Durchschnittsmenschen bringen eine Gesellschaft nicht weiter

Warum passen wir uns ein Leben lang dem Durchschnitt an, statt unsere individuellen Talente zu stärken? Markus Hengstschläger, Professor für medizinische Genetik an der Universität Wien, plädiert für Artenvielfalt statt Durchschnittswahn. «Wir brauchen mehr Peaks und Freaks», sagt der streitbare Buchautor. «Der immense Anpassungsdruck macht uns unzufrieden, träge und krank.»

Interview: Mathias Morgenthaler

Herr Hengstschläger, Sie waren mit 24 Jahren Doktor der Genetik und hatten mit 29 Jahren Ihre erste Professur. Warum sind Sie so schnell unterwegs?

MARKUS HENGSTSCHLÄGER: Ich hatte das grosse Glück, dass die paar Talente, die ich habe, von meinen Eltern und meinen Lehrern früh entdeckt und gefördert worden sind. Und natürlich hielt ich mich früh an die Maxime: Üben, üben, üben! Wenn du nicht fleissig bist, nützen die schönsten Talente nicht viel. Sie wollen in harter Arbeit entwickelt werden. Ich habe diese Arbeit nie als Pflicht empfunden, weil ich mich leidenschaftlich für Genetik interessiere.

Sie sind nicht nur Fachmann für Humangenetik, sondern auch ein viel beachteter Buchautor. In Ihrem neusten Buch «Die Durchschnittsfalle» schreiben Sie, jeder könne Teil der Elite werden, wenn er seine Talente auspräge statt sich dem Durchschnitt anzupassen. Aus privilegierter Warte lässt sich leicht so schreiben. Wären Sie nicht der Sohn eines Uni-Professors und einer Lehrerin, hätten Sie es vielleicht nicht so weit gebracht.

Es ist gottseidank und gleichzeitig leider so, dass das Elternhaus noch immer einen starken Einfluss darauf hat, ob jemand später an die Universität geht oder nicht. Oder ob er in einem anderen Umfeld seine Talente zum Blühen bringt. Diese Korrelation gehört aber aufgebrochen. Wir leben doch nicht mehr in einer Zeit, in der alleine die Geburt über unsere Chancen entscheiden soll.

Von einem Genetiker würde man eigentlich eine andere Argumentation erwarten, nämlich die, dass mit der Geburt tatsächlich schon vieles entschieden ist.

Wir wissen heute, dass der IQ etwa zu 50 Prozent von unseren Genen und zu 50 Prozent von Umwelteinflüssen abhängt. Es kommt also sehr darauf an, wie jemand gefördert wird. Aber wir sollten hier nicht nur vom IQ reden. Für keinen bedeutenden Erfolg gibt es nur eine Talentvoraussetzung. Ebenso wichtig wie der IQ sind zum Beispiel soziale Kompetenz oder Beharrlichkeit. Entscheidend ist doch, ob wir als Gesellschaft unseren Kindern ein optimales Umfeld zur Entfaltung ihrer Talente bieten. Heute sind wir weit davon entfernt. Wohlhabende Eltern können es sich leisten, ihre Kinder früh zum Sport, in den Musikunterricht und ins Ballet zu fahren, so dass sie aus einer breiten Palette auswählen können. Viele sind aber schon stolz, wenn ihr Kind nicht auffällt, wenn es sich anstandslos anpasst. So tappen wir immer wieder in die Durchschnittsfalle. Das Schulsystem unterstützt dieses Denken. Alles ist auf das Ausmerzen von Fehlern angelegt, nichts auf die Entdeckung von Talenten.

Erwarten Sie nicht etwas gar viel von der Schule, wenn Sie die individuelle Talentförderung an Lehrer delegieren wollen?

Es ist klar, dass die Schule das im heutigen System nicht alleine leisten kann. Allerdings wäre es schon heute möglich, mehr Stärken zu fördern, statt alle Energie darauf zu verwenden, Schwächen auszumerzen. Was passsiert denn, wenn ein Kind eine sehr gute und vier schlechte Noten nach Hause bringt? Man ignoriert die Exzellenz und setzt alles daran, die schlechten Noten in durchschnittliche zu verwandeln. Ein rein defizitorientiertes System ist talentfeindlich und führt uns mit Vollgas in die Sackgasse des Durchschnitts. Das setzt sich bis zur Studienzulassung fort. Der Numerus Clausus etwa ist aus meiner Sicht ein falscher Weg. Warum muss man eine gute Note in Geographie mitbringen, um Arzt werden zu dürfen? Viel zu vieles ist auf den Durchschnitt ausgerichtet. Aber Durchschnittsmenschen bringen eine Gesellschaft nicht weiter. Wir brauchen Peaks und Freaks, um künftigen Herausforderungen gewachsen zu sein. Wer einen neuen Weg gehen will, muss den alten verlassen.

