Beziehungen zu depressiven Menschen

Beziehungen zu depressiven Menschen

  • Symptome der Depression
  • Verhaltensweisen, Umgang und Beziehung

Das Suizidrisiko

Ärzte Zeitung online, 02.09.2008
Selbstmord: Alle 47 Minuten bringt sich in Deutschland ein Mensch um
BAYREUTH (d p a ). Alle 47 Minuten stirbt in Deutschland ein Mensch durch Selbsttötung . Die Zahl der Suizidtoten lag zwar nach Angaben der Selbsthilfeorganisaticm "Angehörige um Suizid" (AGUS) im vergangenen Jahr mit 9402 zum zw eiten Mal in Folge unter der Marke von 10 000. Damit sterben mehr
Menschen in D eutschland durch Suizid als durch Verkehrsunfälle,Drogenmissbrauch. Mord, Totschlag und Aids zusammen.
Das berichtete der Leiter des Referats Suizidologie bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, Manfred Wolfersdorf, am Dienstag in Bayreuth. Die Zahl der Selbstmordversuche schätzt der Chef des Bezirkskrankenhauses Bayreuth auf mehr als 100 000 pro Jahr.
Ursachen für die rückläufige Suizidrate seien die zunehmende Zahl von Kriseninterventionseinrichtungen wie der Telefonseelsorge, eine bessere Aus- und Weiterbildung der Ärzte und der verstärkte Einsatz von Antidepressiva, sagte W olfersdorf im Vorfeld des Weltsuizidpräventionstages am 10. September.

A G U S kümmert sich bundesweit um Angehörige von Suizidtoten
AGUS ist nach Angaben von Bundesgeschäftsführerin Elisabeth Brockmann der einzige bundesweit tätige Verband, der sich um die Angehörigen von Suizidtoten kümmert. Nach ihren Angaben leiden bundesweit mehr als 600.000 Menschen an den langfristigen Folgen der Selbsttötung eines nahen Angehörigen. "Diese Todesart stellt das eigene Leben weitaus stärker infrage als jede andere Todesart", sagte sie. Die "Angehörigen um Suizid" fordern deshalb neben einer Enttabuisierung dieser Todesart und besserer Prävention vor allem flächendeckende Hilfsangebote für Suizidtrauernde und suizidgefährdete Menschen. Da auch viele Kinder und Jugendliche von der Selbsttötung eines nahen Verwandten betroffen sind, müsse die besondere Problematik auch in den Schulen in Zusammenhang m it dem Thema Tod und Trauer behandelt werden. Brockmann appellierte zudem an die Medien, verantwortungsbewusster mit dem Thema Suizid um zugehen und den falschen B egriff Selbstmord nicht zu verwenden.
Erste Anlaufstelle für Menschen in einem psychischen Ausnahmezustand ist die Telefonseelsorge. Unter der bundesweit einheitlichen Telefonnummer 0800 - 111 0 111 bieten geschulte ehrenamtliche Helfer rund um die Uhr eine kostenlose und anonyme Hilfestellung an.

Drei Viertel der Suizidtoten in Deutschland sind Männer
Laut W olfersdorf sind drei Viertel der Suizidtoten in Deutschland Männer, Die Suizidrate steigt mit zunehmendem Alter. Frauen neigen Studien zufolge deutlich m eher zu Selbstmordversuchen als Männer. "Das Tragische bei suizidgefährdeten Menschen ist, dass sie eigentlich am Leben bleiben wollen, dafür aber bereit sind, das eigene Leben einzusetzen", sagte der Leiter der Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung suizidalen Verhaltens der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

http://www.welttag-suizidpraevention.de
http://www.agus-selbsthilfe.de
http://www.suizidprophylaxe.de

Depressionen ...

  • sind weltweit die häufigste psychische Erkrankung
  • ist die am häufigsten zum Tode führende psychische Erkrankung
  • werden bei fast der Hälfte der Betroffenen nicht erkannt und bei mehr als der Hälfte nach der Diagnose nicht angemessen behandelt
  • können -auch wenn es natürlich schwierige und chronische Verläufe gibt- oft mit gutem Erfolg behandelt werden

Was heißt eigentlich Depression?

Genau zu erklären, was unter einer Depression zu verstehen ist, ist nicht leicht. Dies hat hauptsächlich folgende Gründe:

  • Depression darf nicht mit "Depressivität", Trauer oder Niedergeschlagenheit verwechselt werden.
  • Es gibt Übergangsformen von der Trauer über Depressivität bis hin zur Depression, die ein Erkennen der Krankheit erschwe­ren.

-+ Es gibt nicht die Depression, sondern verschiedene Formen depressiver Erkran­kungen, die unterschiedliche Ursachen haben können. Depressive Symptome können bei fast allen psychischen und auch bei körperli­chen Erkrankungen vorkommen.

