvol­lerweise nur er selbst sich als Ziel setzen kann.

Weitaus angemessener wäre es, in einem kurzen Gespräch den eigenen Eindruck deutlich zu benennen, ein Problembewußtsein zu schaffen und schließlich. ein Folgegespräch zu vereinbaren, sofern der ande­re sich damit überhaupt auseinandersetzen will. Falls ich den Anspruch aufgebe, anderen Menschen im Ver­lauf eines Gesprächs sofort zu einer abschließenden Lösung verhelfen zu wollen., dann ist das sehr entlastend für mic.

Eine wirkungsvolle Gesprächsführung entfaltet sich am Besten, wenn ich bewußter die eigenen Stärken und Schwächen beach­te und bei der Gesprächsvorbereitung berücksichtige. Ich kann viele Enttäuschungen schon im Keim ersticken, wenn ich die eigenen Schwachpunkte und die 'Fallen', in die ich leicht hineintappe, kenne und zu vermeiden gelernt habe. Dazu muss ich mir in aller Ruhe erst einmal überlegen, ob ich dazu bereit bin,

  • bei Passivität des Gesprächspartners sogleich für ihn aktiv zu werden und mich abzurackern;
  • es anderen recht zu machen;
  • vorschnell alle Schuld auf mich zu nehmen und mich klein zu ma­chen;
  • die Ursachen für Probleme ausschließlich im Verhalten anderer zu suchen;
  • unbequeme, aber wichtigen Themenbereichen aus dem Weg zu gehen oder sie Dritten gegenüber anzusprechen;
  • das Problematische zu akzentuieren und das Positive zu mißachten;
  • viel negative Zuwendung zu verteilen.

Die genannten Aspekte liefern viel Raum für Selbsttäuschungen, so dass es sehr sinnvoll sein kann, sich vor wichtigen Gesprächen mit einer unvoreingenommenen Person zu beraten. Besonders den professionell arbeitenden Mitarbeitern und Führungskräften ist es zu empfehlen, sich regel­mäßig Supervision für ihre Arbeit zu holen.

Anregungen zur Selbstreflexion:

  1. Vergegenwärtigen Sie sich ein oder zwei Stärken und Schwächen, die Sie wiederholt in Ihrer eigenen Gesprächsführung feststellen.
  2. Erinnern Sie sich an Hinweise von Dritten zu Ihrem Gesprächsverhal­ten. Was haben diese als hilfreich oder störend an Ihnen erlebt?
  3. Springen Sie auf bestimmte Gesprächskonstellationen oder ein bestimmtes Verhalten an­derer in einer unproduktiven Weise an?
  4. Suchen oder malen Sie sich je ein Symbol für Ihre Schwachpunkte und für ein in schwierigen Gesprächssituationen besonders hilfreiches Ver­halten. Plazieren Sie diese Symbole so, daß sie Ihnen in der konkreten Situation ins Auge fallen.

