Die depressive Struktur

Die depressive Struktur

Verhaltensmerkmale

  • Die Außenwelt hat für depressiv strukturierte Menschen nur wenig Aufforderungscharakter. Haben sie Ansprüche an die Umwelt, werden diese nicht direkt geäußert, stattdessen demonstrieren sie Leiden, um so die Erfüllung ihrer Bedürfnisse (beispielsweise Versorgungswünsche) zu erreichen. Dies wird von der Umwelt oft als stummer Vorwurf gedeutet (passiv fordernd).
  • Der Wunsch nach Liebe eines Objektes kann so stark sein, dass sich depressiv strukturierte Menschen aufopfern oder ihre Lebensmöglichkeiten zu Gunsten anderer stark einschränken. Sie wirken jedoch fürsorglich, warmherzig, bescheiden und selbstlos. Hinter ihrer Bescheidenheit verbirgt sich Aggressionen, die aber als depressive Gefühle erlebt werden und/oder in Form von Selbstvorwürfen auftreten. Depressiv strukturierte Menschen können sich schlecht von den Anforderungen und Zumutungen anderer abgrenzen und werden oft ausgenutzt (nicht
    „Nein-Sagen“ können).
  • Ihre Grundangst ist die Angst vor dem verlassen werden und dem Alleinsein. Um dies zu vermeiden, sind sie süchtig nach Nähe - sie sind „Nähe-Junkies“.

Empfindungsfähigkeit, Empathie und die Fähigkeit sich für andere einzusetzen, sind wichtige Eigenschaften, ohne die eine Gesellschaft egoistisch auseinanderfallen würde!

Ursachen

  • Die Ursache für die Entwicklung dieser Persönlichkeitsstruktur ist eine Störung der Interaktion zwischen Mutter und Kind. Die Kinder bekommen zu wenig emphatisch vermittelte emotionale Nahrung und werden zu früh, zu lange und zu oft allein gelassen oder durch Überfürsorge in ihrer Entwicklung gehemmt. Um diese Enttäuschungen zu überleben, müssen sie abgewehrt werden.
  • Die Bezugspersonen wünschen, dass die hilflose und abhängige Kleinkindsituation erhalten bleibt. Dies resultiert aus ihrer Selbstunsicherheit und aus Angst vor dem Liebesverlust des Kindes.
  • Die Mutter braucht und benutzt das Kind, weil sie seine Liebe braucht. Dem Kind wird damit die Chance zur Selbstentfaltung genommen, seine Eigenimpulse werden erstickt, es bleibt passiv.
  • Versuche des Kindes, sich aus diesem Dilemma zu befreien in dem es Unmut äußert, scheitern meist daran, dass die Mutter dann Schuldgefühlen vermitteln.
  • Die Folge ist, lieber auf die Eigenentwicklung zu verzichten, als der Mutter Kummer zu bereiten. Wenn sie im späteren Leben versucht wird, treten Strafängste, Schuldgefühle und Verlustängste auf.
  • Die Aggressionen über die frühen Misshandlungen können nicht zugelassen werden und richten sich gegen die eigene Person.

Arbeit und Beruf

  • Da depressiv Strukturierte hoffen, dass andere sie brauchen und lieben, wenn sie für sie arbeiten, übernehmen sie oft mehr Arbeit als bewältigt werden kann. Sie verwechseln Leistung mit Liebe.
  • Das starke Interesse an anderen Menschen und seine Einsatzbereitschaft für andere disponieren ihn für soziale Berufe.
  • Andere, die mit weniger Einsatz das Gleiche oder sogar mehr erreichen, werden oft abgewertet. Die Leistung wird an der Anstrengung gemessen und nicht an den Ergebnissen.
  • Vielen fällt es aufgrund ihres Initiativmangels schwer, eine Arbeit zu beenden, weil die Befürchtung besteht, nicht wieder anfangen zu können.
  • Da sie wenig Funktionslust empfinden und nicht initiativ werden, kommen sie nur selten in Leitungspositionen.
  • Die Berentung wird nur schwer verkraftet. Da der Sinn des Lebens darin bestand für andere da zu sein, fehlen dann die entsprechenden Möglichkeiten.