Abgrenzung zwischen Trauer und Schwermut

Trauernde Depressive
fühlen sich normal und leistungsfähig fühlen sich von der K rankheit überw ältigt, arbeitsunfähig, elend
trauern begrenzte Zeit sind länger depressiv, gehemmt,erschöpft
bewältigen ambivalente und Schuldgefühle beschuldigen sich selbst und fühlen sich wertlos, denken an Suizid
können sich entscheiden „Ich kann nicht wollen“
finden neue Ziele, Sinn finden keine Zukunftsperspektive, sind hoffnungslos
weinen , verstehen die Ursache sind oft unfähig zu weinen und verstehen die Ursache nicht
Gespräche erleichtern verdrängen unverarbeitete Trauer, Gespräche erleichtern erst später
lösen sich vom Verlust halten fest, sind unfähig zu trauern
suchen Kontakte ziehen sich zurück

Körperliche Symptome:

  • Appetitstörungen: Appetitlos mit Gewichtsverlust, gelegentlich auch Appetitzunahme und starker Durst.
  • Atmung: Engegefühl im Brustkorb, Druck auf der Brust, Atemnot, Lufthunger, flache Atmung.
  • Augen: Klagen über falsche oder nicht ausreichende Sehkorrekturen,chronische Entzündungen der vorderen Augenabschnitte, schlechtes
    Sehen, Lichtempfindlichkeit, Augenbrennen.
  • Blasenstörungen: Schmerzen beim Wasserlassen, häufiger Harndrang,Ziehen und Druckgefühle in der Blase, Inkontinenz.
  • Hals-Nasen-Ohrenbereich: Kloß- oder Würgegefühl im Hals, Druckgefühl auf den Ohren, Ohrgeräusche, Schmerzen, Verminderung des Hörvermögens ohne organischen Befund, Geräuschüberempfindlichkeit.
  • Haut und Schleimhäute: Zungenbrennen, unangenehmer Geschmack,Mundgeruch, Trockenheit von Nase und im Mund- und Rachenbereich,Neigung
    zu Verschorfung und Nasenbluten, Trockenheit der Scheidenschleimhaut, Schmerzen beim Verkehr, Hautüberempfindlichkeit,unklarer Juckreiz, die Haut ist blass.
  • Herzbeschwerden: Schmerzen in der Herzgegend (Stechen, Brennen, Klopfen, Druck), Herzrasen, Herzklopfen, Unregelmäßiger Herzschlag.
  • Kopfschmerzen: Kopfdruck oder Kopfschmerzen unterschiedlicher Art,meist Druck auf oder über den Augen, Stirn- oder Hinterhauptdruck,Spannungsschmerz mit Muskelverspannungen im Nacken-Kopf-Bereich.
  • Kreislaufstörungen: Flimmern vor den Augen, Schwindel, Gehstörungen,Kollapsneigung.
  • Magen-Darm-Beschwerden: Übelkeit, Brechreiz und Erbrechen,Völlegefühl, Blähungen, Sodbrennen, belegte Zunge, Magendruck,Verstopfung und/oder Durchfall.
  • Muskulatur/Skelettsystem: Muskelverspannungen im Schulter- und Armbereich, Rücken- und Nackenschmerzen, Gelenkschmerzen.
  • Schlafstörungen: Trotz Müdigkeit Ein- und Durchschlafstörungen, frühes Erwachen, unruhiger zerhackter Schlaf, schwere Träume mit baldigem Wiedererwachen. Tagsüber meist Müdigkeit oder rasche Erschöpfbarkeit, ohne aber Schlaf finden zu können.
  • Sexualität: Zunehmendes Desinteresse, Libido- und Potenzstörungen (Erektionsstörungen, Frigidität), Genitalbeschwerden, Menstruations­störungen bis zum Aufhören der Monatsblutung, Schmerzen.
  • Tränen- und Schweißsekretion: Versiegen der Tränensekretion, ver­minderte Schweißsekretion, aber auch anfallsartige Schweißausbrüche, meist nachts oder zu Beginn einer depressiven Phase.
  • Vegetatives Nervensystem: Hitzewallungen, Kälteschauer, Zittern,erhöhte Empfindlichkeit gegen Temperaturschwankungen, leichtes Erröten("hektische Flecken"), kalte Hände, Arme, Füße und Beine, Erniedrigte Körpertemperatur, Blutdruckschwankungen.
  • Zähne: Zahnschmerzen und Probleme mit dem Zahnersatz trotz unauffälligen Befundes.