Anderen respektvoll gegenübertreten

Dieser Punkt meint weniger eine Regel als vielmehr eine inne­re Haltung: Ich nehme die anderen ernst mit ihren Problemen und in ihrem Bemühen um eine Problemlösung sowie in ihrer grundsätzli­chen Fähigkeit, selbstverantwortlich zu handeln. W ir nehmen an, dass es in jedem Menschen einen konstruktiven Kern und gute Ressour­cen gibt, selbst wenn im momentanen Verhalten nichts oder nicht viel da­von zu erkennen ist. Es geht dann darum, diesen oft recht verschütteten Kern zu finden, um sich dann mit ihm zu verbünden. Menschen, die aus dieser Haltung heraus handeln, laufen keine Gefahr, abwertende zu vergleichen, sind gelassen gegenüber der tatsächlichen Wirklichkeit und offen für positive Entwicklungen.
Jegliches Verhalten hatte ursprünglich einen sinnvollen Zweck zum Ziel, der nur allzu häufig heute und an der Oberfläche nicht mehr erkennbar ist. Mir das bewußt zu machen hilft, die Person zu respektieren, auch wenn ich ihr aktuelles Verhalten als problematisch und unangemessen einstufe. Gerade im Kontakt mit Kindern, Unter­gebenen und alten Menschen kommt es häufig vor, dass diese Haltung mißachtet wird. Oft führt aber gerade das Gefühl, geachtet oder zumindest ernst genommen zu werden, zu einem Klima, in dem die Bereitschaft zu konstruktiven Lö­sungen erst gedeihen kann. Diese dem Anderen gezollte Wertschätzung kann ich selbstverständlich auch für meine Person mit den eigenen Bedürfnis­sen und Schwierigkeiten erwarten.
Falls ich diese Überzeugung gegen einen bestimmten Men­schen nicht oder nur mit Mühe aufrecht erhalten kann - zum Beispiel weil mich sein Verhalten sehr verärgert oder gar verletzt - dann sollte ich mich auf klare Anweisungen und Wünsche beschränken oder aber den Kontakt abbrechen. Es geht nicht darum, um jeden Preis ein Gespräch zu führen versu­chen, an dessen Ende eine einvernehmliche Lösung stehen soll. Ähnli­ch verhält es sich, wenn ich etwa eine dienstliche Anweisung auszu­sprechen habe, deren Erfüllung nicht zur Disposition steht. Anstatt die Anordnung part­nerzentriert zu verbrämen, ist es sinnvoller, diese deutlich auszuspre­chen und falls möglich inhaltlich transparent zu machen.

Kontakt herstellen

Jede Kommunikation beruht auf Kontakt. Dies wird ernsthaft kaum jemand bestreiten. Trotzdem wird oft geredet, obwohl kein Kontakt mehr zum anderen besteht oder dieser nie bestanden hat. Die Beteilig­ten am Gespräch haben auf 'Durchzug' gestellt oder versuchen nur, ihre eigenen Mei­nungen anzubringen; es findet lediglich der Austausch von Monologen statt. Unangenehm ist es vor allem dann, wenn Menschen pausenlos reden (unterrichten), ohne zu registrieren, dass das Gegenüber nonverbal schon längst den Abbruch des Kontakts signalisiert hat. Das ist so ineffektiv, wie wenn etwa Lehrerinnen lautstarke Ermahnungen ungerichtet in den Klas­senraum posaunen. Die eigentlich Gemeinten fühlen sich nicht direkt an­gesprochen, und die anderen Mitschüler fühlen sich ungerecht behandelt.

Der augenfälligste Kontakt im wahrsten Sinne des Wortes ist der Blickkontakt. Dabei geht es natürlich nicht darum, sich unentwegt anzustarren. In vielen Gesprächen werden Sie viel­ mehr beobachten können, daß Sie, solange Sie mit der Formulierung ei­nes Gedankens beschäftigt sind, den Blick häufig vom Gesprächspartner abwenden und ihn quasi nach innen richten. Wenn Sie dann wissen, was Sie sagen möchten, nehmen Sie wieder Blickkontakt auf und sprechen.

Der permanente Blickkontakt behindert in vielen Fällen das Entstehen innerer Bilder, wenn es darum geht, sich bestimmte Sachverhalte vor das 'innere Auge' zu rufen. Auf die Frage nach der Mündung und Quelle eines Flusses, blickt ein Schüler etwa an die Decke, weil ihn dieser Blick nach oben in die Lage versetzt, sich an die Landkarte zu erinnern, nach der er gelernt hat. Es ist also eine (sehr verbreitete) Unsitte von Lehrern , in solchen Situationen - oft zur Erheiterung der Mitschülerinnen - zu sagen: „Also an der Decke steht das Gefragte nun wirklich nicht!" Denn genau dort oben 'steht es' für den Schüler - aber eben nicht in den Augen des Lehrers!

Geht der Blickkontakt in wichtigen Gesprächssituationen nun tatsäch­lich verloren, so können wir ihn wieder­herstellen:

  • direkt dazu auffordern (wenn es mir wichtig ist, daß mein Anliegen w irklich ankommt),
  • schweigen (bis mein Gegenüber nachsieht, was los ist),
  • nachfragen (ob der andere das Gespräch weiterführen will oder was sonst los ist).

