Das disziplinlose Gehirn. Was nun, Herr Kant?

Das disziplinlose Gehirn. Was nun, Herr Kant? Eine Rezension

Schwere Kost, leicht gekleidet

Scheinbar leichtfüssig kommt der Text von Georg Northoff, Neuropsychiater und -philosoph, daher, wenn er den Leser in direkter Rede kumpelhaft ansprechend, diesen zu einer Reise durch die hochkomplexe Welt des Denkens einlädt. Die neuesten neurobiologischen Erkenntnisse werden dabei nicht Lehrbuch-trocken sondern wie ein Theaterstück präsentiert.

Ein Student aus unserer Zeit besucht um 1755 den Philosophen Kant in Königsberg in seiner Vorlesung. Der Autor hat eine Erzählstruktur entwickelt, in der Kant die kritisch-aufsässige Figur spielt, die permanent kritisiert und Widerspruch erhebt und öfters unsere modernen neurophilosophischen Ansichten ins Leere laufen lässt, wobei der Kant in einer Zeitreise ins Heute begleitende Student ständig provoziert und der Autor selbst mit längeren erklärenden Passagen in die Diskussion eingreift. Ganz nebenbei erhät man Grundzüge der Kant’schen Philosophie, die man doch nicht mehr so präsent hat…

Das Geplänkel zwischen Kant und dem Studenten beleuchtet die verschiedenen Thesen und rückt sie zurecht. Dabei tritt Kant des Öfteren als Wissender, als Moderator und als Hinterfragender auf. Leichtfüssig ist nur die Form, der Inhalt des Buches ist anspruchsvolle Kost. Insbesondere wird die diskutierte Frage zur Relevanz, zur Qualität, zur Lokalität und zur Arbeitsweise unseres Bewusstseins vielfältig beleuchtet. Eine spannende Lektüre, falls man dranbleibt und sich nicht im Dickicht der nebenher aufgeworfenen philosophischen Probleme verirrt.

Ein kritischer Hinweis: man hätte manchmal gerne weniger lamentierenden Kant und mehr Neurowissenschaft. Immerhin, der Autor Northoff hat sich keine leichte Aufgabe gestellt, er versucht, so bildhaft wie möglich das Thema griffig zu präsentieren. So beispielsweise die Diskussion über das Ich: «Der Marathonläufer läuft, das Ich denkt.[…] Beim Marathonläufer nehmen Sie an, dass er Schuhe trägt, sein Ich also in einem Schuh steckt. Was aber ist der Schuh, in dem das Ich steckt? […]Es muss ein geistiger Schuh sein. Denn im Körper sehen wir weder das Denken noch Gedanken. Nichts als physiologische Prozesse. Der Körper als physiologische Substanz kann also nicht der Schuh des Ich sein. Es muss eine geistige Substanz sein, in der das Ich steckt und die es denken lässt.» Wer beim Lesen solcher und ähnlicher Passagen weiterdenkt und ins grübeln kommt, erfüllt mutmasslich die Absichten den Autors. Kritisch wäre noch anzumerken, dass man gerne diese oder jene neurowissenschaftliche Erkenntnis etwas ausführlicher hätte, denn letztere dürften den wenigsten Leser locker präsent sein. Das Buch mit dem Untertitel „Auf den Spuren unseres Bewusstseins mit der Neurophilosophie“ ist nicht nur Spurensuche sondern gelungene Aufforderung zum Nachdenken und zur Mobilisierung unseres Bewusstseins.

Autor: Georg Northoff
Titel: Das disziplinlose Gehirn. Was nun, Herr Kant.
Verlag: Irisana Verlag München 2012
ISBN Nr. 978-3-424-15123-7

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