Psychische Symptome:

  • Angstzustände: Gefühl, unerwünscht oder im Wege zu sein, nicht geliebt oder akzeptiert bzw. gar verlassen zu werden, umschriebene Befürchtungen (Phobien) oder Ängste bis hin zu Panikattacken ohne erkennbaren Grund.
  • Aufmerksamkeit: Verminderung, rasch erschöpfbar, unfähig, sich mit mehreren Zielen gleichzeitig zu beschäftigen.
  • Beziehungsstörungen: Rückgang oder gar Verlust emotionaler Bezie­hungen und der Gefühle zu anderen ("emotionale Entleert- heit") mit Nachlassen der Erlebnisfähigkeit. Dabei ängstliches Registrieren dieser zunehmenden Distanz zur Umwelt (Gefühle von "Erkalten", "Mauer", "Gra­ben", "wie unter einer Glasglocke").
  • Denkstörungen: Verlangsamtes, umständfiches, mühsames, einfaffsarmes Denken, das nur um wenige Themen kreist, Merk- und Konzentratronsstörungen, Vergesslichkeit, "Leere im K opf"
  • Empfindlichkeit: Übersensibel, leicht kränkbar, unzufrieden, vorwurfsvoll,Gefühl, nicht verstanden zu werden, zu wenig Zuwendung, Fürsorge oder
    Liebe zu bekommen.
  • Energielosigkeit: Passivität, Schwäche, kraftlos, leicht und schnell ermüd­bar und erschöpfbar (auch schon nach kleinen Anstrengungen oder Routi­nearbeiten), keine Aktivität, Initiative, Antrieb, Ausdauer und Geduld bis hin zur Apathie ("Versteinerung").
  • Entfremdungserlebnisse: Depersonalisation ("ich bin nicht mehr ich"),
  • Derealisation (alles wirkt unwirklich, fremd und irreal).
  • Entscheidungsunfähigkeit: Unschlüssig, zwiespältig, entschlussunfähig,Hin-und-hergerissen-sein, ziellos, überängstlich abwägend, fruchtlose Dis­kussionen, die die eigene Entscheidungsunfähigkeit kaschieren sollen (oft zermürbend für Angehörige oder Mitarbeiterinnen).
  • Freudlosigkeit: Mangelnde Fähigkeit, auf eine freundliche Umgebung oder ein erfreuliches Ereignis emotional zu reagieren, genuss- unfähig, lustlos,unfähig, sich unbekümmert zu freuen oder überhaupt etwas zu empfinden.
  • Grübefneigung: Immer die gleichen Denkinhalte bei erschwertem Gedankenwechsel, aber auch Sprunghaftigkeit, nicht am Problem bleiben,nicht zu Ende denken können, Gedankenkreisen, Grübelsucht (vor allem nach dem Früherwachen).
  • Hilflosigkeit: Überbewertung aller Probleme; Gefühl der Perspektive- und Hoffnungslosigkeit, vor allem Machtlosigkeit, überhaupt etwas ändern zu können (Suizidgefahr!) und damit (selbst-)zerstörerische Lebenseinstellung,unbeirrbare Suche nach Negativem.
  • Hypochondrische Befürchtungen: Überschätzung vorhandener und/oder nicht nachweisbarer Erkrankungen, ängstlich-überbesorgte Selbstbeobach­tung mit Klagsamkeit und kaum korrigierbarer Fixierung auf entsprechende Symptome oder Erkrankungen.
  • Innere Leere: Absterben aller Gefühle, Gefühl der Gefühllosigkeit, alles ist wie leer, ausgebrannt, "körperlich traurig", "tot".
  • Innere Unruhe: Nervosität, "wie unter Strom" stehend, Anspannung,Beschäftigungsdrang, zielloses oder rastloses Getriebensein, Klagsamkeit,anklammernd.
  • Interesselosigkeit: Einengung des Interessensspektrums, Interessen­schwund, schließlich völlige Verarmung und Gleichgültigkeit auf allen Gebieten.
  • Minderwertigkeitsgefühle: Allgemeine Unsicherheit, mangelndesSelbstwertgefühl, negative Selbsteinschätzung (dabei aber andererseits überhöhte Selbstanforderung mit unkritischer Selbstüberschätzung und damit der Gefahr des vorprogrammierten Versagens), Entweder-oder-Mentalität, Gefühl von Nutzlosigkeit oder Schuld.
  • Mutlosigkeit: Ratlosigkeit, leicht irritierbar, pessimistisch, negative Sichtweise ("schwarze Brille"), beunruhigt über das bisherige vermeintlich
    zu "fordernde" Auftreten ("immer nur Glück gehabt").
  • Reaktionsfähigkeit: Verlangsamung, weniger im Alltag, eher Im Rahmen bestimmter Anforderungen erkennbar (so können beispielsweise aktives Musizieren, Reflexe rm Sport, Autofahren oder das Bedienen von Maschinen beeinträchtigt sein).
  • Reizbarkeit: Missmutig, vermehrt irritierbar, mürrisch, aufbrausend oder gar aggressiv, versteckt oder offen feindselig.
  • Schuldgefühle: Überbewertung früherer oder aktueller Ereignisse (meist geringfügige Verfehlungen), schuldhaftes Verarbeiten des krankheitsbe­dingten Nicht-Könnens oder Versagens; Versündigungsideen, teilweise sogar Selbstanschuldigungen ohne Grund.
  • Störungen des Körpergefühls: Bewegungs-, Zug- und Druckgefühle im Körperinneren oder an der Körperoberfläche, Hitze- und Kälteempfin­dungen, Taubheitsgefühle etc.
  • Suizidgefahr: Lebensverneinung, Todeswünsche, die von Zukunft oder Therapieergebnis abhängig gemacht werden ("wenn man mir nicht mehr helfen kann, bleibt mir nichts anderes übrig, als mir das Leben zu nehmen"), Wunsch nach Abstand, Vergessen, Ruhe, Pause, "Schlaf (am liebsten einschlafen und nicht mehr aufwachen), konkretere Suizidgedan­ken oder gezielte Suizidabsichten und -pläne.
  • Traurigkeit: Herabgestimmtheit, resigniert, unglücklich, bedrückt,niedergeschlagen, trostlos, deprimiert, tiefe Seufzer, Weinen, aber auch Unfähigkeit zu trauern bzw. zu weinen ("tränenlose Trauer").
  • Verändertes Zeiterleben: Gefühl, dass die Zeit langsamer vergeht (bis hin zum Stillstand), Gefühl der "Zeitlosigkeit".
  • Verarmung: Nichts vorweisen können, nichts haben, durch seine Krankheit nur Geld verbrauchen, die Krankenkasse schädigen oder die Familie der Not aussetzen.
  • Wahnphänomene: Sie sind bei schweren endogenen Depressionen möglich, wie depressiver Verarmungswahn, hypochondrischer Wahn, oder Versündigungswahn. Der "Zeiger der Schuld" weist bei der Depression immer auf sich selbst, bei anderen psychischen Erkrankungen dagegen auf
    die Umwelt.
  • Wahrnehmungsstörungen: Geräuschüberempfindlichkeit, Veränderungen der Geruchs- oder Geschmackswahrnehmung, Lichtüberempfindlichkeit.
  • Zwänge: Zwangsdenken, Zwangsbefürchtungen, Zwangshandlungen.

