Beziehung zu Menschen mit Psychosen

Psychotische Menschen

  • Schizophrenes Erleben
  • Verhaltensweisen und Umgang

Diagnose Schizophrenie

wird nach dem IC D 10 gestellt, wenn von den nachfolgenden Symptomen 1 bis 4 mindestens e i n Symptom besteht oder wenn von den folgenden Symptomen 5 bis 8 mindestens z w e i Symptome bestehen. Die Symptome müssen dabei über einen Zeitraum von mindestens einen Monat vorhanden sein.

  1. Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Gedankenausbreitung
  2. Kontrollwahn, Beeinflussungswahn, Gefühl des Gemachten deutlich bezogen auf Körper- oder Gliederschmerzen oder bestimmte Gedanken, Tätigkeiten oder Empfindungen, Wahnwahrnehmungen
  3. Kommentierende oder dialogische Stimmen, dlie. über dien Patienten und sein Verhalten sprechen, oder andere Stimmen, die aus einem Körperteil kommen
  4. Anhialtender, kulturell unangemessener u. völlig unrealistischer Wahn, wie der, eine religiöse od. politische Persönlichkeit zu sein, übermenschliche Kräfte und Möglichkeiten zu besitzen
  5. Anhaltende Halluzinationen jeder Sinnesmodalität, begleitet entweder von flüchtigen od. undeutlich ausgebildeten Wahngedanken ohne deutliche affektive Beteiligung, oder begleitet von anhaltenden überwertigen Ideen, oder täglich für Wochen oder Monate auftretend
  6. Gedankenabreißen oder Einschiebungen im Gedankenfluss, was zu Zerfahrenheit, Danebenreden oder Neologismen (Wortneuschöpfungen) führt
  7. Katatone Symptome wie Erregung, Haltungsstereotypien oder wächserne Biegsamkeit, Negativismus, Mulisnius(zeitweiliges Verstummen) und Stupor (Zustand von Bewegungs- und Regungslosigkeit bei klarem Bewusstsein)
  8. „Negative“ Symptome wie auffällige Apathie,Sprachverarmung, verflachte oder inadäquate Affekte, die nicht durch eine Depression oder bestimmte Medikamente verursacht werden

Die gespaltenen Realitäten

Spaltung in zwei Realitäten: Das linke Bild zeigt eine gewöhnliche Alltagsszene mit einem parkenden Auto vor einem Wohnhaus. Bei einem psychotisch erkrankten Menschen kann diese harmlose Situation Todesängste auslösen (rechtes Bild)! Die Antenne auf dem Hausdach wird zum Radarempfänger, die Autoantenne zum dazugehörigen Sender. Die Truhe im Kofferraum stellt einen Sarg dar und der Rauch aus dem Kamin ist der untrügliche Beweis dafür, daß hier eben eine geheime Leichenverbrennung stattfindet. Das Kästchen im Fenster wird zur getarnten Kamera, die Ausschau nach neuen Opfern hält ...

Paranoide Schizophrenie

Beispiel:
Herr B. ist - wenn er krank ist - fest davon überzeugt, daß seine 'Nachbarn ein Komplott gegen ihn betreiben. Sie hätten seine Wohnung mit Abhörgeräten verwanzt, würden ihn über die elektrischen Leitungen verstrahlen und versuchten so, ihn allmählich fertig zu machen und aus diesem Leben zu vertreiben. Auch seine „Darmirritationen“ kämen durch die Nachbarn, er spüre es direkt, wenn sie per Fernsteuerung seine Darmdrehungen, die sehr unangenehm seien, auslösten.
Diese Form, in der psychiatrischen Praxis auch als Paranoid-halluzinatorische Psychose bezeichnet, ist die weltweit häufigste Form. Das Bild ist geprägt von Wahnvorstellungen (Paranoia = Wahn) meist in Kombina­tion mit Halluzinationen, besonders akustischer Art. Beispiele für die häu­figsten Symptome sind Verfolgungswahn (Patient fühlt, sich bedroht oder verfolgt), Beziehungswahn (Patient bezieht z.B. Dinge aus der Zeitung oder in seiner Umgebung auf sich), Coenästhetischer Wahn (Gefühl der Veränderung/Verunstaltung des Körpers oder einzelner Teile}, Stimmen, die den Betroffenen bedrohen oder ihm Befehle geben, nonverbale aku­stische Halluzinationen wie Brummen,' Pfeifen, Lachen, Geruchs- oder Geschmackshalluzinationen (z.B. verbunden mit der Angst, vergiftet zw werden), sexuelle oder andere Körperhalluzinationen.
Die paranoide Schizophrenie verläuft meist in Episoden mit oft vollstän­diger Rückbildung der Symptomatik, kann jedoch auch chronisch verlaufen. Die Behandlung erfolgt nach den allgemeinen Behandlungsre­geln einer Schizophrenie