Die gezielte Aufnahme von Blickkontakt kann dabei helfen, sich aus alten, unproduktiven Gefühlen zu lösen, ins Hier und Jetzt zu kommen und das Denken zu aktivieren.

Art und Intensität eines aktuell bestehenden Kontakts lassen sich auch im Körperausdruck ablesen. Menschen, die sich gut und lange kennen, werden sich im vertrauensvollen Gespräch in Körperhaltung und Sprechweise einander annähern. W enn sie sich im wahrsten Sinne des Wortes gut aufeinander einstellen, kommt ein tragfähiger Kontakt zustan­de. Treffen sie sich jedoch nicht richtig, wenn die Körpersprache also weit auseinanderklafft, dann ist regelmäßig die Kommunika­tion gestört und es ist die Gefahr gegeben, dass sie aneinander vorbeireden.
Beispiel: Eine betonte Selbstsicherheit und ein zur Schau getragener Optimismus wirken bei der ersten Kontaktaufnahme mit depressiven Perso­nen auf diese eher abschreckend. Falls die Diskrepanz im Fühlen und Verhalten zu groß ist, dann erfolgt eine Entfremdung1. Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird es jedoch Sinn machen, Zuversicht und Selbstbe­wußtsein auch in Mimik, Gestik und Redeweise erkennbar auszustrahlen und den Gesprächspartner damit 'anzustecken'. Dabei sollte beachtet werden, ob die betreffende Person dem Impuls auch wirklich folgt oder ob sie in ihrem mitgebrachten Muster verbleibt.

Erwartungen klären

Auf das Aussprechen der gegenseitigen Erwartungen folgt im besten Falle die Formulierung eines klaren Ziels, dem auch beide Seiten zustimmen können. (siehe auch weiter oben unter Gesprächsvorbereitung und weiter unten unter Verträge)

Auf diese Art und Weise können wir unrealistische Erwartungen frühzeitig korri­gieren und nötigenfalls auch zurückweisen. Oft werden dabei heimliche Erwartungen aufgedeckt, die andernfalls unausgesprochen durch das Gespräch 'mitgeschleppt' worden wären. Die Gefahr von Irritationen, Enttäuschungen und gegenseitigen Vorwürfen wäre gegeben. Mesitens genügt schon eine kurze Klärung der Erwartungen allen Beteiligten, um sich über ihre Motive klar zu werden und später eine stimmige Vereinbarung zu treffen.

Informationen zum Thema einholen

Es ist ebenso verbreitet wie unproduktiv, mit Lösungsvorschlägen aufzu­warten, bevor überhaupt klar ist, um welche Schwierigkeiten es eigent­lich geht. „Ja ja, ich w eiß schon, wo Ihr Problem liegt - am besten Sie machen...!"

Schon in der Einstiegsphase ist es also wichtig, sich eine differenzierte Problembeschreibung geben zu lassen und die dafür notwendigen Infor­mationen einzuholen. Schon beim Zusammentragen von Informationen kann vieles geordnet und geklärt werden. Hilfreich ist dabei

  • öffnende Fragen zu stellen (alle 'W -Fragen' w ie z .B .: „W as ist kon­kret deine Schwierigkeit?") statt Alternativen vorzugeben („Hast du dies Problem oder dies oder jenes...?");
  • die gehörten Informationen nicht zu bewerten („Um Himmels Willen, w ie konntest du nur - das ist ja schrecklich!"), damit der Andere nicht verunsichert oder geängstigt wird;
  • den anderen aufzufordern, das Problemfeld zu strukturieren, falls er Probleme aufhäuft, zu viele Details oder eine zu große Komplexität präsentiert. Dann geht es darum, herauszufinden, was hier und heute aktuell und bearbeitbar ist („Ordne deine Probleme nach ihrer Bedeutung!" „Mit welchem Aspekt wollen Sie beginnen?").