Psychosoziale Symptome

Begegnungen mit anderen können für die Betroffenen zur Gefahr werden, ihr Selbstwertgefühl ganz zu verlieren. Diese Ängste können so groß werden, dass sich depressiv erkrankte Menschen durch Selbstisolation zu schützen versuchen. Selbstisolation bedeutet für sie Entlastung durch den Wegfall vermeintlich prüfen­der Blicke und die angenommene Infragestellung durch andere Menschen. Andererseits geht dadurch natürlich die Möglichkeit verloren, positive Erfahrungen zu machen.
Es gibt eine ambivalente Situation: Nichts wird sehnlicher gewünscht als Kontakt, Wärme und Nähe zu anderen Menschen, gleichzeitig ist die Angst davor zu groß. Das Bedürfnis sich ab­ zugrenzen und zu isolieren ist stärker. Ein völliger Abbruch der sozialen Kontakte ist aber eher selten und nur bei sehr schweren Formen von Depressionen der Fall.

. Diagnose nach Symptomen und Schweregrad

Hauptsymptome Zusatzsymptome Schweregrad
depressive Stimmung Konzentration und Aufinerksamkeit vermindert
Verlust von Interesse und Freude Selbstwertgefühl und Vertrauen herabgesetzt
Antriebsminderung und erhöhte Ermüdbarkeit Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit
negative,pessimistische Zukunftsperspektiven
Suizidphantasien
Schlafstörungen
verminderter Appetit
2 2 leichte Episode
2 3 - 4 mittelgradige Episode
3 mehr als 4 schwere Episode

Dauer der Haupt- und Zusatzsymptome mindestens 2 Wochen

Standards der Depressionstherapie

Psychopharmaka

Typ Indikation Verschreibungspflicht Suchtpotenzial
Antidepressiva Depression Ja Nein
Lithium Rückfallprophylaxe bei Depressionen Ja Nein
Neuroleptika Psychosen
Bei niedriger Dosierung Angst- und Unruhezustände
Ja Nein
Tranquilizer (Beruhigungsmittel) Psychosen
Angst- und Unruhezustände
Ja Ja
Barbiturate (Schlafmittel) Schlafstörungen Ja Ja
Amphetamine („Aufputschmittel“) Antriebsarmut, „Hyperaktivitäts­syndrom“ Ja Ja