Beispiel:
Ein Bewohner eines Dauerwohnheimes hat sich in den letzten Tagen immer mehr zurückgezogen. Scheinbar unvermittelt wird er immer gereizter und beschuldigt Mitbewohner, ihn vergiften zu wollen. Deshalb weigere er sich, in dem Haus zu essen und wolle Anzeige wegen Mordversuch erstatten.
Möglicherweise ist in der dichten Form des Zusammenlebens mit anderen Bewohnern für den Betroffenen mit der Zeit eine unerträgliche innere Anspannung entstanden, die nicht durch ein klärendes Gespräch oder Veränderung der Beziehungen („normale Re­aktion“), sondern nur durch den Ausweg über eine psychotische Reakti­on (Externalisierung, Konkretisierung und Grenzziehung) „gelöst" wer­den konnte. Das Beispiel zeigt aber auch, wie durch dièse „Lösung“ neue soziale Probleme und Konflikte (mit den anderen Heimbewohnern und der Leitung) entstehen.

Beachte:
Eine Psychose weist auf eine schwere Störung der Gehirntätigkeit hin, sie führt in der RegeI zu einer massiven Störung des Denkens, Fühlens und Verhaltens, stellt aber gleichzeitig auch eine Lösungsversuch einer für den Betroffenen anders nicht lösbaren massiven innerpsychischen Konfliktsituation dar. Dieser „Lösungsversuch" wird jedoch nicht bewußt gewählt, er ist nicht willentlich steuerbar und im akuten Verlauf auch nicht einsichtig. Im sozialen Kontext führt dieser Lösungsversuch häufig zu massiven Spannungen und Konflikten.

Umgang mit Wahnerkrankten

  • Akzeptieren der "Wahrheit" des Wahnkranken Nicht versuchen den Wahn auszureden oder über objektive Wahrheit streiten
  • Akzeptieren der eigenen Wahrheit, d. h. Realität zu­rückspiegeln und die Wahnvorstellungen als zum anderen gehörig von der eigenen Wahrnehmung abgrenzen
  • Die Kommunikation authentisch, ehrlich und kon­gruent gestalten, d. h. ein möglichst widerspruchs­freies verbales und nonverbales Verhalten zeigen
  • Zulassen und Reflektieren eigener Gefühle
  • Versuchen die Angst und Not zum Gesprächsthe­ma zu machen und nicht den Inhalt des Wahns. Grundsätzlich ist in der Beziehungsgestaltung auf ein „professionelles Nähe-Distanzgleichgewicht" zu achten. Gut gemein­te, aber wenig reflektierte Kumpelhaftigkeit (hier ist auch das in sozia­len Einrichtungen häufig gepflegte Duzen von Klienten/Patienten kri­tisch zu nennen!) kann dieses Gleichgewicht ebenso bedrohen (Hos­pitalismusgefahr!) wie pseudoprofessionelle Kühle und Teilnahmslo­sigkeit. Dieses Nähe-Distanz-Gleichgewicht kann unterstützt werden durch klare und eindeutige Rahmenbedingungen (z.B. Stations- oder Hausregel)
  • klare und eindeutige Absprachen (z.B. über Art und Umfang des Kontaktes und der Betreuung)
  • frühe, klare und eindeutige Ankündigungen (z.B. von bevorste­henden Änderungen, z.B. Urlaub oder Vertretung
  • Verbindlichkeit und Verläßlichkeit des professionellen Helfers
  • rechtzeitige Absprachen und Klärungen im Team
  • offener Austausch im Team, um Spaltungen entgegen zu wir­ken

Besonders wichtig erscheinen Klarheit, Eindeutigkeit, Verbindlich­keit und Verläßlichkeit in der Beziehungsgestaltung. Zu große Nähe oder gar Intimität, aber auch zweideutige, ironische oder widersprüchli­che Kommunikation verwirren (machen „irre“!) genauso wie Kühle, Di­stanz oder gar Ablehnung.