Zeitweise muß man sich vor einer Überflutung durch Stoppen des Redeflusses schützen; es macht nämlich keinen Sinn, mit dem Gesprächspart­ner in seinen Problemen zu versinken. Manche Menschen benutzen ge­rade diese Art der Problemdarstellung, um letzten Endes in der Passivität verbleiben zu können. Ein sicheres Signal ist es, wenn ich selbst ungeduldig werde oder
kaum mehr alle bisher benannten Aspekte und Teilprobleme behalten kann.

Falls der Gesprächspartner zu wenig oder zu unklare Informatio­nen liefert, dann sollte man lieber das Gespräch unterbrechen und ihn dazu auf­fordern, sich die nötigen Informationen erst einmal selbst zu beschaffen.
Das kann ein wichtiger Schritt sein, um den Anderen zu mehr Aktivität und damit zum Aufgeben einer unangemessenen Abhängigkeit aufzufordern. Gezielte Selbstbeobachtungsaufgaben können helfen, wenn man durch sie ein effektives Arbeiten am Problem vorbereiten kann.

Im 'Hier und Jetzt' arbeiten

Aktuelle Probleme anzugehen bedürfen hier und heute der Perspektiven für die Zukunft unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus der Vergangenheit. Die gegenwärtig aufgetretene Schwierigkeit ist im Kontext von Zukunft und Vergangenheit zu sehen. Dabei sollte der Fokus jedoch klar in der Gegenwart bleiben.

Zu vermeiden ist

  • in negativen Gefühlen zu versinken, die in der Biographie wurzeln. Das sich ständig wiederholende Erörtern von früheren Erlebnissen und den damit verbundenen Gefühlen erschwert eine produktive Arbeit an den Problemen im Hier und Heute.
  • rechthaberisch 'olle Kamellen' durchzukauen; diese verbrauchen unnötig viel Energie und sind eine Spielwiese für Verdrehungen, Selbstbezichtigungen, Anklagen und andere subjektive und daher nur schwer überprüfbare Sichtweisen. Sinnvoller erscheint dann die Frage: „Was bedeutet das alles heute für dich, und was willst du künftig anders machen?" Wenn mög­lich, sollten die Beteiligten bereits in der konkreten Gesprächssituation neues Verhalten ausprobieren, beispielsweise indem sie damit anfangen, Lob und Kritik in Arbeitsgruppen offen und direkt zu äußern.

Anregungen zur Selbstreflexion:

  1. Erinnern Sie sich einmal an das letzte Konfliktgespräch im privaten Be­reich. Worum ging es dabei?
  2. Wie war in diesem Gespräch die Verteilung von Verhaltensweisen und Ereignissen aus der Vergangenheit, Problemen im Hier und Jetzt und Lösungen für die Zukunft?
  3. Wenn sie gewahr werden, daß Sie auf 'ollen Kamellen herumgekaut' haben: kommt das häufiger vor in Gesprächen, an denen Sie beteiligt sind? Haben Sie selbst evtl. bestimmte 'Lieblingskamellen'?
  4. Wenn andere Ihnen mit 'ollen Kam ellen' kommen, welche Gefühle haben Sie dabei und wie verhalten Sie sich dann?

'Ich' statt 'Man' und 'Wir' benutzen

Der Gebrauch von 'Man' und 'Wir' hat häufig zum Ziel,

  • eigene Bedürfnisse und Positionen („Jetzt würde uns allen eine Pause gut tun."); zu vernebeln
  • die Verantwortung für die eigenen Aussagen zu über­nehmen („Man könnte vielleicht einmal ausprobieren ...") zu verweigern,
  • eine gezielte manipulative Absicht („Wir sind doch sicherlich alle der Meinung ...").