Verhaltenweisen, die sich als hilfreich erwiesen haben

  • Nicht nach dem Motto an den Willen appellieren "sich zusammenreißen" oder "es ginge schon, wenn nur gewollt würde". Hilfreich ist, spüren zu lassen, dass die Betroffenen nicht für Versager gehalten werden, die unfähig sind.
  • Die negativen Empfindungen der Betroffenen, z. B. Klagen über körperliche und psychische Beschwerden, nicht bagatellisieren oder auszureden versuchen.
  • Die momentane Hoffnungslosigkeit als Symptom der Depression ansehen und Hoffnung auf Heilung geben.
  • Schwerer Depressive sollten während der Erkrankung keine wichtigen Entscheidungen treffen.
  • Keine einschneidenden Veränderungen der bisherigen Lebensgewohnheiten.
  • Von Urlaub und längerem Aufenthalt in fremder Umgebung sollte Abstand genommen werden. Das Erleben fröhlicher Menschen in Urlaubsstimmung führt die eigene Situation noch deutlicher vor Augen. Deshalb halten es viele Depressive oft nur wenige Tage in fremder Umgebung aus und kehren schließlich verzweifelt, ratlos und von der Unheilbarkeit ihrer Krankheit stärker überzeugt nach Hause zurück.
  • Einfühlendes Verständnis zeigen, wenn Schwierigkeiten bestehen, etwas zu tun und zu handeln. Andererseits ist Unterstützung wichtig, wenn eigene und realistisch er­scheinende Aufgaben angegangen werden wollen.
  • Auf einen regelmäßigen Tagesablauf bzw. Tagesstruk­turierung achten (Aufstehen, Körperpflege, Essen, Nachtruhe etc.).
  • Verständnis dafür zeigen, dass sexuelle Gefühle während der Depression bzw. als Nebenwirkung der Medikamente nachlassen oder vorübergehend ganz verloren gehen.
  • Vorgespielte Fröhlichkeit und übermäßige Aktivität im Zusammensein mit dem Erkrankten vermeiden.
  • Vorsicht mit Ironie, Sarkasmus oder so genannten harmlosen Scherzen. Der Sinn für Humor geht in der Depression oft ver­ loren, und die Betroffenen sind leicht kränkbar.
  • Äußerungen unterlassen, die lächerlich machen, bloßstellen oder Schuldgefühle wecken könnten.
  • Nicht auf das Grübeln über vergangene Ereignisse eingehen, und während einer schweren Depression nicht nach Anlässen oder Gründen für die Verstimmung suchen. Besser ist, möglichst beim aktuellen Empfinden in der Gegenwart bleiben.
  • Weinen fördern, wenn die Betroffenen dazu in der Lage sind. Tendenzen nach Selbstbeherrschung nicht unterstützen.
  • Antriebslosigkeit

    Do’s Don’ts
    Besonders bei depressiven und psychotischen Klientinnen: Ärztliche Abklärung vorschlagen und gegebenenfalls Medikation überprüfen lassen. Sich unter Druck setzen lassen und ständig neue Ideen aus dem Hut zaubern.
    „Baby Steps“ bei den Aufgaben/Veränderungen. Vorwurfsvolle Haltung einnehmen: „Sie wollen wahrscheinlich gar nicht, dass es Ihnen besser geht, sonst würden sie sich mehr bemühen“
    „Lust-Prinzip“ hinterfragen unddurch „Sinn-Prinzip“ ersetzen. Ansprechen/Aufbau hilfreicher Aktivitäten ganz aufgeben.
    Eigenen Ärger wahrnehmen. Dem Klienten dauerhaft sämtliche Verantwortung abnehmen und zu viel für ihn erledigen.

    Negative Gefühlsäußerungen / Klagen

    Do’s Don’ts
    Aufrechterhaltung der professionellen Distanz: Empathisch bleiben, aber sich nicht vom Klienten „runterziehen“ lassen. Beschwichtigende Floskeln: „Das wird schon wieder“, „So schlimm ist es doch gar nicht“.
    Klarmachen, dass negative Gefühle nun einmal zum Leben gehören und
    ausgehalten werden müssen.“
    In die Verantwortungsfalle tappen: „Ich allein bin zuständig dafür, dass es dem Klienten besser geht.
    Problematisches Verhalten konkret benennen: „Sie klagen ununterbrochen über...“ Aggression / Wut: „Ich kann ihr ständiges Klagen einfach nicht mehr hören“.
    Handlungsspielräume und Alternativen aufzeigen: „Ich kann verstehen, dass sie über ihre Situation klagen, aber lassen sie uns darüber nachdenken wie man sie
    verändern kann).
    Dem Klienten dauerhaft sämtliche Verantwortung abnehmen und zu viel für ihn erledigen.