Ihre Kinder sind 13- und 16-jährig. Freuen Sie sich, wenn sie mit vier schlechten und einer sehr guten Note nach Hause kommen.

Unsere Kinder hatten heuer wieder ein recht gutes Zeugnis. Wichtig ist, dass man in solchen Fällen vor allem über die sehr gute und nicht nur über die schlechten Noten spricht. Das Ziel kann doch nicht sein, dass alle alles mittelmässig beherrschen. Es gibt so viele unentdeckte Talente. Und die Menschen, die sie besitzen, werden dann aus falschem Anpassungs- und Sicherheitsdenken heraus Juristen oder Informatiker, weil es das angeblich immer braucht. Ich habe mich 1986 für ein Genetik-Studium entschieden, obwohl das damals nicht sehr modisch war – aus dem einfachen Grund, dass ich mich brennend dafür interessiert und einige Fähigkeiten mitgebracht habe. Viele Menschen geben sich leider damit zufrieden, etwas Bestehendes zu reproduzieren. Sie vergeuden ihr Talent. Da die Zukunft grösstenteils nicht vorhersehbar ist, tun wir gut daran, uns als Gesellschaft möglichst breit aufzustellen. Gefragt ist nicht Anpassung, sondern Ausprägung der individuellen Stärken. Hier fordere ich eine Bringschuld des Staates ein: Er soll die Kinder in Ganztagesbetreuung darin unterstützen, ihre Talente zu finden und auszuprägen. Eltern sind mit dieser Aufgabe oft überfordert. Wir brauchen daher auch staatlich besoldete Talentscouts.
Und nach Abschluss der Schule oder der Studien sollen diese Talentierten dann als brave Funktionsträger die Erwartungen der Wirtschaft erfüllen. Gerade in Konzernen sind ja nicht in erster Linie Querdenker gefragt, sondern Fachleute, die ein enges Aufgabenprofil ausfüllen.
Das ist in der Tat ein Dilemma. Wir brauchen mehr Rulebreaker und Querdenker in Unternehmen. In der Theorie wissen alle, dass das Humankapital respektive die Innovation der wichtigste Wert jedes Unternehmens ist. In der Praxis ist oft genug alles darauf angelegt, dass es gut gemanagt, kontrolliert, verwaltet werden kann. Unternehmen, die so funktionieren, werden geringe Überlebenschancen haben. So wie wir als Gesellschaft, die aus lauter Angepassten besteht, keine Zukunft haben. Wissen Sie, was mein Traum ist?

Sagen Sie es uns.

Dass Eltern wieder stolz sein dürfen, wenn ihre Kinder anders sind. Wenn alle verschieden sind, fällt keiner mehr auf. Dieser immense Anpassungsdruck macht uns unzufrieden, träge und krank. Ich vermisse die Lust, etwas Neues zu schaffen, einen eigenen, individuellen Weg zu gehen. Das meine ich, wenn ich mit Nachdruck sage, jeder könne heute Elite sein. Ein guter Handwerker ist nicht weniger Wert als ein Professor, Lionel Messi spielt zwar Fussball wie kein anderer, aber zur Lösung der Probleme dieser Welt trägt er vermutlich nicht mehr bei als Sie mit Ihren Artikeln oder ich mit meinen Büchern. Ich bin strikt gegen jede Wertung. Die einzige Richtschnur sollte sein, ob wir unser Talent vergeuden oder veredeln.

Zum Interviewer: Der 1975 in Bern geborene Mathias Morgenthaler hat Germanistik studiert. Seit 1997 ist er für den «Bund» tätig. Seit 1998 veröffentlicht er Interviews zu Arbeits- und Laufbahnfragen. Seit 2002 ist er Wirtschaftsredaktor.

Kontakt und Information:
http://www.meduniwien.ac.at/medizinische-genetik
Das Buch:
Markus Hengstschläger: Die Durschnittsfalle. Gene – Talente – Chancen. Ecowin, Salzburg 2012.

Quelle:
http://news.jobs.nzz.ch/2012/08/06/wir-brauchen-mehr-rulebreaker-und-que...

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