Um die Veränderung eines Verhaltens anzuregen, ist es sinnvol­ler, klare Ich-Du-Botschaften modellhaft zu praktizieren, als krampfhaft die Einhaltung einer Regel anzumahnen. Oft verwenden die Menschen sol­che Verallgemeinerungen als Schutz, den sie anfangs zu benötigen glau­ben. Teilweise ist das auch in Ordnung. Man sollte jedoch darauf aufmerksam machen, wenn 'M an', 'W ir' und gele­gentlich auch 'Es' zur Verschleierung dienen oder in Verbindung mit passivem Verhalten Verwendung finden. Dann ist es wichtig, sich gegen das vereinnahmende 'W ir' abzugrenzen, mehr Deutlich­keit anzumahnen und Eigenverantwortlichkeit anzuregen.

Wichtige Gesprächsinhalte paraphrasieren

In der partnerzentrierten Gesprächsführung ist es wichtig, die Gesprächs- und (vermuteten) Gefühlsinhalte mit eigenen Worten zu wiederholen. Doch wird diese Redeweise, wenn Sie zu durchgängig und unstimmig praktiziert wird, leicht als gekünstelt emp­funden und hinterläßt bei den Gesprächspartnerinnen ein Gefühl des Behandelt-Werdens. Zudem besteht die Gefahr einer sehr subtilen Manipulation durch kontinuierliche geringfügige Umdeutungen von Aussagen der anderen Person, was dann mehr einem 'parafrisieren' ent­spräche.

Trotzdem ist das Paraphrasieren an Schlüsselstellen des Dialogs ein wesentlich Element des Gesprächs. Es befriedigt zunächst das existentielle Grundbedürfnis nach Akzeptanz, indem sich die Gesprächspartnerin wahrgenommen und verstanden fühlt. Besondere Wichtigkeit erlangt das Paraphrasieren in Gesprächssituationen, in denen unterschiedliche Einstellungen und Sichtweisen der Beteiligten aufeinandertreffen. (Siehe auch 'Bezugs­rahmen und Redefinieren') Dabei wird die Tendenz wirksam, die eigene vertraute Sichtweise aufrecht zu erhalten und gegenüber Bedrohungen abzuschotten. In solchen Gesprächsphasen ist es ent­scheidend, ein unmißverständliches gegenseitiges Verstehen zu gewähr­leisten. Zudem verschafft das Paraphrasieren einen zeitlichen Gewinn.

Einige Einleitungen bzw. Einladungen zum Paraphrasieren:

  • „ Ist es das
  • „Habe ich dich richtig verstanden, daß ...?"
  • „Wie ist das bei dir angekommen, was ich gerade gesagt habe?"

Körperausdruck und Gefühlsinhalte beachten

Da sitzt eine Person - sie hat die Armen verschränkt, die Beine gekreuzt, die Schultern hochgezogen und einen gesenktem Blick und meint „Ich bin ganz offen!"

Eine weitere Person berichtet über ein schmerzliches Erlebnis und lacht dabei.

Eine andere Person spricht darüber, was sie in Zukunft ganz anders machen möchte, Stimme und Körperhaltung drücken jedoch Zögern und Kraftlo­sigkeit aus.

In allen drei Situationen ist es angebracht, stutzig zu werden, weil sich Worte und Körpersignale deutlich widersprechen; sie verweisen auf eine Unsicherheit, einen inneren Konflikt oder heimlichen Vorbehalt.

Wichtig und hilfreich kann es nun sein, die eigene Wahrnehmung vorwurfsfrei mitzuteilen und evtl. den von mir vermuteten Gefühlsinhalt zur Sprache zu bringen. Die betreffende Person bekommt dann die Möglichkeit, etwas Verdrängtes oder Nichtzugelassenes ins Bewußtsein zu holen und deut­lich auszudrücken. Es ergibt sich die Chance, eine tiefer liegende Unsicherheit auszuräumen,
einen inneren Konflikt womöglich zu lösen, einen Vorbehalt bewußt zu respektieren oder aufzulösen. Das Ganze funktioniert jedoch nur bei einer vertrauensvollen Gesprächsbasis und bei erkennbar stabiler seelischer Verfassung.