    Möglichkeiten und Grenzen der Selbsthilfe

    Bei schwereren Depressionen sind der Selbsthilfe Grenzen gesetzt, und Hilfe "von außen" wird benötigt. Dennoch kann es ohne Selbsthilfe auf Dauer weder einen Therapieerfolg noch eine Heilung geben. Bei leichteren Depressionen kann sie dazu beitra­gen, sich aus ihnen zu befreien. Aber auch bei schwereren De­pressionen kann Selbsthilfe dazu beitragen, besser mit der Erkrankung fertig zu werden.

    Verständnisvolle Partnerinnen sind wichtig
    In einer Untersuchung antworteten 900 Frauen auf die Frage, was ihnen in der Depression am besten geholfen habe, dass ihnen Gespräche mit einem verständnisvollen Partner die wichtigste Unterstützung waren. An zweiter Stelle wurde Wissen um die biographischen und psychologischen Hintergründe der Erkrankung genannt. Danach wurden Aktivitäten wie Sport und Hobbys, aber auch sich zurückziehen, Weinen und Aufschreiben der Gefühle angegeben.

    Hinweise und Tipps

    • Unterteilen Sie große Aufgaben in kleine und versuchen Sie, diese nach und nach zu bewältigen. Setzen Sie Prioritäten, was ist wirklich wichtig?
    • Auch wenn Sie keinerlei Lust dazu verspüren: Versuchen Sie, mit anderen Menschen Kontakt zu halten. Seien Sie möglichst wenig allein - selbst wenn Sie sich auch mit anderen Menschen einsam fühlen.
    • Wenn Sie sich einigermaßen gut fühlen, versuchen Sie, alte Aktivitäten wieder aufzunehmen, ohne sich dabei zu überfordern.
    • Versuchen Sie, sich körperliche Bewegung zu verschaffen.
    • Schieben Sie wichtige Entscheidungen auf. Sie könnten sich später als falsch heraussteilen.
    • Erwarten Sie nicht, dass die Depression von heute auf morgen verschwindet. Setzen Sie sich nicht unter Lei­stungsdruck, und versuchen Sie zu akzeptieren, dass eine Besserung Zeit braucht.

    Die Umsetzung dieser Hinweise und Vorschläge sind natürlich von der Schwere der Depression abhängig. Hierdurch werden den Selbsthilfeaktivitäten Grenzen gesetzt. Beispielsweise helfen körperliche Aktivitäten eher bei nicht allzu schweren neurotischen und reaktiven Depressionen. Bei endogenen Depressionen können sie dagegen sogar als Quälerei empfunden werden, weil sie die Betroffenen überfordem.

    FRAGEBOGEN: BI N ICH SCHON DEPRESSIV?

    Dieser wissenschaftlich abgesicherte Test erfasst den aktuellen Gemütszustand. Bitte lesen Sie jeweils alle Aussagen einer Gruppe und kreuzen Sie den Satz an, der am besten beschreibt, wie Sie sich in dieser Woche einschließlich heute gefühlt haben.