Zentrale Beziehungswünsche

  • Der Wunsch zu versorgen und geliebt zu werden steht im Mittelpunkt der Beziehung. Depressiv strukturierte Menschen haben die Tendenz zu symbiotischen Beziehungen und andere Personen zu „umklammern“.
  • Die Ablösung des Partners aus der Umklammerung kann zu massiven Verlustängsten führen.
  • Andere Objekte können dem Depressiv strukturierten Menschen auch deshalb wichtiger sein als er sich selbst, weil er sich mit den bösen Aspekten des Mutterobjektes identifiziert und bei anderen lediglich das „Gute“ wahrnimmt. Geht es dem Objekt gut, kann sich der Depressive ebenfalls freuen. Ist dies nicht der Fall, geht es ihm schlecht und er fühlt sich dafür verantwortlich. Dieses Muster bedingt natürlich eine extreme Abhängigkeit von anderen und kann zu einem Verzicht auf ein eigenes Leben führen. Bei Männern und Frauen kann sich die aufgestaute „orale Gier“ nach emotionaler Versorgung verschieden äußern:
    • Depressive Frauen, die von der Mutter enttäuscht wurden, suchen beim Vater das, was sie nicht bekommen haben. Bekommen sie das Erhoffte vom Vater, beispielsweise Anerkennung und Lob kann sich das positiv auf die Weiterentwicklung auswirken. Ohne Reflexion/Therapie bleibt aber dennoch ein Mutterproblem bestehen.
    • Bei depressiven Männern können Emotionalitätswünsche ebenfalls teilweise vom Vater kompensiert werden. An das Bild einer Mutter als Quelle von Versorgung und Befriedigung bleiben sie jedoch fixiert und suchen dann oft in ihren Partnerinnen bessere Mütter.

    Umgang mit Trennung

    • Depressiv Strukturierte erleben eine Partnerschaft für die Ewigkeit. Kommt es zu Trennungen, können sie diese oft nur schwer bewältigen und geraten in Lebenskrisen. Ihr Motto ist, aufgrund der tief verwurzelten Verlassenheits- und Trennungsängste und der Schuldgefühle „lieber eine schlechte Beziehung als gar keine“. Sie können schlecht realisieren, dass gerade ihr symbiotisches Verhalten Trennungen provoziert.

    Umgang mit Kindern

    • Im Umgang mit den Kindern vermitteln sie ihnen, sich für andere einzusetzen und sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.
    • Außerdem finden depressiv strukturierte Eltern eine Befriedigung darin, sich übertrieben für ihre Kinder einzusetzen, d. h. ihnen Verantwortung abzunehmen. Den Kindern Selbstständigkeit zu vermitteln und auf ihre Ablösung hinzuarbeiten, kommt dabei zu kurz und fällt ihnen schwer.

    Urlaub und Freizeitverhalten

    • Depressiv strukturierte Menschen wünschen sich oft Entspannung und Urlaub. Etwas zu tun, was Freude und Vergnügen bereitet, ruft jedoch oft ein schlechtes Gewissen in ihnen hervor und führt zu erneutem Stress. Sie können daher kaum unbeschwert etwas genießen und fühlen sich ohne Arbeit und Belastung unwohl. Ihre Hobbys stehen unter Leistungsdruck und nehmen oft den Charakter eines zweiten Jobs an.
    • Von Reisen sind sie meist enttäuscht. Sie haben sich ein Paradies vorgestellt, und das finden sie nicht vor. Ihre Unfähigkeit, sich am Gebotenen zu freuen, rationalisieren sie dann mit Kritik an Kleinigkeiten.
    • Einen Teil des Urlaubserlebens kann später bei der Betrachtung von Fotos nachgeholt werden. Die reale Gefahr, es könnte ihnen gut gehen, besteht dann nicht mehr.
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