Ebenso wichtig ist es, die eigenen Signale des Körpers zu beachten. Wenn ich mich ver­spannt oder anderweitig unwohl fühle und darüber hinweggehe, wird mein Reden und Handeln nicht mehr stimmig sein. Leicht kann ich in ein unerquickliches Gespräch hineinschlittern und den Nährboden für Verwirrung und Verärgerung bereiten. Gelingt es mir nicht, während des Gesprächs durch eine interne Klärung wieder in Übereinstimmung mit mir zu kommen, kann es sinnvoll sein, mitzuteilen, wie es mir selbst geht, die Ursachen zu klären oder auch das Gespräch zu beenden und evtl. später - nach einer Klärung für mich - wiederaufzu­nehmen.

Interpretationen sparsam verwenden und kennzeichnen

Ab dem ersten Moment, an dem ich mit anderen Menschen in Kontakt trete, beginnen auch meine ersten Annahmen darüber, wie die andere Person wohl sein mag, w ie sie zu mir steht und was ich möglicherweise von ihr befürchten muß oder erhoffen darf. Zuständig dafür sind meine aktuellen Wahrnehmungen und auch meine vorangegangenen Er­fahrungen (mit anderen Menschen!) und die daraus abgeleiteten Schlußfolge­rungen.

Das intuitive Erfassen anderer Menschen ist für unser soziales Zusammenleben von großer Bedeutung. Wer eine gute Intuition hat, ist gut gerüstet. Allerdings gehen Wahrnehmungen und Interpretationen dabei meist nahtlos ineinander über. Die aus der Wahrnehmung ein und der­selben Situation abgeleiteten Deutungen und Vermutungen können stark variieren . Oft entsprechen sie der Anzahl der anwesenden Personen, insbesondere dann, wenn sie unreflektiert aus den subjektiven Sichtweisen heraus entwickelt und mit Phantasien angerei­chert werden.

Wenn Sie einen Vortrag halten und registrieren, dass eine Teilnehmerin häufig aus dem Fenster blickt, dann könnte man sich sagen: „Die langweilt sich. Sie lehnt mein Thema ab - oder
gar meine Person? Ich bin wohl ein schlechter Referent." Ihre Ver­mutungen verdichten sich dann zur vermeintlichen 'Gewißheit; man beginnt, es ihr möglichst recht zu machen, oder beschließt, es ihr bei der ersten Ge legenheit heimzuzahlen. Dabei hat genau diese Teilnehmerin vielleicht nur auf diese Weise besonders gut zugehört oder sie sieht draußen in diesem Moment gerade etwas Interessantes oder sie hängt einer verliebten Träumerei­ nach.

Watzlawick (1983) beschreibt diesen Zusammenhang ungeprüfter Interpretationen und vorauseilender Vermutungen, die zu geradezu grotesken Fehlentscheidungen führen können, in der Parabel vom Mann, der sich einen Hammer ausleihen will:

Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Ham mer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. U nd was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann
man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht's mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öff­net, doch noch bevor er "Guten Tag“ sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“

Oft kommunizieren wir mehr mit dem phantasierten Bild ei­ner Person als mit dem realen Menschen. Dabei treten wir sozusagen als Gedankenleser auf, indem w ir immer schon im voraus wissen,
was jemand denkt, fühlt und sagen will. Interpretierende Sätze beginnen häufig mit den Worten „Du machst das ja doch nur, um ...”, „Du bist auch einer, der ...", „Eigentlich willst/meinst du in Wahrheit...' .

Dadurch erschweren w ir es der anderen Person ungemein, ihr Verhalten zu verän­dern, da wir uns weigern, sie aus dem Gefängnis unserer projektiven2 Phantasien zu entlassen.
Deshalb ist es immanent wichtig Wahrnehmung, Interpretation und Vermutung säuberlich voneinander zu unterscheiden. Interpretationen sind stets Grenzüberschreitungen - der Respekt vor dem
Innenbereich einer anderen Person gebietet es, vor dem Betreten um Erlaubnis zu fragen („Ich habe in Bezug auf dein Verhalten eine Vermu­tung. Möchtest du sie hören?"). Interpretationen sollten nur sparsam ver­wendet, gekennzeichnet und zur Überprüfung angeboten werden. Falls der Andere damit beginnt sich als 'Gedankenleser' aufzuspielen („Ich weiß genau, worauf Sie jetzt hinauswollen ...") oder Interpretationen un­seres Verhaltens einfließen lassen, die möglicherweise absolut unzutreffend sind („Jetzt werden Sie mich bestimmt verachten ..."), ist es natürlich
notwendig, dieses zu konfrontieren („W ann wirst du mich aus dem Gefängnis deiner Interpretationen herauslassen?").