    • 0 Ich bin nicht traurig.
    • 1 Ich bin traurig.
    • 2 Ich bin die ganze Zeit traurig und komme nicht davon los.
    • 3 Ich bin so traurig oder unglücklich, dass Ich e s kaum noch ertrage.
    • 0 Ich sehe nicht besonders mutlos in die Zukunft.
    • 1 Ich sehe mutlos in die Zukunft.
    • 2 Ich habe nichts, worauf ich mich freuen kann.
    • 3 Ich habe das Gefühl, dass die Zukunft hoffnungslos Ist und dass die Situation nicht besser werden kann.
    • 0 Ich fühle mich nicht als Versager.
    • 1 Ich habe das Gefühl, öfter versagt zu haben als der Durchschnitt.
    • 2 Wenn ich auf mein Leben zurückblicke, sehe ich bloß eine Menge Fehlschläge.
    • 3 Ich habe das Gefühl, als Mensch ein völ­liger Versager zu sein.
    • 0 Ich kann die Dinge genauso genießen wie früher.
    • 1 Ich kann die Dinge nicht mehr so genie­ßen wie früher.
    • 2 Ich kann aus nichts mehr eine echte Befriedigung ziehen.
    • 3 Ich bin mit allem unzufrieden oder ge­langweilt.
    • 0 Ich habe keine Schuldgefühle.
    • 1 Ich habe häufig Schuldgefühle.
    • 2 Ich habe fast immer Schuldgefühle.
    • 3 Ich habe immer Schuldgefühle.
    • 0 Ich habe nicht das Gefühl, gestraft zu sein.
    • 1 Ich habe das Gefühl, vielleicht bestraft zu werden.
    • 2 Ich erwarte, bestraft zu werden.
    • 3 ich habe das Gefühl, bestraft zu gehören.
    • 0 Ich bin nicht von mir enttäuscht.
    • 1 Ich bin von mir enttäuscht.
    • 2 Ich finde mich fürchterlich.
    • 3 Ich hasse mich.
    • 0 Ich habe nicht das Gefühl, schlechter zu sein als alle anderen.
    • 1 Ich kritisiere mich wegen meiner Fehler oder Schwächen.
    • 2 Ich mache mir die ganze Zeit Vorwürfe wegen meiner Mängel.
    • 3 Ich gebe mir die Schuld für alles, was schief geht.
    • 0 Ich denke nicht daran, mir etwas anzutun.
    • 1 Ich denke manchmal an Selbstmord,aber Ich würde es nicht tun.
    • 2 Ich würde mich am liebsten umbringen.
    • 3 Ich würde mich umbringen, wenn ich es könnte.
    • 0 Ich weine nicht öfter als früher.
    • 1 Ich weine jetzt mehr als früher.
    • 2 Ich weine jetzt die ganze Zeit.
    • 3 Früher konnte Ich weinen, aber jetzt kann Ich es nicht mehr, obwohl ich es möchte.
    • 0 Ich bin nicht reizbarer als sonst.
    • 1 Ich bin jetzt leichter verärgert oder gereizt als früher.
    • 2 Ich fühle mich dauernd gereizt.
    • 3 Die Dinge, die mich früher geärgert haben, berühren mich nicht mehr.
    • 0 Ich habe nicht das Interesse an anderen Menschen verloren.
    • 1 Ich interessiere mich jetzt weniger für andere Menschen als früher.
    • 2 Ich habe mein Interesse an anderen Men­schen zum größten Teil verloren.
    • 3 Ich habe mein ganzes Interesse an anderen Menschen verloren.
    • 0 Ich bin so entschlussfreudig wie immer.
    • 1 Ich schiebe je tzt Entscheidungen öfter als früher auf.
    • 2 Es fällt mir jetzt schwerer als früher, Ent­scheidungen zu treffen.
    • 3 Ich kann überhaupt keine Entscheidun­gen mehr treffen.
    • 0 Ich habe nicht das Gefühl, schlechter aus­zusehen als früher.
    • 1 Ich mache mir Sorgen, dass ich alt oder unattraktiv aussehe.
    • 2 Ich habe das Gefühl, dass in meinem Aus­sehen Veränderungen eingetreten sind,die mich unattraktiv machen.
    • 3 Ich finde mich hässlich.
    • 0 Ich kann so gut arbeiten wie früher.
    • 1 Ich muss mir einen Ruck geben, bevor ich eine Tätigkeit in Angriff nehme.
    • 2 Ich muss mich zu jeder Tätigkeit zwingen.
    • 3 Ich bin unfähig zu arbeiten.
    • 0 Ich schlafe so gut wie sonst.
    • 1 Ich schlafe nicht mehr so gut wie früher.
    • 2 Ich wache 1-2 Stunden früher auf als sonst, und es fällt mir schwer, wieder ein­zuschlafen.
    • 3 Ich wache mehrere Stunden früher auf als sonst und kann nicht mehr einschlafen.
    • 0 Ich ermüde nicht stärker als sonst.
    • 1 Ich ermüde schneller als früher.
    • 2 Fast alles ermüdet mich.
    • 3 Ich bin zu müde, um etwas zu tun.
    • 0 Mein Appetit ist nicht schlechter als sonst.
    • 1 Mein Appetit ist nicht mehr so gut wie früher.
    • 2 Mein Appetit hat sehr stark nachgelassen.
    • 3 Ich habe überhaupt keinen Appetit mehr.
    • 0 Ich habe in letzter Zeit kaum abgenommen.
    • 1 Ich habe mehr als 2 Kilo abgenommen.
    • 2 Ich habe mehr als 5 Kilo abgenommen.
    • 3 Ich habe mehr als 8 Kilo abgenommen.
    • Ich esse absichtlich weniger, um abzu­nehmen.
      ja nein
    • 0 Ich mache mir keine größeren Sorgen um meine Gesundheit als sonst.
    • 1 Ich mache mir Sorgen über körperliche Probleme wie Schmerzen. Magenbe­schwerden oder Verstopfung.
    • 2 Ich mache mir so große Sorgen über gesundheitliche Probleme, dass es mir schwer fällt, an etwas anderes zu denken.
    • 3 Ich mache mir so große Sorgen über gesundheitliche Probleme, dass ich an nichts anderes denken kann.
    • 0 Ich habe In letzter Zeit keine Verände­rung meines Interesses an Sex bemerkt.
    • 1 Ich interessiere mich weniger für Sex als früher.
    • 2 Ich Interessiere mich jetzt viel weniger für Sex als früher.
    • 3 Ich habe das Interesse an Sex völlig ver­loren.