Hilfreich kann zusätzlich Triangulierung sein: dieser der Psy­choanalyse entlehnte Begriff, der die Auflösung einer Zweierbeziehung in eine Dreierbeziehung beschreibt, meint hier die Erweiterung einer möglicherweise als zu persönlich, zu nah oder gar bedrohlich erlebten Beziehungssituation zwischen Klient und Helfer durch eine dritte Per­son oder durch Bezugnahme auf etwas Drittes, zum Beispiel eine verbindliche Haus- oder Stationsregel. Der Vorteil liegt darin, daß zum Beispiel das kritische Ansprechen von Verhaltensweisen des Bewoh­ners einer Wohngruppe nicht als „persönliches Nichtmögen“ des Sozial­arbeiters interpretiert wird sondern durch Unterstützung durch einen Dritten oder durch Berufung auf eine gemeinsame Hausregel aus der persönlichen Zweierbeziehung herausgenommen und somit für den Be­wohner einsichtiger und akzeptabler wird. Es muß jeweils im Einzelfall entschieden werden, ob die Nähe einer Zweierbeziehung oder die Tri­angulierung hilfeich ist.

Schweigen / „Ich weiß nicht“

Do’s Don’ts
Das Schweigen lesen: Beweggründe herausfinden um adäquater reagieren zu können. Blickrichtung des Klienten beobachten. Aktionismus und zu schnelles Reagieren, um das Schweigen zu beenden.
Eigenes Abwarten trainieren. Von Thema zu Thema bzw. Frage zu Frage springen, um der eigenen Unsicherheit bzw. Angst vor dem Schweigen zu entgehen.
Einfache Fragen stellen, um die Antwortwahrscheinlichkeit zu erhöhen. Zu komplizierte, lange und verschachtelte Fragen stellen (erleichtern „Ich weiß nicht“ als Antwort).
Zur Abklärung / Diagnostik motivieren bzw. sie überprüfen lassen. (Angststörung?) Ärgerlich reagieren: „Jetzt machen sie doch endlich mal den Mund auf.
Das Schweigen bzw. „Ich weiß nicht“ ansprechen und den weiteren Sinn der Beratung in Frage stellen. Don’ts

Bausteine Psychosentherapie

„Psychosen “

  • Zu Beginn dieser Erkrankungen ist die Prognose oft un­klar: Ungefähr ein Drittel der Betroffenen wird wieder gesund, ein weiteres Drittel behält eine Restsymptoma­tik und das letzte Drittel endet chronisch.
  • Mit längeren Klinikaufenthalten und AU-Zeiten muss fast immer gerechnet werden.
  • Eine stationäre Reha zu Lasten des RV-Trägers nach der akut psychiatrischen Behandlung auf Spezialabtei­lungen für Psychosekranke wird viel zu selten initiiert. Stattdessen werden die meisten Patienten „pauschal“ in die Tagesklinjk des Klinikträgers aufgenommen. Hier sollte eine Intervention versucht werden.
  • Häusliche psychiatrische Krankenpflege (§37 SGB V) oder Ambulante Soziotherapie (§37a SGB V) sind in der Regel gute Kosteneinsparungsinstrumente und daher immer eine „gute neue Frage“.
  • Die Vermittlung zu Selbsthilfeinitiativen (z. B. Bundes­verband der Angehörigen psychisch Kranker oderPsychose-Gespräche beim örtlichen Gesundheitsamt) sta­bilisieren oft die Patienten und deren Angehörigen und tragen so zur verringerten Inanspruchnahme von Leis­tungen bei.
  • Eine „Aufforderung“ nach § 51 SGB V sollte nur in Aus­nahmefällen erfolgen. Die Patienten können die Krankheitssituation/-symptome nicht „simulieren“.
  • Sinnvoll Ist fast immer die „gute neue Frage“ nach der beruflichen Wiedereingliederung bzw. beruflichen Re­habilitation (z. B. Maßnahmen nach dem SGB lli, SGB VI oder SGB IX).
  • Bei den chronifizierten Fällen können Hinweise zum Ambulant betreuten Wohnen (SGB XII) helfen, nach dem Krankengeldende Kosten durch die Inanspruch­nahme von Leistungen zu reduzieren.
  • Da Halluzinationen und Desorientiertheit Krankheitssyrnptome sein können, sollten bei Auskünften der Ver­sicherten (zumindest bei wichtigen Dingen) eine Realitätsiprüfung erfolgen. Wichtig: Nicht mit den Betroffenen über Wahnsymptome diskutieren.

Kommende Termine

Benutzeranmeldung