Authentisch und selektiv miteinander reden

Es sollte sich von selbst verstehen, in der Gesprächsführung aufrichtig zu sein in dem, was ich sage und tue. Das heißt aber nicht, schonungslose Of­fenheit zu praktizieren, indem ich alles mitteile, was ich beim anderen beobachte und vermute. Dies wäre eine unzulässige Selbstinszenierung, um zu zeigen, was ich alles weiß und wie gut ich bin. Vielmehr sollte man im Blick behalten,

  • was ich mit der Gesprächspartnerin im Rahmen des Gesprächskon­takts vereinbart habe,
  • was für mein Gegenüber zum gegenwärtigen Zeitpunkt bearbeitbar bzw. zumutbar ist und
  • was ich ggf. aufzufangen in der Lage bin.

Überforderungen sind letztendlich für alle Beteiligten kontraproduktiv. Natürlich darf man aber auch nicht aus Konflikt­scheu um den heißen Brei herumreden.

50%-Regel beachten

Mindestens 50% der Energie zur Problemlösung sollten nach dieser Regel beim Gesprächspartner liegen. Sie hilft mir auf einfache Weise, Ungleichgewichte in der Gesprächsführung festzustellen. Wenn jemand mit seinem Problem zu mir kommt, erleichtert von dannen schreitet und ich mich anschließend schlaflos im Bett wälze, dann ist etwas schief gelaufen. Wenn
ich mich in der Folge dann noch intensiv um eine Lösung bemühe, wäh­rend die betreffende Person immer weniger Energie aufwendet (siehe 'Passivität'), dann habe ich mir mit Sicherheit
mehr als 50% der Verantwortung aufgebürdet. In einem solchen Falle ist es ange­sagt, sich zu fragen, um wessen Problem es hier eigentlich geht und wer wieviel Energie zu dessen Lösung aufwendet. Aus eigener schmerzli­cher Erfahrung heraus liegt uns diese Regel besonders am Herzen.

Anregungen zur Selbstreflexion:
Vergegenwärtigen Sie sich ein Gespräch, in dem eine andere Person mit einem Problem zu ihnen kam.

  • Worum ging es dabei?
  • Wie sehen Sie nachträglich die Verteilung der Aktivität im Gesprächs­verlauf und besonders in der Phase, in der es um konkrete Lösungen ging?
  • Wie fühlten Sie sich am Ende?
  • Als wie tragfähig und dauerhaft erwies sich im Nachhinein das Ge­sprächsergebnis?

Bilanz ziehen

Ebenso wichtig wie eine gute Vorbereitung und eine präzise Erwartungs­klärung zu Beginn eines Gesprächs ist eine aufmerksame Bilanzierung des Erreichten am Ende. Für die Weiterarbeit ist es in der Regel sehr loh­nenswert, Zeit dafür einzuplanen, den gegenwärtigen Stand und das weitere Vorgehen mit den anderen Beteiligten zu besprechen. Dabei kann das Ergebnis noch einmal im Licht der anfänglichen Vereinbarungen ange­schaut werden. W ichtige Fragestellungen sind in diesem Zusammenhang:

  • W as wollten wir? Was war unsere Thema und Ziel?
  • Was haben w ir geklärt und erreicht?
  • W as ist offengeblieben?
  • Sind neue Aspekte aufgetaucht?
  • W elche nächsten Schritte sind zu planen?