    AUSWERTUNG:
    Addieren Sie die angekreuzten Zahlen. Wenn Sie bei der Aussagegruppe zum Essverhalten die Zusatzfrage mit Ja beantwortet haben, dann werten Sie die Aussage mit 0.

    0-11 Punkte: keine Depression;
    12-17 Punkte: schwache Depression;
    18-26 Punkte: mäßige Depression;
    27 Punkte und höher: schwere Depression.

    Achtung: Die Zahlen sind Orientierungswerte, eine Abklärung mit einem Arzt oder Psychiater ist unbedingt nötig.

    Neues Portal zu depressiven Störungen im Netz

    Arzte Zeitung, 02.12.2010

    Neues Portal zu depressiven Störungen im Netz

    FREBBURG (eb). Die Universitätsklinik Freiburg hat ein Internet-Portal zu Depressionen freigeschaltet. Die Seite http://www.depression-leitlinien.de hat das Ziel, die Qualität der Versorgung depressiv Erkrankter zu optimieren, indem sie wissenschaftlich gesicherte Empfehlungen zu Diagnostik und Behandlung unipolarer depressiver Störungen frei zugänglich macht. Sie wurde durch eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe an den Unikliniken in Freiburg und Hamburg-Eppendorf innerhalb des "Kompetenznetzes Depression, Suizidalität" entwickelt.
    Das Portal umfasst zwei Bereiche: einen für Experten und einen für Betroffene und Angehörige. Der Expertenbereich enthält die Leitlinienempfehlungen zu Diagnostik und Therapie bei depressiven Störungen und richtet sich primär an alle an der Therapie beteiligten Berufsgruppen. Zudem unterstützt ein wissenschaftlich fundiertes Dokumentationssystem Therapeuten dabei, das diagnostische und therapeutische Vorgehen leitlinien- und fallorientiert abzustimmen.

    „Depressionen“

    • Bei mittelschweren und schweren Depressionen wer­den in der Regel Antidepressiva gegeben. Die Wirk­samkeit kann jedoch erst nach einigen Wochen beur­teilt werden und eventuell muss das Medikament ge­wechselt werden. Sollte sich nach spätestens drei Mo­naten keine Besserung einstellen, wäre die Überwei­sung zur fachärztlichen Behandlung eine „gute neue Frage“.
    • Sinnvoll sind Behandlungsversuche auf Depressions-Spezialstationen (SGB VI prüfen!).
    • Bei mittleren und schweren Depressionen sollten „Beur­laubungen“ nur in Ausnahmefällen erfolgen.
    • Eine Konfrontation der Versicherten ähnlich wie bei Persönlichkeitsstörungen sollte vermieden werden. De­pression heißt auch „nicht wollen können“, zu starke
      Aufforderungen können daher das Krankheitsgesche­ hen negativ beeinträchtigen.
    • Eine „Aufforderung“1 nach § 51 SGB V sollte daher nur in Ausnahmefällen erfolgen. Die Patienten können die Krankheitssituation/-symptome nicht „simulieren“.
    • 1.
      Aufforderung zum Antrag auf Leistungen zur Teilhabe:
      § 51 SGB V:
      Wegfall des Krankengeldes, Antrag auf Leistungen zur Teilhabe
      (1) Versicherten, deren Erwerbsfähigkeit nach ärztlichem Gutachten erheblich gefährdet oder gemindert ist, kann die Krankenkasse eine Frist von zehn Wochen setzen, innerhalb der sie einen Antrag auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation und zur Teilhabe am Arbeitsleben zu stellen haben. Haben diese Versicherten ihren Wohnsitz oder gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland, kann ihnen die Krankenkasse eine Frist von zehn Wochen setzen, innerhalb der sie entweder einen Antrag auf Leistungen zur medizinischen Rehabilitation und zur Teilhabe am Arbeitsleben bei einem Leistungsträger mit Sitz im Inland oder einen Antrag auf Rente wegen voller Erwerbsminderung bei einem Träger der gesetzlichen Rentenversicherung mit Sitz im Inland zu stellen haben.
      (2) Erfüllen Versicherte die Voraussetzungen für den Bezug der Regelaltersrente oder Altersrente aus der Alterssicherung der Landwirte bei Vollendung des 65. Lebensjahres, kann ihnen die Krankenkasse eine Frist von zehn Wochen setzen, innerhalb der sie den Antrag auf diese Leistung zu stellen haben.
      (3) Stellen Versicherte innerhalb der Frist den Antrag nicht, entfällt der Anspruch auf Krankengeld mit Ablauf der Frist. Wird der Antrag später gestellt, lebt der Anspruch auf Krankengeld mit dem Tag der Antragstellung wieder auf.

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