Eine solche Auswertung bedarf meistens nur weniger Minuten. Danach können stimmige Verabredungen getroffen werden. Schließlich gehört ans Ende eines jeden Gesprächs ein kurzes gegenseiti­ges Feedback, auch und gerade dann, wenn es um schwierige Themen ging.

Zusammenfassung: Grundregeln für die Gesprächsführung

  1. Mich auf das Gespräch vorbereiten
    Mein Ziel?
    Meine Einstellung, mein Gefühl zum anderen?
    Meine Fallen, meine Stärken?
  2. Anderen respektvoll gegenübertreten
  3. Kontakt herstellen
    Blickkontakt!
    Körperausdruck beobachten und auf Kongruenz achten!
  4. Erwartungen klären
    Worum geht es?
    Was wollen wir voneinander?
  5. Informationen zum Thema einholen
    Nicht werten!
    Öffnende Fragen stellen, statt Alternativen vorzugeben!
    Informationsflut stoppen - strukturieren und auswählen lassen!
  6. Im Hier und Jetzt arbeiten
    Nicht in der 'Archäologie' stecken bleiben!
    Keine 'ollen Kamellen' durchkauen!
    Keine Aussagen nach dem Muster: "Wenn nur erst ..."!
  7. 'Ich' statt 'Man' und 'Wir' verwenden
  8. Wichtige Gesprächsinhalte paraphrasieren (lassen)
  9. Körperausdruck und Gefühlsinhalte beachten
  10. Interpretationen deutlich machen
    Sparsam anwenden, kennzeichnen, anbieten!
  11. Authentisch und selektiv miteinander reden
    Nicht alles, was wahr ist, muß ich sagen; aber alles, was ich sage,muß wahr sein.
    Nicht alles, was ich will, muß ich auch tun; aber alles, was ich tue,muß ich auch wollen.
  12. 50%- Regel beachten
    Mindestens 50 Prozent der Energie zur Problemlösung müssen beim Gesprächspartner liegen.
    Um wessen Problem geht es hier eigentlich?
  13. Bilanz ziehen
    Was haben wir geklärt, und was ist offen geblieben?
    Welche Fragen sind neu entstanden?
    Welche nächsten Schritte stehen an?
    Feedback
  • 1. Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung (zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit sowie von Menschen zu sich selbst) aufgehoben, verkehrt oder zerstört wird
  • 2. Der Begriff der projektiven Identifikation (oder auch projektiven Identifizierung) stammt von der Psychoanalytikerin Melanie Klein. Es handelt sich hierbei um einen unbewussten Abwehrmechanismus von Konflikten, bei dem Teile des Selbst abgespalten und auf eine andere Person projiziert werden. Diese Person wird dann unbewusst als Teil des eigenen Selbst empfunden.
    Der Begriff wurde von Otto Kernberg im Zusammenhang mit seinen Arbeiten zur Borderline-Persönlichkeitsstörung weiterentwickelt. Borderline-Patienten neigen besonders dazu, den Therapeuten in ihre psychische Konfliktkonstellation mit einzubeziehen. Aus diesem Grund erzeugen Borderline-Patienten beim Therapeuten häufig heftigere Gegenübertragungsgefühle als Patienten mit anderen psychischen Störungen. Die projektive Identifikation ist jedoch nicht auf die Borderline-Persönlichkeitsstörung beschränkt.
    In der therapeutischen Praxis sind Projektive Identifikation seitens des Patienten und Gegenübertragung seitens des Therapeuten in der Regel eng miteinander verbunden. Patienten setzen Tendenzen zur projektiven Identifikation zur eigenen Entlastung unbewusst besonders bei Therapeuten ein, welche aufgrund intensiver Gegenübertragungsgefühle auf den Patienten stark reagieren. Therapeuten reagieren meist intensiver mit Gegenübertragungen auf Patienten, die sie in ihre Konfliktkonstellation mit einbeziehen. Im Idealfall ist die Gegenübertragung dem Therapeuten völlig bewusst und kann so im Sinne des Therapieerfolges genutzt werden.

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